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Auf Sprengpatrouille gegen die Ugandabahn

Von Oberstleutnant (E.) Georg Augar

Im April 1915 lag die 13. Feldkompanie der der deutschostafrikanischen Schutztruppe am Nordosthang des Kilimandscharo nahe der englischen Grenze auf Vorposten. Von der mit Bananenblättern gedeckten Hütte des Kompanieführers schweifte der Blick über die Kuku- und Nyiristeppe Tagemärsche weit hinein ins britische Gebiet und blieb fern am Horizont an den zackigen Konturen des Lolgorossiengebirges haften, dessen nördliches Drittel einen tief eingeschnittenen Sattel aufwies. Dort war sicherlich das Gebirge ohne besondere Schwierigkeiten zu überschreiten. Nach unseren mangelhaften Karten lag genau ostwärts dieses Sattels in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Kilometern Kibwezi an der britischen Ugandabahn, daneben eine Mission. Von den Bergen des Lolgorossien über Kibwezi nach dem Athifluß war in westöstlicher Richtung der Lauf des Kibwezibaches eingezeichnet. Auf diesem Wege und an dieser Stelle mußten kleinere Truppenabteilungen die Bahn erreichen können.

Von Kriegsbeginn an war das Ziel verschiedener wagemutiger deutscher Patrouillen die Ugandabahn, die achtzig bis hundert Kilometer entfernt an der deutschen Grenze entlanglief und die gegebene Basis für den englischen Truppenaufmarsch gegen Deutschostafrika sowie für jeden heranzuführenden Nachschub war. Ihre wiederholte und nachhaltige Unterbrechung mußte feindliche Unternehmungen sehr stören und war deshalb so oft wie möglich zu versuchen. Allerdings war es keine leicht zu lösende Aufgabe! Ein meist unbekanntes, sehr wasserarmes, zum Teil völlig wasserloses, streckenweise mit dichtem Nashornbusch bestandenes Gebiet trennte uns von der Bahn. An diesen damals nicht genügend bekannten Geländeschwierigkeiten waren die in den ersten Kriegswochen in lobenswertem Eifer gegen die Bahn vorgestoßenen Patrouillen gescheitert. Erschöpft vor Durst und Überanstrengungen fielen sie dem Feind in die Hände, oder verkamen in der unendlichen Weite der schweigenden Steppe. Diese Mißerfolge ermunterten nicht zu neuen Unternehmungen. Aber doch mußten sie, besser vorbereitet und an geeigneter Stelle, von neuem gewagt werden, wollte man den Briten die Eroberung von Deutschostafrika so lange wie möglich verwehren.

Immer wieder betrachtete der Kompanieführer die Einsattelung in Lolgorossien Gebirge; er beschloß, die Bahn bei Kibwezi zu unterbrechen. Alle im Bereich menschlicher Berechnung liegenden Umstände sprachen für ein Gelingen des Planes. Die im Grenzgebiet britischen Späherdienst leistenden Massais hatten sich und ihre Herden, beunruhigt durch gelegentliche Vorstöße deutscher Truppen, hinter die Ugandabahn in Sicherheit gebracht. Dadurch wuchs die Wahrscheinlichkeit, unbemerkt an die Bahn heranzukommen. Im Bett des Kibwezibaches war vielleicht bei der Mission mit Sicherheit auf Wasser zu rechnen. Nach Genehmigung des beabsichtigten Unternehmens durch die vorgesetzten Dienststellen wurde es sofort vorbereitet. Nur freiwillige sollten zu den Marsch ins Ungewisse mitgenommen werden. Aber die ganze Kompanie wollte mit. Der Kompanieführer wählte vier Europäer und zwanzig Askari aus. Er machte die Patrouille so stark, um nötigenfalls schwächeren feindlichen Widerstand brechen zu können. Geröstetes Wildfleisch, gekochter Reis Reis, Erdnüsse und Bananen, für die Europäer außerdem einige Konserven und Brot, bildeten die Verpflegung, die nur kalt genossen werden konnte. Ein Abkochen unterwegs war nicht ratsam, weil Ferner oder aufsteigender Rauch uns den feindlichen Spähern verraten konnte. Die Verpflegung sowie die zur Sprengung der Kibwezibrücke erforderliche Munition und einen Wasservorrat beförderten fünfundzwanzig Träger.

Am 25. April frühmorgens marschierte die fünfzig Köpfe starke Karawane, begleitet von den besten Wünschen der zurückbleibenden Kameraden, ab. Unser erstes Ziel war ein von den Engländern verlassenes Lager. Ein Bach führte hier gutes und klares Wasser, das zugleich die letzte uns bekannte Wasserstelle war. Voll Zuversicht und erfreut, an einem Unternehmen beteiligt zu sein, dessen Gelingen allein vom eigenen Wagemut, von eigener Ausdauer und Findigkeit abhing, stiegen wir bei herrlichstem Sonnenschein die taufrischen Abhänge des Kilimandscharo nach der Kukusteppe hinunter. Rot, gelb und weiß blühender Dornbusch mit seinem feinen Duft umfing uns, und in der Ferne erhob sich vor uns aus der flacheren Umgebung der kegelförmige Loosoito. Wir befanden uns am Ende der großen Regenzeit. Am Nachmittag verdunkelte sich plötzlich der Himmel, schwarze Wolken zogen herauf, Blitze zuckten, Donner grollte, und ein echter Tropenregen ergoß sich über uns.

In wenigen Augenblicken waren wir bis auf die Haut durchnäßt, die Schuhe füllten sich mit Regenwasser, und der Pfad, auf dem wir marschierten, verwandelte sich in lehmigen Brei. Das Vorwärtskommen wurde aufs äußerste erschwert, und als der Abend hereinbrach, hatten wir nach elfstündigem Marsch unser Ziel noch nicht erreicht. Wir lagerten in unsern durchnäßten Kleidern an einem Hügel mit gutem Schußfeld nach allen Seiten. Zitternd und zähneklappernd erwarteten wir den nächsten Morgen. In Ostafrika gebrannter Kognakersatz vermochte uns nur für kurze Zeit zu erwärmen. Mitleidlos und kalt flimmerten die Sterne des Tropenhimmels über die frierende Schar. Schon vor Tagesanbruch ging's weiter durch regennasses Gras, über glitschigen Boden. Allmählich stieg die Sonne des 26. April empor und trocknete und wärmte unsere erstarrten Glieder.

Bald erreichten wir die Stelle des verlassenen englischen Lagers. Hier wurde längere Rast gemacht, um die letzten Vorbereitungen für das auf vier Tage berechnete Unternehmen zu treffen. Die mitgenommenen Kürbis- und Glasflaschen, Blech- und sonstigen Gefäße wurden mit frischem Wasser gefüllt. Wir hatten so viel mit, daß jedem Mann täglich zwei Liter gegeben werden konnten, die bei den zu fordernden gewaltigen Marschleistungen sehr knapp waren, aber ausreichen konnten, um uns vor dem Verdursten zu retten, falls wir unterwegs nirgends Wasser finden sollten. Die Sprengmunition wurde noch einmal nachgesehen. Vor allem aber sollten die Askari und Träger sich tüchtig satt essen und trinken, um die bevorstehenden Entbehrungen besser ertragen zu können. Das Fleisch einer frisch erlegten Antilope wurde am Lagerfeuer gebraten. Das Mittagsmahl begann. Es war erstaunlich, welche Mengen von Fleisch in einen Negermagen hineingehen!

Man mußte schließlich dem Schmausen Einhalt gebieten, damit einige Reste des Wildbratens für den Marsch mitgenommen werden konnten. Um 3 Uhr nachmittags brachen wir auf, in Richtung auf den Gebirgssattel. Wir befanden uns in der weiten, flach gewellten, fast baumlosen Nyiristeppe und zugleich im englischen Wildreservat. Ungeheure, bis dahin nie gesehene Herden der verschiedensten Wildarten tummelten sich in völliger Sicherheit; Zebraherden von mehreren hundert Stück galoppierten auf fünfzig Meter Entfernung dröhnend an uns vorüber und boten in ihren eleganten Sprüngen ein herrliches Bild ungebändigter Kraft. Die schweren Elenantilopen, das schwärzliche Gnu und Gazellenherden verschiedenster Art belebten die Steppe. In der Ferne zwischen vereinzelten Gruppen dürftiger Schirmakazien wurden die langen Hälse der scheuen Giraffen sichtbar. Scheinbar schwarze Kugeln rollen mit großer Geschwindigkeit über die Grasfläche hin.

Im Fernglase erkannte man sie als flüchtige Strauße, deren Läufe das Gras verdeckte und deren Hals dem bloßen Auge nicht erkennbar war. Ganze Herden von Kuhantilopen stürmten wie die Windsbraut die Bergabhänge hinauf.

Es war so verlockend, eins der Tiere zur Ergänzung des Fleischvorrats zu erlegen. Aber der Führer hatte jedes Schießen verboten, um die Aufmerksamkeit feindlicher Späher oder etwas in der Nähe wohnender Eingeborener nicht auf die Patrouille zu lenken. Da tauchte genau in unserer Marschrichtung ein alter Nashornbulle auf und machte keine Anstalten, uns aus dem Wege zu gehen, wie es sonst die Gewohnheit dieser Dickhäuter bei der Annäherung einer Truppe war. Als wir auf etwa hundert Meter herangekommen waren, nahm er eine drohende Haltung an, stampfte, scharf nach uns äugend, den Boden und wiegte wütend sein schweres Haupt nach links und rechts. War der Riese entschlossen, uns anzunehmen, blieb uns nichts anderes übrig, als ihn gegen unseren Willen durch einige Schüsse niederzustrecken.

Weiter ging der Marsch über die unendlich erscheinende, von vielen Wildpfaden durchschnittene Steppe in schnurgerader Richtung auf den Gebirgssattel zu. Erst nach Eintritt der Dunkelheit machten wir Halt. Wieder verbrachten wir die Nacht unter freiem Himmel, die Askaris mit schußfertigem Gewehr im Kreise um die Lasten herum gelagert, bereit, einen nächtlichen Überfall mit Feuer abzuweisen.

Am 27. April ging's schon vor Morgengrauen weiter. Wir näherten uns allmählich dem Fuße des Lolgorossiengebirges. Ein lichter Wald von Schirmakazien nahm uns auf. Der Anstieg zum Gebirge begann. Bald stießen wir auf wild zerklüftetes Gestein und Felsengeröll, offenbar die Verwitterung vulkanischer Lavaabflüsse aus grauer Vorzeit. Er mußte umgangen werden. Wir verloren Zeit, das Bergsteigen nahm die Kräfte — besonders der Träger — stark in Anspruch. Aber endlich, um die Mittagszeit, hatten wir den Sattel erreicht. Es war vom Feinde unbesetzt.

Gespannt schweifte der Blick nach Osten und suchte nach Merkmalen des Schienenstranges der Ugandabahn. Von ihr war keine Spur zu sehen. Unter uns und vor uns lag eine mit dunkelgrünem Busch bedeckte Fläche, in der nirgends die für einen wasserführenden Fluß charakteristische Reihe üppiger hochgewachsener Baumkronen zu erkennen war. Nur fern im Osten erhob sich aus der gleichförmigen Umgebung eine dachartige Höhe, welche allem Anschein nach Ausblick auf die Bahn und Kibwezi gewähren mußte. Sie zu erreichen, war unser nächstes Ziel. Wie lange würde es dauern? Würde das mitgenommene Wasser reichen? Wer konnte diese Fragen beantworten!

Glücklicherweise trafen wir oben im Sattel eine Regenpfütze mit zweifelhaft aussehendem Wasser. Aus ihr füllten wir vorsichtshalber die Gefäße, die bereits leer getrunken waren. Dann begann der Abstieg. Wieder stießen wir auf zerklüftetes Gestein und loses Geröll etwa faustgroßer Lavabrocken. Aus den Spalten zwischen den Gesteinsmassen sproßte dichtes, mehrere Meter hohes Gestrüpp und behinderte jeglichen Ausblick, verbarg aber zugleich uns dem Auge feindlicher Späher. Auf schmalen, kaum erkennbarem Wildpfade ging der Marsch nur langsam und unter großen Schwierigkeiten vorwärts. Das Lavageröll riß die Stiefel in Fetzen. Die Träger stießen mit ihren Lasten an tief herabhängende Zweige, strauchelten über Steine, umgestürzte Bäume oder Wurzelgewirr und verschütteten das kostbare Wasser. Nach etwa dreistündigem Marsch verloren wir den Wildpfad und befanden uns inmitten dichtesten Busches, durch den mit dem Seitengewehr ein Weg geschlagen werden mußte, damit wir wenigstens schrittweise vorwärts kamen. Nach längerer, angestrengtester Arbeit stießen wir unerwartet auf eine kleine Maispflanzung und Eingeborenenhütten.

So unerwünscht an sich die Berührung mit Eingeborenen war, die unser Kommen dem englischen Bahnschutz melden konnten, so wichtig war es, Führer zu finden, die uns Wasserstellen und den kürzesten Weg nach Kibwezi weisen konnten. Denn es war uns klar, daß wir zur Überwindung der vor uns liegenden Wildnis ohne Führer eine viel zu lange Zeit gebrauchen würden, um noch auf ein Gelingen unseres Vorhabens hoffen zu können. Die Patrouille ging deshalb von allen Seiten gegen die Hütten vor. Kaum aber kamen die Askaris in den Gesichtskreis der Hüttenbewohner, als diese blitzartig im Busch verschwanden. Es gelang aber, einen alten Afrikaner, vermutlich den Besitzer der Pflanzung, zu ergreifen, den seine steifen Beine nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten. Die Verständigung mit dem Mann war äußerst schwierig, da er Kisuaheli, die in ganz Deutschostafrika übliche Umgangssprache, nicht verstand.

Er war außerordentlich mißtrauisch und weder durch Überredung noch Drohungen zum Zeigen seiner Wasserstelle zu bewegen. Dagegen gelang es wenigstens, ihm unser Marschziel verständlich zu machen und ihn zu veranlassen, uns als Wegführer zu dienen. Unsere Hoffnung, das trostlose Lavafeld überwunden zu haben, erfüllte sich nicht. Die Pflanzung des Afrikaners lag wie eine Oase in einer Wüste öde Gesteins. Der Mann führte uns auf engem Pfade durch dichten Busch über Sohlenmordendes Geröll in östlicher Richtung bis in die Nähe eines Wakambadorfes, vor dem er Furcht zeigte, vermutlich, weil er einem den Wakamba feindlichen Stamme angehörte.

Es war 6 Uhr abends. Die Sonne ging unter. Bis zur Ugandabahn mochten es noch drei bis vier Marschstunden sein. Nachts war heller Mondschein. Der Kompanieführer beschloß, bis 9 Uhr abends zu rasten und dann weiter zu marschieren, um etwa um Mitternacht die beabsichtigte Sprengung durchzuführen. Der bereits stark zusammengeschrumpfte Wasservorrat sowie die Unsicherheit seiner Ergänzung spornten zur Eile an. Der mitgenommene Afrikaner führte uns im Bogen um das Wakambadorf herum und dann wieder in ein Lavafeld. Wasser war nirgends vorhanden, vom Kibwezifluß nichts zu entdecken. Auf dem schmalen und wenig ausgetretenen Pfad ging der Marsch in die Dunkelheit nur äußerst langsam vorwärts. Die ermüdeten Träger strauchelten und vergossen immer wieder das kostbare Wasser. Auch bei den Askari schien sich eine gewisse Enttäuschung darüber geltend zu machen, daß es noch immer nicht gelungen war, den geringen Wasservorrat zu ergänzen. Die Lage wurde kritisch, als der Wegeführer anfing, uns nicht mehr in senkrechter Richtung auf die Bahn zu führen, sondern einem in südöstlicher Richtung mit der Bahn etwa gleichlaufenden Pfade folgte.

Die Stunden vergingen. Es wurde 2 Uhr morgens, ohne daß wir die Bahn erreicht hätten. Die Kräfte der Soldaten und Träger, welche den ganzen Tag mit nur kurzen Unterbrechungen bei karger Kost und knappen Wasser marschiert waren, erlahmten. Ein noch jugendlicher Vizefeldwebel der Reserve trat an den Führer heran und bat um Einlegung einer Rast, da er sich vor Erschöpfung nicht mehr aufrecht halten könne. Der Führer beschloß, an der Stelle, an den sich die Abteilung befand, bis zum Morgengrauen zu rasten und am nächsten Tage nach dem vorher genannten Wakambadorf zurückzukehren, um dort zunächst frisches Wasser aufzusuchen und andere mit der Gegend besser vertraute Führer zu suchen. Die Vorsicht, Begegnung mit Eingeborenen zu vermeiden, mußte in der kritischen Lage, in der sich die Patrouille befand, außer acht gelassen werden.

Am 28. April gegen 8 Uhr morgens näherten wir uns der Wakambaniederlassung. Einige Askari wurden in das Dorf geschickt, mit dem Auftrage, Eingeborene zu ergreifen, welche als Führer dienen sollten. Bald kehrten sie mit zwei Weibern zurück, derer sie hatten habhaft werden können, während die Männer vorzeitig die Flucht ergriffen hatten. Auf unsere Aufforderung führten sie uns zunächst an die Wasserstelle des Dorfes. Es war dies eine Stelle, an der der sonst unterirdisch fließende Kibwezifluß zu Tage trat. Wir labten uns an dem kristallklaren, kühlen Wasser und füllten unsere Gefäße. Erfrischt traten wir unter der Führung der Weiber nunmehr auf dem richtigen Wege den Weitermarsch auf Kibwezi an. Wir mußten einige Stunden lang nochmals ein schwer beschreitbares Lavafeld überqueren und kamen dann in eine Gras- und Baumsteppe.

Ein junger Afrikaner, der Sohn eines der uns führenden Weiber, war uns nachgeeilt und verlangte, besorgt um das Schicksal seiner Mutter, ihre Freigabe. Er wollte nicht glauben, daß wir nichts Böses mit ihr im Sinne hatten und beruhigte sich erst, als er hinter seiner Mutter in der Karawane mitlaufen durfte. Unser erscheinen hatte also bereits Erregung unter den Eingeborenen hervorgerufen, und es war wünschenswert, möglichst rasch die die Bahnunterbrechung durchzuführen und aus der Gegend zu verschwinden. Endlich um 2 Uhr nachmittags standen wir am Schienenstrang der Ugandabahn. Ein Gefühl tieffster Befriedung erfüllte uns. Die ungeheuren Anstrengungen der letzten Tage waren nicht vergeblich gewesen! Als erste Abteilung zu Fuß hatten wir das heiß ersehnte Ziel so mancher, Patrouillen erreicht, die, weniger vom Glück begünstigt, unverrichteter Sache umkehren mußten. Nur einer berittenen Abteilung war es wenige Tage vor uns gelungen, an einer anderen Stelle an die Bahn heranzukommen. Wir waren ostwärts von Kibwezi gerade bei einer Brücke auf die Bahn gestoßen. Der Führer beschloß, sie zu sprengen und ließ nach Ausstellung von Sicherungsposten die hierzu erforderlichen Arbeiten am Bahnkörper vornehmen.

Noch während diese im Gange waren, nahte aus der Richtung Mombasa ein Eisenbahnzug. Die Arbeiten wurden unterbrochen, die Abteilung im hohen Grase, etwa vierzig Meter von der Bahn entfernt, versteckt. Voll Spannung erwarteten wir den heranrollenden Zug. Er führte einen Militärtransport — indische Soldaten und Reittiere — ins Kriegsgebiet und wurde deshalb beschossen, bis er sehr bald in einem Bahneinschnitt unseren Blicken entschwand. Der Lokomotivführer in weißem Anzug saß, behaglich seine Pfeife rauchend, seitwärts auf der Lokomotive und ließ die Beine heraushängen. Er verzog sich sehr plötzlich hinter die schützenden Eisenwände seines Dampfrosses, als unsere Geschosse an seinen Ohren vorbeipfiffen. Fünf Inder und zehn Maultiere waren das Opfer unseres Überfalls, wie wir später in einer englischen Zeitung lasen.

Nach Vorüberfahrt des Zuges wurde die Telegraphenleitung zerschnitten und die Brücke gesprengt. Die Sprengmunition, englische Fabrikat, in der Schlacht bei Tanga erbeutet, hatte gute Arbeit geleistet. Die Brücke war nicht mehr. Bei der Detonation und bei der in die Luft wirbelnden Staub- und Rauchwolken hatten die braven Afrikaner bleiches Entsetzen gepackt. Die Weiber, die uns geführt hatten, und fast sämtliche Träger waren davongelaufen. Glücklicherweise fanden sich die letzteren bald wieder ein und sammelten die fortgeworfenen Lasten auf. Der Rückmarsch wurde auf demselben Wege und ohne Störung zurückgelegt wie der Hinmarsch. Am 1. Mai trafen wir wieder in unserem Lager am Kilimandscharo ein.

Die erste geglückte Unternehmung gegen die Ugandabahn war das Signal für zahlreiche ähnliche Patrouillen, die meisten nur mit drei bis fünf Mann und oft unter erheblich größeren Anstrengungen und Entbehrungen durchgeführt wurden, als die Patrouille nach Kibwezi. Waren es auch jedesmal nur Nadelstiche, die dem Feinde zugeführt wurden, so war die Gesamtleistung und Wirkung doch über Erwarten groß. Im Jahre 1915 sind nicht weniger als dreißig Züge zur Entgleisung gebracht worden. Die Engländer mußten den Lokomotivführern hohe Prämien für eine Fahrt bieten und zum Bahnschutz an der Strecke zwischen Nairobi und Mombasa so starke Truppen zusammenziehen, daß ihnen keine Kräfte mehr zu Offensivunternehmungen übrig blieben. Dem freien Wagemut und der Unternehmungslust so zahlreicher deutscher Unterführer war es zu danken, daß Deutschostafrika 1915 und während eines Teiles des Jahres 1916 völlig frei vom Feinde blieb.

Die Engländer, welche die Schwierigkeiten und Gefahren des zu überwindenden Geländestreifens kannten, glaubten, daß alle diese Unternehmungen auf höheren Befehl als Sühne für begangene Missetaten durchgeführt wurden und konnten sich nicht vorstellen, daß ein seiner Pflichten bewußter Mann und Soldat aus eigenem, freien Entschluß alles wagt, was der Verteidigung des Vaterlandes von Nutzen sein kann.

Quelle: Kampf um Kolonien, Deutscher Wille, Unter flatternden Fahnen, 1937, von rado jadu 2001