Der Süden des Schutzgebietes

Obgleich der Süden des ostafrikanischen Schutzgebiets in den beiden sehr guten Häfen Kissiwani und Lindi vorzügliche Eingangspforten besitzt, ist er nur wenig bekannt geworden. Das hat seinen Grund zum guten Teil darin, das die großen Dampfer den Süden nicht besuchen und daher den Strom der Reisenden hauptsächlich nach Tanga und Daressalam geht. Daraus darf man aber nicht schließen, daß der Süden wertlos wäre. Die Araber haben in Kilwa eine sehr alte Ansiedlung gehabt, das beste Zeichen dafür, daß auch im Hinterlande genug zu holen war. Gegenwärtig allerdings ist dies Hinterland völlig vernachlässigt; die Unternehmungslust folgt dem Bahnbau.

Hauptflüsse im Süden sind der Lukuledi, der bei Lindi mündet und die verhältnismäßig große Lindibucht bildet, und der Grenzfluß Rovuma. Dieser entspringt dich am Njassasee auf dessen Randgebirgen und ist über 600 Kilometer lang. Nahe der Küste strömt der Fluß in einer bis zwei Kilometer breiten, sehr fruchtbaren Ebene, die außerordentlich wildreich ist. Auch das Tal des Lukulediflusses strotzt förmlich von Fruchtbarkeit, da der Fluß nie versiegt; im Tale drängt sich ein Dorf ans andere. Die Leute gehörem dem Makuastamm an.

Zwischen Lukulesi und Rovuma breitet sich das sehr schwer zugängliche Makondeplateau, mit dichtem Dorn- und Bambusbusch erfüllt; da hatte sich Ende der 80er Jahre des vorigem Jahrhunderts Matchemba niedergelassen, der uns viel zu schaffen gemacht hat. Er war nicht Stammeshäuptling, sondern aus dem Portugiesischen südlich des Rowuma eingewandert; als geborene kraftvolle Herrschernatur hatte er sich zum Oberhäuptling über die Makondeleute aufgeschwungen. Bei ihm sammelten sich alle schwarzen Übeltäter und Mißvergnügten des südens. Nachdem er lange getrozt hatte, bor er, nachdem 1894 der gefährliche Hassan ben Oman gefangen und in Kilwa gehängt worden war, seine Unterwerfung an; lange hielt er aber nicht Ruhe. Als schließlich doch gegen ihn vorgegangen werden sollte, floh er mit seinen Getreuen über den Rowuma. Im großen Aufstand 1905-06 kehrte er vorübergehend zurück, mußte aber bald wieder fliehen.

Um Liwale herum wohnen die Dondeleute, die sich am Aufstand 1905-06 hervorragend beteiligten; sie waren es, die den Bischof Spieß und seine Begleiter ermordeten und auch einen Angriff auf den Liwaleposten wagten. Südlich von ihnen, im westlichen Teile des Bezirks Lindi, wohnen die Wahjao.

Hauptstamm im Bezirk Songea sind die Wangoni, ein von Süden gekommener Zulustamm. Sie haben die jetzigen Küstenstämme, die früher weiter im Innern saßen, aus ihren alten Sitzen verdrängt, und bis zu der 1897 erfolgten Gründung der damaligen Militärstation Songea machten sie alljährlich Kriegszüge, raubten und schleppten Leute mit, die sie zu Sklaven machten. Bei ihren Angriffen pflegten die Wangoni eine bestimmte Taktik zu befolgen. Sie schritten in frühester Morgenstunde zum Angriff gegen das Dorf, das sie plündern wollten, stellten die Hauptmacht, die sich völlig lautlos verhielt, vor dem Eingang des Dorfes auf, während eine kleine Abteilung von der andern Seite mit wildem Geschrei angreifen mußte. Die erschreckten Leute liefen dann der Hauptmacht in die Arme. Was sich widersetzte, wurde niedergemacht, der Rest in die Gefangenschaft geschleppt.

Ungoni. das Land der Wangoni, ist bergig mit schönen Tälern und verhältnismäßig vielen Wasserläufen; es steigt zum gut besiedelten Livingstonegebirge an, das steil zum Njassasee abfällt.

Der See ist ca. 500 km lang: seine größte Tiefe ist mit 706 m gemessen. Er liegt 478 m über dem Meeresspiegel. Das Livingstonegebirge (höchste Erhebung der Kipengere mit 2926 m) ist noch gut bewaldet; es birgt Partien von großer Schönheit. Da sitzen die Pangweleute, die fleißig Weizen bauen, aber noch besser wegen ihrer Trunksucht bekannt sind.
Über das Pangwaland schreibt der Missionar Klamroth in seinem Buche "Auf Berpfaden":
"Tritt man aus dem Walde heraus, so zeigen sich dem Blick allerorten beackerte Abhänge, grüne Weideflächen oder ausgedehnten Bambushaine, in denen der Pangwa sein Nationalgetränk, das Bambusbier, "schneidet". Frisch genossen wirkt dasselbe außerordentlich erfrischend, doch schon nach kurzer Zeit macht die schnelle Gärung dieses Bier zu einem stark berauschenden Getränk. Der Pangwa aber macht es mit Hilfe seines Klimas und einer ganz besonderen Behandlung seines Bambus möglich, daß er in jedem Jahr monatelang länger zapfen kann als seine nördlichen Nachbarn. Zu manchen Zeiten kann man fast sagen: "Das ganze Land ist betrunken." Vom Säugling, dem die Mutter den Trank gibt, bis zum ältesten Mann, der nur noch mit Mühe zum Gelage wanken kann, wird getrunken und wieder getrunken.

In solchen Zeit tat mir das Herz weh, wenn ich durch das Land ritt und sah die Vorbereitungen oder die Folgen solcher Gelage.
Hier in den Dorf war eine Mutter, die ihr Kind auf den Rücken gebunden hatte, betrunken auf daselbe gefallen — wenige Tage darauf mußte sie es begraben. In jenem Dorf hatte eine trunkene Mutter ihr Kind ins Feuer fallen lassen und kam nicht eher zur Besinnung, als bis nur noch eine Hand und die Füße und ein verbrannter Leib übrig waren. Und das ist nicht etwa aus vielen Jahren zusammengetragen, nein, in der kurzen Zeit, in der ich im Lande war, ist es alles in der näheren Nachbarschaft vorgekommen.

Die Pangwa sind wegen ihrer Trunksucht verrufen, und Schlägereien im Rausch sind nicht selten. Im Mai 1902 wurde ein Pangwa zu mir gebracht, der sich an einer Kopfwunde, die ihm ein Genosse bei solcher Gelegenheit beigebracht, beinahe verblutet hatte. Eine Schlagader war angeschlagen, und da man bei dem dichten Wollhaar nur schwer an die Wunde herankommen konnte, gelangt es erst nach vieler Mühe, das Blut zum Stehen zu bringen und notdürftig einen Verband anzulegen. Fast glaubte ich schon , es sei alles zu spät, er würde mir unter den Händen sterben, als er vom Blutverlust erschöpft ohnmächtig zusammensank. Und dabei stand die alte Mutter neben mir und jammerte: "Mein Sohn! Mein Sohn! Sie haben ihn erschlagen!"— So mancher Mutter Sohn ist wohl unter den Pangwa schon auf die Art um sein Leben gekommen, aber sie haben harte Ohren und wollen nicht hören, die Trunksucht hält sie in ihren Banden nach wie vor.

Ein ganz gefährliches Instrument ist in den Händen solcher Leute das Haumesser, mit Stiel etwa über 1 m lang, die Klinge an der Spitze einwärts gekrümmt. Als Missionar hat man mehrfach Gelegenheit, Wunden, die von dieser Waffe rühren, zu behandeln, und wenn der Kopf oder das Schienbein getroffen war, so machten sie einem oft viel Not.

Doch es ist nicht allein die Trunk- und Händelsucht, die die Pangwa gefangen hält. Raub, Diebstahl, Muafitrinken stehen gleichfalls an der Tagesordnung. Und dazu kommt noch manches andere, über das man lieber einen dichten Schleier zieht."

Das sind nur sehr böse Eigenschaften; ihn stehen aber auch manche gute gegenüber. Und manche schlechte Angewohnheit hat den Eingeborenen erst die Weiße Kultur gebracht. Sehr verständig sagt der erwähnte Missionar:
"Nimmt die Vielweiberei. Es ist eine heidnische Sitte, und sie verstößt gegen Gottes Willen. In Christengemeinden muß sie der Einehe weichen. Das ist klar. Aber viel lieber ist mir die Polygamie als das, was die Aftercivilisation ins Land gebracht. Früher ging es alles nach festen Ordnungen; auf Ehebruch und Hurerei standen schwere Strafen. Jetzt wird das anders. Für wenig Geld kam der Weiße seiner Lust frönen, warum soll der Schwarze es nicht ebenso machen? Und wer das Volk lieb hat, der steht dabei mit blutendem Herzen. Was helfen alle Vorschläge über allmähliche staatliche Beseitigung der zurzeit unter den eingeborenen Stämme zu Recht bestehnden Polygamie, wenn man nichts Besseres an die Stelle zu setzen hat?

Und so ist es mit allen Sitten, die der Mensch von seinen Vätern überkommen hat. Mögen sie entartet sein, mögen sie dem Weißen, mögen sie dem Christen auf den ersten Blick unsinnig erscheinen, dennoch wird in vielen Fällen die bestehende Sitte mehr wert sein als die Zügellosigkeit, die einreißt, sobald das Alte abgetan wird, ohne daß ein besseres Neues an seine Stelle tritt."

Die landschaft Upangwa, der Wohnsitz der Pangwa, ist gut bevölkert; die Dörfer bestehen aus niedrigen Pfahlhütten.
Im Pangwalande arbeitet die Berliner Mission; die Station heißt Milow; sie ist 2100 m hoch in den Bergen gelegen. Im letzten Aufstande wurde sie zerstört und ist jetzt wieder aufgebaut. Über Milow plauderte eine Missionarsfrau im "Njassaboten" (von der Berliner Mission herausgegeben):
"Mit unsern Christen- und Katechumenfrauen will ich nächstens eine kleine Näh- oder besser Flickschule eröffnen. Hier auf unserm Platze wohnen jetzt etwa 20 Familien; die meisten sind jung verheiratet. Nähen kann natürlich nicht eine einzige der Frauen, das überlassen sie ihren Männern, von denen einige wirklich recht geschickt sind. Einer von ihnen kann, ohne daß ich ihm je dabei geholfen habe, sehr schöne Hemden und Jacken zuschneiden und nähen. Früher schnitt er alles mit einem Messer zu; seit ich ihm kleine Schere geschenkt habe, ist er sehr stolz auf seine Kunst und wagt sich an noch schwerer zu machende Kleidungsstücke. Er kann je der Dorfschneidermeister bleiben. Aber wenn die Frauen Christinnen werden und christliche Sitten annehmen wollen, so ist es auch richtig, daß sie selbst für ihre und der Ihrigen Kleidung Sorge tragen. Vor allem sollen sie auch vom Flicken etwas lernen. Sehr häufig weist die Kleidung der Frauen große Brandlöcher auf. Ein Wunder ist es ja nicht, da sie beim Kochen immer am offenen Feuer herumhantieren müssen. In Zukunft werden sie sich solche Löcher nun immer selbst recht schön umzunähen, hoffe ich; Flicken und Zwirn will ich ihnen schon liefern.

Jetzt sind wir hier in der Hauptregenzeit; es hat in diesem Jahre viel geregnet. Die 14tägige Pause zwischen kleiner und großer Regenzeit fehlte ganz. Alle Felder stehn üppig und frisch; sie versprechen wieder eine gute Ernte. Hier einen Garten zu haben, macht der Hausfrau sehr viel Freude. Alle Arten Gemüse gedeihen ausgezeichnet, und ich kann jeden Mittag Gemüse auf den Tisch bringen. Kürzlich wog ich einmal einen großen Kohlrabikopf, der mir selbst so riesig vorkam. Er war drei Pfund schwer und dabei durch und durch saftig und wohlschmeckend. Freilich kann ich nur in der Regenzeit hier oben auf dem Berge Gemüse bauen. Sobald dieser vorüber ist, lasse ich den sogenannten Wintergarten zurechtmachen. wir haben ihn in einer Schlucht angelegt, die etwa 100 m tiefer als die Station liegt. Ein kleines Gewässer fließt hindurch, und jedes Beet kann dadurch feucht und fruchtbar gemacht werden. Die geschützte, sonnige Lage, der fruchtbare Boden und die immerwährende Feuchtigkeit bringen auch dort ein üppiges Wachstum hervor. So kann ich auch in den kalten, trockenen Monaten immer Gemüse ziehen. Zwar ist der Berg da hinab sehr steil, und ich muß beim Hinaufkraxeln manchen Schweißtropfen vergießen, aber der erfolg belohnt schließlich alle Mühe. Weizen, Roggen, Gerste und Hafer wachsen hier auch, wie im Kiongaland. Unsere Leute sind allmählich auch dahinter gekommen, daß Weizenmehlbrei sehr schön schmeckt. Mein Mann schenkte ihnen im vorigen Jahre Saat und leitete sie im Säen an. In diesen Wochen haben sie große Weizenfelder geackert, es ist jetzt die Zeit der Aussaat."

Diese kurzen Auslassungen gewähren einen Einblick in die treue, tüchtige Arbeit der Missionare.

Südlich vom Livingstonegebirge liegt das Matengohochland, frisch und gesund; da steht die Landwirtschaft der Eingeborenen auf sehr hoher Stufe. In dieser Landschaft liegt am Njassasee die deutsche Station Wiedhafen; in ihrer Nähe ist ein Kohlevorkommen festgestellt.

Im Küstengebiet des Südens haben europäische Gesellschaften mit Baumwoll- und Kautschikpflanzungen begonnen; die größte Unternehmung ist die Baumwollpflanzungsgesellschaft Kilwa (ein Dampflug), die etwa 6000 ha belegt hat. In der unmittelbaren Umgebung von Kilwa sollen nach sachverständigem Urteil etwa 100 000 ha gutes Baumwolland sein. In der Gegend von Lindi werden Sisal, Kautschouk und Baumwolle angebaut, ebenso bei Mikindani. Neuerdings sind auch am Rovuma zwischen Kionga und dem Tschitschasee Baumwollpflanzungen angelegt worden. DA unten liegt die Post- und Zollstation Kionga; auch ist neuerdings am mittleren Rowuma eine Station angelegt worden.

Der Süden des Schutzgebietes ist stark vernachlässigt; er wurde auch durch den letzten Aufstand wieder zurückgeworfen. Aber er ist sehr fruchtbar und besitzt eine sehr fleißige und in der Zahl bisher stark unterschätzte Bevölkerung. Über den guten Anbau im Livingstonegebirge und im Matangohochland haben wir bereits gesprochen; aber auch bei den Wangoni steht der Ackerbau auf sehr hoher Stufe. Die Leute kennen Aschengründüngung, Milschkulturen und Wechselwirtschaft. Ungoni war früher die Kornkammer des Südens; Niederungoni soll für Baumwollanbau sehr geeignet sein. Um Liwale bauten die fleißigen Eingeborenen auf Veranlassung der Mission Baumwolle; gute einheimische Baumwolle hat man im Matengogebiet gefunden.

Die Einwohnerzahl im Bezirk Lindi wird neuerdings auf 360 000 geschätzt; es findet seit 1908 eine starke Rückwanderung und Zuwanderung aus dem Portugiesischen statt. Im Jahre 1908 wanderten etwa 10 000 Personen ein, 1909 etwa 25 000 - 30 000.

Zur schnellen Entwicklung des Südens fehlt nichts als die Eisenbahn nach dem Njassasee. Da sie aber mit 600 km Länge an 60 Millionen Mark kosten würde, wird an die Ausführung vorerst nicht zu denken sein.

Quelle: Unsere Kolonien, Emil Zimmermann, Ullstein 1911, von rado jadu 2000

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