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Bei Eingeborenen, die noch Peters kannten

Die Hamiten stammen vermutlich aus Nordwestarabien. Vor vielen Jahrhunderten sind sie nilaufwärts gezogen und haben sich nach schweren Kämpfen mit den bis dahin das Land beherrschenden Völkerschaften in Ost- und Zentralafrika heimisch gemacht. Ihre Hautfarbe ist nicht schwarz, wie die der Neger, sondern lichter, bräunlicher. Schlanke Gestalten von oft zwei Meter Länge mit schmalen Nasen. Am Oberlauf des Weißen Nil sitzen sie heute, weiterhin im Königreich Runanda. Hier bilden sie eine sich scharf abhebenden Oberschicht im Gegensatz zu den von ihnen unterworfenen, aber mit ihnen gleichberechtigten Bantus.

Viele dieser hamitischen Völker sind vorzügliche Tierzüchter. Die Watussi in Ruanda und ihnen benachbarte Stämme haben heute noch Rinder mit ganz unglaublichen langen Hörnern, wie sie vielfach schon auf altägyptischen Grabmälern abgebildet finden. Diese Tiere können, wie ich einmal selbst erlebte, höchst ungemütlich werden, gennau wie unsre Bullen, wenn sie auf der Weide sind und ein ahnungslos vorüberkommender harmloser Fremder ihren Zorn erregt. Das Fremde, das Ungewohnte ist es, was die Tiere reizt. So erging es auch mir. Wir kamen durch ein Dorf. Da begenete uns eine große Rinderherde, ein ganzer Wald von Hörnern schwankte über ihren Köpfen. Plötzlich hob der Bulle, ein Tier mit ein paar Hörnern wie Elefantenzähne, Das Haupt, wendete und kam dann in voller Karriere auf mich bzw. mein Maultier los. Statt daß der Hirte eingegriffen hätte, grinsten er sowie die übrige Dorfbevölkerung. Sie dachten es sich offenbar höchst spaßig, wenn mein maultier und ich auf die Hörner genommen würden. Ich konnte gerade noch den nächsten Gewehrträger heranrufen. Was für ein Gewehr er in der Hand hatte, war mir in diesem Augenblick gleich — er war die Vogelflinte. Und so schoß ich dem Bullen, wie er den Kopf zum Stoß senkte, die volle Ladung feines Schrot auf drei Schritt Entfernung vor die Stirn. Zweifellos hatte ihm das einen kolossalen Schlag versetzt, denn ganz verduzt blieb er stehen, drehte sich langsam um und — zog ab unter dem Jubel der ganzen schwarzen Bande.

Gleichfalls vorzügliche Viehhirten sind die den Watussi verwandten Massai. Auf ihren Kriegs- und Raubzügen waren sie im Laufe der Jahrhunderte bis weit nach Ostafrika vorgedrungen und herrschten hier lange Jahre unbeschränkt.. Mit riesigen Speeren ausgerüstet, dazu außerordentlich mutig, bedrohten sie die Karawanenstraßen und erhoben nicht nur von den durchziehenden arabischen Sklavenjägern, sondern auch von europäischen Reisenden Tribut. Der erste, der diesen verweigerte und ihnen mutig entgegentrat, war Dr. Karl Peters auf seinem berühmten Zuge zur Befreiung Emin Paschas. Zu Tausenden kamen sie in gewaltiger Schlachtordnung gegen ihn angestürmt, aber Peters mit seinem kleinen Schar bot ihnen die Stirn. Im wohlgezielten Feuer brach der Angriff zusammen. Und wenn sie auch noch ein paarmal versuchten, ihm den Weg zu verlegen, so erzwang er sich diesen doch, verschaffte damit sich und der deutschen Flagge bei allen Völkern Ost- und Mittelafrikas die höchste Achtung. —

Häuptlinge, die sich Peters gegenüber freundlich verhielten, gab er deutsche Fahnen. Eine derselben fanden wir viele Jahre später in Englischostafrika. Uns zu Ehren hatten sie ein Kikuyuhäuptling (Kenia) gehißt, als wir bei seinem Dorfe lagerten. Er freute sich, endlich einmal wieder Deutsche zu sehen und erzählte viel von alten Zeiten. Wir wunderten uns eigentlich darüber, daß von seiten der engländer gegen das Aufziehen der deutschen Farben kein Einspruch erhoben wurde, sollten aber später die geradezu unwahrscheinlich anmutende Lösung des Rätsels finden:
Bei einem Distriktskommissar waren wir zu Gast und sahen zu unserer Verwunderung, daß er Fenstervorhänge mit langen breiten
schwarz-weiß-roten Streifen hatte. Im Scherz fragte ich, ob er sie etwa uns zu Ehren aufgesteckt hätte. Darob war er sehr verwundert, und nun stellte sich heraus, daß dieser Mann in der Stellung eines Landrats noch nicht einmal die Farben der Nachbarkolonie bzw. des Deutschen Reiches kannte. Darum durfte also der Kikuyuhäuptling unangefochten die deutsche Fahne hissen! Daß er es doppelt gern tat, weil er auf die Engländer gar nicht gut zu sprechen war, hatte er uns nebenbei erzählt.

Während die deutsche Schutzherrschaft in den folgenden Jahrzehnten mit dem Massais sehr wenig Schwierigkeiten hatte, war es in Englischostafrika anders. Wir waren erstaunt, welchen Respekt die Beamten, namentlich in den ferner gelegenen Stationen, vor diesen stolzen Eingeborenen hatten. Die Schwierigkeiten kamer daher, daß den dortigen Massai völlige Freizüggigkeit eingeräumt war. Nach außen hin machte das natürlich einen sehr guten Eindruck, bewährte sich aber, je mehr die Kolonie erschlossen wurde, nicht. Es kam häufig zu Reibereien mit den Pflanzern und Farmern. Das Herrendasein, das die Massai viele Jahrhunderte geführt hatten, brachte es mit sich, daß sie wenig Rücksicht auf diese Neuankömmlinge nahmen und nur zu gern im Vorübergehen das eine oder andere Stück Vieh mitgehen hießen.

In Englischostafrika brachen während des Weltkrieges Massaiunruhen aus, die allerdings den Engländern zum mindesten erwünscht kamen, wenn nicht gar von ihnen selbst in Szene gesetzt worden waren. Sie hatten zwangsweise Massai unter ihre Askari stecken wollen, und das hatten diese sich nicht gefallen lassen. Es kam zu blutigem Aufruhr, den die Engländer mit Maschinengewehren niederschlaugen. Ein schwedischer Gelehrter, der in damaliger Zeit in Englischostafrika weilte, erklärte mir, daß mehrere Tausend Massai dem Blutbad zum Opfer gefallen seien!

Die deutsche Kolnialpolitik hatte, um Streitigkeiten mit den Massai von vornherein zu vermeiden, einen ganz anderen Weg in der Eingeborenenbehandlung eingeschlagen. Den Massai war ein riesiges Gebiet südlich des Meru und ein Stück weiter nach Osten zu als Reservat eingeräumt worden. Hier konnten sie schalten und walten, ihre Herden treiben, wo es ihnen gut dünkte. Sie waren obendrein gegen äußere Einflüsse geschützt, so daß auch ihre Sitten und Eigentümlichkeiten gewahrt blieben. Jedem Weißen war es verboten, den großen Landesteil zu betreten außer einigen Händlern, die von der Regierung hierzu eine besondere Erlaubnis hatten. Diese Einrichtung bewährte sich ganz hervorragend, und auch die Massai waren damit sehr zufrieden. —

Einzelne Massai lebten außerhalb dieses Gebietes, denn sie werden gern als Hirten angenommen, da sie vorzügliche Viehpfleger sind und auch mit Rinderkrankheiten (u.a. Heilpflanzen) sehr gut Bescheid wissen.

Quelle: So sah ich die Welt, Arthur Berger 1942, Buchmeister Verlag

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