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Sanzibar

Das Sultanat Sansibar

Im Gegensatz zu dem Mahdistaate, der seine politische Gestaltung erst in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat, begegnen wir in Sansibar einem Staat, der eine sehr alte Geschichte besitzt. Das Sultanat Sansibar besteht aus den Küsteninseln und den Festlandstaaten. Der Gesamtumfang des Sultanats beträgt 2560 qkm, wovon 1590 auf Sansibar, 960 auf Pemba, 520 auf Mafia, 90 auf Lamu entfallen. Dieses Aufstellung datiert noch aus der Zeit, als Deutschland und England keine Ansprüche erhoben hatten, während der jetzige tatsächliche Besitz an der Küste etwa 600 qkm weniger umfaßt. Dazu kamen noch etwa 31 000 qkm auf dem Festlande, die aber bereits 1890 teils deutsches, teils englisches Schutzgebiet geworden sind. Die Einwohnerzahl läßt sich schwer bestimmen, doch werden nach der letzten Schätzungen auf die Insel Sansibar 210 000 Einwohner gerechnet.

Auf Sansibar herrscht ein buntes Gemisch von Völkerschaften; neben Arabern finden wir Inder, Europäer in kleiner Anzahl und vor allem Afrikaner, die sogenannten Suaheliafrikaner, die dem Bantustamme angehören. Diese zerfallen wieder in zwei Klassen, die Wangwanas, die "Freien" oder "Herren", im Gegensatz zu den Sklaven, die auf den Plantagen arbeiten. Dieses Klasse setzt sich aus vielen Mischlingen zusammen, während die ursprünglichen Bewohner die Mahadimas sind, die in den Dörfern dem Ackerbau obliegen.

Aus der Geschichte Sansibars sei erwähnt, daß es zuerst Araber waren, die sich hier niederließen, wie schon Ptolemäus in seinen Aufzeichnungen berichtet. Das jetzige Sansibar mag wohl an der Stelle liegen, an der sich das damalige Azania befand, und aus diesem ist wohl auch Zanzibar hervorgegangen. Während des 10. bis 12. Jahrhunderts schlossen sich die auf der Insel immer stärker werdenden Araber zu einzelnen Gemeindewesen zusammen, und so entstanden Kilwa, jetzt ein bedeutender Hafenort im deutschen Schutzgebiet, Magadoxo, Sofala und andere Orte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts errangen sich die Portugiesen die Küste und zwangen die Araber unter ihre Gewalt, doch schon zu Ende des 16. Jahrhunderts (1698) eroberten die Beherrscher von Maskat am Golfe von Oman Mombas, jetzt zu Britischostafrika gehörig, und wußten zu Ende des 18. Jahrhunderts (1784) die Portugiesen auch aus Sansibar hinauszudrängen. Erst im Jahre 1858 wurde das große Gebiet geteilt und der Imam Seid Madfehid wurde Sultan von Sansibar. Ihm folgte Seid Bargasch, der 1870-88 regierte. Ihm ist die Aufhebung des Sklavenhandels, für die England sehr eifrig tätig war, zu danken. Sein Nachfolger war Seid Kalifa, der nur zwei Jahre regierte, und ihm folgte 1890 Seid Ali. Der jetzige Sultan, der seit 1896 an der Regierung ist, ist Hamud bin Muhamed, auf dessen Rechnung vor allen Dingen die Ausdehnung des Handels und des Gewerbefleißes geschrieben werden darf.

Das Heer des Sultans besteht aus einer regulären Truppe, die tausend Mann umfaßt, der sich eine Leibgarde von 150 Mann zugestellt, außerdem sind noch Reservetruppen von 1500 Mann vorhanden, die aber nur selten in Tätigkeit treten. Die Flotte besteht aus vier Fahrzeugen, darunter eine Korvette, während die Handelsschiffahrt von sieben Dampfern betrieben wird. Trotz dieser ziemlich geringen Anzahl von Schiffen ist der Handel ein sehr bedeutender und im fortwährenden Aufschwung begriffen, was nicht zum mindesten deutschem oder englischem Einflusse zu danken ist. Auch der Sultan verfolgt die kommerziellen Bestrebungen mit großem Interesse und steht allen Reformen nach europäischem Muster sehr sympathisch gegenüber. Die Einfuhr betrug bereits 1897 - 1 399 000 Pfund Sterling, während die Ausfuhr sich auf etwas weniger, nämlich auf 1 190 000 Pfund Sterling belief. Das größte Kontingent des Ausfuhrartikel stellten Gewürznelken und Gummi, außerdem wurden roter Pfeffer, Häute, Kokosnüsse, Zimt und Elfenbein exportiert. Der früher stark betriebene Sklavenhandel ist seit der Regierung Seid Bargaschs, Dank dem vereinten Vorgehen von Deutschland und England, stark eingeschränkt, wenn er auch noch nicht ganz aus der Welt geschafft ist.

Ansicht

Fast der ganze Handel ist in den Händen der Araber, die große Karawanen ausrüsten und die Märkte von Tabora und Njangwe mit ihren Waren überfluten. Von den Städten des Sultanats sei in erster Reihe Sansibar genannt. Die Stadt hat eine buntgemischte Bevölkerung von etwa 100 000 Einwohnern und bildet den Haupthandelsplatz des ganzen Reiches. Sie wird fast in ihrer ganzen Ausdehnung vom Meere bespült, und in den engen, krummen Straßen stößt man auf Schritt und Tritt auf Verkaufsbuden und Läden, in welche die mannigfaltigsten Gegenstände und Genußmittel feilgehalten werden. Um die Stadt herum ziehen sich die Schambas, eine Villenlandschaft mit zahlreichen Baumgruppen, zwischen denen wieder zahlreiche Anpflanzungen von Reis, Mais und Zuckerrohr sich finden. Dazwischen liegen kleine Sümpfe, teichartige Gewässer, an deren Ränder eine üppige Flora blüht. Das Ganze zeigt in seiner bunten Mannigfaltigkeit das bedrückende Bild einer Tropenlandschaft und bietet einen überwältigenden Anblick von Schönheit und Pracht.

Die andern Städte treten naturgemäß hinter Sansibar zurück, doch seien noch der Hafen Mombas mit 20 000 Einwohnern, Kilwa mit
10 000 Einwohnern, Bagamoyo mit 13 000 Einwohnern als Handelsplatz und Dampferstation, Pangani mit 10 000 Einwohnern als Hauptbezirksort und Hafen, Saadani als Hafenplatz, Hauptzollamt und Militärstation, Dar es Salam mit 10 000 Einwohnern, als Zollamt, Bezirkshauptort und Hafenplatz, Lindi ebenfalls als Hafen und Bezirksort (in Deutsch-Ostafrika) mit 30 000 Einwohnern, Tanga als Ausgangspunkt der im Jahre 1894 eröffneten Eisenbahn nach Korogwe mit 5 000 Einwohnern und Malindi angeführt.

Quelle: Länder- und Völkerkunde von Gustav A. Ritter, Verlagsdruckerei Merkur, 1904, von rado jadu 2000

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