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Zep

 

Ein Zepp fliegt Lettow-Vorbeck entgegen

In dem bulgarischen Grenzstädtchen Jambol lief am 2. Juli 1916 folgendes Telegramm ein:
"Mittelmeer division Pera drahtet an Marineattaché Sofia: Jambol benachrichtigen, das deutsche U-Boot vor Sewastopol steht und Kriegsschiffe "Goeben" und "Breslau" in See sein werden. SLX sollBeobachtungen feindlicher Streitkräfte in See sofort durch Funkspruch an Osmanie melden."
Wer war SLX?
Was ging in Bulgarien vor?

Hügelan an der Tundscha lag der Luftschiffhafen eines Zeppelins, und das Luftschiff SLX tat Dienst in Kleinasien und über dem Schwarzen Meer, wurde betreut durch Richtstrahlen in Jambol und Konstantinopel, wohinter sich die Station Osmanie verbarg, in Damaskus, Bukarest, Konstantza, Uesküp und Sofia.
Und also gelekt durch die Kreuzpeilung dieser Stationen unterstützte SLX die Operationen der Streitkräfte zur See und zu Lande durch Aufklärung und ging, wenn befohlen, mit Bomben und Maschinengewehren zum unmittelbaren Angriff vor.
Und ging schließlich doch in den Tod und war verschollen und nichts blieb der Nachwelt erhalten von der tapferen Besatzung und dem Zepp als Bruchstücke eines aufgefangenen Funkspruchs.
!...kämpfen gegen über 30 Meter Wind ...Tromben ....grüßt Angehörige....."

Diese Tromben, örtliche Unwetter mitten auf dem Schwarzen Meer, von der Küste aus überhaupt meist gar nicht wahrnehmbar, den Taifuns der Südsee vergleichbar, wirbelten mit einer Windgeschwindigkeit von 45 Meter je sekunde vom Unwetter überraschte Schiffe in den Tod. Um wieviel mehr mußten sie einem Zeppelin verhängnisvoll werden.
Die in tiefe Schatten getauchten Fluten des Schwarzen Meeres nahmen für immer eine deutsche Besatzung auf, und die große Halle hangwärts in Jambol blieb leer bis LZ 101 im Balkan auf Wache zog und danach jener L59, der zu Lettow-Vorbeck nach Deutsch-Ostafrika flog.

Mit Kapitän Bockholdt als Kommandeur und 23 Mann Besatzung, darunter den Steuermann Grußendorf und den 49jährigen Dr. Zupitzka als geistigen Urheber der Idee, der fernen Lettow-Truppe mittels Luftschiff Hilfe zu bringen.
Und so flog L 59 erst einmal nach Bulgarien. Üner das im Kriegsfieber unruhig schlafende Österreich, das im Morgendämmer mählich erwachende Ungarn, über die serbischen Berge, in denen die Füchse über unwegsame Menschenpfade wechselten.

Und von Jambol aus erfolgte der Start nach Afrika. Es war ein erstaunliches Luftschiff, dieser L59. Ein Teil der Baumwollhüllen, die sein Gerippe umschloß, war aus Mullbinden hergestellt, den Lettow-Leuten Verbandsstoff zuzuführen. Die Haut des Schiffes konnte man zu Zelten und Tropenanzügen verwenden. Die Gaszellen waren für den späteren Gebrauch als wasserdichte Schlafsäcke gedacht. Aus dem Duraluminiumgerippe konnte man einen Funkturm bauen, Tragbahren und Barracken herstellen. Die Maybachmotoren sollten mitgeführte Dynamos und damit eine Funkstation betreiben.
226,5 Meter war der Luftriese lang und 23,9 Meter breit. Bei günstigen Witterungsverhältnissen konnte L 59 in der Stunde 103 Kilometer fahren. Nicht weniger als 50 000 Kilogramm Nutzlast waren an Bord, über 21 000 Kilogramm Benzin eingeschlossen.
Alles in allen waren das vier beladene Eisenbahnwagen voll. Der endgültige Start erfolgte in Jambol bei Morgengrauen am 21. November 1917, mit anfänglichem Kurs nach Kleinasien und dann über das Mittelmeer.

An diesem selben 21. November verließ die letzte Schützenkompanie Lettow-Vorbecks das Makondehochland im Süden von Deutsch-Ostafrika, um den geplanten und dann mit so großem Erfolg durchgeführten Vorstoß nach Portugiesisch-Ostafrika den Rücken zu decken.
Ein einziger dünner Faden verband das Schiff, das über fünftausend Kilometer weit ins Ungewisse vorstoßen sollte, mit der Heimat, mit Deutschland. Und mit der Welt, soweit diese Welt nicht eine feindliche war. Und es gab keine Freunde unterwegs... Dieser dünne Faden war die Funkstation an Bord, die mit Nauen Verbindung hielt.

Eintönig rauschten die Wasserwogen des Mittelmeeres bei nächtlicher Fahrt, und der Zepp fuhr in Wolkenberge hinein, die massiv schienen wie Felsen und wie Wattebausche auseinanderwichen, sobald die Propellergewalt sie erfaßte. Fahle Blitze zuckten auf, L 59 war ohne jede Wetterorientierung und vermochte dem Gewitter nicht mehr auszuweichen.
Beim raschen Hochtreiben entwich aus den Überdruckventilen brummend das Gas, und die Gewitterströrungen wurden so stark, daß die Funkstation ausgeschaltet werden mußte.
Und schließlich kam von der Plattform die wortkurze Meldung: "Schiff brennt!"
L59 befand sich in diesem Augenblick auf der Höhe von Kreta.

Das gewaltige Aluminiumgerippe war durch die Luftelektrizität so stark aufgeladen worden, daß aus allen Metallteilen bläuliche Sankt Elmsfeuer in magischen Lichtbündeln über das Schiff tanzten, ein das Blut zum Erstarren bringender Anblick, denn jeden Augenblick konnte das immer noch aus den Ventilen entweichende Gas Feuer fangen. Allein das nächtliche Geisterschiff zog weiter seine Bahn.
Jeder Tropfen Benzin war ausgepeilt, die Ladung von lebenswichtigen Medikamenten für die Schutztruppe und den zusätlichen Patronen ... Jedes "Pfund Mensch" war eingerechnet, und die Zeit....die Zeit war der wichtigste Faktor. Nur keinen Zeitverlust, nur keinen Zwischenfall....
An dem dünnen Fädchen der Verbindung mit Nauen steuerte der Zepp die afrikanische Küste an.

Es war Morgen, der Himmel blitzbank reingemacht. Die Maschinen sangen ohne trüben Ton. Die herbstliche europäische Kühle wich tropischer Wüstenglut, Sonnenboen rüttelten das Schiff. Weit östlich glühte weiß ein Band auf. "Der Nil", sagte jemand an Bord. Das Wort lief weiter, packte alle. "Wir sind über dem Nil! oder doch beinahe...
Schwärme von Flamingos röteten den Himmel, kamen schiffwärts, entflohen fernwärts. Grüne Oasen marschierten heran und blieben zurück Schatten von Kamelkarawanen lagen wie dünne Striche im nackten Sand.
Der Mann im Funkkasten peilte die Sendeskala ab. Es gab nicht viel Funkverkehr in diesem Raum. Man war ihm nicht auf den Fersen, dem Zepp. Keine feindlichen Flugzeuge schraubten sich dem Luftriesen entgegen.
In drei Klimazonen stieß L 59 hinein.

L59
L59

 

Ein Meer, so groß, fast ganz Bayern darein zu tauchen, so wartete, silberglänzend im Tropenlicht, der Viktoriasee auf die Deutschen.
Erst kam wieder eine Nacht. Dann Khartum im Sudan. Dann südlich von Khartum...

Südlich von Khartum tastete der erschöpfte Bordfunker immer wieder die Sendewellen ab. War der Apparat nicht in Ordnung?
Man nahm doch Nauen gut auf. Eben war wieder Verbindung mit Nauen. Ein Befehl vom Norden des Reiches hingeleitet auf Funkwellen zu dem Pünktchen L 59 oben im Sudan.
Der Funker bat um Wiederholung des Befehls.
Der Befehl wurde wiederholt, lautete, wie er eben gelautet. Keine Silbe anders.
Im klaren zuversichtlichen Rauschen arbeiteten die Maschinen. Der Benzinvorrat war genau ausgepeilt und durchaus beruhigend. Der Gesundheitszustand an Bord gab zu keinerlei Besorgnis Anlaß. In freudiger Erwartung fieberten alle Deutsch-Ostafrika entgegen. Die feindlichen Einwirkung war gleich Null Gleich? Überhaupt Null! Kein Funkverkehr durchbebte die Welt, spann sein Netz um das einsame Luftschiff.

Die Fahrtgeschwindigkeit war gut, betrug über 100 Stundenkilometer im Durchschnitt. Wetternachrichten, die gab es freilich nicht. Aber die Atmosphäre war ruhig. Nirgens eine verdächtige Wolkenbank. Der afrikanische Himmel wartete offenbar noch mit dem Beginn der fälligen Regenzeit. Keine Blitze zuckten, kein Draht begann im Wind zu singen. Die Fahrt nach Ostafrika, diese einmalige herrliche Leistung, mußte gelingen. Sie war schon über die Hälfte gelungen. Vorwärts, zu Lettow-Vorbeck war bereits näher als zurück nach dem Heimathafen Jambol.

Mit einem Blatt in der Hand trat der Bordfunker aus seiner schalldichten Kabine.
"Herr Kapitän, eine Meldung von Nauen."
Bockholdt nahm den Zettel, und während er las, wurde sein übernächtiges gesicht noch um ein Schatten fahler.
"Funkspruch Nauen", las er. "Letzter Stützpunkt Lettow-Vorbecks, Newala, verloren gegangen. Ganzes Makondehochland im Besitz der Engländer. Teile Lettow-Vorbecks gefangen. Rest nördlich hart bedrängt. Sofort umkehren."
An diesem "sofort umkehren" haftete Bockholdts Blick. Niemand konnte es ihm verübeln, konnte ihn zur Rechenschaft ziehen, wenn er den kürzeren Weg nach vorwärts beibehielt: die letzte Entscheidung über das Schiff und seine mögliche Leistung hat schließlich und endlich der Kapitän in der Hand.

Allein Bockholdt folgte dem Befehl seines Gewissens. Die Heimat gab Order, die Heimat mußte wissen warum! Er gehorchte dieser Order. Und L 59 wendete und zog heimwärts unter mancherlei Fährnissen und erreichte nach insgesamt 96stündiger Fahrt und über 6757 Kilometer zurückgelegter Wegestrecke den Heimathafen Jambol.

Erreichte ihn an dem Tag, da die Truppe Lettow-Vorbecks bei Ngomano eine portugiesische Festung stürmte und all das eroberte und erbeutete und mehr dazu, was der Zepp hätte bringen können.

Lettow-Vorbeck

Wichtige Informationen hatten die Heimat veranlaßt, das Unternehmen in dem Augenblick abzublasen, als es schon so gut wie gelungen schien. Die "verläßliche Information" aber, welche die Zurückberufung des Zeppelins veranlaßt hatte, stellte sich kurz darauf als eine Falschmeldung des Feindes heraus.

Wenn L 59 schon nicht nach Ostafrika durfte, zu neuer Operation über dem Mittelmeer durfte er. Über der Otrantostraße wurde er vom Feinde angeschossen. Mit dem brennenden Schiff stürzte auch Bockholdt in die Unendlichkeit.

L 59

Quelle: Ein Kontinent rückt Näher, Josef Viera, Verlag Hugendubel 1942, von rado jadu 2000

Kolonialkrieg: 1917 hieß es "Luftschiff marsch!" gen Deutsch-Ostafrika im Zeppelin Museum

Flamingo

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