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Ein Märchen der Eweneger

Der Durchschnittseuropäer hält sich wohl auch heute noch für einen besseren Menschen, obwohl Seumes Irokese schon vor mindestens einem Jahrhundert das Gegenteil festgestellt hat. Er meint, die Schöpfung und die Sintflut seien nur für ihn dagewesen, und nur die Bibel allein habe darüber etwas zu berichten.

Weit gefehlt! Fast alle Völker der erde haben eine eigene, ihrem Denken und Fühlen entsprechende Schöpfungssage, und auch die Mär von der Sintflut in irgendeiner Form ist Allgemeingut fast aller Völker der Erde.

Auch der Ewenger machte sich über das, was er sieht, und darüber, wie es geworden ist, seine Gedanken. Er hat zwar keine Schriftsprache und also auch keine Bücher, dafür aber ein bewundernswertes Gedächtnis und eine mündliche Überlieferung von den fernsten Geschlechtern her.

So muß es ihm natürlich auffallen, daß es außer den schwarzen auch braune und sogar weiße Menschen gibt. Er hat schon vor Jahrhunderten die braunen Araber kennengelernt, die seine Dörfer überfielen und die Einwohner in die Sklaverei verschleppten; und auch der weiße Mann ist ihm seit Urzeiten kein unbekannter, oft nicht gerne gesehener Gast. Denn auch viele Europäer, vor allem die an der ganzen afrikanischen Westküste bekannten Portugiesen, standen dem Sklavenhandel durchaus nicht fern, und mancher amerikanischer Klipper hat seinen Kapitän durch einige "schwarze Elfenbeinfrachten" zum reichen Manne gemacht. Ja, ein großer Teil der heutigen schweren Vermögen der englischen Lords verdankt seinen Ursprung nichts anderem als dem Sklavenhandel.

Es liegt nahe, daß er sich darüber Gedanken machte, wie es kommt, daß es Menschen von so verschiedener Hautfarben gibt.

Ein Märchen, das, genau wie bei uns, die ganz alten Leuten ihren Enkelchen erzählen, mag als Beispiel dienen, wie sich der naive Gedankengang des Afrikaners einen Ausweg aus diesem Dilemma gesucht hat und wie poetisch diese Lösung geworden ist.

Es war einmal vor vielen, vielen Maisernten eine große Insel mitten in einem wunderschönen See. Der See war so groß, daß man seine Ufer von der Insel aus nicht erblicken konnte, und so wußte niemand, wie es wohl an den jenseitigen Ufern aussehen möchte.

Das interessierte aber auch niemand, denn auf der Insel lebte es sich so herrlich, daß man gar keine Sehnsucht nach einem anderen Lande haben konnte. Das Seewasser war klar und warm, die Sonne schien jahrein, jahraus, und es regnete immer zur rechten Zeit. Die köstlichsten Früchte reiften ohne jedes dazutun der Menschen, und der See wimmelte von allen Arten von Fischen.

Die Menschen auf der Insel, die alle ohne Ausnahme eine blanke schwarze Haut hatten, lebten herrlich und in Freuden, sie litten weder Durst noch Hunger, kurz, die Insel war für sie eben das Paradies. Sie beteten denn auch jeden Tag zu den unsichtbaren Gott Mawu und vergaßen auch nicht den Untergöttern zu opfern, wie es sich gehörte.
So ging das viele, viele Ernten lang.
Aber einstmals kam ein Jahr, da brannte die Sonne viel heißer als je vorher, und, was viel schlimmer war, der Regen blieb aus. Denn die Menschen waren übermütig geworden und hatten vergessen zu beten und zu opfern, und der Gott des Regens, der mächtigste der Untergötter, war schwer beleidigt, denn er ist sehr empfindlich, was man ja auch heute noch bei manchen Trockenjahren merken kann.

Es wuchs nichts mehr, die Fruchtansätze fielen vertrocknet ab, der Mais brachte keine Kolben und Yams und Kassada keine Knollen. Zunächst gab es noch keine Hungersnot, weil der See unerschöpflich war an Fischen. Aber nach einiger Zeit sah man mit Schrecken, daß das Wasser jeden Tag weiter zurücktrat; immer breiter wurde der Uferrand, und allmählich mußten die Menschen weit durch den Schlamm waten, bis sie endlich an das Wasser kommen konnten.

Da sagten sich einige Menschen — es waren nicht die dümmsten —, so könne das nicht weitergehen, sonst würden sie alle auf ihrer Insel verhungern und verdursten. Sie beschlossen zu versuchen, schwimmend an das andere Ufer zu kommen. Und sie stürzten sich in den See und kamen auch glücklich am jenseitigen Ufer an. Und weil das Seewasser noch klar gewesen war und sie ja so unendlich lange hatten schwimmen müssen, so war ihnen die schwarze Hautfarbe abgewaschen worden; und sie wurden die Ureltern der weißen Menschen.

Die weniger Entschlossenen warteten noch eine Weile; als sie aber keine Wendung zum Besseren sahen, traten auch sie den Weg an, um ans andere Ufer zu gelangen. Aber das Wasser war schon so weit gesunken, das es nur noch eine bräunliche Brühe war. Und als auch diese Menschen glücklich am anderen Ufer ankamen, da waren sie über und über mit mißfarbenem Schlammwasser bedeckt, und deshalb bekamen sie nicht eine weiße, sondern eine braune Hautfarbe und wurden die Ureltern der braunen Völker.

Es waren aber noch viele Menschen auf der Insel zurückgeblieben, denen es bisher an Mut gefehlt hatte, die Reise zu jenseitigen Ufer zu wagen. Aber Hunger und Durst quälten sie und brachten sie so von Kräften, daß sie kaum noch kriechen konnten. Auch diese fanden endlich, von der not getrieben, den Mut, aufzubrechen. Aber wo in dem See früher klares und später schmutziges Wasser gewesen war, da war jetzt nur noch feuchter, schwarzer Schlamm. Sie krochen, halb verhungert, wie sie waren, auf allen vieren mühselig durch den Morast, wobei nur noch ihre inneren Handflächen und ihre Fußsohlen etwas benetzt wurden. Deshalb mußten diese Menschen schwarz bleiben, und nur ihre Handflächen und Fußsohlen waren weißlich geworden.
Das waren die Ureltern der Afrikaner.
Und so kam es, daß es verschiedenfarbige Menschen gibt.

Quelle: Im Reiche der Krokodile und Reiher, Georg Strack, Wegweiser Verlag, 1941, von rado jadu 2000.