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Küstenmarsch in Togo

Wir verlassen die Hauptstadt Lome und gehen an dem Strande entlang nach Anecho. Die Hängematte, in deren Herstellung die Eingeborenen sehr geschickt sind, ist bei dem tiefen Sande das einzige und beste Beförderungsmittel und wird allgemein von den Europäern, sei es von Kaufleuten, Beamten oder Missionaren, benutzt. Zum Schutze gegen die brennenden Sonnenstrahlen und den blendenden Sand ist über ihr ein sogenanntes Sonnensegel angebracht. Die Hängematte wird von vier kräftigen Eingeborenen auf dem Kopf getragen. Als Unterlage für den Kopf dient ihnen meist ein zusammengerolltes Tuch, welches sie bei Nacht als Schlafdecke benutzen. Diese Hängematteträger sind vorzugsweise in Lome und Anecho gut zu haben. Nachdem man sich acht Träger, von denen immer vier abwechselnd tragen, gemietet und für Mann und Tag von Lome bis Anecho den hohen Lohn von 8 Mk. gezahlt hat, geht die Reise vorwärts.

Zumeist wählt man dazu die Zeit der Ebbe, um den festen Sand am Strande benutzen zu können. Nicht selten wird auch die Nacht zur Reise benutzt, weil es dann kühler ist und der grell leuchtende Sand und die spiegelnde Fläche des Meeres die Augen weniger angreifen. Im Geschwindmarsch der eingeborenen Träger geht es zur Stadt hinaus, hart am Strande, so das nicht selten die Füße der Träger von dem Meerwasser bespült werden. Der Strand bildet bei der Ebbe den besten Verbindungsweg zwischen den Küstenplätzen; denn durch die fortdauernde Brandung ist der hohe Dünensand festgepeitscht und gewährt so, abgesehen von der Feuchtigkeit, die unseren eingeborenen unbeschuhten Trägern aber nicht schadet, einen ganz vorzüglichen Pfad. Bei guter Beschaffenheit des Weges schlagen die geübten Träger eine Gangart an, die einem Hundetrab nicht unähnlich ist, und halten diesen Schritt oft lange Strecken aus, bis die wiederkehrende Brandung ein langsameres Gehen gebietet. Zur Linken hat man die hoch abfallenden Dünen mit ihren unterwaschenen Höhlen; eine Windeart von spärlichem Wuchs überzieht den Boden. Weiterhin beginnt der niedrige Busch, der bald eine Höhe bis zu 2 m erreicht und vollständig undurchdringlich wird. Er zieht sich in dieser Weise an der Küste bis zur Lagune hin.

Nach einstündigem Marsche erreicht man eine kleine Fischerniederlassung. Hier wird eine kurze Rast gemacht, um den Trägern Gelegenheit zu geben, an dem Brunnen, der aus einem gegrabenen Loche besteht, mit dem brackiges Wasser ihren Durst zu löschen.

Überall am Strande sieht man Netze ausgebreitet; außerdem aber üben hier die Leute noch einen eigentümlichen Fischfang. Dicht am Strande ist ein Stock im Sand gesteckt und daran, mit der Öffnung nach oben, eine Kalabasse befestigt. Tritt nun die Flut ein, so werden diese kleine Gefäße überflutet, kleine Fische und Krabben fangen sich in den Behältern und fallen dem Fischer zur Beute.

Viele Möwen und zahllose Strandläufer bevölkern den Strand; auch trifft man des Nachts häufig die großen Seeschildkröten an; man muß sich in der Dunkelheit in acht nehmen, daß man nicht über sie fällt. Diese Schildkröten haben eine Länge von 1-1.5 m und eine Breite von 0,50 m. Häufig kommen sie bei mondhellen Nächten ans Land und können hier erlegt werden. Ich bereitete meinen Trägern durch den Fang eines solchen Tieres große Freude. Wie die Raben stürzten sie sich darauf und lösten das Fleisch ab, um es bei der nächsten Station, dem Orte Bagida, zu rösten und in Ruhe zu verzehren.

Schon vom weiten sieht man zwar die großen Dächer der Faktoreien, aber unendlich lang und eintönig erscheint einem dieser Küstenmarsch. Nur die einzelnen Telegraphenstangen bilden ein Anhalt für den noch zurückzulegenden Weg. Eine interessante Abwechslung bieten die kleinen Strandvögel oder auch die Scharen der Taschenkrebse, die bei dem Annähern der Karawane emsig wieder ins Wasser krabbeln. Große Schweinsfische schnellen aus dem Meer empor und jagen in Windeseile vorbei. Ab und zu taucht auch die Rücken -oder Schwanzflosse eines Haies aus dem schäumenden Fluten. Möwen und Seeschwalben schweben über den Wogen und netzen sich in den Fluten, während am Strande schwarz - und weißgefiederte Raben krächzen und hoch in der Luft Habichte kreisen, um nach Beute zu spähen. Tintenfische sowie Muscheln lagern in allen Formen und Gestalten am Strande, und zur Rechten braust und schäumt die unermüdlich immer wiederkehrende Brandung. Des Nachts dagegen ist alles ruhig und still. Noch eine Rast, und in der Zeit von zwei Stunden ist der erste, lang ersehnte Küstenplatz Bagida erreicht.

Quelle: Klose, "Togo unter deutscher Flagge", Köhlers Kolonial Kalender 1909, von rado jadu 2000

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