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Bestrafte Neugier

Auf der Reede von Lome, der schönen, sauberen Hauptstadt unserer Kolonie Togo, lag ein weißer Woermanndampfer und wiegte sich in die lange Dünung des Atlantik. Die Passagiere waren bereits ausgebootet und hatten über die lange Landungsbrücke die Stadt erreicht, während die beiden großen Portalkrane auf dem Brückenkopf eine Bootsladung nach der anderen heraufhievten und an die auf der Brücke wartenden Eisenbahnwagen der Inlandbahn abgaben.

Ich hatte meinen Besuch an Bord der "Helene Woermann" gemacht, wieder einmal europäisch gefrühstückt ( worunter man etwa fünf Gänge zu verstehen hat) und mich dann zum Gouverneur begeben, um mit ihm dienstliche Angelegenheiten zu besprechen. Währenddessen meldete sich ein eben mit dem Dampfer angekommener junger Herr beim Gouverneur und bat im Laufe der Unterhaltung, ihm eine Wohnung anzuweisen. Der Gouverneur überlegte eine Weile und sagte dann zu mir: "Sie sind wohl so freundlich und nehmen den Herrn vorläufig mit in Ihr Zollamt, wo ja Zimmer frei sind."

Wir beiden machten uns auf den Weg und gingen die breite Marktstraße entlang, wo das mir längst gewohnte Treiben meinen Begleiter nicht wenig in Erstaunen versetzte. Ihn interessierten aber weniger die ausgelegten Waren als vielmehr die schwarzen Menschen. Damals, vor vierzig Jahren, gab es noch wenige "Hosennigger", und auch die Frauen hatten noch nicht das Bedürfnis, ihre Reize durch reichlich geschmacklose Kattunblusen zu verdecken. Es ging damals auch in Lome bei den Eingeborenen noch ziemlich paradiesisch zu.

Unter den vielen jungen und alten, männlichen und weiblichen Schwarzen fiel besonders eine junge Afrikanerin auf, die uns entgegenkam. Sie war fast schwarz von Hautfarbe, hatte aber ein gut geschnittenes Gesicht, eine wundervolle Figur und einen Busen, der in Form und Fülle jede Schönheitskonkurrenz aushalten konnte. Auf dem Rücken, in ein buntes Tuch gebunden, trug sie ihr wenig Tage altes Kindchen und stolzierte einher, die prallen Brüste vorgereckt, wie eine junge Königin.

Mein junger Begleiter, ein echtes Berliner Kind, blieb plötzlich stehen wie festgewurzelt, seine Augen wurden rund wie Glaskugeln und sein Mund war halb geöffnet, als ob er etwas Köstliches in sich hineintrinken wollte. Dann aber löste sich die Starre, und sein rechter Zeigefinger tippte auf eine der verführerischen Brüste, wahrscheinlich um festzustellen, ob so etwas wirklich Natur sei.

Die kleine schwarze Frau war stehengeblieben und sah dem Beginnen des neugierigen Weißen mit lächelnder Miene zu, ja, man kann sagen, sie grinste ihm vergnügt in das erstaunte Gesicht. Dann aber hob sie fast unmerklich ihre rechte Hand, ein fester Druck auf die rechte Brust, und aus dem äußerlich fast schwarzen Lebensquell ergoß sich ein schneeweißer Strahl unverfälschter Muttermilch in das Gesicht des Berliners.

Die Kleine lief laut lachend davon, und ihr Opfer wischte eine ganze Weile mit dem Taschentuch seine Augen aus, um wieder sehen zu können. Aber kaum hatte er dieses Ziel erreicht, da kam auch sofort die Berliner Schnoddrigkeit wieder zum Vorschein, indem er meinte: "Det hat ja noch ziemlich jujejangen, denn in dem schwarzen Balg hätte doch ebensojut Tinte sein können, und dann wäre mein Tropensmoking natürlich hin jewesen."

Quelle: Im Reiche der Krokodile und Reiher, Georg Strack, Wegweiser Verlag, 1941, von rado jadu 2000.

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