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Sommerfrische in Togo

Von Else Meyer

Als ich ungefähr vor Jahresfrist Abschied nahm vom Togoländchen und mich in Lome nach einem Tropenaufenthalt von zehn Monaten mit meinem Bruder nach der Heimat einschiffte, hatte ich nicht daran gedacht, die mir schnell liebgewordene Kolonie so bald schon wiederzusehen. Mein Bruder hatte sich kurz nach unserer Ankunft verheiratet, war mit seiner jungen Frau wieder nach Togo ausgereist, und nun erwarteten die beiden ihr erstes Kindchen. Wegen dieses bevorstehenden Ereignisses luden mich unsre Afrikaner zu einem längeren Besuche ein. Schon öfters hatte ich etwas wie Sehnsucht oder Heimweh nach dem schwarzen Erdteil verspürt; deshalb schlug ich ohne Zögern ein, und so kam es, daß nach 17tägiger sehr interessanter und unterhaltender, wenn auch nicht immer ruhiger Seefahrt Lome, das Ziel meiner Reise, wieder vor mir lag.

Noch kurz ehe Lucie Woermann Anker geworfen hatte, legte sich das Schiff durch eine anstürmende gewaltige Welle, die offenbar einen Teil der Ladung oder der Kohlen zum Rutschen brachte, ganz auf die Seite. Das ausbooten war infolgedessen kein Vergnügen. Außerdem lag der Dampfer ein gutes Stück von der Landungsbrücke entfernt und unser Boot mußte seinen Weg über hohe Wellenberge nehmen, ehe wir soweit waren, von einem der Dampfkräne auf die Brücke hochgezogen zu werden, was nicht gerade ein angenehmes Gefühl war. Jedenfalls war aber damit für mich die letzte Unannehmlichkeit der Dampferfahrt überwunden. Ich freute mich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, mehr aber noch, meine Liebend gesund und froh wiederzusehen. Auf der Landungsbrücke angekommen, hatte ich auch gleich Gelegenheit, den damaligen Gouverneur, der mir von früher schon bekannt war, zu begrüßen, und in seinem Wagen, den er uns in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt hatte, fuhr ich mit meiner Schwägerin unter Palmen hindurch dem mir wohlbekannten Häuschen zu. Unterwegs waren mir von einem bekannten Herrn zwei schöne La Francerosen als Willkommensgruß überreicht worden, für afrikanische Verhältnisse eine Seltenheit, und in meinem Zimmer angekommen, fand ich von meiner Schwägerin auch eine selbstgezogene La France vor.

In Haus und Garten hatte sich, abgesehen von einigen Kleinigkeiten, nichts verändert. Die beiden Diener zeigten mit einem breiten Lachen ihre Freunde über mein Wiederkommen; denn es waren meine alten von früher. — Die Veränderung kam erst, als Ende Dezember, beinah in der Christnacht, Klein-Erika, ein kräftiges Mädchen, die vier Wände ausschrie. Man muß es ihr lassen, sie verstand ihre Sache sehr gut. In den ersten vier Wochen hat sie manche Nacht stundenlang konzentriert, bis sie sich endlich daran gewöhnt hatte, ihren Hunger bis 5 Uhr morgens zu bezwingen.

Da sie gerade in der heißesten Zeit geboren war, hatten sie viel unter der Hitze zu leiden. Selbstverständlich wurde sie nur mit dem nötigsten bekleidet, aber auch das war schon zu viel. Trotzdem nahm sie täglich zu und entwickelte sich prächtig.

Interessant war die Begrüßung, die der kleinen Afrikanerin von seiten der schwarzen Ordonnanz meines Bruders zuteil wurde. Als der Soldat, vielleicht 2 Wochen nach der Geburt der Kleinen, die "rote Mappe" nach oben brachte, wurde ihm Erika gezeigt. Durch Pantomimen gab er zunächst seiner Bewunderung Ausdruck. Dann fragte er: "Master?", was ins Deutsche übersetzt heißen sollte: Ist's ein Junge? Als wir antworteten: "Nein, Mammy", konnte er sich vor Freude gar nicht lassen. Er grinste, anders kann man sein Lachen wirklich nicht bezeichnen, übers ganze Gesicht, machte eine tiefe Verbeugung nach der andern und sagte fortwährend: "Morning, mammy, morning, mammy, morning, morning, morning!" Erst auf ein Zeichen meines Bruders machte er linksum kehrt und verschwand. Später haben wir ihn öfters ertappt, wie er lächelnd vor dem Körbchen mit der schlafende Erika stand.

Als mein Nichtchen etwas über 2 Monate alt war, planten wir mit ihr eine Reise ins Innere Togos, gewissermaßen als Vorübung für die große Seereise, die sie in einigen Wochen mit uns antreten sollte. Mein Bruder war schon seit geraumer Zeit in dienstlicher Angelegenheit im Busch, und zwar in Buëm, dem größten Waldgebiet Togos, und wir hatten verabredet, ihn bis Misahöhe entgegenzukommen und dort seine Rückkehr abzuwarten. Die Reise war insofern nicht zu anstrengend für uns, weil wir bis Palime die Bahn benutzen konnten und von hier aus nur noch 2 Stunden bis Misahöhe zu gehen oder zu fahren hatten. In Misahöhe, welches 470 m über dem Meere liegt und kühlere Nächte hat, versprachen wir uns eine gute Erholung von dem feuchtwarmen erschlaffenden Küstenklima.

Anfang März kam dieser Reiseplan auch zur Ausführung. Eines Morgens wurde das Körbchen mitsamt der Erika dem Hausjungen auf den Kopf gesetzt, und dieser trug beides zum Wagen, den uns Seine Exzellenz der Herr Gouverneur liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hatte und der beim Tennisplatz, nicht weit von unserm Haus, auf uns wartete. Gepackt war schon am Tage vorher. Koch und Diener sollten uns begleiten. Schöps, unsern kleinen Terrier, wollten wir auch mitnehmen; er war aber, als wir zum Bahnhof gehen wollten, nirgends zu finden. So fuhren wir ohne ihn los. Unserm Kleinchen gefiel die Bewegung sehr gut. Mit vergnügtem Gesicht und ganz hellen Auglein lag sie da. Auch auf dem Bahnhof, als alle Mohren, groß und klein, neugierig ins Körbchen guckten, war sie vollständig brav. Mit einer Verspätung setzte sich der Zug, ungefähr ¾ 9 Uhr, in Bewegung, und nun gings mit Vollkraft ins Togoländchen hinein.

Die Vegetation wurde, je weiter wir vorwärts kamen, desto üppiger und grüner. Besonders ins Auge fallend waren die prächtigen Ölpalmen, die immer häufiger, oft in kleinen Hainen, die Gegend belebten, vermischt mit den hohen spitzen Türmen der Termitenwohnungen.

Auf jeder Station, und es waren deren vierzehn, war ein ganzer Auflauf von Schwarzen, die sich johlend und schreiend miteinander unterhielten und den schwarzen Wageninsassen ihre Waren, bestehend aus Ananas, Bananen, Apfelsinen, Palmwein, Jams, Kassade usw., zum Kauf anboten. Auch getrocknetes Antilopenfleisch war zu haben, und auf einem der Bahnhöfe ereignete sich damit folgender ergötzlicher Zwischenfall: Ein Bahnhofsbummler hatte einem Reisenden eine Antilopenkeule angeboten. Dieser schien auch nicht übel Lust zu haben, sie zu kaufen. Wie sich nachher aber zeigte, hätte er sie lieber unbezahlt behalten. Er blieb mit dem Verkäufer in Unterhandlung, bis der Zug sich langsam in Bewegung setzte, und jener hätte wohl das Nachsehen gehabt, wenn nicht alle auf der Station anwesenden Mohren für ihn Partei genommen hätten und schimpfend und schreiend neben dem Abteil des Übeltäters hergelaufen wären, was natürlich den weißen Bahnbeamten aufmerksam machte. Auf seine Veranlassung flog dann die Keule in weitem Bogen aus dem Wagenfenster, und unzählige schwarze Hände streckten sich aus, um sie aufzufangen. — Auf der nächsten Station erfrischten wir uns an einer schönen Ananas für 5 Pf.

Erika war während der ganzen Fahrt musterhaft; das Schaukeln des Zuges gefiel ihr, nur wenn er hielt, ließ sie ihr Stimmchen hören. Ihr Körbchen stand auf der Bank direkt am Fenster und erregte, weil es von draußen zu sehen war, auf allen Haltestellen die Neugierde der Mohrenweiber. Sie reckten ihre Hälfte so lang wie möglich, konnten aber mit dem besten Willen weiter nichts entdecken. Manchmal nahm ich das kleine Geschöpf auf den Arm und zeigte es ihnen. Dann gab's ein allgemeines Staunen und Getuschel. Wahrscheinlich tauschten sie ihre Ansichten aus über das kleine weiße Kind, das nicht wie ihre eigenen in einem Tuch eingebunden auf dem Rücken getragen wurde.

Es war die Zeit der Buschbrände. Streckenweise loderten hüben und drüben der Bahngleise rote Flammen auf. Wie unheimliche Gerippe standen die Steppenbäume, die der Gewalt des Feuers getrotzt hatten, auf der verkohlten und meilenweit mit Grasasche bedeckten Flur.

Gegen Ende der Fahrt bekamen wir einen schönen Ausblick auf den Agu, einem Gebirgsstock von nahezu 1000 m Höhe mit teilweise kahlen Kuppen. An einem Abhang sieht man die Agupflanzungen, auf welcher Kakao und Gummi angebaut wird, von einem andern grüßt eine Missionsstation.

Ungefähr um 2 Uhr waren wir in Palime, dem Ziel unserer Eisenbahnfahrt, angelangt. Um Erika genügend vor den Sonnenstrahlen zu schützen, betteten wir ihr Köpfchen in einen Tropenhelm meines Bruders, und damit auf alle Fälle nichts passieren konnte, wurde noch ein Regenmantel schützend über den Korb gebreitet. Ein langer Soldat nahm die leichte Last wieder auf den Kopf und ging damit zum katholischen Schwesternhaus. Hier wollten wir Rast machen, bis die größte Hitze vorbei sein würde. Meine Schwägerin folgte mit der Schwesternoberin, die uns sehr liebenswürdig entgegengekommen war und uns durchaus bis zum nächsten Tage beherbergen wollte. Ich mußte wegen des Gepäcks noch einige Zeit auf dem Bahnhof bleiben. Es war glühend heiß: der Sand kochte, das merkte ich an meinen Füßen, die trotz der Lederstiefel wie Feuer brannten. Dann hatte ich noch allerlei Notwendiges in einer Faktorei zu besorgen, da wir der Unabhängigkeit wegen in Misahöhe selber kochen wollten. Als ich nach Erledigung der Geschäfte in die Nähe des Schwesternhauses kam, hörte ich Erika schon von weitem schreien. Die Fahrt und die ungewohnte Umgebung regten sie wohl auf. Ein Bad tat ihr gut, und dann wurde sie gefüttert. Inzwischen war es auch Zeit geworden, an den Aufbruch zu denken. Und nachdem mein Nichtchen noch einer großen Anzahl kleiner Mohrendamen vorgestellt worden war, die es mit Staunen und Bewunderung betrachteten, von ihm aber auch ganz genau und sehr vergnügt angesehen wurden, nahm der Soldat sie wieder auf den Kopf. Meine Schwägerin und ich bestiegen den bekannten schwarzweißroten Handwagen des Bezirksamts, und von fünf Soldaten gezogen und geschoben fuhren wir langsam auf sanftansteigender Straße Misahöhe zu. Das letzte Drittel des Weges wurde steiler, so daß wir es vorzogen, zu Fuß zu gehen. Die größte Hitze war ja auch vorbei. Wässerlein rieselten ab und zu den Berg hinunter, die Stille in der Natur belebend und das Wachstum der Pflanzen und Bäume fördernd, die hier in großer Menge üppig grünten. Da gab's stellenweise prächtige Ölpalmen, saftstrozende Bananenstauden und mächtige, in den Himmel ragende Kapokbäume, der Boden war dicht bewachsen mit Schlinggewächsen und Gebüsch. Köstliche Kühle umfing uns am Schweinfurtfall, auch an den kleineren versteckten Kerstingfällen hörten wir Wasser rieseln. Als wir die Fälle hinter uns hatten, winkte bald die Station Misahöhe, an einem Berghang des Agomegebirges gelegen,ganz in Grün eingebettet, mit hübschen Anlagen und sauber gebauten Häusern, und nicht lange nachher waren wir in unserer Sommerfrische angelangt.

Für Erika war es schon Schlafenszeit; sie wurde sofort besorgt und schlief auch gleich ein. Mit großem Behagen benutzten wir Damen nach dem Abendessen das erfrischende Bad und ruhten nach des Tages Last und Hitze sehr gut.

Die erste Nacht verbrachten wir im Fremdenzimmer des abwesenden Bezirksamtmanns. Da es aber für drei Personen doch etwas klein war, bezogen wir nachher das leerstehende sogenannte Stationsleiterhaus. Es hat zwei große Räume mit Bett, verschiedenen Tischen, Schränken, Stühlen und auch ein großes Bad, in dem man beinah schwimmen kann, dazu Veranden auf zwei Seiten. Auch die Küche ist ganz in der Nähe. Unbezahlbar ist der Blick ins Grün. In Unmittelbarer Nähe ein kleiner Ölpalmenhain mit außergewöhnlichen schönen Exemplaren, links das Wohnhaus des Bezirksamtmanns, von Bäumen halb verdeckt, rechts steil ansteigend die Moltkespitze mit ganz kahler Kuppe, an ihren Hängen mit dichtem Urwald bewachsen. Dazu das Plätschern einer Quelle, die oberhalb der Station gefaßt ist, und in einer kunstvoll mit einfachen Mitteln gebauten Leitung das Badewasser für die Weißen und das Gebrauchswasser für die Eingeborenen liefert. Die eigentliche Trinkquelle, von der jeder Europäer unbeschadet seiner Gesundheit trinken kann, entspringt unterhalb Misahöhe. Man glaubt nicht, mit welchem Behagen man ein Glas Quellwasser trinkt, wenn man es so lange entbehrt hat, und welchen Genuß ein Bad bereitet, bei dem das Wasser nicht viel wärmer als 20 Grad Celsius ist. In Lome selbst wird natürliches Wasser wegen der Gefahr der Ansteckung mit Dysenterie von den meisten Europäern überhaupt nicht getrunken, und die normale Temperatur des Badewassers ist in der Trockenzeit 28 Grad Celsius.

Seitdem die schöne Kamestraße, die über die den Françoispaß und durch die wildromantische Kameschlucht führt, ihrer Fertigstellung entgegengeht, ist der Verkehr aus dem westlichen Innern nach der Küste erschlossen. Streckenweise benutzen allerdings die Eingeborenen Richtewege, die sie schneller ans Ziel bringen. Ein solcher führt vom Françoispaß über Misahöhe direkt an unserm Haus vorbei und durch das Dorf Jo. Fortwährend sahen wir Eingeborene abwärtssteigen mit schweren Lasten auf dem Kopf. Alle Erzeugnisse werden jetzt auf den Markt gebracht: Gummi, Baumwolle, Palmkerne, Mais usw. Gewöhnlich haben die Weiber dazu noch ihre Kinder auf den Rücken. —

Am dritten Tag unserer Sommerfrische kam mein Bruder wohlbehalten aus dem Busch zurück, sein Pferdchen am Zaum führend. Er sah recht buschmäßig aus, ganz verbrannt und schmutzig, und freute sich, zur Fertigstellung seines seines Reiseberichtes noch drei Tage in Misahöhe bleiben zu können.

Recht verwöhnt wurde wir durch die guten Gaben aus dem hiesigen Gemüsegarten. Täglich gab es etwas anderes. Ein großer Fruchtkolben voller Bananen hing zum allmählichen Nachreifen und Essen in der Veranda, manchmal verzehrten wir drei Ananas an einem Tage.

In Misahöhe, d.h. überhaupt im Innern Togos, wehte noch starker Harmattan, so nennt man den alljährlich in der Trockenzeit auf längere Zeit auftretenden Wüstenwind, der Staub und Asche mitbringt und die Luft so dick macht, daß die Sonne nur noch als matte gelbe Scheibe erscheint; der eine große Trockenheit verbreitet, daß die Lippen aufspringen, die Möbel knacken, die Aktendeckel sich biegen und die Pflanzen verdorren. Aussicht hatten wir deshalb in den ersten Tagen unseres hiesigen Aufenthaltes noch nicht. Durch einen heftigen Tornado hatte sich aber dann die Luft geklärt, und da wir gerne einmal die Tropenwelt ganz von oben besehen wollten, überließen wir Erika am Tage nach dem Tornado unsern schwarzen Dienern und stiegen zum Hausberg hinauf. Er ist ungefähr 700 m hoch,hat oben auf dem langgestreckten kahlen Gipfel ein Rasthaus, das erholungsbedürftigen Beamten schon öfters zum Aufenthalt gedient hat. Die bösen Malariamücken gibt's hier oben nicht. Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal mit Bekannten aus Lome acht von allem Verkehr abgeschlossene idyllisch schöne Tage hier verlebt. Nun freute ich mich des Wiedersehens. Vor uns lag, so weit das Auge reichte, die anmutige Hügel- und Berglandschaft des Agomegebirges. Von der entgegengesetzten Seite grüßte Palime, und unmittelbar zu unseren Füßen lagen die schmucken Häuschen des Bezirksamts mit ihren weißgekalkten Wänden und dunkeln Schindeldächern. Auch der Agu war klar zu sehen, selbst die Häuschen an seinem Hang blinkten weiß herüber.

Während unserer Kletterpartie war der "Herr" von Misahöhe von seiner neunzehntägigen Buschreise zurückgekommen. Wir hörten gleich die Neuigkeit, als wir von unserer Wanderung zurückkehrten. Da gab's dann gemeinschaftliches Abendessen und nachher noch ein paar unterhaltende Stunden, gewürzt seinerseits mit Geist und Humor. —

Da meine Geschwister die Kameschlucht kannten, machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg nach dort. Mein Stahlroß war leider zerbrochen, aber eine Hängematte stand mir zur Verfügung. Unser kleiner Diener sollte auf seinem eigenen Rade mit meinem photographischen Apparat und etwas für den Durst nachkommen. Recht langsam gings vorwärts, den größten Teil des Weges bin ich überhaupt zu Fuß gegangen. Aber als die Gegend gerade anfing schön zu werden, war es beinah Zeit umzukehren. Vorher war der Weg streckenweise sehr sonnig gewesen. Nun schlossen sich die Berge zusammen, die eigentliche Schlucht begann, ich kam mitten in den Urwald. Die Hängematte mit den fünf Trägern ließ ich jetzt zurück und fand zunächst ein Arbeiterdorf. Hier hatten die Wegearbeiter gerade Feierabend gemacht, sie standen schwatzend umher, während ihre Weiber Essen kochten und die Kinder Fufu stampften. Fufu ist gekochter Jams, der in einem ausgehöhlten Baumstumpf zu Brei gestoßen und später gebraten wird. In Togo ist Fufu die Hauptnahrung für Erwachsene und Kinder. Hinter dem Dorf wurde der Weg herrlich, rechts steil ansteigender Berg, links schwindelnder Abgrund mit tiefgrünen, undurchdringlichem Dickicht. Am liebsten wäre ich immer weiter gewandert. Aber ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, daß es höchste Zeit war, den Heimweg anzutreten.

Von meinem Diener Quassi war war bis jetzt noch nichts zu sehen gewesen. Erst als ich schon halb wieder in Misahöhe war, kam er humpelnd daher und zeigte mir eine Wunde am großen Zehen, die ihn gehindert habe zu radeln.
Als ich ihn fragte, warum er das nicht vorher gemeldet hätte, entgegnete er "Wenn du sagst, ich soll kommen, ich nicht kann sagen nein." Mir tat am meisten leid, daß ich auf diese Weise zu keiner einzigen photographischen Aufnahme gekommen war. Aber das war nun nicht zu ändern.

Schleunigst verzehrte ich dann eine Pampelmuse, eine apfelsinenartige sehr saftreiche Frucht, in Größe eines guten Kindskopfes, in letzter Zeit auch in Deutschland unter dem Namen große Fruit zu haben. Nach dem langen Weg war ich durstig geworden. Auch Quassi bekam eine.

Unendlich wohltuend nach der langen, manchmal recht beschwerlichen Wanderung, die erst, als es schon stockfinster war, ihr Ende erreichte, wirkte das kühle Bad. —

Tags darauf machten meine Schwägerin und ich einen Spaziergang nach den nahen Kerstingfällen. Es war nicht ganz leicht hinzukommen. Der schmale Weg war ziemlich verwachsen, außerdem lag ein umgestürzter schwerer Baum mit unzähligen zweigen darüber. Unsere Kleider wiesen einige Risse auf, aber wir waren wenigstens hinübergekommen und fanden auch die beiden Fälle, ein Idyll im Urwald, mit Schlingengewächsen und Farren dicht bewachsen. Dazu das Murmeln des Wassers und die angenehme Kühle, ein ungemein lauschiges Plätzchen. Zurück wählten wir einen anderen, etwas unvorsichtigen Weg. Wir kletterten nämlich aufs Geratewohl den Berghang hinunter, kamen aber glücklicherweise bald auf die Kamestraße, die wir dann für den Heimweg benutzten.

Am letzten Tage unserer Sommerfrische unternahmen wieder wir Damen einen Ausflug ins Schlafkrankenlager, das auf einem tsetsefreien Berge des Agomegebirges, dem Kluto, angelegt ist. Kleinchen der Fürsorge ihres Vaters überlassend, begannen wir gegen 7 Uhr morgens den Aufstieg, der vielleicht eine Stunde dauerte, gefolgt von unserm schwarzen Diener. Der Weg wurde uns nicht lang; um diese Zeit ist die tropische Hitze noch erträglich, trotz des klaren blauen Himmels, der sich über uns wölbte. Der leitende Arzt, der uns kürzlich zu diesem Besuch aufgefordert hatte, kam uns ein Stückchen entgegen und führte uns, oben angekommen, gleich zum bereitstehenden Frühstück. Auf diese Weise gekräftigt, machten wir dann unter seiner Führung einen sehr interessanten Rundgang durchs Lager.

Zuerst kamen wir zu ganz primitiven Webstühlen, an denen die weniger Kranken die schmalen Streifen weben, aus denen die Hüftentücher, die die Eingeborenen tragen, zusammengesetzt werden. Man könnte die Weber fast als lebendige Webstühle bezeichnen.. Sie arbeiten mit Händen und Füßen, haben ein kammähnliches hölzernes Instrument in den Händen mit vielen Zähnen, mit dem sie die Baumwollfäden auseinanderhalten, und das jedesmal den durchgezogenen Querfaden fest an die vorhergegangenen anschiebt.

Weitergehend sahen wir einen Schwerkranken. Zusammengekauert und abgemagert lag er in seiner Hütte; seine Haut war ganz rissig, glänzte aber wie gewichstes Leder. Im Kopf schien er nicht ganz klar zu sein, jedenfalls gab er auf die Frage, ob er Schmerzen habe, keine Antwort.

Dann zeigte uns unser Führer an verschiedenen herumstehenden Kranken die geschwollenen Drüsen am Hals, die das Wahrzeichen der Schlafkrankheit sind. Nach der Infizierung durch einen Stich der Tsetsefliege schwellen zunächst die Halsdrüsen an, und wenn der Arzt sie punktiert (anzapft), findet er in ihnen zuerst die Parasiten, die die Schlafkrankheit erregen. Der Ausbruch der Krankheit erfolgt gewöhnlich nach acht Tagen. Es ist aber schon beobachtet worden, daß die Parasiten zu ihrer Entwicklung mehre Jahre nötig hatten.

Heilung oder wenigstens Stillstand der Krankheit konnte, wie ich von unserem Führer hörte, bei Anwendung von Arsenophenylglycin schon öfters konstatiert werden. Die als geheilt Entlassenen bleiben aber immer noch unter ärztlicher Aufsicht. Einige Ärzte sind in Togo stets auf der Suche nach Schlafkranken. Auf den Marktplätzen, die ja der tägliche Versammlungungsort fast aller Dorfbewohner sind, werden die Leute, manchmal gegen ihren Willen, untersucht. Sobald sie geschwollene Halsdrüsen haben, bekommen sie ein Zettel und gehen damit auch gutwillig auf den Kluto; denn sie wissen ganz genau, daß sie es dort oben gut haben und gesund werden können. Bald nach Beendigung des sehr lehrreichen Rundganges verabschiedeten wir uns von unserm liebenswürdigen Führer und stiegen abwärts.

Damit wir am andern Morgen nicht in aller Herrgottsfrühe aufbrechen mußten, um den Zug in Palime, der um sieben Uhr abfuhr, rechtzeitig zu erreichen, machten wir Damen uns im Laufe dieses Nachmittags zum Abzug nach dort bereit, und als es schon dunkelte, kamen wir auch wohlbehalten in Palime an. Wir fanden wieder im Schwesternhaus freundliche Aufnahme, entdeckten aber dort bald unheimlich viel Mücken. Sogar in unsern Netzen fingen wir eine ganze Menge.

Bei der Gelegenheit konnten wir ein Negerkindchen, das erst sechs Stunden alt, aber schon getauft war, ganz in der Nähe bewundern. Seine Mutter war bald nach der Geburt gestorben. Nun nahmen sich die Schwestern seiner an, bis sich eine Frau fände, die das Kind aufzöge. Das Mohrenmägdlein hatte ausgesprochenen Negertypus und schwarzes Wollhaar, die Gesichtsfarbe war aber nicht schwarz, sondern dunkelgelb. Erst nach drei Wochen sollen die Kinder der Eingeborenen schwarz werden.

Am folgenden Morgen holte uns mein Bruder, der noch in Misahöhe geschlafen hatte, ab, und wir schieden mit vielen Dank aus dem gastlichen Hause.

Die Heimfahrt verlief wie die Hinreise, und Abends ließen wir wieder in Lome die ewige rauschende Brandung des Meeres unser Schlaflied singen.

Quelle: Süssenrotts Illustrierter Kolonialkalender, 1912, von rado jadu 2000.

 

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