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Wie es war, als die Deutschen kamen und als sie gingen

Als der Reichskommissar Dr. Nachtigall am 5. Juli 1884 in Bagida die deutsche Flagge hißte, befand sich Togo, ein Gebiet von der Größe des rechtsrheinischen Bayern mit Württemberg, noch ganz im Urzustande. In der Hauptsache kennzeichnete sich dieser durch das Fehlen brauchbarer Verkehrswege, durch die ständigen Stammesfehden und durch die Willkürherrschaft der Machthaber. Vergiftungen und Totschläge waren an der Tagesordnung. In den schmutzigen Küstendörfern standen am Strande einige kleine, barackenartige Holzhäuser der wenigen europäischen Firmen. Der vorwiegende in deutschen Händen liegende Handel spielte sich nur an diesen Küstenplätzen ab und wurde selbst auf der dahinter liegenden, als Zufuhrweg dienenden Lagune durch Sperrzäune der Uferdörfer zwecks Erpressung hoher Durchgangsabgaben behindert.

An der hafenlose, dem direkten Anprall der Wogen des Ozeans ausgesetzten Dünenküste steht ununterbrochen das ganze Jahr hindurch eine schwere Brandung, durch die der Verkehr nur mittels besonderer Brandungsboote und hochbezahlter, geübter, eingeborener Ruderer möglich war. Zeitweilig, namentlich in den Sommermonaten, war sie so stark, daß die Boote häufig umschlugen und der Verkehr zwischen Schiff und Land eingestellt werden mußte. Nachts konnten die Küstenorte überhaupt nicht angesteuert werden, da kein Leuchtfeuer vorhanden war.

Im Inlande gab es weder durchgehende Wege noch Brücken. Sümpfe und Flüsse hemmten den Verkehr. Zwischen den verschiedenen Landschaften lag meist unwegsamer Busch, der nur mit kundigen Führern auf kaum kenntlichen, schwierig zu begehenden Jägersteigen durchquert werden konnte. In der Regenzeit, wo Flüsse und Bäche hoch angeschwollen und die Niederungen weithin überschwemmt sind, hörte jeder Verkehr auf. Hinwiederum litt man in der Trockenzeit, wo alle Wasserläufer in der Ebene mit Ausnahme einiger größeren Flüsse völlig austrocknen, unter Wassermangel, da es Brunnen nicht gab. Das aus schlammigen, verunreinigten Tümpeln oder Wasserlöchern geschöpfte schmutzige Wasser enthielt zahlreiche Krankheitskeime und war daher höchst gesundheitsschädlich. Das einzige Transportmittel war, außer in Nordtogo, wohin in der Trockenzeit Eselkarawanen, auch Trag-Ochsen und Pferde aus dem Sudan kamen, der Mensch, der die zu befördernde Last auf dem Kopfe trug. Das Vorkommen der giftigen Tsetefliege gestattete die Verwendung von Tragtieren nicht.

Aber das schlimmste Verkehrshindernis war die im Lande herrschende Unsicherheit. Die meisten Stämme waren miteinander verfeindet und fingen sich gegenseitig Menschen weg, wo sie nur konnten. Wenn jemand an den Angehörigen eines anderen Stammes eine Forderung hatte oder zu haben glaubte, so hielt er sich durch Gefangennahme irgendeines zufällig in seinen Machtbereich geratenden Angehörigen dieses Stammes schadlos. Natürlich übte der andere Stamm Wiedervergeltung. Die Gefangenen wurden zu Sklaven gemacht. Es bestand ein lebhafter Sklavenhandel. Die Sklaven stammten außer aus dieser Quelle aus den ständigen Kriegen der mohammedanischen Reiche des Nordens gegen die Heidenstämme. Teils waren es auch solche, die wegen unverbesserlichen Schuldenmachens oder wegen Totschlag verkauft worden waren. Aber auch innerhalb der einzelnen Stämme bestand keine Sicherheit für Leben und Eigentum. Die Häuptlinge in Verbindung mit den Fetischpriestern, andernorts die Geheimbünde, tyrannisierten die friedliebenden Bevölkerung. Mißliebige und Wohlhabende wurden mit Gewalt oder durch falsche Anklage, z. B der Hexerei, ausgeplündert oder umgebracht, meist durch Gift. Man bediente sich dazu des sogenannten Gotteswassers, dessen Mischung ganz in der Hand der Fetischpriester lag, und das der angeklagte trinken mußte. Fleiß und Erwerbssinn waren unter solchen Umständen gering. Plötzliche Todesfälle schrieb man grundsätzlich der Vergiftung oder Hexerei zu. Daher waren Anklagen wegen Hexerei sehr häufig. Der Mörder wurde dadurch ausfindig gemacht, daß man den Toten auf einer Bahre im Dorfe herumtrug. Vor wessen Hütte die Bahre ein Ruck gab, in dessen Hütte wohnte der Mörder. Starb ein großer Häuptling, so wurden Menschen ermordet und ihm als Begleiter zum Jenseits ins Grab mitgegeben. Überhaupt beherrschte der roheste Aberglaube das unwissende Volk. Es stand daher ganz unter dem Einfluß der Fetischpriester und Zauberer, die es gründlich ausbeuteten. Manchen Gottheiten wurden sogar Menschen geopfert. Der Wehrwolfglaube, wobei der Leopard die Stelle des Wolfs vertritt, war allgemein verbreitet. Aus Furcht vor den Geistern der Verstorbenen, vor bösen Geistern und vor Hexen wagte man sich nachts nicht aus dem Dorfe oder gar aus dem Gehöft.

Alter Mann

Religion: EWE

Die Dörfer waren schmutzig und ungesund, denn aller Unrat wurde an den Dorfeingängen aufgehäuft. Ausbesserung der Hütten fand nicht statt, und Hütten Verstorbener wurden verlassen, so daß die Dörfer voll Ruinen waren. Aus furcht vor Überfällen wohnten die schwächeren Stämme versteckt im Busch oder auf hohen Bergen oder in schwer zugänglichen Gebirgstälern. Kein Baum wurde gepflanzt. Daher rührte die auffallende Armut an Obstbäumen. Schutzlos war die Bevölkerung verheerenden Volksseuchen, wie Pocken, Schlafkrankheit, Aussatz, Wurmkrankheit u.a., preisgegeben. Ganze Dörfer wurden von den Pocken entvölkert. Daher floh bei Ausbruch der Pocken alles in den Busch. Fast noch schlimmer, weil dauernd, wirkte das Fehlen jeder Heilkunde und jeder Hygiene. Man kannte nur ein paar Heilkräuter, im übrigen nur abergläubische Gebräuche. Ebenso schutzlos standen die viehhaltenden Stämme des Nordens den Viehseuchen gegenüber. Viehtransporte nach dem einen guten Absatzmarkt bildenden Küstengebiet waren nicht möglich. Daß unter diesen Umständen Handel und Verkehr sehr gering waren und die breite Masse in Armut und Dürftigkeit sowie in Angst vor allem möglichen Unglück lebte, ist begreiflich.

Nachdem die zunächst mit den allerbescheidensten Mitteln arbeitende deutsche Schutzherrschaft in hartem Wettkampf mit England und Frankreich über das ganze Schutzgebiet Togo ausgedehnt war wurde als erste Hauptaufgabe, deren Lösung der Einrichtung einer geordneten Verwaltung vorausgehen mußte, die Befriedung des Landes in Angriff genommen. Trotz der geringen Mittel gelang dies mit Hilfe der kleinen, aus Landeseingeborenen gebildeten Polizeitruppe in wenigen Jahren und unter verhältnismäßig geringen Menschenverluste, wenn es auch einige schwere Kämpfe gab. Der Ausbruch von Stammesfehden kam überhaupt nicht mehr vor, sondern man fügte sich dem Schiedsspruch des Bezirksamtmanns. In der Hauptsache lag das wohl daran, daß dem Schutzgebiet eine Reihe alter, erfahrener Beamter erhalten blieb, die sich das Vertrauen der Eingeborenen erworben hatten.

Sobald der Landfrieden gesichert war, wurde begonnen, das Land schrittweise in geregelte Verwaltung zu nehmen. Dazu wurde das Land nach und nach in acht Bezirke eingeteilt mit eigener Verwaltung und Polizeiabteilung. Das erste war, Leben und Eigentum des einzelnen überall im Lande sicherzustellen. Wenn es auch einige Reibungen gab so wurde dies mit Hilfe des friedliebenden Teils der Bevölkerung doch überraschend schnell und so erfolgreich durchgesetzt, daß, wie die Eingeborenen sagten, ein Kind ungefährdet das ganze Land durchwandern konnte. Gleichzeitig damit wurde der Sklavenhandel und die weitverbreitete Pfandhaft oder Schuldknechtschaft völlig unterdrückt. Das war möglich, weil die Autorität der Bezirksamtsgerichte stark genug war, um säumige Schuldner zur Zahlung zu zwingen. Die Verwaltung und Rechtsprechung wurde dadurch besonders wirksam, daß sie die einheimischen Autoritäten, in erster Linie die Häuptlinge, in zweiter die Sippenältesten, zu verantwortlicher Mitwirkung heranzog. Die Häuptlinge, deren Rechte und Pflichten genau geregelt waren, bildeten die unterste Instanz der Rechtspflege und waren die Steuererheber. Jede größere Verwaltungsmaßnahme wurde vorher in einer Häuptlingsversammlung besprochen und dabei auch auf begründete Wünsche der Eingeborenen Rücksicht genommen. Die Häuptlinge wurde frei gewählt. Die Verwaltung behielt sich nur das Recht der Absetzung ganz ungeeigneter oder dauernd widersetzlicher Häuptlinge vor. Die Einsetzung und die Übergabe der als Abzeichen dienenden Mütze erfolgte in feierlicher Weise auf dem Bezirksamt. Um den größeren Fürsten in Nordtogo soviel als möglich und zulässig von ihren angestammten Rechte lassen zu können, waren dort keine Bezirksämter, sondern Residenturen eingerichtet.

Bei den häufigen Dienstreisen, die sich über alle Teile des betreffenden Bezirks erstrecken, nahmen die dazu vorgebildeten Beamten die bereiste Gegend topographisch auf. An dieser Riesenarbeit, die freiwillig aus Liebe zur Sache geleistet wurde, nahmen auch Nichtbeamte teil. Aus dem so entstandenen Material wurde in die Heimat eine anerkannte vortreffliche, mittels neuer Aufnahmen ständig verbesserte Karte des Landes hergestellt. Zur Erforschung des Klimas lieferten die regelmäßigen Wetterbeobachtungen an elf Stationen die nötigen Unterlagen. Die für die Landeskultur wichtige Regenmessungen wurden an 21 Stationen vorgenommen.

Damit waren die nötigen Unterlagen für die wirtschaftliche Erschließung des Landes geschaffen. Sie begann mit dem Bau eines anfangs primitiven, aber ständig verbesserten und weiter ausgedehnten Netzes auch in der Regenzeit gangbarer Wege, die im Laufe der Jahre größtenteils zu Fahrwegen ausgebaut wurden. Die Brücken und Durchlässe wurden zunächst aus einheimischen, vor Termitenfraß sicherem Hartholz hergestellt, die später auf den Fahrwegen nach und nach durch Massivbauten ersetzt wurden. Es dauerte nicht lange und man konnte alle Teile des Schutzgebietes auf bequemen Wegen bereisen. Die Benutzung des Fahrrads, später des Motorrads, bürgerte sich ein und fand auch bei den Eingeborenen sehr großen Anklang. Bei den namentlich im Anfang sehr geringen Mitteln war der Bau nur mit Hilfe der Eingeborenen möglich, die verpflichtet wurden, jährlich 12 Tage Steuerarbeit unentgeltlich für die Regierung zu leisten. Die Einführung der Besteuerung gelang, weil die Eingeborenen sehr schnell den Nutzen guter und vor allem sicherer Wege begriffen. Scharen von Frauen und Kinder, die früher ihre Dörfer nicht verließen, zogen ohne männlichen Schutz zu den weit entfernten märkten. An den Wegen wurden in kurzen Abständen gefällige, geräumige Rasthöfe in verbesserter Eingeborenenbauweise erbaut, die Unterkunft sowohl für durchreisende Europäer als für Eingeborene boten. Das Europäerhaus wurde mit einigen ganz einfachen Möbeln ausgestattet, wodurch das Reisen außerordentlich erleichtert wurde. Wo die Straßen wasserlose, unbewohnte Gegenden durchquerten, wurden große Regenwasserbehälter errichtet, aus denen Trinkwasser gegen Entrichtung von 5 Pf. abgegeben wurde. Gefüllt wurde sie durch das von den Wellblechdächern der Rasthäuser ablaufende Regenwasser. Wo das Grundwasser nicht zu tief stand, wurden Brunnen gegraben und mit Pumpen versehen. Dasselbe geschah auch in den Dörfern, die in der Trockenzeit schwer unter Wasserarmut litten. Zur Erleichterung des Verkehrs wurden an den unbewohnten Strecken Dörfer angelegt, die mit den zur Verbannung aus ihrer Heimat verurteilten Übeltätern besiedelt wurden. (Besserungssiedlungen). Später geschah dies auch für freie Ansiedler aus übervölkerten Landschaften.

Da sich mit dem fortschreitenden Ausbau des Wegenetzes Handel und Verkehr in ungeahnte Weise hoben, konnte und mußte der Bau von von Eisenbahnen in Angriff genommen werden. Dazu war die Schaffung einer brauchbaren Landungsgelegenheit Vorbedingung. Da ein Hafen nicht gebaut werden konnte, geschah das durch Anlage einer 366 m langen, weit über die Brandung hinaus in die See reichenden, eisernen Landungsbrücke, die mit Eisenbahngleisen und fünf Kränen versehen ist. Von dem so geschaffenen Hafenplatz Lome aus wurden drei Strahlenförmige auseinandergehende Eisenbahnlinien angelegt, und zwar eine von 44 km Länge, die nach Osten die Küste entlang läuft und den Anschluß an das Wasserstraßennetzes von Anecho bildet, eine von 119 km Länge nach Nordwesten bis an das Togogebirge, nach Palime, einer fruchtbaren, gutbevölkerten Gegend, und eine von 167 lm Länge direkt nach Norden nach dem wichtigen Handelsplatz Atakpame, die das Anfangsglied einer ganz Togo von Süd nach Nord durchziehenden Zentralbahn zu bilden bestimmt war. Um die Einflußgebiete der Bahnen möglichst viel Frachten zuzuführen, wurden die an den Bahnen anschließenden Hauptverkehrswege als Lastkraftwagenstraßen ausgebaut. An den Endpunkten der beiden Inlandbahnen liefen auch schon Lastkraftwagen privater Unternehmer.

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Dem Straßenbau folgte die Reichspost, die in Lome ein Postamt errichtet hatte, mit dem Telegraphen, der alle wichtigen Plätze des Landes mit der Hauptstadt Lome verband, und mit der Einrichtung von Postagenturen in diesen. Im Interesse der meist schreibunkundigen Eingeborenen war der Telegraph auch zum Telephonbetrieb eingerichtet. Das Telephon wurde ebenso wie die Eisenbahn von den Eingeborenen eifrig benutzt. Ursprünglich war Togo mit der Heimat nur durch Anschluß an die Landlinien der benachbarten englischen und französischen Kolonie, seit Anfang 1913 aber auch durch ein deutsches Kabel, das kein englisches oder französisches Gebiet berührte, verbunden. Gerade als der Weltkrieg ausbrach, war die Großfunkenstation Kamina bei Atakpame betriebsfertig geworden, die einerseits den Verkehr mit Nauen, andererseits mit unseren übrigen afrikanischen Kolonien vermittelte. Das war eine Glanzleistung deutscher Technik, denn den Franzosen und Engländern war es damals noch nicht gelungen, eine solche Entfernung ( 6 000 km ) in den Tropen sicher zu überbrücken.

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Gleichzeitig mit der Schaffung von Verkehrswegen wurde die Hebung der Eingeborenenlandwirtschaft in Angriff genommen. Bei der für afrikanische Verhältnisse dichten Besiedlung (etwa gleich der von Schweden) kamen Europäerpflanzungen weniger in Betracht. Aber trotz ihrer geringen Anzahl waren sie für Togo von größtem Wert, da sie, abgesehen von den wertvollen Rohstoffen, die sie in steigenden Maße erzeugten (Ölfrüchte, wie Kopra, Palmöl und Palmkerne, Kakao, Kautschuk und Sisalhanf) als Muster- und Lehranstalten dienten. Ihnen verdankte das Schutzgebiet auch das erste Werk zur maschinellen Aufbereitung von Palmöl und Palmkernen, eine Erfindung von der größten Tragweite für die Hebung der Hauptproduktion des Landes. Zunächst wurden in allen Bezirken zahlreiche Versuchsgärten angelegt, um festzustellen, welche Kulturen sich für die betreffende Gegend eigneten und gleichzeitig die Eingeborenen in diesen Kulturen anzulernen. Daneben wirkte das überaus segensreiche Unternehmen des Kolonialwirtschaftlichen Komitees, das sich der Hebung der alteinheimischen Baumwollkultur und der Anlage maschineller Entkernungswerke widmete. Ein Vorbild, das die fremden Nachbarkolonien zur Nachahmung veranlaßte. Die von ihm gegründete Baumwollschule in Nuatjä übernahm das Gouvernement und erweiterte sie zu einer Ackerbauschule, in der neben jungen Eingeborenen aus allen Teilen des Landes auch die eingeborenen Missionslehrer praktischen landwirtschaftlichen Unterricht erhielten. In ihre Heimat zurückgekehrt bzw. an ihre Schulen, diente sie als Vorbilder und Lehrer für ihre Stammesgenossen. Nachdem die Versuche Klarheit ergeben hatten, welche Kulturen für die verschiedenen Gegenden in Frage kamen, wurden den Bezirksverwaltung landwirtschaftlich vorgebildete Landwirte (Bezirkslandwirte) beigegeben, die die Eingeborenen in einer rationellen Kultur der Baumwolle, der Ölpalme, des Kakao u.a. unterrichteten, die Anzucht guter Saat und deren Verteilung besorgten und die richtige Pflege der Kulturen überwachten. Dazu legten sie außer den Saatzuchtstellen Lehrpflanzungen an. Der Baumwollkultur wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und diese versprach bei Ausdehnung des Bahnnetzes nach Nordtogo einen großen Umfang anzunehmen.

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Die Anpflanzungsversuche der Bezirksverwaltung dehnten sich auch auf einheimische und fremde (Tiek-) Nutzhölzer aus und wuchsen sich mit der Zeit zu Aufforstungen aus. Das Gouvernement ließ darauf in Anbetracht der relativen Waldarmut des Landes in waldarmen Gegenden durch Forstfachleute umfangreiche Aufforstungen beginnen. Auch wurde eine Waldschutzverordnung erlassen, um bei der sich immer mehr ausdehnenden Kakaokultur den Wald da, wo seine Erhaltung im Interesse des Landes notwendig erschien, vor Vernichtung schützen zu können. Aus demselben Grunde wurde große, ungenutzte Urwaldgebiete zu staatlichen Waldreservate erklärt. Zur Hebung der in dem tsetsearmen Nordtogo lebhaft betriebenen Viehzucht wurde dort kurz vor Ausbruch des Weltkrieges ein Tierarzt stationiert, der die Eingeborenen zu einer Verbesserung der minderwertigen Rasse anleiten sowie die die Viehbestände dezimierenden Seuchen studieren und Mittel und Wege zu ihrer Bekämpfung ausfindig machen sollte. Dank der guten Wege hatte sich ein reger Viehauftrieb von Nordtogo nach der Küste entwickelt, der durch Ausstattung der hierfür in Frage kommenden Rasthöfe mit Viehkralen und Tränkstellen gefördert wurde.

Das einzige und wertvolle Kapital des leicht zu hebender Werte entbehrenden Togolandes ist die zahlreiche Eingeborenenbevölkerung. Ihre Erhaltung und Vermehrung gehört daher zu den Hauptaufgaben der Verwaltung. Zu dem Zwecke war nach und nach eine im Vergleich zu den Verhältnissen in den fremden Nachbarkolonien glänzende Organisation des Gesundheitsdienstes geschaffen worden. Nicht weniger als 16 Ärzte befanden sich bei Ausbruch des Weltkrieges in Togo, die teils als Regierungsärzte auf die verschiedenen Bezirke verteilt waren, teils als Impfärzte mit der Bekämpfung der Pocken und der Schlafkrankheit beschäftigt waren. Für die Europäer bestanden zwei guteingerichtete Krankenhäuser in Lome und Anecho. Überall, wo ein Regierungsarzt stationiert war, bestand auch ein Eingeborenenkrankenhaus, in dem auch mittellose Eingeborene Aufnahme fanden. In den Europäerkrankenhäusern übten Schwestern vom Roten Kreuz für die Kolonien ihre segensreiche Tätigkeit als Krankenpflegerinnen und Wirtschafterinnen aus. Außerdem waren eingeborene Heilsgehilfen ausgebildet worden, die den Ärzten zur Unterstützung bei der Krankenbehandlung und im Gesundheitsdienst beigegeben waren. Sie übten die ständige Kontrolle auf Fiebermückenbrutstätten aus. Jeder, auf dessen Grundstück eine solche gefunden wurde, wurde vom Bezirksamt mit einer Geldstrafe belegt.

Die in den Städten oder in ihrer Nähe befindlichen Tümpel und Sumpfstellen wurden zugeschüttet, versumpfte Wasserläufe reguliert. Dadurch wurden die Städte so gut wie malariafrei. Die engen, winkligen Eingeborenengassen wurden beseitigt und breite, mit Bäumen bepflanzte Straßen angelegt. In Lome bestand abseits der Stadt ein Isolierhof für Kranke mit ansteckenden Krankheiten, und in Begida ein Lepraheim für die zahlreichen Leprakranken. In Lome und Palime gab es Schlachthäuser mit Schlachtzwang, ferner öffentliche Aborthäuser.

Auch in den Dörfern, wo die Wurmkrankheit herrschte, standen die Abortplätze unter polizeilicher Aufsicht. In den Dörfern wurde auf Entfernung des Unrats und der zerfallenen Hütten gedrungen. Dadurch gewannen sie nicht nur ein sauberes Aussehen, sondern auch an Gesundheit. In den Städten wurde die Versorgung mit gesunden Trinkwasser sichergestellt. Die verheerenden Pockenepidemien hatten völlig aufgehört, seitdem durch Massenimpfungen eine Durchimpfung des größten Teils des Landes erfolgt war. Regelmäßige Impfreisen der Ärzte sorgten für Erhaltung dieses Zustandes. Da die aus Deutschland bezogene Lymphe in der Tropenhitze rasch verdarb, wurde eine Lymphbereitungsstation eingerichtet, wo es nach vielen Schwierigkeiten gelang, wirksame Lymphe herzustellen. Dort wurde ständig frische Lymphe bereitgehalten, damit bei dem plötzlichen Auftreten der Pocken sofort wirksam eingegriffen werden konnte. In gleich umfassender Weise erfolgte die Bekämpfung der hauptsächlich im Westen des Schutzgebietes auftretenden Schlafkrankheit. Dank dieser Fürsorge standen die deutschen Ärzte in hohem Ansehen bei den Eingeborenen. Sogar aus den fremden Nachbarkolonien kamen oft Eingeborene nach Togo, um sich von einem deutschen Arzt behandeln zu lassen.

Unter der Sorge für die materiellen Bedürfnisse der Eingeborenen wurde auch die Pflicht ihrer geistigen Hebung nicht vernachlässigt. Regierung und Missionsgesellschaften wetteiferten in der Pflege des Schulwesens.

Die Regierung beschränkte sich darauf, drei sechsklassige Volksschulen (1912: 304 Schüler aus den verschiedenen Stämmen) zu unterhalten, um ihren Bedarf an eingeborenen Unterbeamten, wie Dolmetscher, Schreiber, Zollaufseher, Heilgehilfen usw. decken zu können. Auch die Post, die Eisenbahn und die Kaufmannschaft, die immer mehr dazu überging, Farbige als Handlungsgehilfen und sogar als Buchhalter zu beschäftigen, erhielten von hier eingeborene Hilfskräfte. Im übrigen überließ die Regierung das Volksschulwesen den Missionen, denen sie zu seiner Unterhaltung und zu seinem weiteren Ausbau wachsende Schulbeihilfen zahlte. Der Lehrplan war im Einvernehmen mit den Missionen festgelegt, und alljährlich nahm eine Regierungskommission die Abgangsprüfungen vor, von deren Ausfall die Höhe der Staatsbeihilfe abhing. Unterrichtet wurde nur in der Landessprache und in Deutsch, um der Kolonie den deutschen Charakter zu wahren. Insgesamt bestanden im Jahre 1912/13, die Regierungsschulen eingerechnet, 361 Volksschulen, die von 11 870 Knaben und
2 740 Mädchen besucht wurden. Da der Fortschritt der Kolonie besser gebildete Hilfskräfte verlangte, die Eingeborenen ihrerseits auch nach höherer Bildung strebten, wurden von der Regierung sowie von der katholischen und von der evangelischen Mission je eine zweiklassige Fortbildungsschule eingerichtet. Vorbedingung der Aufnahme war das Bestehen der Abgangsprüfung der Volksschule. Zur Ausbildung ihres farbigen Lehrerpersonals unterhielten die beiden Missionen außerdem noch je ein Lehrerseminar. Bei der Erziehung wurde besonderer Wert auf die Charakterbildung der Schüler gelegt, um nicht faule, anmaßende Halbgebildete zu erziehen. Darum wurde bei jeder Schule von den Schülern eine als Lehrgarten dienende Nutzpflanzung bearbeitet, deren Ertrag dem Schulfonds zugute kam. Das entsprechende Gegenstück zu den Fortbildungsschulen bildeten außer der schon erwähnten Ackerbauschule die zwei Handwerkerschulen der Regierung und der katholischen Mission, letztere glänzend eingerichtet und sogar Druckerei und Buchbinderei enthaltend. Für die Güte der Ausbildung legen die ausschließlich mit Togoleuten ausgeführten und eingerichteten Bauten Zeugnis ab, im besonderen die Stadt Lome, die als das Nizza Westafrikas bezeichnet wurde. Togohandwerker waren an der ganzen westafrikanischen Küste gesucht, wie Togoleute überhaupt, was für ihre gute Erziehung spricht.

Alle diese Leistungen sind aber nicht ausschließliches Verdienst der Verwaltung und ihrer verschiedenen Zweige, sondern sie beruhen auf der pflichttreuen und verständnisvollen Mitarbeit aller in Togo tätig gewesenen Deutschen. Ihre Meinung wurde auch von der Regierung beachtet, da ihre Vertreter im Gouvernementsrat mit denen der Regierung zusammen über alle wichtigen Angelegenheiten der Kolonie berieten. Dank der geschilderten Maßnahmen hob sich der Wohlstand der Eingeborenen so, daß sie immer zahlreicher die Steuerarbeit durch Geld(je 6 M.) ablösten. Dadurch kamen 1912 rund 696 000 Mark ein. Ein- und Ausfuhr stiegen bis 1912 auf insgesamt 21,4 Mill. Mark und hatten, was sehr wesentlich ist, die Tendenz weiter zu steigen, da sich die Auswirkung der wirtschaftlichen Maßnahmen noch in den ersten Anfängen befand. Eine Ausdehnung des Eisenbahnnetzes über das ganze Land würde die Möglichkeit gegeben haben, die Produktionskraft des Landes auf seine volle Höhe zu bringen und dadurch Ein- und Ausfuhr auf ein vielfaches des Betrages von 1912 zu steigern. Die Hauptausfuhrprodukte waren bisher Palmöl, Palmkerne, Baumwolle, Mais, Kautschuk, Kakao und Kopra, denen, als zukünftiger Entwicklung fähig noch Sisalhanf, Kapok, Bananen, Erdnüsse und vielleicht noch Sorghumhirse, Schibutter und Strophantussamen beizufügen wären. Bei Ausbau der Hinterlandbahn trat auch der Abbau des Erzbergs bei Bangjeli ins Bereich des Möglichen, der nach Schätzung 20 Mill. t. Roteisenstein mit einem Gehalt von 50 % Eisen enthält. Hauptsächlich führte also Togo Ölfrüchte und Faserstoffe aus, für Deutschland unentbehrliche Rohstoffe, die es im Austausch gegen eigen Erzeugnisse erwerben konnte. Denn sowohl von der Einfuhr wie von der ausfuhr entfiel trotz Fehlens jeder Vorzugsbehandlung Deutschlands der Hauptteil (im Jahre 1909 60 und 61 %) auf Deutschland. Dabei fiel ins Gewicht, daß Togo keinen Zuschuß des Reiches brauchte, sondern sich selbst erhielt. Damit war aber der die wirtschaftliche Bedeutung Togos für Deutschland noch nicht erschöpft, denn es bot dem deutschen Handel und der deutschen Schiffahrt einen sicheren Stützpunkt für ihre Ausdehnung auf die großen und reichen und französischen Nachbarkolonien.

Die Urteile der zahlreichen ausländischen Reisenden, die Togo besucht haben, lauten ohne Ausnahme sehr günstig über das Geleistete, erweisen also die koloniale Schuldlüge als grobe Entstellung der Wahrheit. Aber den sichersten und unwiderleglichen Beweis dagegen liefert die tiefe Sehnsucht der Eingeborenen nach unserer Rückkehr und die geradezu rührende Anhänglichkeit an uns, die sie in Briefen und Kundgebungen verschiedenster Art bezeugen.

Quelle : Deutschland in den Kolonien, Togo von Geheimem Regierungsrat Dr.Hans Gruner, Otto Stollberg & Co., von rado jadu 2000

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