
China - Boxeraufstand
Die Abfahrt unserer Truppen von Wilhelmshaven.
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Die Augen der ganzen Nation waren in der vergangenen Woche auf Wilhelmshaven gerichtet. Ruhig und planmäßig hatte sich die Mobilmachung der Marine-Infanterie vollzogen. Die Abfahrt der kriegsstarken Bataillone gestaltete sich zu einem Moment von welthistorischer bedeutung. Zum erstenmal zogen deutsche Soldaten über das Meer, um jenseits des Ozeans Krieg zu führen und die dem deutschen Namen angetane Schmach zu sühnen. Außergewöhnliche Vorgänge verlangen außergewöhnliche Veranstaltungen. Wo Deutschlands Söhne in frischer Kampfesfreudigkeit hinausziehen, haben wir es uns zur Ehre angerechnet, in der Berichterstattung ebenfalls in vorderster Reihe zu stehen und die vielen Meilen, die die wagemutigen Soldaten von der Heimat trennen, durch Wort und Bild zu überbrücken. Der Kaiser, der wohl wußte, daß das ganze deutsche Volk mit inniger Teilnahme sem Lauf der Ereignisse gefolgt ist, hatte selbst den Kinetographen Eduard Meßter aus Berlin nach Wilhelmshaven befohlen, damit in echt moderner Weise die einzelnen Momente des Auszugs naturgetreu festgehalten würden, um den Zurückbleibenden eine dauernde Erinnerung zu bieten. Neben ihm haben auch Photographen einzelne wichtige Augenblicke auf der Platte festgehalten. Unserm Programm gemäß, den Zeitereignissen in der größtmöglichen Schnelligkeit auf dem Fuß zu folgen, haben wir die bedeutsamsten dieser Momentaufnahmen zu einer Sonderbeilage der "Woche" zusammengestellt. Alle Abschnitte der ernsten, feierlichen Tage leben hier im Bild wieder auf, und wir dürfen überzeugt sein, unsern Lesern mit dieser Sonderausgabe ein wahrhaft historisches Dokument von bleibenden Wert darzubieten. Unser erstes Bild hält den Moment fest, da der Kaiser, von heiligem Zorn über die grauenhafte Ermordung des deutschen Gesandten erfüllt, an die ausziehenden Truppen seine Ansprache richtete, die nicht nur in den Herzen derer, denen sie galt, sondern allenthalben, wo man sie kenen lernte, selbst in den fernen Ländern einen lauten, sympathischen Wiederhall geweckt hat. In dieser bedeutsamen Kaiserrede, die nach Form und Inhalt ein wahres Meisterwerk war, verstand es unser Monarch, in wenigen knappen Sätzen den Ernst des Augenblicks darzutun, die Stellung Deutschlands als der jetzt zunächst beteiligten Macht zu kennzeichnen und den Mut seiner Soldaten anzufeuern. Gleichzeitig richtete er aber an diese die Mahnung, mit allen Truppen, mit denen sie im fernen Ostasien zusammenkämen, gute Kameradschaft zu halten. Indem er ihnen zurief, daß Russen, Engländer, Franzosen, wer es auch sei, für eine gemeinsame Sache, für die Zivilisation fechten, hat der Kaiser zugleich festgestellt, daß sich an der Gesamtpolitik Deutschlands nichts ändern solle, daß das Deutsche Reich auch fürderhin in Eintracht mit den übrigen zivilisierten Mächten für die höchsten Güter der Menschheit in China eitreten wolle. Die markigen Worte des Monarchen fanden in den Herzen der Soldaten ein begeistertes Echo. Es sind prächtige Leute, die das Vaterland jetzt in die Ferne hinaussendet. In der Khakiuniform, die ihnen schmuck zu Gesicht steht, machen sie einen sehr kriegerischen Eindruck. Die Offiziere imponieren durch ihre ruhe und Sachlichkeit, mit der sie ihre Befehle geben und den ganzen ungeheuren Menschenapparat beherrschen. Generalmajor von Höpfner, der die Expedition führt, gilt für einen der schneidigsten Generäle unserer Armee. Mit alles beherrschender Umsicht leitete er die Einschiffung, und daneben fand er noch Zeit, die Mannschaften zu der letzten Vorstellung vor dem Kaiser zu schulen. Als dann die beiden Seebataillone vor dem Allerhöchsten Kriegsherrn vorbeimarschierten, da konnte auch das geübteste Auge des militärischen Fachmanns nicht bemerken, daß diese Truppe in denkbar kürzester Frist aus Soldaten aller Teile des Reichs zusammengesetzt war. Alles klappte, und der Parademarsch war tadellos, wie ihn eben nur die altbewährte preußische Tradition möglichmachen kann. Dann begann die Einschiffung. In langen Reihen waren die Soldaten aufgestellt. Einer nach dem andern betrat, das Gewehr in der Hand, die schwankende Brücke, die das feste Land mit dem Riesendampfer verband. Am Ufer aber standen di Angehörigen der Scheidenden. Abschiedsworte flogen hinüber und herüber. Tücher wehten in der Luft, und manches Auge füllte sich mit Tränen. In feierlichen Zuge wurden die Fahnen an Bord gebracht; zu Ruhm und Sieg sollen sie die Truppen auch im fernen Ostasien führen. Der Kaiser kam selbst noch mit seiner Gemahlin an Bord und musterte das Schiff in seinem sämtlichen Räumen. Mit echt deutscher Liebe besichtigte die hohe Frau die Wohnungen der Mannschaften. Dann verabschiedete sich das Kaiserpaar mit herzlichen Worten von den Offizieren und Mannschaften und begab sich wieder auf die Kaiseryacht "Hohenzollern". Dann kam die Nacht und mit ihr die Ruhe. Über dem Hafen und der Stadt lag noch das fahle Zwielicht des Morgens, als es auf den Schiffen schon wieder lebendig wurde. Die Dampfpfeifen ertönten, die Seile wurden abgeworfen. Auf den Kais sammelte sich trotz der frühen Morgenstunde die Menge, um den Scheidenden ein letztes Lebewohl übers Wasser zuzrufen. Der kleine Schlepper zog an, und langsam setzte sich der "Wittekind" in Bewegung. Bald folgte ihm die "Frankfurt", Die Mannschaften hatten auf den Strickleitern der Masten Posten gefaßt, um nach dem Kaiserschiff hinüberblicken zu können; denn hier waren trotz der frühen Stunde der Kaiser und die Kaiserin bereits auf Deck, um den vorüberziehenden Dampfern noch den letzten Gruß zuzwinken, während das Matrosenorchester den Hohenfriedberger Marsch erschallen ließ. Da ergriff die Soldaten stürmische Begeisterung, die sich in brausenden Hochs kaum erschöpfen konnte. Als der Lotse auf offener See das Schiff verließ, da rief Generalmajor von Höpfner mit markiger Stimme den Soldaten zu, deren Augen noch an den schwachen Umrissen des verschwindenden Vaterlands hingen: "Jetzt keinen Blick mehr zurück! Vorwärts mit Gott!" Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001 |
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