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China - Boxeraufstand

Ein deutsches Blindenheim in China

 

Das ungeheure Reich der Mitte, das Jahre hindurch die Stätte friedlicher Eroberungen und der Liebestätigkeit aller europäischen Völker war, hallt jetzt wieder vom Geklirr der Waffen, und die fremden Missionen gehen in Flammen auf.

Ein solche Stätte friedlichen Wirkens im fernen Osten war auch das Blindenheim Tsau-Kwong unter Leitung der Johanniterschwester Martha Postler. Schwester Martha wurde als erste Blindenmissionarin für China in Hildesheim von dem "Frauen- und Jungfrauenverein" zum Besten der blinden Chinesinnen im Jahr 1896 abgeordnet und steht mit großer Freudigkeit in ihrer schweren, doch segenreichen Arbeit Ihre immer mehr anwachsende Blindenschar ist nicht leicht zu erziehen, aber doch nicht so schlimm, wie vorurteilsvolle Touristen die Zopfmenschen schildern.

Sie begann ihr Liebeswerk in Hongkong, mußte jetzt aber nach Makao übersiedeln. Ihre Pflegebefohlenen, auch die Dienstleute, gaben Schwester Martha wiederholt Proben großer Anhänglichkeit. Sie verrieten ihr z.B. eine Anschlag ihres Volks, daß alle "weiße Teufel" demnächst ermordet würden, und wollten sie schleunigst in chinesischer Tracht ins Land retten, usw. Daß Schwester Martha dies freundliche Anerbieten nicht annahm, erregte arges Kopfschütteln. In der furchtbaren Pestzeit hatten alle Bekannten die Schwester darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Gefahr den Chinesen aus Rand und Band bringt und ihre Leute nächstens ausreißen würden. Aber die Eingeborenen blieben doch ohne Ausnahme treu auf ihrem Posten.

Einige Dienstleute zeigen sich dem Christentum freundlich gesinnt, wenn sie auch bis jetzt noch nicht getauft sind. Die evangelische Mission übt grundsätzlich keinen Druck auf die Dienstboten usw. der Missionare aus. Ob der Sprachlehrer der Blinden mit dem klugen Gesicht,
Shi-Finsh, der auf unserm Bild hinter Schwester Martha steht, Christ oder Heide ist, weiß ich nicht. Die kleineren Mädchen sind noch im Taufunterricht. Nantin und Linschau, die beiden erwachsenen Pflegetöchter Schwester Marthas, haben jede in ihrer Art gute Gaben. Linschau (in Bethesda erzogen) spricht auch deutsch und schreibt recht hübsch, wenn auch nicht ganz richtige deutsche Briefe.

Schwester Martha nennt sie echt deutsch in ihrer Gesinnung. Nantin tut sich mehr in hübschen Handarbeiten hervor. Auch die jüngste auf dem Bild, Schwester Marthas besonderer Liebling, die damals fünfjährige Tong-Keung, hat schon niedliche Sachen für den Verkauf gestrickt.

Außerdem üben sich die Blinden Tsau-Kwongs im Strohflechten. So hofft der immer mehr anwachsende Missionsverein für die Blinden chinas, diese der religion der Liebe so zugänglichen Menschenkinder zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu erziehen. Das diese Ärmsten überhaupt zu etwas nütze sein können, daß sogar die Prinzessin Heinrich sich für das junge Blindenheim bei ihrem Besuch in Hongkong freundlichst interessierte, machte einen großen Eindruck auf die Chinesen. Diese selbst fangen an, dem erst belächelten Unternehmen Teilnahme zu zeigen.

Schwester Marthas Haushalt ist bereits auf zwanzig Personen gestiegen. Eineigenes Grundstück, eineigener Hausbau wird nötig. Hoffentlich mehren sich mit dem Wachsen der Anstalt auch ihre Freunde so wie bisher. Nehmen doch selbst diejenige, die der Mission sonst mindestens lau gegenüberstehen, Anteil an dieser so sichtbar aufs praktische gerichteten Arbeit, der nicht bloß evangelischer Barmherzigkeit, sondern auch deutsche Tatkraft Lebenstrieb ist, so daß die Blindenmission bereits schöne Erfolge zu verzeichnen hat.

E.P.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

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