
China - Boxeraufstand
Bilder vom Tage
|
Während auf dem chinesischen Kriegsschauplatz die militärischen Operationen unter der energischen Leitung des Oberkommandierenden einen guten Fortgang nehmen, und durch die Besetzung des großen Passes, der bei Itschau ungefähr halbwegs zwischen Peking und Paotingfu ins Gebirge führt, die Möglichkeit eines weiteren Vorrückens von Paotingfu nach Süden für die Verbündeten gesichert ist, sucht die chinesische Diplomatie ihr altes Gaukelspiel gegenüber den Mächten fortzusetzen. Der Kaiser hat von neuem in einem Edikt sein Bedauern über die schändliche Ermordung des Gesandten von Ketteler ausgedrückt, doch blieb diese Kundgebung unbeachtet; denn man will Taten sehen, keine Worte hören. Noch ist ja jenes ungeheure Verbrechen nicht gesühnt, noch ist nicht die Genugtuung geleistet worden, die einstimmig, am lautesten aber von denen gefordert wird, die des Gemordeten Genossen während der schweren Belagerungszeit waren; sie haben am 18. August die Leiche Freiherrn von Kettelers feierlich im Garten der deutschen Gesandtschaft in Peking beigesetzt, und wohltuend berührte im Kreise der Deutschen die allgemeine, aufrichtige Teilnahme, die die Angehörigen der gesamten europäischen Kolonie und der Schutztruppe bei diesem ernsten Anlaß an den Tag legten. Die Momentphotographie, die wir einem Pekinger Vertreter unseres Blattes verdanken, ist naturgemäß nicht so scharf ausgefallen wie eine wohlvorbereitet Zeitaufnahme, ihrer Bedeutung und ihrer Einzigkeit halber glauben wie sie aber unsern Lesern nicht vorenthalten zu dürfen. Die heldenhaften Verteidiger unserer Gesandtschaft haben inzwischen Peking verlassen, mit ihren Kapitän z.S. Pohl, der mutige Eroberer der Takuforts; in Taku wurde ihnen durch die deutschen Kameraden ein festlicher Empfang zu teil, und Admiral Kirchhoff brachte in einer Ansprache seine Bewunderung für ihre Leistungen zum Ausdruck. Nicht minderen Grund, auf ihre Taten stolz zu sein, haben jene wackeren deutschen Offiziere, die infolge schwerer Verwundungen nach Yokohama ins Lazarett gebracht werden mußten und zum Teil jetzt noch dort ihrer Genesung entgegensehen, wie Korvettenkapitän Lans, der heldenmütige Kommandant der Iltis. Daß der kriegerische Geist angesichts der drohenden Lage auch die Herzen unserer nicht militärischen Kolonisten in Tsingtau und Hankau und anderwärts ergriffen hat, zeigt die Errichtung einer freiwilligen Bürgerwehr, deren Unterstützung im Notfall dem regulären Kriegsvolk gewiß willkommen sein wird. Nach neusten Meldungen scheint unter dem bunten Gemenge der internationalen Truppen die bisher bewahrte Einigkeit bei der Auswahl der Quartiere in Schang-hai-kwan etwas in die Brüche gegangen zu sein, doch haben die Befehlshaber der Verbündeten bereits Schritte getan, um weitere Reibungen zu verhindern. Unsern deutschen Reitern in China bringt der Monat November die sehnlich erwartete Sendung von Pferdematerial, das eine Kommission, bestehend aus Rittmeister von Kleist, Oberleutnant von Borck und zwei Oberärzten, in den westlichen Staaten Amerikas angekauft hat. Es wurden durchweg junge, kräftige Tiere ausgewählt, deren Bändigung durch Vaquéros (Pferdeknechte) in eigenartiger Weise mittels Augenblende erfolgt; unsere Kavalleristen werden zunächst wohl etwas Mühe haben, die nicht nach deutscher Weise zugerittenen und dressierten Mustangs an die bi uns übliche Art des Reitens zu gewöhnen. Bis jetzt sind rund 3000 Pferde auf den Dampfern "Nürnberg", "Bosnia" und "Frankfurt" unterwegs, und das letzte dieser Transportschiffe wird Taku voraussichtlich Mitte November erreichen. Quelle: Die Woche 1900, von rado jadu 2002 |
©
Copyright 2002 by JADU