
China - Boxeraufstand
Wie China sich zum Kriege gerüstet hatte.
Von Kapitänleutnant a.D. E Kretzschmar, früherem chinesischem Torpedodirektor
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Mit dem Friedensschlußvon Nanking im Jahre 1842 begannen die Chinesen, ihre Militärmacht etwas nach europäischer Art umzumodeln. Der Fortschritt in dieser Richtung war ganz gering, was hauptsächlich der Abgeschlossenheit der Zentralregierung in Peking und der fast ganz selbstherrlichen Provinzialregierung der Vizekönige zugeschrieben werden muß, denen es ganz überlassen blieb, ob sie fremde Einrichtungen für ihre Heere und Flotten annahmen wollten oder nicht. Erst der nächste größere Krieg und vor allem die Einnahme der Takuforts durch die Engländer im Jahr 1860 bewirkte, daß die Regierung in Peking mit der Reorganisation ihrer Kriegsmacht ernstlich begann. Jetzt erhielten auch die Vizekönige der Küstenprovinzen entsprechende Anweisung aus Peking. Neue Anstöße in dieser Richtung brachten der französischchinesischen Krieg in den Jahren 1884-85 und der japanische Krieg 1894-95. Die Regierung in Peking sowie die Provinzialregierungen haben in der langen Zeit für die Versuche, die Kriegswissenschaften der Europäer einzuführen, bisher große Geldopfer gebracht. Im Jahr 1861 wurde zuerst das sogenannte Tung-wen-kwan in Peking errichtet, zum Studium der fremden Wissenschaften, und ein ähnliches, kleineres Institut folgte 1864 in Kanton. Ferner entstanden in Tientsin, Schanghai und Futschau Übersetzungsbureaus, an denen tüchtige Sinologen angestellt wurden, die die fremden Werke, speziell über Heer und Flotte, zu übersetzen hatten. Da aber diese drei Bureaus unabhängig voneinander arbeiteten, so kam es häufig vor, daß die gleichen Übersetzungen recht verschieden ausfielen, was bei dem Charakter der chinesischen Schriftsprache nicht wunder nimmt, aber zu großem Wirrwarr Veranlassung gegeben hat. Das "einheitliche" Vorgehen hat aber, wie in vielen andern Dingen, so auch in der Verbesserung des Heeres und der Flotte bisher gänzlich gefehlt, und daher kommt es, daß die Chinesen von den vielen inzwischen getroffenen Einrichtungen bedeutend weniger Nutzen gehabt haben, als wir Europäer in der Regel annehmen. Und auch heute kann China trotz der großen, Jahrzehnte währenden Ausgaben über ein größeres tüchtiges Heer und eine ebensolche Flotte nicht verfügen. Für die Ausbildung im Heerwesen bestehen seit Jahren die Militärakademien in Tientsin und Nanking, kleinere Militärschulen in Kirin, Schanghai, Wutschang, Futschau und Whampoa bei Kanton. Früher unterrichteten in diesen Instituten vorzugsweise Engländer, später Lehrer fast aller Nationen; seit den achtziger Jahren finden wir aber meistens Deutsche angestellt, die denn auch fleißig gearbeitet haben und hier und dort auf einen gewissen Erfolg zurückblicken können. Man sorgte in China aber nicht nur für Militärschulen zur Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren, sondern man schuf mit der Zeit auch Waffen - und Munitionsfabriken, um sich vom Ausland unabhängig zu machen. Gewehrfabriken entstanden in Tientsin, Nanking, Schanghai und Kanton; einige von ihnen liefern auch kleine Schnellfeuergeschütze. Pulverfabriken gibt es in Tientsin, Schanghai und Kanton. Daneben arbeiten noch drei Munitions - und Gewehrpatronenfabriken. Die neuste und wohl auch besteingerichtete Gewehr - und Geschützfabrik hat vor einigen Jahren der Vizekönig Tschangschitung in Hanyang bei Wutschang am Jangtsekiang erbaut. Deutsche Maschinen wurden benutzt, auch ist die Leitung in deutschen Händen. Leider ist der Platz der Fabrik nicht günstig, denn beim Frühjahrshochwasser dringen derartig große Wassermengen durch den niedrigen Boden, daß man an manchen Tagen mit einem Kahn umherfahren kann. In neuerer Zeit halten große Dampfpumpen den Platz beim Hochwasser einigermaßen trocken. Die deutschen Ingenieure baten vor dem Bau dringend den Vizekönig, einen besseren, freilich etwas entfernteren Platz zu wählen, doch er entschied sich für den "Wasserplatz" wie böse Menschen sagen, lediglich nur, um zur Besichtigung der Fabrik einen kurzen Weg machen zu müssen. Die Fabrik in Hanyang liefert Schnellfeuergeschütze bis zum 12 cm Kaliber. Das Material für diese Geschütze stammt aus Deutschland und England, da man in China noch nicht in der Lage ist, guten Geschützstahl herzustellen. Schließlich ist noch eine Luftschifferstation in Tientsin zu erwähnen, doch hat man bisher wenig oder gar nicht von chinesischen Luftballons gesehen. An einigermaßen brauchbaren Soldaten waren im Norden vor Ausbruch der Wirren drei größere "Lager" vorhanden; das größte von etwa 8000 Mann steht unter den Befehl des Generals Yuanschikai, des jetzigen Gouverneurs der Provinz Schantung, das zweite von etwa 3500 Mann unter General Ma und ein drittes von etwa 4500 Mann unter General Nieh. Diese etwa 16 000 Mann und dann noch weitere, hier und dort stationierte kleinere Verbände von insgesamt höchstens 8 - 10 000 Mann sind alles, was an bessern Truppen der Norden besitzt. In der Hauptsache bestehen diese Truppen aus Infanterie, dann Artillerie und auch etwas Kavallerie. Die Bewaffnung ist gut und besteht in der Regel aus Mausergewehren und Kruppschen Geschützen. Die Artillerie ist im Verhältnis zur Gesamtzahl der Truppen stark vertreten und eine Lieblingswaffe der Chinesen böse Zungen behaupten, weil dabei das meiste Geräusch gemacht wird. In der Ausbildung steht die Artillerie auch am höchsten, und zwar, weil der technische Dienst der Waffe Kenntnisse und Erfahrungen erfordert, denen selten ein Chinese gewachsen ist. Man ist hier also in bedeutendem Maß von dem fremden Lehrer abhängig und deshalb auch williger zu lernen. Die deutschen Instrukteure habe in Tschili eine tüchtige Artillerie geschaffen, die dann auch leider gegen die fremden Truppen hier und dort nicht unbedeutende Erfolge erringen konnte. An halb europäisch, halb chinesisch ausgebildeten Truppen standen in der Provinz Tschili vor Ausbruch der Wirren insgesamt weitere etwa 45 000 Mann, die zur Zeit vielleicht auf 60 000 Mann angewachsen sein können. Die Bewaffnung ist mittelmäßig, ebenso die Ausrüstung. Das exerziersystem dieser Truppen ist ein Gemisch der fremden und der eigenen Systeme, was völlig unvereinbar ist. Ein Ingenieurkorps gibt es überhaupt nicht, auch ist für Feldlazarette, Ärzte und Krankenpfleger gar keine Fürsorge getroffen, und abgesehen von der Grausamkeit, die die Chinesen darin zeigen, daß sie für die Verwundeten keine Sorge tragen, wird dieser Mangel stets ein störenden Einfluß auf die Moral der Soldaten ausüben. Ebenso vermißt
man das Intendanturwesen, speziell die Proviantkolonnen. Der Soldat
erhält ja seinen Sold und kauft davon seinen eigenen Reis, eine
einfache Sache, wenn er in Garnison liegt, doch höchst unpraktisch
und oft gänzlich unausführbar, wenn er sich auf dem Marsch
oder im Feld vor dem Feind befindet. Die Kleidung ist meistens schlecht
und unpraktisch. So klagte der chinesische Soldat bereits vor Jahrtausenden in den Liedern des "Schiking" seine Not. Den Waffenrock tragen in China nur Menschen zweiter Klasse so verächtlich wird das Soldatenhandwerk betrachtet. Der Sold ist gering, die Beförderung langsam und zweifelhaft, und es gibt keine Pension für alte Krieger; auch hängt die Entlassung lediglich von der Willkür des kommandierenden Offiziers ab. Die Bedeutung Chinas als Militärmacht liegt in den großen Hilfsquellen, die im Land in Bezug auf die Zahl der Truppen zu Gebote stehen. Aber wenn auch China, z.B. im Norden, eine größere Armee, sagen wir selbst von einer halben Million Mann, auf die Beine bringen könnte, so würden diese Truppen in erster Linie die nötigen Offiziere und Unteroffiziere fehlen, und Soldaten ohne solche sind wenig besser als ein zusammengelaufener Haufen. Übrigens wird man in China, im Süden wie im Norden, immer nur höchstens mit Heeren von 50 000 60 000 Mann rechnen dürfen; das Gelände und vor allen Dingen die schmalen und im wahren Sinne des Wortes "elenden" Straßen lassen das Zusammenziehen und die genügende Verproviantierung von größeren Truppenverbänden gar nicht zu. Und so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß, z.B. eine einheitliche, gut ausgerüstete Armee von etwa 20 000 Mann, z. B. eine deutsche, jede chinesische Armee besiegen dürfte. In letzter Zeit hat nun der Telegraph mehrmals Kunde von Verstärkungen gebracht, die von einigen Vizekönigen nach dem Norden, d.h. nach der Provinz Tschili, dirigiert sein sollen. Bedeutend können diese Truppensendungen nicht sein, da die Provinzen an und für sich wenig Truppen auf den Beinen haben, eine ausgebildete Reserve nicht vorhanden ist und zur Neuanwerbung das nötige Geld fehlen dürfte. Es folgt
hier eine Liste der gesetzlich vorgeschriebenen Truppenanzahl, die jede
Provinz des großen Reichs unter den Waffen halten soll:
Vorstehende Zahlen ergeben für das ganze, große chinesische Reich einen Bestand von rund 650 000 Soldaten, der jedoch selten vollständig vorhanden ist. Die Bewaffnung und Ausrüstung, speziell aber die Ausbildung der Truppen ist, im Vergleich mit fremden Truppen, wie vorher erwähnt, höchst mangelhaft. Die Kraftprobe hat inzwischen stattgefunden, und vor Taku, Tientsin, Peitsang und Peking, wo die besten chinesischen Truppen und sogar in bedeutender Überzahl den fremden Truppenkörpern im Felde gegenüberstanden, haben die Chinesen recht schlecht abgeschnitten. Wie beim Heerwesen, so hat man auch für die Ausbildung von Marineoffizieren, Ingenieuren usw. verschiedene Schulen gegründet. Es gibt Marineschulen in Tientsin, Nanking, Futschau und Whampoa, Torpedo - und Seeminenschulen in Tientsin, Nanking und Whampoa. Ferner sind für den Bau von Kriegsschiffen in Tientsin, Schanghai, Futschau und Whampoa Kriegswerften errichtet worden; die bedeutendste ist diejenige von Futschau. Aber genannte Werften können nur kleinere Kriegsschiffe bauen, für größere und Torpedoboote ist man noch immer auf das Ausland angewiesen. So hat man in den letzten Jahren aus England zwei Panzerdeckkreuzer und ebenso aus Deutschland deren drei (vom Vulkan bei Stettin) bezogen, auch sieben Torpedobootsjäger und Torpedoboote vom Vulkan und von der Schichauwerft. Diese Schiffen bilden den Kern der chinesischen Flotte; die sonst noch vorhandenen Fahrzeuge sind veraltet und nur noch von geringen Gefechtswert. Die vor einem Jahr gelieferten vier Stück Schichauschen Torpedojäger sind letzthin bei der Erstürmung der Takuforts den Chinesen abgenommen, und ein Boot ist in deutschen Besitz übergegangen, für das eine deutsche Besatzung auf dem Weg nach China sich befindet. Augenblicklich befinden sich die besseren chinesischen Schiffe in Nanking, da sie wohl Angst haben, das Los der Torpedojäger in Taku teilen zu müssen. Wie wenig die chinesische Flotte im Krieg gegen Japan geleistet hat, ist bekannt. Sie wurde in der Schlacht am Jalufluß sozusagen von den Wellen weggefegt; der Rest der Flotte gelangte bei der Übergabe von Weiheiwei in die Hände der Japaner. Während dieses sich im Norden zutrug, spielte im Süden der Schelm den Chinesen einen argen Streich! Man wollte doch etwas tun und schickte Kriegsschiffe aus, um fremde Handelsschiffe auf Konterbande zu durchsuchen und womöglich zu beschlagnahmen. Mit großem Trara fing man im Formosakanal einen englischen Dampfer ab und gebrauchte zur Inspizierung der Güter volle zehn Tage. Da aber nichts Verdächtiges gefunden wurde, mußte man den Dampfer freigeben, freilich nachdem man erst für diesen Spaß eine Entschädigung von 9 000 Dollars gezahlt hatte. Einige Tage später gelang es den in Whampoa stationierten Torpedobooten unter Leitung des deutschen Instrukteurs südlich von Formosa den großen Dampfer "Oberon" aufzubringen. Es fand eine eingehende Untersuchung statt, aber auch hier entdeckte man nichts, und der Dampfer schwamm wieder davon. Später erfuhr man aus Yokohama, daß den armen Chinesen ein fetter Bissen entgangen war. In den Laderäumen befanden sich freilich nur Kaufmannsgüter, aber im Doppelboden und in den Wassertanks des großen Dampfers waren 3 000 Schnellfeuergewehre, 2½ Millionen Patronen sowie 21 Schnellfeuergeschütze mit Zubehör in wasserdichten Kisten untergebracht. Da gab es in Kanton lange Gesichter, und zu bedauern war der fremde Torpedolehrer; denn das Prisengeld hätte für den Dampfer und der Kriegskonterbande gegen eine Million Mark betragen. Wenden wir uns zum Schluß zu den Küstenbefestigungen, so müssen wir anerkennen, daß die Chinesen auf diese großen Wert gelegt haben. Taku, am Eingang des Peihoflusses, war stark befestigt. Die Eroberung ist dadurch erleichtert worden, daß die fünf fremden Kanonenboote sich vor dem Kampf bereits innerhalb des Flusses befanden und somit die Forts im Rücken und von den Seiten wirksam beschießen und den Sturmangriff vorbereiten konnten. Starke Küstenbefestigungen treffen wir ferner an am Eingang des Jangtsekiangs bei Schanghai, des Minflusses bei Futschau, am Eingang des Hafens von Amoy und vor allen Dingen am Eingang des Flusses Schükiang bei Kanton. Letztere Befestigung muß als besonders stark bezeichnet werden. Die Einfahrt wird durch nicht weniger als sechs Forts geschützt, die im ganzen über 50 Stück moderne, meist Kruppsche Geschütze besitzen. Und zehn Seemeilen vor der großen Stadt Kanton liegt außerdem noch eine zweite, ebenfalls mit 32 Geschützen stark armierte Whampoabefestigung. Den einen Flußarm bei Whampoa, der auch größeren Schiffen das Hinauffahren bis Kanton gestattet, haben die Chinesen zum Überfluß sogar durch eine eiserne Barriere gesperrt; denn diese kann nicht weglaufen, vielleicht aber während eines Angriffs die chinesischen Soldaten vor dem Schnellfeuer der fremden Kriegsschiffe schützen. Alles in allem, dürfen die verbündeten Truppen weiteren Kämpfen mit den Chinesen hoffnungsfreudig entgegensehen, falls nicht überhaupt der chinesische Widerstand durch die Einnahme von Peking gebrochen ist.
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