
China - Boxeraufstand
Die chinesische Sprache
von Karl Arendt, Professor am Oriental.
Seminar in Berlin.
Reisepass
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Ebenso abweichend von allem, was unsern Vorstellungen entspricht, wie beinahe das gesamte äußere, geistige und Gemütsleben der Chinesen, ist in erster Linie, ihrer ganzen Form und Ausdrucksweise nach, auch ihre Sprache. Der durchgreifende und unversöhnliche Unterschied, der hier zu Tage tritt, läßt sich bis in die kleinsten Einzelheiten hinein verfolgen. Wenn wir in einem Tragstuhl sitzen oder in einem jener unbeholfenen, zweirädrigen Vehikel, die im Reich der Mitte die Stelle unserer Wagen vertreten, durch die holprigen Straßen einer chinesischen Stadt fahren und unsere Sänftenträger oder Karrenführer uns, wie das beständig geschieht, zurufen: "Alter Herr! Bitte, setzen Sie sich doch etwas weiter nach Osten" oder was für eine Himmelsgegend es nun gerade sein mag, dann kommt es uns erst so recht zum Bewußtsein, daß wir uns hier in der Tat auf fremden Boden befinden. Freilich, so weit geht diese abweichende Ausdrucksweise nicht, daß, wie man wohl scherzweise gesagt hat, der Chinese nun etwa gar auch die paarweise vorhandenen Körperteile nach den Himmelsgegenden unterschiede und beispielshalber von einem nördlichen Ohr oder einer südlichen Hand spräche. Nein, man sagt: jo schou "die rechte Hand" und: tso schou "die linke Hand" gerade so gut im Chinesischen wie im Deutschen. Aber sogar auch in diesem Fall hat mit dem gleichmäßigen Vorhandensein derselben sprachlichen Elemente rechts und links die Übereinstimmung schon ihr Ende erreicht, und sobald diese Elemente mit einander kombiniert werden, macht sich bereits wieder eine radikale Verschiedenheit geltend, denn niemals wird man aus einem chinesischen Mund "rechts und links" sondern immer umgekehrt tso jo "links und rechts" hören. Diese durchaus feststehende Wortfolge geht dann auch durch eine Anzahl teilweise gleichfalls für uns recht seltsam klingender, übrigens recht bezeichnender Redensarten hindurch. So spricht man von dem "Links und Rechts" eines Fürsten und meint damit die Personen seiner nächsten Umgebung; man sagt: darüber habe ich tso sse jo siang "nach links hin gesonnen und nach rechts hin nachgedacht", d.h.: "es mir nach allen Richtungen hin überlegt." Ein ähnliche Verschiedenheit in der Kombination derselben Begriffe zeigt sich teilweise bei den Himmelsgegenden; denn der Chinese sagt zwar, gerade wie wir, tung si, d.h. "Osten und Westen", aber niemals "Norden und Süden", sondern stets umgekehrt: nan pe, d.h. "Süden und Norden." Dem liegt die tief wurzelnde Anschauung zu Grunde, daß der Süden die vornehmste Himmelsgegend sei. Der Thron des "Himmelssohnes" muß so aufgerichtet sein, daß der Kaiser nan miën "mit nach Süden gerichtetem Antlitz" darauf sitzen kann. Die Front jedes vornehmen Hauses muß, wo irgend möglich, nach Süden zu liegen. Der Kompaß wird als ting nan tschen "die nach Süden (nan) weisende Nadel (tschen)" bezeichnet. Nicht minder seltsam berührt es uns, wenn in China der Wind nicht, wie bei uns, aus "Südosten", sondern aus "Ostsüden" (tung-nan) weht. Und so natürliche für alle entsprechenden Richtungen der Windrose. Die paar chinesischen Wörter, die wir bis jetzt Gelegenheit hatten zu erwähnen, erinnern uns übrigens daran, daß unsere Jugend in ihren Geographiestunden eigentlich schon eine ganze hübsche elementare Kenntnis des chinesischen Wortschatzes sich aneignet. Vor allem lernt sie da eben die Wörtchen nan und pe kennen in Peking "der Nördlichen" und Nanking "der Südlichen Hauptstadt." Denn king, jetzt in Nordchina tsching gesprochen, hat letztere Bedeutung. So ist auch Tongking oder, wie man eigentlich schreiben sollte, Tung -king, wörtlich so viel wie "Östliche Hauptstadt" , aber in diesem Fall auf ein ganzes Land übertragen. Dann erfahren wir aus dem Namen Huang - ho, den man aber nicht Hu -ang - ho, sondern zweisilbig Hwang - ho sprechen muß, die Wörter für "gelb" (hwang) und "Fluß" (ho). Und so ließe sich noch mancherlei anführen. Hauptsächlich durch diese geographischen sowie sonstige chinesische Eigennamen ist auch die Tatsache in ziemliche weite, dem Sprachstudium sonst ganz fernstehende Kreise gedrungen, daß das Chinesische eine aus lauter einsilbigen Wörtern bestehende Sprache ist. Und der lautliche Bau dieser chinesischen Wörtern oder Silben ist dabei noch großen Beschränkungen unterworfen. Am Anfang des Wortes sind Vokale nicht sehr häufig, jedoch gibt es Wörter wie an "Wohlbefinden", ai "lieben", au "stolz", die aber von vielen mit einem Vorschlag gesprochen werden, der ungefähr wie ng klingt, also: ngai usw. Am häufigsten beginnen die Wörter mit einem einfachen Konsonanten, z. B. lan "blau", nan "Süden"; von Konsonantenverbindungen sind an dieser Stelle nur ganz wenige, besonders ts und tsch, gestattet, z.B. tse "der Dieb", tscha "Tee". Viele Dialekte kennen kein b, d und g, sondern nur p, t und k (pe "Norden", ta "groß", kû "alt") und deren Aspiraten, in denen man hinter dem p, t, k noch ein deutliches, sehr stark gehauchtes h hört, z.b. pa (die Zahl) "acht", aber p'ha "sich fürchten"; kû "alt", aber k'hu "weinen". Es ist sehr komisch zu sehen wenn auf der chinesischen Bühne die künstlichen Schnurrbärte der in Heldenrollen auftretenden Schauspieler durch die energische Aussprache dieser mit einem Hauch versehenen Buchstaben förmlich in die Höhe geblasen werden. Am Wortende ist die Beschränkung noch größer, besonders im Nordchinesischen, wo an dieser Stelle von Konsonanten nur n, ng und eine Art stumpfes, nicht geschnarrtes r gestattet ist, 'rh geschrieben zu werden pflegt; z.B. men "die Tür", lang "der Wolf" ma'rh "das Pferdchen" (von mâ "Pferd"). In südlichen Dialekten kommen dagegen auch noch m sowie p, t und k, welche drei letztere jedoch sehr schwach, für unser Ohr fast unhörbar gesprochen werden, am Wortende vor, z.B. in Kanton sam "drei", pat "nicht", wofür man in Peking san und pu sagt. Bei diesen engen Grenzen, an die der lautliche Bau der Silben oder Wörter denn beides fällt ja in einer einsilbigen Sprache im wesentlichen zusammen gebunden ist, ist es natürlich, daß der Vorrat an lautlich verschiedenen Wörtern, besonders im Pekingdialekt, nur außerordentlich gering sein kann. In der Tat gibt es in der Mundart von Peking nur 420 verschiedenen lautende Silben, während der weit altertümlichere Kantondialekt sich rühmen kann, deren 722 zu besitzen. Dazu kommen nun freilich die sogenannten Töne, deren Unterschied darin besteht, daß man während der Aussprache eine Silbe darauf achtet, die Stimme weder steigen noch sinken zu lassen (erster Ton), oder daß man die Stimme schnell steigen läßt (zweiter Ton), oder daß man langsam von einer tiefen in eine ziemlich hohe Stimmlage übergeht (dritter Ton), oder daß man mit hoher Stimme anfängt und in tiefer Tonlage aufhört (vierter Ton). Je nach dieser verschiedenen Aussprache verändert sich die Bedeutung ein und derselben Silbe gänzlich; z.B. bedeutet ma (1) (im ersten Ton) "Mutter", ma² (im zweiten) "Hanf", ma³ (im dritten) "Pferd", und ma (4) (im vierten Ton) "schelten". Dies sind die vier Töne des Pekingdialekts. In Kanton gibt es deren sogar neun, deren Beschreibung der Leser wir wohl erlassen wird. Nun kommt aber bei weitem nicht jede Silbe in allen vier und auch in Kanton keine einzelne Silbe in mehr als höchstens vier Tönen vor; daraus erklärt sich, daß die volle Silbenzahl des Pekingdialekts, wenn man die Töne berücksichtigt, nicht 1680, sondern 1380 beträgt und auch der Kantondialekt es nur auf 1868 Silben im ganzen zu bringen vermocht hat. Dazu kommt nun aber als erschwerender Umstand, daß das Chinesische sich bewogen gefunden hat, sehr viele Bedeutungs - Nuancen, die wir entweder unbezeichnet lassen oder, wo erforderlich, durch mehrere Wörter wiedergeben, durch einfache Wörtchen zum Ausdruck zu bringen. Für "tragen" z.B. gibt es, je nach der Art und Weise, in der diese Tätigkeit ausgeübt wird, eine ganze Anzahl verschiedener Wörter, die im chinesischen stets auf das sorgfältigste auseinandergehalten werden müssen; auch da, wo uns auf die Markierung dieser äußerlichen Unterschiede gar nichts ankommt. z.B."auf der bloßen Schulter tragen" heißt k'hang; wenn mehrere etwas tragen, wie die Sänftenträger die Sänfte, so muß man sich des Wortes t'hai bedienen; "mittels der Tragstange auf der Schulter tragen" ist gar durch zwei Wörter, tan und t'hiau (einsilbig zu sprechen) vertreten; das Tragen der Lasttiere wird durch t'ho ausgedrückt usw. Es ist dies eine Erscheinung, die sich in vielen Sprachen unkultivierter Völker wiederfindet und die der vor nicht allzulanger Zeit verstorbene geistreiche Sprachforscher Steinthal als den Bettelreichtum dieser Sprache zu bezeichnen pflegte. Die in diesem Ausdruck liegende abfällige Kritik ist durchaus gerechtfertigt, denn durch diesen Zwang, beständig auf selbstverständliche oder unwesentliche Äußerlichkeiten zu achten, wird der freie Flug des Geistes gehemmt. Für das Chinesische aber hat die in Rede stehende Erscheinung noch den ganz besondern Nachteil, daß der auf diese Weise entstehende große Reichtum einfacher Begriffe in ein schreiendes Mißverhältnis zu der geringen Anzahl der lautlich und durch die Töne von einander für das Ohr verschiedenen, verfügbaren Wörter tritt. Denn wie soll man mit weniger als 2000 (in Peking sogar weniger als 1500) lautlich verschiedenen Wörtern alles das ausdrücken? Da man es aber nun doch einmal wollte, so ist die Folge davon gewesen, daß die bei uns nur in geringem Grade auftretende Homonymie oder der Gleichklang mehrerer der Bedeutung nach verschiedenen Wörter (wie im Deutschen "reich" und "das Reich", "arm" und "der Arm") im Chinesischen einen geradezu erschreckenden Umfang angenommen hat. So z.B. bedeutet die Silbe lî ³, im dritten Ton, also mit mit langsam steigender Stimme gesprochen, u.a.: "das chinesische Wegemaß (½ km), "Vernunft", "Höflichkeit", "Pflaume", "Gepäck", "sich um etwas bekümmern" und noch viele andere. Im vierten Ton, also mit fallender Stimme gesprochen hat dieselbe Silbe lî 4 u.a. die Bedeutungen: "stehen, "Kraft", "Vorteil", "ein Körnchen" und dergleichen mehr. Dem stehen freilich einzelne Silben gegenüber, die nur eindeutig sind, z.B. ke³ "geben" und tse² "Dieb, Rebell, Räuber". Aber die durch Homonymie (gleichlautend) veranlaßte Vieldeutigkeit ist durchaus die Regel. Da erhebt sich nun notwendigerweise die natürliche Frage: wie ist es denn möglich, daß das Chinesische als Mittel der Verständigung und eines ungezwungenen Gedankenaustausches dient, wenn seinen Wörtern eine derartige Zweideutigkeit anhaftet? Bei der Beantwortung dieser Frage muß man zwischen der geschriebenen und der gesprochenen Sprache unterscheiden. Die mir für diesen Aufsatz zur Verfügung stehende Raum gestattet es nicht, an dieser Stelle auch auf die chinesische Schrift ausführlich einzugehen. Soviel aber darf ich wohl als bekannt voraussetzen, daß das Chinesische kein Alphabet hat, sondern mit Schriftfiguren oder, wie man gewöhnlich sagt, Zeichen geschrieben wird, die ganze Wörter darstellen. Und da gibt
es nun in der Schriftsprache für jedes Wort in jeder seiner Hauptbedeutungen
besondere Zeichen. z.B. wird li 4
(im vierten Ton), wenn es "stehen" bedeutet,
so geschrieben: Die gesprochene Sprache aber würde in der Tat ihren Zweck der Gedankenvermittelung gar nicht erfüllen können, wenn sie sich auf den Gebrauch von lauter schlechthin einfachen, einsilbigen Wörtern beschränkte. Hier hilft sich der Sprachinstinkt vornehmlich durch die Anwendung zahlreicher, feststehender Zusammensetzungen, die in reicher Fülle vorhanden sind. Von ihren mannigfachen Arten will ich hier nur eine, durch ihre Eigentümlichkeit besonders interessante erwähnen, nämlich die sog. Synonymkomposita. Mit diesen hat es folgende Bewandtnis: Das Wort tau (im vierten Ton) heißt u.a.: "eingießen, "umkehren", "im Gegenteil", "ankommen" und "der Weg". Das Wörtchen lu bedeutet: "Sechs"; "zu Lande", "abschreiben", "Gehalt eines Beamten", "grün", "der Tau" und "die Landstraße" also treffen die Wörter tau und lu als Synonyma zusammen, und daraus bildet man nun das Synonymkompositum tau-lu mit der Bedeutung "ein Weg oder eine Straße", d.h. "ein Weg" überhaupt. Auf diese und ähnliche Weise erhält man eine ungeheure Menge zwei- und mehrsilbiger Zusammensetzungen, ohne die die chinesische Umgangssprache gar nicht existenzfähig sein würde. Sehr viele Wörter werden aber auch selbständig für sich gebraucht; so z.B. kann man für "Weg" und "Straße" doch auch einfach tau und lu sagen. Um sich verständlich ausdrücken zu können, muß man nun stets gegenwärtig haben, welche Wörter man in ihrer einfachsten Form gebrauchen muß oder darf und welche durch Komposita ersetzt werden müssen. Hierdurch werden an das Gedächtnis allerdings große Anforderungen gestellt. Abgesehen
von der soeben besprochenen Erweiterung durch das Mittel der Zusammensetzung,
sind die chinesischen Wörter so gut wie vollkommen unveränderlich
und können vor allem durch keine Vorsilben oder angefügte
Endungen jemals zwei - oder mehrsilbig werden. Denn es gibt keine durch
Anfügung von Vorsilben oder Endungen bewirkte Deklination, keine
Konjugation, keine Steigerung der Eigenschaftswörter, keine Ableitung
eines Wortes aus dem andern. "Groß" heißt Demzufolge gibt es im chinesischen keine Formenlehre. "Ein herrlicher Zustand!" wird mancher sagen; aber er wird bald gewahr werden, daß er sich bitter getäuscht hat. Denn schließlich will doch das, was wir durch die Abwandlung unserer Wörter bewirken, im Chinesischen auch ausgedrückt werden, und das geht, wie man bald merkt, ohne grammatische Formen gar nicht immer ganz leicht. Da muß man eben zu allen möglichen Auskunftsmitteln greifen. Aus der Wortstellung z.B. muß man erkennen, ob das das Wörtchen wo im Sinne von "ich" oder "mich" zu nehmen ist, ob man t'ha mit "er" oder "ihn" zu übersetzen hat. Deshalb ist z.B. t'ha tâ wo "er schlag ich" soviel wie: "er schlägt (oder schlug) mich", dagegen wo tâ t'ha "ich schlag er" soviel wie "ich schlage (oder: schlug) ihn" oder: "ich werde ihn schlagen" usw. Aber die Wortstellung reicht bei weitem nicht aus, und da müssen denn vielfach allerlei Umschreibungen und grammatische Hilfwörter Partikeln in die Lücke treten, z.B. wird das Wörtchen 3 liao, oft lã gesprochen, das eigentlich "vollenden", "fertig machen oder sein" bedeutet, als Merkzeichen der Vergangenheit gebraucht. Man sagt also: wo tschî lã (sprich tschillã ) fan la "ich essen fertig Reis fertig", d.h.: "ich habe schon gegessen". Das ließe sich ja nun noch hören. Wenn nur dabei irgend eine uns verständliche Konsequenz herrschte! Aber man setzt die Hilfwörter bald, wie in dem eben angeführten Beispiel, doppelt, bald einfach, bald und vielleicht am allerhäufigsten gar nicht. So wird denn das chinesische Sprechen und noch mehr das chinesisch Schreiben zum Aufgeben einer beständigen Reihenfolge von Rätseln, und die Schwierigkeit einer richtigen Übersetzung aus dem Chinesischen liegt oft weniger in dem Verständnis dessen, was man hört oder was dasteht, als in der richtigen Ergänzung dessen, was der Chinese nicht zu sagen oder zu schreiben für nötig erachtet. Geradezu ein Kreuz für den Hörer ist z.B. der Ausdruck na tschü "nehmen gehen." Denn das kann sowohl bedeuten: "nehmen und damit fortgehen", d.h.: "fortnehmen", als auch "gehen" (tschü), um zu nehmen (na)", also: "holen". Für den ganz alltäglichen Hausgebrauch ist es deshalb zwar nicht allzuschwer, sich eine Anzahl chinesischer Wörter anzueignen, die ihrer Unveränderlichkeit wegen recht bequem zu verwenden sind, weil man "gar keine Fehler damit machen kann", aber sobald es sich um schwierigere Gegenstände handelt, macht sich dem Europäer der Mangel der uns geläufigen grammatischen Formen ebenso peinlich fühlbar, wie das Fehlen von Messer und Gabel bei einer chinesischen Mahlzeit, die man uns mit bloßen Speisestöckchen zu essen zumutet. Zu allen andern Schwierigkeiten gesellt sich für die mündliche Verständigung noch die ungeheure Verschiedenheit der zahlreichen Dialekte. Zwar gilt die Mundart von Peking, wo seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts der Hof residiert, als die maßgebende, und wenigstens jeder Beamte sollte den Pekingdialekt zu sprechen im stande sein, aber in der Praxis ist dies leider keineswegs der Fall. Damit mir aber nun nicht der Vorwurf gemacht werde, daß ich die uns wenigstens als solche erscheinenden Mängel der chinesischen Sprache gar zu schwarz ausgemalt habe, will ich zum Schluß noch einige wenige chinesische Ausdrücke hersetzen, die zum Zweck der Wiedergabe europäischer Begriffe gebildet worden sind und die zeigen, was sich mit dem spröden Material der einsilbigen chinesischen Wörter doch alles erreichen läßt. Das "Thermometer" wird han-schu-piau genannt, was wörtlich eine "Kälte - und Hitzeuhr" bedeutet. Ähnlich ist für "Barometer" der Ausdruck "Wind - und Regenuhr" eingeführt worden. Ebenso: "Feuerradschiff" für Dampfschiff, "Schiff mit sichtbaren Rad" für Raddampfer, "Schiff mit unsichtbaren Rad" für Schraubendampfer, "Blitzhauch" (Elektrizität), "Blitzdraht" (Telegraphendraht), tiën-sin, d.h. "Blitzbrief", für Telegramm, ja noch kürzer fa tiën "einen Blitz ( tiën) schicken für ein Telegramm absenden, endlich ein "Blitzbriefbureau" (Telegraphenamt". Beispiele dieser Art ließen sich in erheblicher Menge anführen. Dagegen versteht man sich zum Herübernehmen von Fremdwörtern ins Chinesische nur im äußersten Notfall, da dem chinesischen Lautsystem in den meisten Fällen durchaus die Möglichkeit mangelt, nichtchinesische Wörter leicht kenntlich wiederzugeben. Wie soll man aus ai-ti-me-tun unser "Ultimatum", aus Po-li-si-tiën-te das Wort "Präsident", oder gar aus pu-lu-tai-se-te unser "Protest" heraushören? Manchmal geht es ja besser, wie tun für "Tonne" und allenfalls auch noch mi-li-mai-tang für Millimeter. Aber im allgemeinen bestätigt sich auch hier, daß die chinesische Sprache und Ausdrucksweise von der unsrigen fast in jeder Beziehung von Grund aus verschieden ist. Und da die Sprache mit dem ganzen Wesen des Menschen auf das innigste verwachsen ist, so fürchte ich, wird man sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß, solange die Chinesen chinesisch sprechen, eine wirkliche Annäherung zwischen China und dem Ausland unmöglich ist. Nur wo es sich um praktische Interessen handelt, ergibt sich in gewöhnlichen Zeiten eine Verständigung leicht. Eine Anzahl europäischer Handelsartikel hat denn doch festen Fuß in China gefaßt, und mit ausländischem Kapital ihr auferlegte Kriegsentschädigung zu zahlen oder sonstige Bedürfnisse der Verwaltung zu decken, hat seit über zwei Jahrzehnten sogar die chinesische Regierung nicht länger Bedenken tragen. Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001. |
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