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China - Boxeraufstand

Chinesisches Volksleben

Der Chinese ist — darüber herrscht kein Zweifel — ungemein betriebsam und genügsam; der gelbe Kuli, der wie ein Tier arbeitet und sich infolge seiner Bedürfnislosigkeit mit einem sehr geringen Entgelt für seine Leistung zufrieden geben kann, ist mit unsern klassenbewußten Arbeitern nicht zu vergleichen. Das chinesische Volk könnte sicherlich in Handel und Industrie auf dem Weltmarkt der Europäern und Amerikanern ein äußerst gefährlicher Konkurrent werden, wenn es nicht noch immer — den Zopf trüge.

Die Rückständigkeit seiner Anschauungen hindert den Chinesen, sich die Fortschritte der modernen Kultur zu eigen zu machen und selbst fortzuschreiten. Dabei besitzt er, so sehr er auch an seinem Zopf hängt, so starr er an der Überlieferungen der Vergangenheit festhält, so fremdenfeindlich er in seinem Innern ist, die größte Anpassungsfähigkeit. Er mag den Europäer, wenn er nicht gerade ein vorteilhaftes Geschäft mit ihm macht, zu allen Teufeln wünschen, aber wo ihn sein Beruf mit dem Fremden in Berührung bringt, ist er von ausgesuchter Höflichkeit und Aufmerksamkeit.

Nirgends wird man besser bedient als von Chinesen in den Hotels deutscher Städte. Das macht das Reisen und den Aufenthalt in China angenehm, dessen Land und Leute, dessen Sitten und Gebräuche uns so seltsam anmuten. Der Chinese ist vor allem Geschäftsmann, als Kleinhändler schlägt er mit Leichtigkeit den europäischen Ansiedler in den Städten mit Fremdenkolonien. Von frühen Morgen bis zum späten Abend sitzt der Eigentümer selbst mit seinem Kommis im Laden, um seine Kunden eifrig zu bedienen.

Abends aber und nachts geht er uch seinem Vergnügen nach; die Opiumkneipe, das Teehaus, das Cafékonzert, das Theater werden viel und gern besucht. Diese Stättn sind dem Chinesen unentbehrlich, aber er macht sie äußerlich nicht besonders kenntlich; monumentale Bauten sind in China in der Regel nur Pagoden, Tempel und Pfandhäuser, die allerdings nicht nur als Leianstalten, sondern auch als Warenlager und Speicher dienen. Dabei verstehn sich die Chinesen, wenn es darauf ankommt, auch sehr wohl aufs Bauen.

So befindet sich auf einem mitten aus dem Jangtsekiang herausragenden steilen Felsen, der wegen seiner einsamen und verlassenen Lage das "kleine Waisenkind" genannt wird, ein bhddistisches Kloster. Die Weltabgeschiedenheit des Platzes reizte die frommen Männer, die ganz in Bhuddas Lehre aufgehn wollen, und so entstand das Haus — man begreift heute noch nicht wie — an einem Punkt, der überhaupt Menschen kaum zugänglich erscheint. Ungemein zahlreich sind im Land die Tempel, den außer Bhudda gibt es noch viele bhuddistische Götter, und besonders hervorragende Menschen werden nach ihrem Tod in die Zahl der Unsterblischen versetzt, die über der Sterblichen Wohl und Wehe machen. Auf diese Weise ist auch der Philosoph Confucius zu der Ehre gekommen, daß ihm Tempel errichtet wurden.

Allerdings sind diese Tempel nicht lediglich Gotteshäuser in unserm Sinn, in ihnen werden auch Waren verkauft, hin und wieder eröffnen die für Trinkgeld sehr empfänglichen Priester sogar darin einen Hotelbetrieb, und allgemein werden ihre Gartenanlagen, in denen häufig auch zur Erhöhung des landschaftlichen Reizes Teiche angelegt sind, zum Luftwandeln, zur Erholung in frischer Luft benutzt.

Die Chinesen leben anders wie wir, und doch sind manche Sitten und Gebräuche den unsern ähnlich. So werden z. B. die Toten wie bei uns der Erde übergeben, und die Bekannten geben ihnen mitunter in langen Zügen das Geleit. Eine solchen Zug zeigt unser obenstehendes Bild, aus dem gleichzeitig zu ersehen ist, daß im chinesischen Volksleben der Gegenwart die althergebrachte Sänfte noch eine größere Rolle spielt als der Wagen.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

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