
China - Boxeraufstand
Die Deckung der Kosten unserer Chinaexpedition
Von Professor Dr. Adolf Wagner
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Es war vorauszusehen, daß die bedeutenden Kosten der ostasiatischen Expedition nicht lange aus laufenden Mitteln und Beständen der Reichsfinanzverwaltung würden bestritten werden können. Zu den Seltsamkeiten der akuten chinesischen Frage gehört es ja immer noch, daß wir mit dem Reich der Mitte nicht in eigentlichen Kriegszustand stehen, sondern daß es sich dort für uns und die andern Mächte nur um Beseitigung von "Wirren" handelt. Und unter diesem Namen der "chinesischen Wirren" wird das Kapitel des nicht formell erklärten, aber doch im Grunde faktisch bestehenden Kriegs mit China ja auch fast allgemein noch in unserer Presse behandelt. Die ostasiatische Expedition stellt sich so auch staatsrechtlich noch nicht als ein Teil einer militärischen Mobilmachung dar. Beruht sie doch auf dem Aufgebot freiwilliger Kräfte, Soldaten wie Offiziere. Wie weit die geltenden staatsrechtlichen Bestimmungen über Mobilmachung sich auf die Marine anwenden lassen, ist ohnehin nicht recht klar. Man hat eben früher bei der Mobilmachung und bei Kriegen wesentlich nur an das Landheer gedacht. Alles das ist nicht nur für die militärische und politische, sondern auch für die finanzielle Seite der deutschen "Chinafrage" von Bedeutung. Bei einem eigentlichen Krieg und bei einer Mobilmachung dafür würden außer den laufenden Mitteln und den sonst zur Verfügung stehenden Geldbeträgen für die Zwecke der Heeres - und Flottenverwaltung vor allem die 120 Millionen Mark geprägten Goldes im Juliusturm zu Spandau verwendbar sein und darüber nach dem geltenden Recht der Kaiser von sich aus unmittelbar disponieren können. In dem wichtigen Gesetz vom 11. November 1871 betreffend der Bildung eines Reichskriegsschatzes ist bestimmt worden, daß über den aus der französischen Kriegsentschädigung zu bildenden, an die Stelle des bisherigen preußischen Staatsschatzes tretenden Reichskriegsschatz von 40 Millionen Talern in gemünztem Gelde "zu Ausgaben nur für Zwecke der Mobilmachung und nur mittels kaiserlicher Anordnung unter vorgängig oder nachträglich einzuholender Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags verfügt werden kann" (genanntes Gesetz, § 1 Absatz 2). Auch die Bestimmung, daß der Kaiser nicht unbedingt an die vorgängige Einholung der Zustimmung des Bundesrats und Reichstags für die Verwendung des Kriegsschatzes gebunden sein solle, ist wichtig, um alle Zeitversäumnis im akuten Fall vermeiden zu können. Mir Recht wurde sie in das Gesetz gebracht. Indessen die Worte des Gesetzes sind in betreff des Zweckes deutlich, indem sie " nur für Zwecke der Mobilmachung" eine Verfügung über den Kriegsschatz, somit auch über Teile desselben gestatten. Da eine Mobilmachung nicht vorliegt, kann also auf diesen Schatz für die Chinaexpeditionen nicht zurückgegriffen werden. Der Reichskriegsschatz wird ohnehin auch besser für wichtigere militärischpolitische Finanzbedürfnisse, als sie die Chinafrage bis jetzt und doch wohl auch im weiteren Verlauf der Dinge mit sich führt, intakt gehalten. Er hat meines Erachtens nur einen Fehler: er ist für die heutigen Verhältnisse zu klein! So muß also auf andere finanzielle Hilfsmittel Bedacht genommen werden. Weder Reich noch Einzelstaaten haben nun bei uns große Finanzmittel zu solchen Extraausgaben, wie sie unerwartet die chinesische Krisis für uns notwendig gemacht, frei verfügbar. Die eisernen Kassenbestände unserer öffentlichen Finanzverwaltung sind knapp gehalten und reichen notorisch schon jetzt bei der immer weiteren Ausdehnung der Finanzgeschäfte kaum aus. Größere bare Deckungsfonds für unvorhergesehene bedeutendere Ausgaben fehlen: ein schwacher Punkt unserer Reichs- und Landesfinanzverwaltungen! Hat doch das Reich nicht einmal einen eigenen baren Deckungs - und Einlösungsfonds für die 120 Millionen Mark Reichskassenscheine, von denen jetzt sogar 70 Millionen Mark in den großen Stücken zu 50 Mark im Umlauf sind, obwohl diese Scheine ausdrücklich auf Verlangen des in deutschem Währungsgeld einzulösen sind und keinen Zwangskurs für Zahlungen unter Privaten führen. Ebensowenig hat das Reich andere bare Einlösungsfonds für die Reichssilber-, Nickel - und Kupfermünze, obwohl es gesetzlich versprochen hat, den Überbringern solchen Geldes Reichsgoldmünzen auf Verlangen zu geben (Münzgesetz vom 9. Juli 1873 Art. 9); ein Verlangen, von dem in gewöhnlichen Zeiten wenig Gebrauch gemacht wird, das aber wieder in kritischen Zeiten stärker werden kann, vollends bei der großen Masse des Reichssilbergeldes, das jetzt nicht mehr 40% seines Nennwerts reellen Goldwert besitzt, und dessen weitere Vemehrung auf das Anderthalbfache des bisherigen Betrags ( 15 Mark statt 10 Mark auf den Kopf der Bevölkerung) wir gleichwohl durch ein Gesetz dieses Jahres eingeleitet haben sogar in dem Glauben, dadurch unsere Münzreform auf der Basis der Goldwährung zum "Abschluß" zu bringen, weil wir Taler einziehen, um sie durch noch um zehn Prozent schlechteres Silbergeld zu ersetzen! Einlösungsfonds für die Reichskassenscheine und Reichssilbermünzen fehlen also ganz. Für unvorhergesehene Extraausgaben der Finanzverwaltung könnte man aushilfsweise auf solche Fonds wohl zurückgreifen. Kürzung und Einziehung von Zoll - und Verbrauchssteuerkrediten wird auch nicht gleich vorzunehmen sein. Für solche Fälle, wie sie uns jetzt die Chinafrage in finanzieller Hinsicht geschaffen hat, sollten wir eben vor allem auch ein Element in der Besteuerung haben, das uns im Reiche ganz und in den Einzelstaaten, namentlich im größten, in Preußen, auch so gut wie ganz fehlt: eine Beweglichkeit des Fußes gewisser Steuern, wozu sich am meisten die direkten Personalsteuern, die Einkommen - und Vermögenssteuern eignen. Damit könnte man die sich doch immer noch in mäßigeren Schranken haltenden plötzlichen Mehrbedürfnisse der Finanzverwaltung decken, ohne immer gleich zum Staatskredit greifen und das Land so wenigstens für längere Dauer mit den Zinsen der Schulden belasten zu müssen. Zugleich wäre es möglich, so die gesteigerte Belastung auf die leistungsfähigeren Teile der Bevölkerung mehr hinzuwenden, die "kleinen Leute" freizulassen oder niedriger zu besteuern. Als jüngst England den unglückseligen Burenkrieg begann, hat man zwar auch wichtige Konsumartikel der Massen, wie Tee, Getränke in der Steuer (Zoll) erhöht, aber doch auch die Einkommensteuer, die erst die immer schon wohlhabenderen Klassen von 3200 - 4000 Mark Einkommen an trifft, sofort stark erhöht, aber doch , von 8 d. auf 1 sh. vom Pfund (5%). Die weitere hinzugekommene Schuldvermehrung ist daher in England doch nicht wieder das einige Deckungsmittel von Kriegsausgaben geblieben. Und so ist England auch früher verfahren, hat z. B. im Krimkrieg seine Einkommenssteuer zeitweise auf 16 d. vom Pfund (6 2/3%) erhöht. Unsere Steuerverfassungen gestattet leider diesen richtigsten Weg zu betreten nicht. Im Reich macht sich dabei immer der Mangel einer direkten Reichssteuer geltend. Für die neuen Marinekosten haben wir ja einige andere Steuern etwas erhöht, aber nicht solche, bei denen die Erhöhung einen erheblicheren finanziellen Effekt haben kann. Das wäre nur bei Erhöhungen der Sätze wichtiger Positionen des Zolltarifs und der inneren Verbrauchssteuern der Fall, wovon man bei uns in der Marinesache, im ganzen wohl mit Recht, abgesehen hat, und auch in der Frage der Deckung der Kosten der ostasiatischen Expedition wird man auf solche Erhöhung mit Recht nicht gern eingehen. Unter solchen Umständen bleibt aber nur die Benutzung des Staatskredits übrig. Leider kann diese jetzt nur unter wesentlich ungünstigeren Bedingungen erfolgen, als es vor einigen Jahren möglich gewesen wäre. Der Grund liegt in dem bekannten starken sinken des Kurses unserer Staatspapiere wie aller etwa gleichwertigen, feste Zinsen tragenden Werte (einschließlich der Pfandbriefe). Die Tatsache ist ja bekannt. Ich habe sie seiner Zeit selbst zum Gegenstand eines Aufsatzes in der "Woche" gemacht ("Deutsche 3½ prozentige Papiere unter Pari". Nr. 16 vom 1. Juli 1899). Seitdem ist die ungünstige Entwicklung der Kurse noch wesentlich fortgeschritten, wenn auch unter Schwankungen und mit gelegentlichen Reprisen. Aber die Zahlen sind leider frappant. So standen (nach dem reichsstatischen Jahrbuch) in den letzten Jahren die Reichsschuldverschreibungen folgendermaßen:
Was sind nun die Ursachen dieser starken, dauernden, im ganzen sich bisher eher noch steigernden Baisse unserer "besten Anlagewerte"? Darüber gehen, wie gewöhnlich bei den kausalen Erklärungen, die Ansichten ja vielfach auseinander. Mit komplizierten Verhältnissen und verschiedenen Einflüssen hat man es sicher zu tun. Die Baisse der Wertpapiere mit festem Zins, die vielfach in anderer Weise ihre Kurse entwickeln als die spekulativen Dividenenpapiere, Aktien usw., beschränkt nicht auf Deutschland, wenn sie auch bei uns wohl am stärksten unter den Staaten mit normalen und gefesteten politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnissen hervorgetreten ist. Universelle Einflüsse, worauf die Verbreitung der Erscheinung hinweist. wirken mit: die wiederholten politischen Störungen im spanischnordamerikanischen, im südafrikanischen, jetzt im chinesischen Krieg , die Stockung des Goldzuflusses aus Transvaal, der allgemeine spekulative Aufschwung in Industrie und Handel seit zwei bis drei Jahren mit seinen großen Ansprüchen an den Geldmarkt und das bewegliche Kapital. In Deutschland speziell kommt aber wohl noch mitwirkend hinzu die abnorm starke Begünstigung der industriellen und montanistsischen Entwicklung durch Syndikate, Kartelle und andere privatmomopolistische Einrichtungen (Kohlensyndikat), zum Teil auch durch unser Zoll- und Eisenbahntarifsystem, durch die Tätigkeit der großen Banken, durch die weite Verbreitung des Spiels in Börsenwerten und Kuren in allen Kreisen unserer besitzenden Bevölkerung. Die vorausgegangenen Konversionen der Staatspapiere, Pfandbriefe, die Ermäßigungen auch des hypothekarischen Zinsfußes mögen, wie oftmals schon, auf diese Bewegungen noch besonders eingewirkt haben. Ich möchte auch zugestehen, daß einzelne Bestimmungen des Börsengesetzes für dessen Hauptinhalt ich nach wie vor eintrete indirekt einen höheren Bargeldbedarf für die Ausführung der Geschäfte bewirkt und die Spannungen im Geldmarkt, wenn nicht direkt verursacht . so doch gesteigert haben. Ferner glaube ich, dem Zustand unseres Geld - und Münzwesens und der Verfassung und Funktion unseres Notenbankwesens, insbesondere unserer Reichsbank, eine nicht ganz unwesentliche Mitschuld an unserer gegenüber andern westeuropäischen Ländern und Nordamerika stärkeren Geldknappheit und Zinsfußverteuerung geben zu dürfen, ja zu müssen. Unsere "Goldwährung" ist eben und bleibt auch nach der jüngsten Münznovelle eine stark "hinkende". Nicht mehr, ja weniger als die französische und nordamerikanische, das ist einzuräumen. Aber unter unsern geographischen, neupolitischen und wirtschaftlichen Verhältnissen dürfen wir Experimente mit "hinkender" Goldwährung nicht in dem Maß wagen wie wohl Nordamerika, wie selbst Frankreich. Unsere vortreffliche Reichsbank möchte ferner für die enorm großartige Stellung, die sie im deutschen Geld -, Kredit - und Bankwesen und in der ganzen Volkswirtschaft einnimmt, für den Betrag von über anderthalb Milliarden stets fälliger Verbindlichkeiten (Noten und Girokapitalien und Reichs - und Staatsgelder), für ihre Stellung als "Regulator" des Geldwesens, auch im internationalen Verkehr, längst nicht mehr stark genug fundiert sein, weder in betreff ihrer eigenen Mittel (Stammkapital und Reservefonds von 150 Mill. Mark), wovon ein nicht unbeträchtlicher Teil in den Immobilien festliegt, noch in betreff ihres Barfonds, noch dessen Höhe und vollends noch dessen Zusammensetzung. Die durch das neueste Bankgesetz in Aussicht genommene Erhöhung des Stammkapitals der Bank ist leider noch nicht erfolgt, wäre jedoch meines Erachtens längst erforderlich gewesen. In ihrem Barfonds leidet die Bank aber unter unserm unfertigen Währungs - und Münzsystem. Ihre Funktion wird gehemmt durch die nicht viel weniger als 1/5 Milliarde Taler in ihrem Besitz (Stücke, die reell 1 1/3 Mark Gold wert sind, aber als drei Mark gelten und so keine ordentliche Metalldeckung bilden), auch durch das Vorhandensein der Reichskassenscheine. Die durchschnittliche höhere Stellung unseres Reichsbankdiskonts, verglichen mit dem Satz der andern großen Zentralbanken, hängt nichtallein, aber wohl zum Teil mit der beständigen Gefahr zusammen, den (gegenüber den täglich fälligen Gesamtverbindlichkeiten von über 1½ Milliarden Mark) viel zu niedrigen Goldvorrat von öfters kaum ein Drittel dieser Höhe, den einigen wahren Bardeckungsfonds, zu sehr sich vermindern zu sehen, zu schwer ergänzen zu können. Ich weiß sehr wohl, das diese Ansichten in gewissen maßgebenden Kreisen der Bankwelt für falsch gelten, ich wage sie demungeachtet festzuhalten. Endlich möchte gerade der ungünstige Kurslauf unserer Staatspapiere seit zwei Jahren einem weiteren Sinken und einer schwereren Unterbringung neuer Reichs - und Staatsanleihen, zumal in Konsolform, noch Vorschub geleistet haben. Bei der ohnehin viel zu sehr verbreiteten Neigung, auch unseres mittleren und kleineren Privatkapitalistenpublikums, Spekulationseffekten, wie es alle Aktien mehr oder weniger sind, zu erwerben, ist es nur zu begreiflich, daß Besitzer von Konsols, Pfandbriefe usw. sich auch mehr von diesen Papieren ab - und jedenfalls in geringerem Maß für ihre neuen Kapitalsanlagen usw. ihnen zuwandten, wenn sie sahen, welche Kapitalverluste neben der dürftigen Rente ihnen diese "soliden Anlagepapiere" brachten, während die Industriepapiere usw. in der günstigen Hochkonjunktur neben hoher Rente rasch wachsende Gewinste am Kapital selbst mühelos wenn auch um den Preis stetiger Sorge vor Rückschlägen, die aber ja erst neuerdings kamen ihren Besitzer in den Schoß warfen. Indessen, mögen diese kausalen Erklärungen ganz zutreffen oder da und dort zu berichtigen sein: für jetzt haben wir mit der Tatsache eines verhältnismäßig niedrigen Kurses unserer Staatspapiere bis auf weiteres zu rechnen. Die Welt ist rund und dreht sich, vollends ist wirtschaftliche Welt! Ich bin fest überzeugt, daß sich aus der übertriebenen industriellen und montanistischen Hochkonjunktur, wie sich bereits in vielen Symptomen zeigt, mit denselben bösen Wirkungen, wie bisher noch immer, eine starke Baissekonjunktur der Industrie, des Bergbaus, des Exporthandels entwickeln wird. Dann werden auch unsere soliden Anlagepapiere, voran Staatspapiere und Pfandbriefe, wieder zu Ehren und zu besseren Kursen kommen und berühmte Industrie - und Minenwerte ihren Nimbus und ihre Beliebtheit verlieren. Aber auch solche Entwicklung fordert einige Zeit zur Vollziehung des Prozesses. Heute im Moment, wo das Reich Geld braucht, kann nur auf Grund der gegenwärtigen Sachlage kalkuliert und finanziell operiert werden. Diese Sachlage aber ist der niedrige Kursstand unserer ersten Staatspapiere, die Schwierigkeit, größere neue Beträge davon auch nur zu den jetzigen Kursen im Inland bei vermittelnden Banken, vollends im Privatkapitalitenpublikum unterzubringen, die Geldknappheit der Börse und des ganzen Geldmarkts, wohl auch die Festlegung vieler Kapitalien in nicht realisierbaren Werten und in - und ausländischen Placements bei den großen Effektenbanken, der eigenen wie der fremden Kapitalien, über die diese Banken in ihren Depositen und Kontokorrentgeldern verfügen. Auch zum Kurs von z.B. nur etwa 93 verzinsten sich Staatspapiere doch bloß zu etwa 3 ¾ %, und so viel würden solche Anleihen als Konsols dem Reich kosten wenn sie in größerem Betrage von einigen Dutzend Millionen und dann zu diesem Kurs im Inland sicher unterzubringen sind. d.h. namentlich nicht nur wieder hier länger das Portefeuille der übernehmenden Banken belasten. Gerade dieses "ob und wenn" bildet aber den heiklen Punkt! Ob eine Rückkehr zu dem 4 %igen Typus. Wie schon seitens deutscher Einzelstaaten. Gemeinden, Hypothekenbanken geschehen ist, bessere Chancen verspräche, ist nicht ganz unwahrscheinlich, solche Papiere würden auch in Konsolform, etwa mit dem gleichzeitigen Verzichtversprechen wegen Konversion und Zinsreduktion für eine etwas längere Zeit, wohl beliebter sein; mehr noch bei der jetzigen Lage der Dinge und mit Rücksicht auf die neuerlichen Erfahrungen mit den Konsols, wenn man wieder zu regelmäßig durch Verlosung zu pari rückzahlbaren Papieren zurückginge. Aber es ist nicht unbegreiflich, daß man die Wiedereinführung dieser 4%igen Titel und gar der tilgbaren Anleihen scheut, auch durch die im ganzen doch wohl als vorübergehend anzusehende heutige Kursstellung der 3 ½ %igen Konsols noch nicht für geboten hält. Unter diesen Umständen liegt es nahe, zumal wenn man an eine nicht zu schnelle Beendigung der chinesischen Wirren und ein nicht zu hohes Anschwellen der dortigen Ausgaben für unser Reich, sowie an die Möglichkeit denkt, von China genügende finanzielle Entschädigungen zu erlangen vielleicht der fragliche Punkt! Anleiheformen zu wählen, die zwar für kurze Zeit dem Reich etwas mehr Zinsen kosten, aber bei denen sich Kapitalverluste am Emissionskurse unter pari ganz oder größtenteils vermeiden und eine relativ baldige Abstoßung der Schuld selbst bequem vornehmen lassen. So verfuhr auch der Norddeutsche Bund 1870 nach den ersten großen Kriegserfolgen, als der Krieg selbst aber doch noch länger andauerte. Man gab damals Schatzanweisungen mit längerer als der bisher gesetzlich zulässigen einjährigen Frist, nämlich mit fünfjährigen Umlaufzeit aus, zu 5%, zum Kurse von 92 ½ , später von 95 %, auf deutsche Silberwährung und zugleich auf englische Goldwährung lautend, um sie auf dem englischen Markt leichter unterzubringen. Eine Kündigung mit sechsmonatiger Frist noch vor Ablauf der Umlaufzeit war vorbehalten und dann auch bereits 1872 größtenteils die Rückzahlung bewerkstelligt (Gesetz vom 29. Nov. 1870). Nicht die politische oder die finanzielle Lage des Reichs, ebensowenig natürlich die militärische, wohl aber die Rücksicht auf den Geldmarkt, auf die gegenwärtigen Kurse der Konsols und auf die unmittelbare Einwirkung einer größeren inneren Reichsanleihe auf die Lage des Geldmarkts lassen es opportun erscheinen, den augenblicklichen Geldbedarf des Reichs in ähnlicher Weise durch Schatzanweisungen mit mehrjähriger Umlaufzeit und zu einem den Zeitverhältnissen entsprechenden Zinsfuß zu decken. Auch auf das Ausland dabei zu reflektieren, hat keine besonderen Bedenken. Es ist eben eine geschäftliche Erwägung, und Anleiheaufnahmen sind einmal in erster Linie "Geschäfte". Die akkreditiertesten Staaten verfahren so, selbst das kapitalreiche England noch jüngst. Ich kann daher in der kundgewordenen Begebung einer vierprozentigen kurzterminlichen Anleihe in Nordamerika unter Mitwirkung deutscher Banken nichts Bedenkliches sehen. Wohl ist die Tatsache allgemein geschichtlich und speziell staatsfinanzgeschichtlich und wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswert, als Zeichen der Überanspannung unseres heimischen Geldmarktes, in die wir durch die überspannte Entwicklung unserer Industrie in den letzten Jahren geraten sind, sowie allerdings auch als Zeichen der ungeheuren wirtschaftlichen Entwicklung Nordamerikas, das selbst bis vor kurzem immer einen höheren Zinsfuß hatte und auf europäischen Kredit angewiesen war und nun den reichsten und blühendsten Ländern Europas, England und Deutschland, mit relativ wohlfeilem Kredit in deren Geldklemmen zu Hilfe kommt. Aber in die gleiche Lage kann Nordamerika leicht ebenso wieder kommen, wie jedes Land im heutigen weltwirtschaftlichen Verkehr und in der modernen Industriestaatsentwicklung. "Auswärtige" Anleihen haben für das kreditnehmende Land doch auch ihre sehr erheblichen wirtschaftlichen Vorteile, die die etwa mit einhergehenden Nachteile aufwiegen. Man spricht wohl von "Zinstribut" an das Ausland, aber diesem steht doch der Gewinn an Kapitalvermehrung gegenüber, den das schuldende Land gemacht hat. Der von der fremden Volkswirtschaft erlangte Kredit erlaubt dem Inland eher, schwierige wirtschaftliche und finanzielle Perioden zu überwinden, ganz ohne oder ohne so großen Druck, wie ihn große inländische Staatsausgaben bewirken, wenn sie durch Anleihen aus einheimischen Kapital, das erst direkt oder indirekt den wirtschaftlichen Unternehmungen entzogen werden muß, gedeckt würden. Große wirtschaftliche unproduktive Staatsausgaben wie für Kriege u. dgl. bringen dann bei Bestreitung aus Kapitalien des Auslands das Inland nicht so zurück, wie es sonst geschähe, große produktive Staatsausgaben lassen sich ohne sonst nötige Einschränkung der inländischen Produktion und Arbeitsbeschäftigung bewerkstelligen, denen im Fall der heimischen Anleihen Kapital entzogen würde. Im großartigsten Maß haben das Länder erfahren, die in politischen Katastrophen, Kriegen u. dgl. ihre Anleihen im Ausland unterbringen konnten. Wie Nordamerika im Bürgerkrieg 1861 usw., und andrerseits solche, die wie Rußland große produktive Verwendungen, wie für Eisenbahnbauten, mit dem Ertrag auswärtiger Anleihen durchführten. Hier kann man wirklich von einer "kulturhistorischen Mission" des internationalen Kredits für das schuldende Land sprechen. Es wird möglich, schwierige Geschäftsperioden eher durchzumachen, das Inland zu heben oder von einem Rückgang zu behüten, der sonst erfolgen würde. Freilich hat die Sache diese Bedeutung nur bei absolut und relativ umfangreichen Kapitalaufnahmen im Ausland und relativ umfangreichen Kapitalaufnahmen im Ausland, und Kehrseiten fehlen nicht, z. B, Störungen für den Absatz einheimischer Produkte im Ausland. Das muß in den Kauf genommen werden. Eine dauernde feste Verschuldung an das Ausland mit beständiger Hinauszahlung von Zinsen hat auch anderweite Bedenken. Aber um alles dergleichen handelt es sich ja in unserm Fall gar nicht. Dazu ist die Summe der "nordamerikanischen" Anleihe viel zu klein, die Form der Anleihe führt auch nur zu einer vorübergehenden Benutzung dieses fremden Kredits, erleichtert direkt unsern Geldmarkt oder verhütet wenigstens seine unmittelbare weitere Anspannung infolge der Kreditbedürfnisse des Reichs, beeinflußt die internationale Goldbewegung in der Richtung zu uns günstig und kann so als eine unter der gegebenen Umständen richtige und zweckmäßige Maßregel der Reichsfinanzpolitik anerkannt werden. Nicht politische noch finanzielle Nöten des Reichs, sondern gewisse Beklemmungen unseres Wirtschaftslebens, wesentlich die Folge der Übertreibungen der industriellen Entwicklung der letzten Jahre, sind Ursache und Anlaß dieser Benutzung auswärtigen Kredits, unter Bedingungen, die nichts Anstößiges an sich haben. Im Gegenteil kann man in der Bereitwilligkeit des amerikanischen Geldmarktes, dem Deutschen Reich Kredit für die Deckung der Kosten seiner auswärtigen politischen Aktionen zur Verfügung zu stellen, gerade auch ein politisch günstiges Symptom sehen: für das, was das Deutsche Reich in der Welt gilt und für die besonnene auswärtige Politik, die man auch in der Chinafrage seiner Leitung zutraut.
Quelle: Die Woche 1900, von rado jadu 2001 |
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