
China - Boxeraufstand
Die deutsche Mobilmachung gegen China
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Während das bürgerliche Leben seinen ruhigen Gang geht und die große Masse des Volks im Handel und Wandel dahinlebt, entfalten die militärischen Behörden unserer Nation eine emsige Tätigkeit. In den friedlichen Lärm des Tages klingt hin und wieder der scharfe Klang der Waffen. Auf den Straßen der Großstadt taucht ab und zu ein fremdartig gekleideter Soldat auf, die Menge folgt ihm mit Blicken, man wechselt Worte hin und her, aber bald flutet das Treiben der Straße weiter, als ob nichts geschehen wäre. Die Mobilmachung vollzieht sich in geheimen; von der fieberhaften Tätigkeit Tag und Nacht von dem Hin- und Herschwirren der Depeschen dringt nichts in die Öffentlichkeit. Nur aus den großen Werkstätten, wo die Waffen geschmiedet und geschärft werden, die bald im fernen Ostasien Tod und verderben in die Reihen der Feinde streuen sollen, leuchten helle Feuer in die stille Nacht hinaus, aus den ragenden Essen dringen dunkle Rauchwolken und zeugen von der nimmer ermüdenden Arbeit für den Krieg. Die Schreckensnachrichten aus Peking haben die Herzen der ganzen Nation bis in die innersten Tiefen aufgewühlt. Zuerst glaubte man den ungeheuren Nachrichten nicht, allmählich wurde es zur Gewißheit: der deutsche Gesandte ermordet, tausende von Europäern mit Weibern und Kindern von fanatisierten Horden gelber Barbaren hingeschlachtet! Und sogleich flammte der Zorn mächtig empor, und der Ruf nach Rache wurde laut. Unser Kaiser selbst lieh diesem Wunsche lebhafte Worte. Es ist jetzt an unserer wasserfähigen Jugend, in hartem Kampf für Deutschlands Ehre einzutreten. Zum erstenmal handelte es sich darum, auch fern von der Heimat, da die Grenzen des Vaterlands vom Feind nicht bedroht sind, mit Waffengewalt für Deutschlands Ehre einzustehen. In dieser Lage war es nicht angängig, die festgefügten Truppenkörper der heimischen Armee über das Meer zu schicken und Deutschlands Gauen von Verteidigern zu entblößen. Hier galt es wieder einmal, an den Wagemut und die Manneskraft von Deutschlands Söhnen zu appellieren. Der Kaiser rief, und alle, alle kamen. Aus Nord und Süd, aus Ost und West, aus den Binnenländern, die fern von dem erfrischen Hauch des Meeres, von dem großen Netz des Seeverkehrs liegen, meldeten sich Tausende und reihten sich in die neuen Regimenter ein. Die erste und die schwierigste Aufgabe fiel natürlich unserer Marine zu. Als die ersten Schüsse von den chinesischen Takuforts fielen, sahen sich die Kommandanten der Kriegsschiffe genötigt auf eigene Hand den Kampf anzunehmen. Die deutschen Matrosen taten ihre Schuldigkeit, und ein deutscher Marineoffizier war der erste in dem chinesischen Bollwerk. Auf die Dauer waren aber die Besatzungen der Kriegsschiffe zu schwach, um allein einen Kampf anzufechten, der sich weiter und weiter von ihrer eigentlichen Operationsbasis fort in das Innere des Landes hineinzog. Da sandte der Kaiser die beiden mobilisierten Seebataillone auf den Dampfern "Wittekind" und "Frankfurt" hinaus, um die schwachen Reihen der Deutschen zu verstärken. Die beiden Lloyddampfer haben jetzt bereits das Mittelmeer durchkreuzt und eilen mit voller Dampfkraft ihrem Bestimmungsort entgegen. Der Dienst nimmt auch auf dem schmalen Raum des Schiffes seinen ungestörten Fortgang. Die Mannschaften werden durch Freiübungen und Gewehrexerzieren im Training gehalten und eifrig für den schweren Dienst unter halbtropischem Himmel instruiert. Die Offiziere bereiten sich in den Stunden der Muße theoretisch für den Feldzug vor. An lustigen Episoden fehlt es natürlich während der langen Fahrt nicht; bei stürmischen Wetter fordert Gott Neptun seinen Tribut auch von den Seefestesten, und manchmal kommt eine Welle über Deck und stört auch die beste Richtung. Am Eingang des Sueskanal trafen die deutschen Dampfer das große französische Truppentransportschiff "Aquitaine", das ebenfalls Verstärkung nach dem Kriegsschauplatz bringt. Lebhafte Ovationen wurden zwischen den Schiffe gewechselt. Das deutsche Musikkorps spielte die französische Nationalhymne, und die französischen Soldaten antworteten mit lauten Hurras. Dann eilten die deutschen Schiffe weiter, und man trennte sich von dem französischen Dampfer in dem stolzen Solidaritätsgefühl, daß beide Nationen für die heiligen Güter, für Zivilisation und Menschlichkeit, im Felde stehn. Auch die deutschen Seestreitkräfte in den ostasiatischen Gewässern erwiesen sich trotz der Erfindung des ersten Panzerkreuzers unserer Marine "Fürst Bismarck" als zu schwach, um allen Eventualitäten entgegentreten zu können. Die Hauptstreitkraft der deutschen Flotte, die erste Linienschiffsdivision, erhielt den Befehl, nach Ostasien zu gehen, und bald darauf traten die schweren Panzerschiffe "Kurfürst Friedrich Wilhelm", "Brandenburg", "Weißenburg", "Wörth" mit dem schnellen Kreuzer "Hela" durch den Kaiser Wilhelmkanal die Ausreise an. Jetzt haben die Schiffe bereits Gibraltar passiert. Sie haben den Befehl, mit möglichster Eile nach China zu dampfen. Ihre schweren Kanonen, deren drohende Mündungen weit hinaustragen, werden dort wohl bald ihre eisernen Grüße dem Feind entgegenschleudern. Die Division der Linienschiffe bildet den Kern unserer Schlachtflotte, sie sind in Wahrheit "Germanias schwimmende Wälle". Durch ihr Erscheinen in den ostasiatischen Gewässern wird dort Deutschlands Seemacht den Geschwadern der größten Seemacht gewachsen sein. Was sich auch aus dem jetzigen Krieg entwickeln möge, wir können das beruhigende Gefühl haben, daß wir dank dem entschlossenen Vorgehen unseres Kaisers gerüstet sind. Inzwischen gingen die Ereignisse in China ihren Gang. Die Expedition des englischen Admirals Seymour konnte sich nicht bis nach Peking durchschlagen und geriet in die härteste Bedrängnis. Tientsin selbst wurde von überlegenen chinesischen Truppen angegriffen und nur mit Not behaupteten sich zuerst die fremden Kontingente gegen das sichere Feuer der von europäischen Instrukteuren ausgebildeten und mit modernsten Feuerwaffen ausgerüsteten chinesischen Truppen. Die andern Kulturstaaten bereiteten große Truppensendungen nach dem chinesischen Aufstandsgebiet vor. Deutschland konnte nicht zurückbleiben. Da brachte
am 3. Juli ein Telegramm aus Wilhelmshaven die Nachricht, daß
in Hinblick auf den Ernst der Lage in Ostasien ein aus Freiwilligen
der Armee bestehendes Expeditionskorps in der Stärke einer gemischten
Brigade eingestellt werden sollte mit folgender Kriegsformation: Als Feldverwaltungsbehörden werden gebildet bzw. zugeteilt: Feld - Intendantur, Kriegskasse, Feldproviant - Amt, Feldbäckerei - Amt, Korpsarzt, Auditeure, Feldgeistliche, Feldpost - Expedition. Als Bewaffnung soll der Infanterie, den Pionieren und den Verkehrstruppen das neuste Gewehrmodell 98, den Reitern und den Fußmannschaften der Feldartillerie der Karabiner 98 mitgegeben werden. Zur Einübung mit der neuen Waffe werden Offiziere der Infanterie - Schießschule in den verschiedenen Formierungsorten eintreffen. Als Abzeichen trägt die Infanterie weiße Schulterklappen mit den roten Nummern 1 bis 4, ponvceaurote Kragenpatten an der Litewka und am Mantel, das Reiterregiment und die Kavallerie - Stabswache graue Litewka, ponceaurote Schulterklappen und Kragenpatten, dunkelgrüne Feldmütze mit ponceaurotem Besatz, Helm des 1. Garde - Dragonerregiments, Feldartillerie ponceaurote Schulterklappe mit der Granate der Linien - Feldartillerie, Helm der Schießschule. Die Pioniere und Verkehrstruppen tragen zitronengelbe, die Trainformation hellblaue, die Sanitätsmanschafften dunkelblaue Schulterklappen. Hierzu meldeten sich Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften in überaus großer Zahl. Formationsort für das Expeditionskorps ist Berlin, mit der Führung dieses Korps wurde Generalmajor von Lessel unter gleichzeitiger Beförderung zum Generalleutnant beauftragt (war bisher mit der Führung der 28. Division in Karlsruhe betraut). Major von Reitzenstein, der wegen Beteiligung am südafrikanischen Krieg zu 6 Wochen Festungshaft verurteilt war, geht mit dem Expeditionsstab nach China, nachdem er die Hälfte der Haft verbüßt hat. Die Mobilisierung ist nicht, wie sich der Laie wohl manchmal ausmalt, ein allgemeines Tohuwabohu, ein Drunter und Drüber, ein Rennen und Hasten. Wenn auch die Erzählung, daß Moltke während der Mobilmachungstage vor dem großen Krieg gegen Frankreich sich die Zeit mit Romanlesen vertrieben hat, wohl ins Reich der Fabeln gehört, so kann man doch behaupten, daß der Gang einer Mobilmachung ein durchaus ruhiger ist. Es kommt nicht darauf an, daß der Mann in aller Eile seine Waffen ergreift, sich in Reih und Glied stellt, um dann so bald wie möglich abzumarschieren. Es kommt vor allem darauf an, daß ein jeder an seinem richtigen Platz steht, daß auch der kleinste Ausrüstungsgegenstand seinem Zweck genügt, damit nicht während des Feldzugs an unfreiwilligem Aufenthalt wieder verloren wird, was man beim Beginn des Krieges durch allzugroße Eile gewonnen hat. Deshalb wird jede Maßnahme einer Mobilmachung durch den Mobilmachungskalender vorher zeitlich festgelegt. Jeder weiß genau, was er an dem betreffenden Tag zu der und der Stunde zu tun hat. Der Gang der Maschine ist jeder individuellen Entschließung entzogen. Mobilmachung ist aber nicht nur Ausrüstung und Zusammensetzung der Truppenkörper, die Neuformation müssen auch noch zu einem wirklich brauchbaren Kriegswerkzeug verschmelzen. Deshalb sieht man gewöhnlich in solchen kritischen Tagen, wo der nervöse Zivilist gern die Abreise beschleunigen möchte, um die bedrohten Landsleute zu schützen, die Truppen noch bei friedlichen Übungen beschäftigt. Sie wissen genau: wenn wir an Ort und Stelle erscheinen, müssen wir auch ganz schlagfertig sein. Die Mobilisierung des Ostasiatischen Expeditionskorps war für die deutsche Militärverwaltung eine neue, eigenartige Aufgabe, die, soweit sich die Sachlage überschauen läßt, glänzend gelöst wurde. Zum erstenmal arbeitet Armee und Marine im großen Stil zusammen, und der schwierige Seetransport schließt sich an die Eisenbahnbeförderung. Ganz besonderen Umfang nahmen die Vorbereitungen für die technischen Truppen des Ostasiatischen Truppen des Ostasiatischen Expeditionskorps an. Galt es doch, einen Krieg in fernen überseeischen Ländern vorzubereiten, wo die Straßen nicht in demselben Zustand sind wie auf dem alten Kulturboden Europas. Die Bilder zeigen anschauliche Bilder von diesen Arbeiten in Harburg a.d. Elbe. Da brachte die die Eisenbahn ungeheure Mengen von Brückenmaterial, von Stricken, Seilen und Bohlen. Auf großen Kähnen kamen die Pontons an, die im fernen China unsere Truppen über die breiten Ströme tragen sollen. Alles wurde registriert, verpackt und genau mit dem Zeichen des Bataillons und der Kompagnie versehen, damit ein jeder Truppenteil an dem Ausschiffungsort seine Ausrüstung sofort bei der Hand hat. Das Ostasiatische Feldartillerie-Regiment nimmt zum erstenmal eine neue Haubitzenbatterie mit in den Krieg. Die Mauern der chinesischen Städte haben dem Feuer der Feldgeschütze bisher widerstanden, speziell die Hauptstadt Peking wird durch ungeheuer starke Wälle geschützt. In diese Stadtumwallungen sollen nun die schweren Geschosse der Haubitzen Bresche legen. Daß sie diese Aufgabe in kürzester Zeit lösen werden, unterliegt wohl keinem Zweifel. Eine andere Frage ist, wie diese Geschütze, deren gewaltige Eisenmasse, auf den chinesischen Landstraßen vorwärts gebracht werden sollen. Eine besondere Schwierigkeit unserer Mobilmachung ist nämlich die Beschaffung von Reit - und Zugpferden. Außer einigen Offizierspferden, für die, strohgepolsterten Stände angefertigt werden, nimmt die Expedition nämlich kein Pferdematerial aus Deutschland mit nach Ostasien. Die Beschaffung von Pferden für die Ostasiatische Kavallerie und Artillerie usw. erfolgt vielmehr in Australien, wohin zu diesem Zweck ein Vorbereitungskommando abgegangen ist, um die notwendigen Einkäufe zu besorgen; Futtermittel werden von Deutschland aus überführt. Transportführer des größeren Vorbereitungskommandos, das in München aus allen Teilen des Reiches zusammengestellt wurde, ist Major von Falkenhayn. Von München ging die Reise nach Genua, wo das Kommando in Mailand von italienischen Kameraden begrüßt und bewirtet und war dort und in Genua Gegenstand lebhafter Ovationen. Auch die
Versorgung mit Munition macht bei der großen Entfernung des Kriegsschauplatzes
von der Heimat besonders Schwierigkeiten. Da man auf eine längere
Dauer des Aufenthalts unserer Truppen in China rechnen muß, so
sind außerordentlich große Mengen von Kriegsmunition bereitgestellt.
Zahlen reden eine deutliche Sprache. In Haselhorst bei Spandau sind
z.B. bis jetzt allein nicht weniger als Das Ostasiatische Reiterregiment trat in Potsdam zusammen. Auf unserm Bild sehen wir noch die schmucken Soldaten in den Uniformen fast aller deutschen Reiterregimenter. Jetzt haben sie bereits auch die Tropenuniform erhalten.. Sie sind mit Lanze, Karabiner und Säbel bewaffnet. Das erste Bataillone des ersten Ostasiatischen Infanterieregiments trat in Berlin zusammen und ging nach beendeter Formation nach dem Schießplatz zu Döberitz ab, um hier in Bataillonsverband zu üben und die Schießversuche mit den neuen Gewehren (Modell 98) anzustellen. Hier auf den großen Flächen des Übungsplatzes haben nun die Soldaten, die noch vor kurzer Zeit in den verschiedensten Regimentern standen, Gelegenheit, so mit den Kameraden zu verwachsen, daß die Truppen ein einziges brauchbares Werkzeug in der Hand ihres Führers bilden und die Individualität sich rücksichtslos dem Ganzen unterordnet. Hier lernen die Offiziere ihre Mannschaften kennen, die sie im Feld befehligen sollen, auf die sie sich verlassen müssen in den Stunden der Gefahr. Felddienstübungen wechselten mit Scharfschießen, Zeltaufschlagen mit Stanzarbeiten. Ein Feldgottesdienst versammelte alle Soldaten noch einmal vor dem Altar des Allerhöchsten. Während die Soldaten des Seebataillons noch den großen ungefügen Tropenhelm tragen, erhalten die Mannschaften der mobilen Brigade leichte Tropenhüte. Prächtig nehmen sich die schmucken Gestalten der Soldaten in dieser kleidsamen Tracht aus. Aus aller Augen blitz echte Kampfesfreude. Sie wissen, daß die Augen der ganzen Nation auf ihnen ruhen, und sie ziehen mit dem festen Willen hinaus, ihr Bestes für ihre Fahne einzusetzen. Das fröhliche Lagertreiben unterbricht zwar manchmal eine traurige Abschiedsszene. Viele Angehörige sind noch gekommen, um den Davonziehenden Lebewohl zu sagen. Wie viele von ihnen werden wiederkehren? Manch einer wird vielleicht dort fern von der Heimat, auf der andern Seite der Erde, zu ewiger Ruhe gebettet. Aber wer denkt an die Gefahren, wenn es gilt, für die Ehre des Vaterlandes zu streiten! Die Parole heißt jetzt: vorwärts mit Gott! Es geht wieder einmal ein großer Zug durch die ganze Nation. Das ungeheure, weitverzweigte Institut unserer Militärverwaltung hat sich glänzend bewährt. Noch behauptet der deutsche Soldat in Europa seine alte Ehrenstellung, und bald sollen auch Schlachtfelder in den andern Erdteilen von ihm erzählen. Eine neue Epoche unsere Politik bricht an, und mit ihr beginnt eine neue Ära für den deutschen Soldatenstand. Neue Anschauungen, die den veränderten Verhältnissen angepaßt sind, müssen Eingang finden in die alte Institutionen, die sich seit Jahrhunderten bewährt haben. Erhaben über den Wandel der Zeit aber ist der echte Soldatengeist, der unserm Volk eigen ist seit Beginn seiner Geschichte. Darum nochmals: vorwärts mit Gott!
Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001. |
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