
China - Boxeraufstand
An der Grenze von Russland
und China.
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Die Ereignisse in China lenken die Blicke auch mit Sorge und Spannung an die sibirischmandschurische Grenze, wo die Russen unerwarteten Überfällen zu begegnen haben. Im allgemeinen herrschen bei uns nicht immer ganz zutreffende Vorstellungen über den gegenwärtigen Zustand des östlichen Sibiriens. Das ungeheure Land ist in der Tat der weiteren Erschießung dringend bedürftig, und der in Wladiwostok begründeten "Gesellschaft zur Erforschung des Amurgebiets" harren noch wichtige Aufgaben aller Ar. Sicherlich wird die Ausdehnung der natürlichen Verkehrsader Ostsibiriens, des Amur, dessen Länge 4700 Kilometer beträgt, vielfach unterschätzt. Im Gegensatz zu dem nicht minder langen sibirischen Flußriesen Jenissei, der sogar den aus London durch das nördliche Eismeer kommenden Ozeandampfer bis nach Jenissei, also bis in das innerste Herz Sibiriens, hinreichend tiefes Fahrwasser bietet, verursacht im Amur sommerlicher, nicht genügender Wasserstand die ärgerlichsten Verkehrsstockungen, die in so kritischen Zeiten, wie den gegenwärtigen, für die Truppentransporte um so verhängnisvoller werden müssen, als auch die bis zur Beginstelle der Amurdampfschiffahrt fertiggestellte sibirische Bahn wegen ihrer Eingleisigkeit und schwachen Bauart durchaus nicht in dem erwarteten Maßstab für Truppenheranziehung verwendbar sein dürfte; auch die im Ussurigebiet fast durchweg aus Holz hergestellten Eisenbahnbrücken können durch Übeltäter unter den chinesischen Bahnarbeitern leicht zerstört werden, wie ja bereits häufig genug derartige Brücken durch fliehende Verbrecher mit Petroleum begossen und dann in Brand gesteckt wurde. Um von den wechselnden Launen des Wasserstandes im Amur nicht allzusehr abzuhängen, haben die auf der seichtesten Strecke des Stromes zwischen Blagowjeschtschensk und Strjetensk fahrenden Schiffe kaum einen Meter Tiefgang und müssen durch ein am Heck befestigtes Schaufelrad auf dem oft nur sehr schmalen befahrbaren Streifchen der mächtigen Wasserfläche vorwärts getrieben werden. Andererseits schwellen im Frühjahr durch die Schneeschmelze im Jablonojgebirge die Quelladern des Amur so unheimlich an, das der Besiedler des Amurufers oft verzagt die Arme sinken läßt. Viele Bauern werden des Kampfes müde und treten nach vergeblichen Mühen den Heimweg in ihre engere russische Heimat an. Das Uferland des Amur streckt dem Ansiedler keineswegs überall mit lachender Miene offenes Gefild entgegen. Dichtes, morastiges Gebüsch von Birken, Eschen und Weiden, Wälder von Lärchen, Zedern und Kiefern bedecken weithin die von langen, schroffen Sandsteinrücken durchschnittene Ebene. Jäh in den Flußlauf vorspringende oder auf Inseln emporragende Felsklippen erinnern an das Heidentum der einstigen Urbewohner, die solche Felstürme für heilig hielten und mit schamanischen, "glückliche Jagd" verheißenden Fetischen schmückten. Bei dem durch unersättliche Pelzhändler veranlaßten Massenmord kostbarer Pelztiere ging jedoch nicht nur das Wild, sondern auch der eingeborene Jäger zu Grunde, und die Folgen dieser Raubjagd sind, daß z,B. eine Ernte von etwa 50 000 Zobelfellen im Jahr 1850 jetzt kaum noch der zehnte Teil gegenüberstellt werden kann. Ähnlich verhält es sich mit dem in den sibirischen Bergwerken verübten Raubbau, so daß Ostsibirien noch schwere Jahre mühsamen Aufbauens bevorstehen, bevor es im Sinne der europäischen Kultur produktiv sein kann. Der Mangel an einem gebildeten Mittelstand, die Vermischung der Bevölkerung mit Nachkommen entlassener oder entwichener Sträflinge ist ein weiterer erschwerender Umstand für die Angliederung des östlichen Sibiriens an die homogene Zivilisation des Westens. Der ansehnlichste Stapelplatz am Amur im Innern des östlichen Sibiriens, ist Blagowjeschtschensk das jüngst vom jenseitigen mandschurischen Ufer aus durch die Chinesen so hinterlistig bombardiert wurde. Daß dies Bombardement die unbefestigte Stadt nicht in Schutt und Trümmer zu legen vermochte, hat seinen Grund in der weitläufigen Bauweise des Orts, der, wie alle in Sibirien, mit größter Raumverschwendung angelegt ist. Die breiten Straßen mit weit auseinanderliegenden einstöckigen Häuschen, meist aus Holz, seltener aus Stein, boten der Beschießung keinen sehr dankbaren Boden. Wie ein Riese unter Zwergen ragt an dem ödem, ungeheuren Marktplatz ein gegenüber dem Mädchengymnasium mit weltstädtischem Prunk erbautes Kaufhaus in die Lüfte. Daß übrigens die früher fast ausschließlich durch deutsche Häuser von Hamburg nach Wladiwostok geleitete Einfuhr neuerdings durch Einfuhrzölle und andere Maßregeln in russische Hände gespielt wird, verdient hervorgehoben zu werden. Dem Chinesen kommt es keineswegs mehr, wie wohl früher, nur darauf an, mit dem Pulver einen möglichst schrecklichen Lärm zu vollführen; am allerwenigstens dürfen aber die manschurischen Soldaten mit den feigen und zum Fechten untüchtigen Südchinesen in eine Reihe gestellt werden. Während sich in der Mandschurei der Chinese als Kaufmann und Handwerker breit gemacht hat, ist der Mandschure als Ackerbauer aufs Land, als Fischer an die Flüsse und als Jäger in die Berge gedrängt oder zum Soldaten gemacht worden. Von Kindesbeinen gewöhnt, den vergifteten Pfeil treffsicher von der Sehne zu schnellen, gibt der Manschure einen ebenso zähen wie verschlagenen Krieger ab, der die Verweichlichung der Chinesen nicht teilt.
Schließt der Frost den Wasserspiegel des Amur, dann fährt der mandschurische Bauer mit seinem quietschenden, schwer mit Heu oder ländlichen Produkten beladenen zweirädrigen Karren aus seinem Dorf Sachalin über das sichere Eis und schleudert den Köchinnen in Blagowjeschtschensk seine Säcke voll hartgefrorener Eier und Klumpen Milch so grob und plump über die Schwellen, wie er jetzt seinen Kugelregen über die Flußgrenze wirft. Jedenfalls scheint die oft geäußerte Hoffnung der Russen, daß ihnen Asien nach und nach freiwillig in die Arme sinken würde und müsse, in Bezug auf die Mandschurei nicht in Erfüllung zu gehen; "ohne Schwertstreich und Blutvergießen", wie bei der Annektierung des Amurlandes, geht es dort nicht ab. Quelle: Die Woche 1899, Dr. Kurt Boeck, von rado jadu 2001
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