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Japan und die Japaner

Von Hans Grafen von Königsmarck

Statue

Bei uns im Westen die Hauptträgerin gesellschaftlicher Beziehung, kommt die Frau im Osten in sozialer Hinsicht gar nicht in Betracht, und das fehlen des weiblichen Elements schließt einen geselligen Verkehr in unserm Sinn mit den Japanern aus. Die japanische Frau gibt indessen dem Europäer in der Regel Anlaß zur Bewunderung, nicht sowohl ihrer äußeren Anmut, als ihrer inneren Eigenschaften, ihres sanften, sympathischen, echt weiblichen Wesens halber. Gehorsam gegen Vater, Gatten und Sohn ist ihre lebenslange Pflicht. Sie hat ein tugendhaftes Herz und ist eine treue, dem Mann unterwürfig ergebene Gattin. Auf ihren Schultern allein ruht die Sorge für das Wohl der Familie. Früh auf und zuletzt zu Bett, überwacht sie Haushalt und Kinder, und doch ahnt man kaum von ihrer Existenz! Eine Gehilfin, eine Freundin des Mannes, gleich der Europäerin, ist sie nicht. Willkürlich kann sich der Gatte von ihr trennen, ohne gesetzliche Verpflichtung, für sie und ihre Nachkommenschaft zu sorgen. Geschwätzigkeit, mürrisches Wesen, Eifersucht und Albernheit gelten in Japan schon als Scheidungsgrund.

Erzogen in den Anschauungen einer Religion in den Sitten einer Gesellschaft, die ihr eine absolut passive Stellung ihrem Vater, ihrem Mann und als Witwe ihrem Sohn gegenüber anweisen, nichts besitzend, gezwungen, Nebenfrauen zu dulden, eventuell verstoßen, ist ihr Los mit dem der europäischen Frau nicht zu vergleichen, wenn es auch im Gegensatz zum Dasein ihrer asiatischen Schwestern immerhin ein glückliches zu nennen ist. Man begegnet der Frau in Japan mit Achtung und Höflichkeit, sie leitet das Haus und bewegt sich frei in und außer ihm.

Unter dem Einfluß westlicher Zivilisation beginnen sich bereits heute im Reich des Mikado für die Erweiterung der Frauenrechte Stimmen zu erheben, die die konfuzianische Sittenlehre als Basis der Familie nicht mehr für zeitgemäß erachten. Eine Hauptverfechterin dieser Anschauung, Fräulein Tsuda, glaubt mit der angestrebten Stellung der japanischen Frau gleichzeitig auch eine soziale Annäherung zwischen ihren Landsleuten und den Europäern zu erleichtern.

Schlafen
Essen

 

Bei der japanischen Eheschließung spielt der Priester keine Rolle. Sie ist zwar ein gesetzlicher Kontrakt, kann jedoch mit beiderseitiger Zustimmung oder auf Wunsch nur eines Gatten — gewöhnlich des Mannes — unschwer gelöst werden. Die Wahl des Lebensgefährten wird nicht durch persönliche Neigung, sondern durch elterlichen Willen bestimmt, dem sich die Kinder gehorsam fügen. Die Präliminarien sowohl wie die endgültige Regelung aller Formalitäten werden einem von beiden Ehepaaren gewählten Vermittler, einem verheirateten Freunde, übertragen. Dieser bahnt die Bekanntschaft der jungen Leute an und bleibt ihnen auch nach der Hochzeit ein Berater, dessen Urteil etwaige Differenzen anheimgestellt werden. Durch Geschenke, bestehend in Eßwaren und Kleidungstücken, wird die Verlobung besiegelt.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten finden im elterlichen Haus des Bräutigams statt, wohin die Braut von dem Heiratsvermittler feierlich geleitet wird. In Weiß, die japanische Trauerfarbe, gekleidet, verläßt sie ihr bisheriges Heim, zum Zeichen, daß sie nunmehr für die Ihrigen stirbt und künftig nur noch der Familie ihres Gatten angehört.

Neben der legitimen duldet die japanische Sitte im Hause selbst eine Nebenfrau, die jedoch nicht die gleichen Rechte wie die rechtmäßige Ehehälfte genießt: sie repräsentiert nicht im Hause, noch kümmert sie sich um die Erziehung der Kinder. Zumeist gehören die Nebenfrauen einer untergeordneten Gesellschaftsklasse an. Die verheirateten Frauen kleiden sich einfach, in dunkle Farben. Nur ihre Schärpen, japanisch "Obi" genannt, die Hauptzierde der weiblichen Toilette, zeigen lebhaftere Farben. Schöne Obis zu besitzen, ist der sehnlichste Wunsch jeder Japanerin, und deren kunstvolles Binden bedeutet den höchsten Triumph ihrer Koketterie. Diese Schärpen, die oft hunderte kosten, bestehen bei den wohlhabenderen Klassen aus reichdurchwirkten, bunten Seidenbrokat.

Von Jugend auf in der Idee erzogen, daß die Hauptaufgabe des weiblichen Geschlechts darin bestehe, dem Mann die Existenz so angenehm wie möglich zu gestalten, lernt die japanische Frau das Leben überhaupt nicht vom Gesichtspunkt des Genießens kennen. Dieser Vorzug gebührt ausschließlich dem Mann, und zwar in vollem Maß.

Dagegen hat man Japan mit Recht das "Paradies der Kinder" genannt. Ungetrübt verließt ihre Jugend, umgeben von der gleichen zarten Sorgfalt und Liebe, mit der man hier die Pflanzen pflegt. Das Kind hört nie ein hartes Wort, stets zeigt man ihm ein lächelndes Gesicht. Dieses wird ihm selbst zur Gewohnheit, und unbewußt nimmt das Kind schon in frühester Jugend die verbindlichen Umgangsformen der Großen an. Das nette Wesen und die fröhlichen Spiele der kleinen Welt bilden überaus anziehende Momente im japanischen Volksleben. Die Jungen, ein Jüngeres auf dem Rücken, lassen vor oder auch auf dem väterlichen Haus Drachen steigen; die Mädchen üben sich mit graziöser Anmut im Federballspiel. Gleich den Erwachsenen, jedoch in auffallende Farben gekleidet, legen sie schon im zarten Alter große Sorgfalt auf ihre Toilette und tragen mit würdevoller Koketterie ihre bunten Kimonos. Das Gesicht ist lebhaft rot und weiß geschminkt, die Coiffure zu kunstvollen Puffen geordnet und mit Blumen, glänzenden Nadeln und Spangen verziert. Eine große Rolle im Leben der kleinen wie der erwachsenen Mädchen spielt die Puppe.

Es gibt unter den Puppenkörpern zum Teil mit täuschender Naturtreue hergestellte Exemplare, sogar in Lebensgröße, zwei bis dreijährige Kinder darstellend. Man muß diese hübsch gekleideten Pseudobabies selbst aus nächster Nähe erblickt und beobachtet haben, wie die japanische Puppenmutter sie ihre Händchen ausstrecken, ihre kleinen nackten Fuß bewegen und ihr zierliches Köpfchen drehen läßt! —

Tokio ist die Hauptresidenz des Kaisers von Japan uns steht heute schon völlig im Zeichen moderner Zivilisation. Den Mittelpunkt der Stadt bilden die von einem schönen Park umgebenen kaiserlichen Paläste, einstöckig in japanischem Stil erbaut. Der melancholische Eindruck dieses dem Weltgetriebe entrückten kaiserlichen Wohnsitzes wird erhöht durch die dunklen, bizarr geformten, uralten Pinien über den gigantischen Steinwällen, die dem Ganzen einen festungsähnlichen Charakter verleihen.

Der Mikado, von seinem Volk auch Tennõ, der "himmliche Kaiser" genannt, verrät in Gesichtszügen und Hautfarbe des stark ausgeprägten mongolischen Typus, dem auch der spärliche Bartwuchs entspricht. Er überragt an Größe die meisten seiner Untertanen und hält sich unausgesetzt in starrer Unbeweglichkeit zu seiner ganzen Höhe aufgerichtet. Für seine Person sparsam und anspruchslos, rühmt man dem hohen Herrn große Freigebigkeit für öffentliche und wohltätige Zwecke nach. Seine humanen Bestrebungen finden rege Unterstützung bei der Kaiserin, deren unermüdlicher Fürsorge die großen Hospitals von Tokio und der Verein vom Roten Kreuz ihre Entstehung verdanken.

Schwerwiegenden persönlichen Einfluß auf der Lenkung der öffentlichen Angelegenheiten dürfte der Kaiser kaum ausüben, wenn man in Betracht zieht, daß der in der Abgeschiedenheit des Hoflagers lebende Herrscher mit der Außenwelt ausschließlich durch die Vermittlung seiner Minister in Berührung kommt.

Der Tenno
Die Kaiserin
Der Kronprinz

 

Nur nominell hat die Restauration von 1868 den Mikado mit der dem Shogunat entrissenen Macht aufs neue bekleidet — tatsächlich ging diese auf eine Oligarchie einflußreicher Männer über, die als Vertreter der leitenden Parteien das Land beherrschen. Der Tennõ, ehedem ein Werkzeug der Shogune, ist heute ein solches in den Händen der großen Parteiführer, und wie seine Vorfahren, hat sich auch der Kaiser Mutsuhito in seine passive Rolle gefunden. Nur sobald das heute nach europäischer Artorganisierte Hofzeremoniell seine Gegenwart erfordert, erfüllt er aktiv seine Herrscherpflichten. Wenn auch nicht frei von orientalischer Indolenz, repräsentiert er als dann gewissenhaft, soweit es westliche Etikette erheischt.

Der zukünftige Beherrscher des Inselreichs dagegen, zum Teil von Männern umgeben, die im Ausland ihre Erziehung genossen, scheint sich ehrgeizige Ziele gesteckt zu haben und mit den Vorbildern europäischen Fürsten zu sympathisieren. Im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern des Kaiserhauses huldigt der Kronprinz auch im privaten Leben europäischen Lebensgewohnheiten und beherrscht das Französische, während der Kaiser keine fremden Sprache mächtig ist.

Zum Chrysanthemumfest erscheint der Hof. Unter Vorantritt der hohen Würdenträger nahen die Majestäten, der Mikado in Generalsuniform, die Kaiserin in pfirsischfarbener Toilette, mit aufgespanntem Sonnenschirm über ihrem Pariser Hütchen, trotzdem Wolken — aus Mitleid für den ungeschützten Teint der anwesenden Damen — die Sonne verhüllen. Mit anmutiger Würde durchschreitet die Kaiserin Haru - Ko an der Seite des Herrschers die zu einem Spalier formierten Reihen der Geladenen und erwidert mit liebenswürdigem Lächeln ihren ehrerbietigen Gruß.

Unter einem Zelt in den weiß und roten Landesfarben nimmt sodann das Kaiserpaar die Vorstellung des diplomatischen Korps entgegen, an jedermann einige huldvolle Worte richtend, die durch die Hofdamen und Kammerherren in Französisch oder Englisch übertragen werden. Hieran schließt sich ein Frühstück von zahllosen Gängen, das von rotlivrierten Lakaien in Kniehosen und seidenen Strümpfen serviert wird. Das Herrscherpaar speist an einer langer Tafel, deren eine Seite die kaiserlichen Prinzessinnen einnehmen, während an der andern die Prinzen des Kaiserhauses Platz finden. Die Hofdamen und Kammerherren nehmen hinter den Majestäten Aufstellung. Für die Gäste sind kleine Tische teils unter, teils vor dem kaiserlichen Zelt hergerichtet. Während des Mahles konzertiert die Hofkapelle.

Nach aufgehobener Tafel verlassen der Mikado und die Kaiserin, denen die obersten Hofchargen voranschreiten, unter den Klängen der Nationalhymne der Akasakapark, um sich im Wagen nach dem kaiserlichen Palast zurückzubegeben und hiermit hat das Chrysanthemumfest sein offizielles Ende erreicht.

Begibt sich der Mikado, als oberster Kriegsherr, in das Manövergelände, so harrt zu beiden Seiten des Geleises in endlosen reihen die Landbevölkerung stumm und unbeweglich des kaiserlichen Zuges.

Männer und Frauen, nach Geschlechtern geschieden, haben militärisch ausgerichtet unbedeckten Hauptes, wie es die Landessitte erheischt, Aufstellung genommen. Auch die Frauen stehen in Reih und Glied, ortsweise übereinstimmend gekleidet.

Enthusiatische Kundgebungen, wie Hurrarufen, Tücher - und Mützenschwenken, widerstreben der japanischen Etikette, und das Volk verharrt mit gesenktem Haupt in ehrfurchtsvollem Schweigen. Hohe Persönlichkeiten, in erster Linie der Mikado, dürfen von den Blicken der profanen Menge nicht berührt werden. Desgleichen würde es einen groben Verstoß gegen das Zeremoniell bedeuten, auf solche von oben, beispielsweise aus dem Fenster, herabzusehen. Im Parlamentsgebäude zu Tokio werden die Fenster des Empfangssalons, in dem die fremden Vertreter den Mikado zur Eröffnung des Parlaments erwarten, mit Leinwand vernagelt, um den Kaiser bei seiner Auffahrt vor unberufenen Blicken zu bewahren. Beim Verlesen der Thronrede vor versammeltem Haus jedoch, sowie bei andern offiziellen Gelegenheiten dürfen Untertanen und Fremde ungehindert der geheiligten Person des Herrschers ins Angesicht schauen.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2002.