
China - Boxeraufstand
Können wir China kolonisieren?
Von M. v. Brandt (Weimar), dem früheren deutschen Gesandten in Peking
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Eine Kolonisation Chinas in dem Sinn, den man gewöhnlich diesem Wort beilegt, d.h. eine Besiedlung größerer oder kleinerer Landstrecken durch Einwanderer fremden Ursprungs ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht als ob es in China an Gebieten fehlte, in denen die Bevölkerung nur dünn gesät oder gar nicht vorhanden wäre; im Gegenteil, größere Landstrecken, nicht allein in der Mongolei und Mandschurei, sondern auch in den achtzehn Provinzen des eigentlichen Chinas warten auf den Einwanderer, die den reichen, zum Teil jungfräulichen Boden in Kultur nehmen sollen, aber keine europäische Nation würde imstande sein, selbst wenn man von der Feindseligkeit absähe, der ihr angehörige Einwanderer überall begegnen würden, mit dem Chinesen an Arbeitslust, Entbehrungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit zu wetteifern. Der Chinese selbst ist ein vortrefflicher Ansiedler, und wenn seine Bearbeitung des Bodens in ihrer Beschränkung und Intensität auch mehr den Charakter des Gartenbaus als des Ackerbaus trägt, so pflegt in diesen Fällen die Zahl der Ansiedler das zu ersetzen, was dem Einzelnen am Umfang und Kraft des Betriebes abzugehen scheint. In der Mongolei sind weite Strecken von chinesischen Einwanderern in Kultur genommen worden, und wenn noch vor zwanzig Jahren unmittelbar hinter Kalgan auf dem Hochplateau der Mongolei das Weidegebiet der mongolischen Stämme begann, so erstrecken sich jetzt die chinesischen Ansiedlungen dort viele Tagereisen weit ins Innere. In der Mandschurei haben sich die Verhältnisse ganz ähnlich entwickelt trotz aller Mühe, die die chinesische Regierung sich gegeben hat, durch Strafbestimmungen oft der schärfsten Art das Eindringen chinesischer Ansiedler in die Jagdgründe der mandschurischen Stämme zu verhindern. Den verschiedenen Lebensbedingungen entsprechend, hat sich der chinesische Einwanderer in der Mongolei und der Mandschurei verschieden entwickelt; während er in der ersteren dem Mongolen gegenüber, der als Nomade von Ort zu Ort zieht, die seßhafte Bevölkerung und mit ihr das friedfertige Element repräsentiert, hat er sich in der Mandschurei, wo er nicht allein den Kampf mit dem Klima und der noch unbezwungenen Natur, sondern auch mit den unruhigen Bewohnern des Landes aufzunehmen gezwungen gewesen war, zu einem Ansiedler herausgebildet, der, ähnlich wie der Hinterwäldler in Amerika, in jedem Augenblick bereit sein muß, das Erworbene mit den Waffen in der Hand gegen unvorhergesehene Angriffe zu verteidigen. Aber auch im Innern Chinas selbst, das man irrtümlicherweise als überbevölkert anzusehen gewohnt ist, was nur für einzelne Gebiete, namentlich die Täler der größeren Flüsse in Süd- und Mittelchina und einige besonders fruchtbare Gegenden im Westen und Norden des Reichs, zutrifft, ist die Bevölkerung durchaus nicht absolut seßhaft, sondern es finden fortwährend fluktuierende Bewegungen statt, die zu den eigentümlichsten Erscheinungen des chinesischen Lebens gehören. Von dem Taiping- und dem Nienfei-Aufstand her, von denen der erstere Süd- und Mittelchina bis über den Jangtse hinaus, der letztere Nordostchina verwüstete, sind große Gebiete übriggeblieben, in denen die Bevölkerung hingemordet, die Städte zerstört und das angebaute Land brachgelegt worden sind, Gebiete, nach denen sich die Bevölkerungen der Distrikte zu wenden pflegen, die, durch Naturerscheinungen, Überschwemmungen, Dürre, Heuschrecken u.a.m. heimgesucht, aus ihren alten Wohnsitzen vertrieben wurden. Jeder Jahrgang der Pekingzeitung enthält Berichte von Provinzialgouverneuren, die von solchen Wanderungen großer Volksmengen aus einer Provinz in die andere und den Schwierigkeiten, die den Verwaltungsbehörden daraus zu entstehen pflegen, zu melden wissen. Namentlich die Streitigkeiten zwischen den wirklichen oder angeblichen früheren Besitzern und den neuen Ansiedlern sind eine Quelle fortwährender Schwierigkeiten, die durch die angeborene Prozeßsucht der Chinesen und ihr Talent für Fälschungen aller Art nicht vermindert werden. Auch im Ausland hat sich der Chinese vielfach dem Ackerbau gewidmet; es ist durchaus irrtümlich, in ihm nur einen Tagelöhner, einen Kuli, sehen zu wollen. In ganz Hinterindien, auf der Halbinsel Malakka und in Holländischindien treibt er Landwirtschaft, freilich in dem beschränkten Maßstab des Gartenbaus, und in Kalifornien, besonders an der Küste, liefert er der Bevölkerung das Gemüse, während z.B. der Betrieb der Fischerei fast ausschließlich von eingewanderten Italienern und Spaniern ausgeübt wird. In China selbst ist der Ackerbau ein Kleinbetrieb, nur in Szechuan und in einzelnen Teilen der Mandschurei sind größere Latifundien vorhanden, die sich in den Händen von reichen Leuten befinden, die sie selten oder nie in größeren Gebieten selbst bewirtschaften, sondern fast immer in kleineren Stücken verpachtet haben. Der europäische Handwerker hat ebenfalls wenig Aussicht, erfolgreich gegen den Chinesen konkurrieren zu können. In den größeren fremden Niederlassungen gibt es einzelne Handwerker, Uhrmacher, Instrumentenmacher und andere, die schon mehr an den Künstler streifen und keine Konkurrenz zu fürchten haben, und als Vormänner in den größeren Ausstattungsgeschäften, in Möbelhandlungen, Mode - und Schneidergeschäften sind ebenfalls Fremde tätig; aber die eigentliche Arbeit wird auch in diesen von Chinesen verrichtet, und der kleine Handwerker, der Schneider, Schuhmacher, Tischler, Photograph, Maurer, Bäcker, Schlächter ist stets ein Chinese. Dasselbe läßt sich von allen Kleinhändlern sagen; nur in den großen Geschäften, die nach Miquel unzweifelhaft unter die Kategorie der Warenhäuser fallen würden, da man in ihnen alles und noch etwas mehr bekommen kann, wird man von Fremden bedient. Im allgemeinen gehört das fremde Element, soweit man von Beamten der Konsulate und Gesandtschaften und dem oberen Personal der Küstenschiffe absieht, fast ausschließlich dem Kaufmannstand an, in dem freilich auch wieder zwei Chinesen, der Kompradore und der Schroff, mit ihren Unterangestellten eine Hauptrolle spielen; der erstere vermittelt den ganzen Verkehr zwischen dem Haus und den chinesischen Käufern und Verkäufern, der letztere prüft alles eingehende und ausgehende fremde Geld, meistens mexikanisch oder spanisch Tarolus (Säulen) - Dollars auf ihre Echtheit und die chinesischen Taels auf Gewicht und Feingehalt. Daß dabei nicht häufig Betrügereien zu seinem Vorteil mit unterlaufen mögen, soll nicht in Abrede gestellt werden. In den letzten Jahren sind zu den kaufmännischen und Reedereigeschäften eine Anzahl von Fabrikbetrieben gekommen, in denen ein Teil des Verwaltungs - und technischen Personals ebenfalls aus Fremden besteht. Im allgemeinen kann man aber annehmen, daß die Zahl der in China beschäftigten Fremden nicht im Verhältnis zu dem steigenden Wert des Handels und der Vermehrung der Berührungspunkte, d.h. der Zahl der geöffneten Häfen zugenommen hat. Die Ursachen dieser Erscheinung sind nicht schwer zu finden. Der Chinese, der ein vortrefflicher Kaufmann ist, hatte bald herausgefunden, daß es für ihn vorteilhafter ist, seine Einkäufe an den großen Mittelpunkten des Handels, Schanghai und Hongkong, zu machen als in den Außenhäfen, den Outports, wie die kleineren der geöffneten Häfen bezeichnend genug genannt werden. Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß eine fremde Einwanderung auch in Zukunft, nach Beendigung der jetzigen Wirren, weder stattfinden wird noch kann. Auch Kiautschau wird davon keine große Ausnahme machen. Was die Zukunft bringen dürfte, wird die häufigere und umfangreichere Verwendung fremden Kapitals zur Erschließung der Schätze des chinesischen Bodens sein, entweder durch ihre direkte Ausbeutung und Bearbeitung oder durch die Herstellung sicherer, schnellerer und billigerer Verbindungen zwischen den Produktionsorten und den Märkten im Inland wie mit den Seehäfen. In der Begleitung des so verwendeten Kapitals werden die Leiter solcher Unternehmungen, die technischen Hilfskräfte, Verwaltungsbeamte und Vorarbeiter erscheinen, deren Zahl von der Anzahl und dem Umfang der geplanten und ausgeführten Betriebe abhängen wird. Aber auch diese Einwanderung wird an Zahl nur unbedeutend bleiben und einen vorübergehenden Charakter tragen, da der Chinese stets bemüht sein wird, das fremde Element möglichst bald durch das einheimische zu ersetzen. Die große Anstelligkeit seiner Landsleute wird ihm dabei von Nutzen sein, und auch das fremde Kapital wird ihn bei diesen Bestrebungen unterstützen, da es im Interesse der eigenen Rentabilität die billigeren Arbeitskräfte den teueren vorziehen muß. Daraus ergibt sich aber auch, daß in dem in China vorauszusehenden Wettstreit fremden Kapitals und fremder Intelligenz diejenigen den Sieg davontragen werden, die imstande sind, dem Chinesen Geld und Intelligenz zu dem billigsten Preis zu liefern. |
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