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China - Boxeraufstand

Das erste Lazarettschiff der deutschen Marine.

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Vor wenigen Tagen, zu derselben Zeit, da unter den Augen des Deutschen Kaisers die großen Transportschiffe in Bremerhaven die Ausreise nach Ostasien antraten, ist auch das Lazarettschiff der deutschen Chinaexpedition "Gera" aus Wilhelmshaven abgegangen, um unsere braven Jungen, die im fernen Reich der Mitte für Deutschlands Ehre kämpfen, wenn sie krank oder verwundet, an Bord zu nehmen, zu pflegen und zu heilen. Der Tag ist bedeutungsvoll für unsere Marine. Ist die "Gera" doch das erste Hospitalschiff der deutschen Seemacht, das die heimischen Gewässer verläßt, um in einem überseeischen Krieg als schwimmendes Lazarett zu dienen.

Und wie der Kaiser als oberster Kriegsherr in zündenden Worten zu seinen Soldaten sprach und persönlich Abschied nahm von den ausziehenden Truppen, so hat die Kaiserin als berufenste Vertreterin weiblicher Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft es sich nicht nehmen lassen, an Bord der "Gera" zu erscheinen, unter Führung des Generalarztes der Marine, Dr. Gutschow, die Einrichtungen des Hospitalschiffs in Augenschein zu nehmen und dem Sanitätskorps ihre Segenswünsche mit auf den Weg zu geben.

In Kolonialkriegen hat die Krankenpflege mit ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Während in kontinentalen Feldzügen alle Verhältnisse gegeben sind, für die Kranken und Verwundeten in ausreichendem Maß zu sorgen, während große und luftige Gebäude in Feindesland leicht als Lazarett eingerichtet werden können und ununterbrochene Eisenbahnzüge große Krankentransporte schnell in die Heimat befördern, fehlt es in den tropischen Ländern fast an allen Hilfsmitteln, die eine rationelle Krankenpflege im großen Maßstab ermöglichen. China macht hierin keine Ausnahme.

Wo sollen die Kranken und Verwundeten untergebracht werden? Die Häuser sind klein und schmutzig, an sanitären Vorrichtungen mangelt es ganz. Wohl haben die Vereine vom Roten Kreuz, deren Verdienste um die Krankenpflege nicht genug zu rühmen sind, Zweigstation über die ganze Welt verstreut, aber in China selbst ist es ihnen noch nicht gelungen, festen Fuß zu fassen. Die nächsten größeren Anlagen des Roten Kreuzes liegen in Japan. So erscheint die Stationierung eines besonderen deutschen Lazarettschiffs an der chinesischen Küste als eine unabweisbare Notwendigkeit.

Auf die sanitäre Einrichtung und Ausrüstung der "Gera" ist ganz besondere Sorgfalt verwendet worden. Während die Truppentransportdampfer des Norddeutschen Lloyd und Hamburg - Amerikalinie sich in ihren Ausstattungen nicht sonderlich unterscheiden von den Schiffen "Frankfurt" und "Wittekind", die mit den Seebataillone nach China unterwegs sind, ist der Lloyddampfer "Gera" ausschließlich als Lazarettschiff eingerichtet worden. Die bisherige Bestimmung des Schiffes kam dieser Einrichtung entgegen. Denn der Passagierdampfer "Gera" verkehrte solange auf der australischen Linie und ist daher für den Aufenthalt in den Tropen schon an und für sich ausgerüstet. So konnte kaum eine bessere und zweckmäßigere Wahl getroffen werden.

Die Einrichtung der"Gera" als Hospitalschiff erfolgte nach den Angaben des Oberstabsarztes Dr. Arendt, und das Reichsmarineamt hat reichliche Geldmittel für die Umwandlung des früheren Passagierdampfers in ein Lazarettschiff bewilligt. Die einzelnen Räume sind so zweckentsprechend wie nur möglich zur Verwendung gelangt. Als Operationszimmer ist der frühere Salon erster Kajüte, der schönste und luftigste Raum im ganzen Schiff, eingerichtet worden, der durch das Oberlicht und die großen Seitenfenster gleichmäßige Beleuchtung empfängt.

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Ein abgegrenzter Raum dieses Zimmers enthält, einen Röntgenapparat für die Untersuchung der Verwundeten. Neben diesem Operationssaal, durch eine Holzwand getrennt, liegen die Räume, die zur Aufbewahrung der Verbandstoffe und der chirurgischen Instrumente dienen. Die früheren Kammern der ersten Kajüte, die ebenfalls durch eine Holzwand von dem Operationsraum getrennt sind, dienen fast ausschließlich als Krankenzimmer für Offiziere.

Sein besonderes Augenmerk hat der leitende Arzt auf die Einrichtung der Schiffsapotheke gerichtet. Die Apotheke selbst liegt an der Backbordseite hinter den Krankenräumen und ist mit einem kleinen Laboratorium zur Vornahme von chemischen und bakteriologischen Untersuchungen verbunden. Sie ist von dem Stationslazarett in Wilhelmshaven mit der neuesten und erprobtesten Arzneimitteln ausgestattet und wird von einem erfahrenen Apotheker verwaltet.

Das ganze Schiff ist für 360 Kranke eingerichtet. Die Haupträume liegen in dem geräumigen Zwischendeck vor und hinter den Maschinen - und Kesselräumen; auch hier ist für gute Ventilation und reichliches Licht gesorgt. Schwerkranke können sehr leicht nach unten gebracht werden, da die drei Niedergänge, die zu diesen Haupträumen führen, mit bequemen Fahrstühlen versehen sind.

Für Schwerkranke sind noch 200 besondere Schwingebetten aufgestellt, die in erster Reihe zur Benutzung vorgesehen sind, während die feststehenden Betten erst im Notfall belegt werden sollen. Auf dem Hinterdeck stehen außerdem noch sechs gesonderte Schwingebetten, die zur Aufnahme von Kranken mit ansteckenden Krankheiten bestimmt sind.

Jeder Raum des Schiffes ist praktisch ausgenutzt. Während der frühere Damensalon, der in der Höhe des Oberdecks liegt, als Aufenthalt für genesende Offiziere bestimmt ist, dient der Rauchsalon der ersten Kajüte als Speisezimmer für die Ärzte und den Kapitän des Schiffes.

Im übrigen sind alle Krankenzimmer und alle zum Lazarett gehörigen Räume mit weißem Lackanstrich versehen und mit Linoleum belegt. Für die so überaus wichtige Lüftung in den einzelnen Krankenräumen sorgen ungefähr 30 verstellbare Zimmerventilatoren. Auch für Desinfektion von Wäsche, Kleidungsstücken und derartigen Gegenständen dient ein Dampfdesinfektionsapparat, der oben auf dem Aufbaudeck Platz gefunden hat. Um frisches Wasser zu erzeugen, ist ein Meerwasserdestillierapparat aufgestellt, und zur Herstellung von Eis und zur Konservierung von Fleischproviant dient eine Eismaschine von großer Produktionsfähigkeit. Außerdem ist vorn unter Back eine vollständige photographische Einrichtung mit Dunkelkammer untergebracht; in demselben Schiffsraum befindet sich auch die Leichenkammer.

Führer der "Gera" ist der bewährte Lloydkapitän K. von Borell, während dem ärztlichen Leiter, dem Marine - Oberstabsarzt Dr. Arendt, gleichzeitig der Oberbefehl über das Lazarettschiff übertragen ist. Im ersten Augenblick mag es sonderbar und ungewöhnlich erscheinen, daß ein Arzt mit dem Kommando eines Schiffes betraut wird; wenn man jedoch bedenkt, daß es sich um ein Hospitalschiff, um ein schwimmendes Krankenhaus handelt, indem dem dirigierenden Arzt die erste Stelle zukommt, so wird man die Maßregel gerechtfertigt finden.

Unter dem Chefarzt steht ein Marinestabsarzt für die innere und ein anderer für die äußere Station; außerdem ist eine gemischte Station für innere und äußere Erkrankungen eingerichtet. Mit einer Anzahl Sanitätsunteroffizieren und Mannschaften der Marine sind dem leitenden Arzt noch 42 freiwillige Krankenpfleger vom Roten Kreuz zugeteilt. Die Kleidung dieser Krankenpfleger besteht aus dem Khakianzug mit Ledergürtel und weißer Mütze; der, weiße Spiegel der Kragen zeigt das rote Kreuz.

So darf man die "Gera" als ein Musterhospitalschiff bezeichnen, das mit allen erdenklichen Hilfsmitteln der modernen Heilwissenschaft ausgestattet ist. Es wird ihre Aufgabe sein, an der Küste von Petschili, die ja doch stets die Operationsbasis der europäischen Truppen bleiben wird, zu kreuzen, um an möglichst günstig gelegenen Landungsplätzen die Kranken und Verwundeten aufzunehmen. Das Hospitalschiff hat demnach dieselben Aufgaben im Seekrieg wie die sogenannten Feldlazarette im Landkrieg, d.h., im Hospitalschiff werden die notwendigsten Operationen gemacht und die Verwundeten soweit gepflegt, daß sie einen Transport aushalten können. Da der Weg von China in die deutsche Heimat aber zu weit ist und außerdem durch tropische Gegenden führt, deren Klima den Kranken gefährlich werden kann, so kommt als eigentliche Heilungsstation für die Verwundeten namentlich Japan in Betracht.

Nachdem die Haager Friedenskonferenz die Segnungen der Genfer Konvention auch auf den Seekrieg ausgedehnt hat, sind die Lazarettschiffe gegen Wegnahme durch feindliche Kriegsschiffe geschützt. Sie genießen also größeren Schutz als Privateigentum, ein Umstand, der besonders ins Gewicht fällt, wenn, wie bei der "Gera", das Schiff ursprünglich Eigentum einer Privatgesellschaft ist. Sie führen das Genfer Kreuz in ihrer Flagge, durfen aber auch dafür keine Kriegsmunition an Bord nehmen und müssen sich außerhalb des Bereichs der Geschütze halten, damit sie den Gang der kriegerischen Ereignisse nicht aufhalten.

Wenn so viel tausend junge Krieger über das Weltmeer in den Kampf ziehen, so wirkt der Anblick eines Lazarettschiffs wie ein trauriges Memento mori in der allgemeinen Begeisterung. Man denkt an die blühenden Menschenleben, die der Krieg im fremden Lande fordert man denkt an die Leiden und Krankheiten, die unsere Brüder fern von der Heimat erleiden müssen. Aber das ist der Ernst des Krieges; wo es gilt, die Fragen nationaler Größe mit kriegerischer Hand zu entscheiden, darf man von Opfern nicht zurückscheuen.

Schon hat der Kampf in China manches Opfer gefordert, und wer will sagen, wieviel er noch fordern wird? Hat der Krieg der verbündeten Völker gegen das ungeheure ostasiatische Reich doch eben erst begonnen. Wie die Kulturnationen aber die Pflicht haben, zum Schwert zu greifen, wenn ihren friedlichen Vorstellungen kein gehör mehr geschenkt wird, so ist es auch ihre Pflicht, den Krieg, den sie nicht aus der Welt schaffen können, so menschlich wie möglich zu gestalten.

Dem deutschen Soldaten im fernen Ostasien aber wird es ein Trost sein, im Notfall eine sichere Zufluchtstätte zu wissen, wo er Linderung seiner Leiden und treue Pflege von Bruderhand findet.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

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