
China - Boxeraufstand
Marine Infanterie ..... und Kolonialtruppe.
Von Konteradmiral z. D. Max Plüddemann
|
Die Marine - Infanterie der älteren Marinen hatten ursprünglich den Zweck, auf den Kriegsschiffen mit ihrer zusammengewürfelten seemännischen Besatzung, die teilweise aus abenteuernden Söldnern, teils aus gepreßten Leuten bestand, das militärische und Ordnungselement zu bilden. Sie war die Polizei, die die Matrosen im Zaum hielt und Meutereien, die damals an der Tagesordnung waren, unterdrückte. Als zweite Aufgabe lag es den Seesoldaten ob, bei allen Landungen und Landoperationen der Kriegsschiffbesatzungen den Kern zu bilden, da die Matrosen außer einigem Schießen mit dem Gewehr fast keine infanteristische Ausbildung hatten. Das Moment der Polizeitätigkeit ist bei allen in Betracht kommenden Seemächten mit der Zeit ganz weggefallen. Humanere Behandlung, das Prinzip möglichst nur eigene Landeskinder einzustellen, das Aufhören des gewaltsamen Pressens obgleich man nicht sicher sein kann, ob England nicht bei einem großen Krieg wieder dazu gezwungen wird, um nur seine Schiffe bemannen zu können die allgemeinen Fortschritte in der Disziplinierung der Marinen, lassen fast überall eine spezielle Ordnungstruppe überflüssig erscheinen. Länger hielt man den Seesoldaten für notwendig, um bei Landungen den militärischen Kern abzugeben, und seine Existenz an Bord für nützlich, da man doch einer ganzen Anzahl von Leuten bedurfte, die nicht in die Takelage hinaufzusteigen brauchten, aber an Deck zum Holen, d.h. Ziehen der Taue, notwendig waren, mithin nicht Seeleute von Beruf zu sein brauchten. An den Kanonen arbeiteten sie überhaupt mit den Matrosen gemeinschaftlich. Jetzt wird in der deutschen Marine der neueingestellte Matrose in der Kompagnie militärisch genau so ausgebildet, wie der Soldat. Er kann den Landungssoldaten aber nicht ersetzen, weil die Verwendung eines größeren Teils der Besatzung auf längere Zeit an Land die Schiffe in ihrer eigentlichen Tätigkeit und in ihrer Bewegungsfreiheit zu sehr behindern würde. Würden Seesoldaten zur Besatzung gehören, so würde dasselbe von ihnen gelten. Man schickt die Marine - Infanterie daher bei uns gar nicht mehr an Bord. Sie wäre nunmehr eine reine Operationstruppe, die ausschließlich zur Verfügung der höheren Marinebefehlshaber steht und sowohl in Friedenszeiten wie besonders zu Anfang in Kriegszeiten zum Schutz der Etablissements und zur Landverteidigung der Küstenwerke notwendig ist, wenn nicht mit der Zeit auch andere Aufgaben an sie herangetreten wären. Die ganze Marine kann ihrem Zweck und Wesen nach überall im In - und Ausland verwendet werden. Das kann so ohne weiteres nicht mit Teilen der Armee geschehen. Wenn auch Verfassung und Gesetze nicht dagegen sprechen, so ist es eine im Wesen unseres Volksheeres liegende Tradition, daß der seiner Dienstpflicht genügende Bürger nur bei ausgesprochenem Kriegszustand in fernen Gegenden zum Dienst herangezogen werden sollte. Erfordern es daher die Umstände, so hat man in der Marine - Infanterie, als einem Teil der zum Dienst auf dem ganzen Erdenrund bestimmten Marine, ein Mittel, auch jenseits der Meere mit militärischer Macht die deutschen Interessen wahrzunehmen und ihre Geltung zu erzwingen. Unsere Kolonien bedürfen, je mehr sie sich entwickeln, desto mehr eines militärischen Schutzes. Solange es sich nur um Erzwingung der nötigen Autorität und Einführung geordneten Zustände bei einer eingeborenen, in viele Stämme zerrissenen Bevölkerung handelt, können Schutztruppen diese Aufgabe lösen, denn bei einem Krieg Deutschlands mit einer Kulturmacht fällt doch die Entscheidung über die Kolonien auf dem Hauptkriegstheater. Hat man es aber mit einer einheitlichen großen Macht, wie China, zu tun, oder entwickeln sich die Kulturen in den Kolonien dermaßen, daß ihre Vernichtung oder Wegnahme einen empfindlichen Verlust am Nationalvermögen darstellen würde, so müssen auch vollwertige Streitkräfte die Verteidigung übernehmen. Das wäre die Aufgabe einer Kolonialarmee, oder um damit nicht den Begriff großer Massen zu verbinden, einer Kolonialtruppe. Es wäre nun denkbar, daß man eine solche als einen Teil der Armee schüfe, die ähnlich wie die Marine die Bestimmung hätte, sowohl in Kriegs - wie in Friedenszeiten überall auf der erde verwendet zu werden, die zum Teil in der Kolonie garnisoniert, zum Teil zur sofortigen Verwendung in deutschen Küstenplätzen bereitzuhalten wäre und die als reine Landtruppe dem Kriegsminister unterstellt werden müßte. Näher liegt es jedoch, die Marine - Infanterie hierzu zu verwenden und immer mehr zu entwickeln. Wo sich auch auf der Erde etwas ereignet, was ein Eingreifen von Landstreitkräften erforderlich macht, stets werden Kriegsschiffe, meist mit höheren Befehlshabern, zuerst zur Stelle sein, denn die europäische Kultur klebt in den unzivilisierten Gegenden zunächst noch an den Küsten und Wasserläufen und dringt nur langsam landeinwärts. Die Leitung der Operationen muß dann unbedingt in einer Hand liegen. Das Verhältnis des Befehlshabers zur Landtruppe muß durch die Gewohnheit, nahe Beziehungen und das Gefühl der engeren Zusammengehörigkeit befestigt sein. Jedes Requirieren von Dienstleistungen wäre von Übel, alles muß befohlen werden, und nie darf die Möglichkeit eintreten, daß zwei voneinander unabhängige höhere Instanzen die Maßnahmen verschieden beurteilen. Das wären Zustände, wie sie bei größeren gemeinschaftlichen Operationen von Flotten - und Armeeteilen schon manchmal zum Mißerfolg geführt haben, im Rahmen vorgedachter Unternehmungen aber sehr wohl vermieden werden könnten. Man werfe nicht ein, daß der krieg sich auch leicht im Innern des Landes abspielen könne und daß da die Marinebefehlshaber doch nicht kompetent seien. Nun, in solchen Fällen verbleibt die Leitung naturgemäß dem Kommandeur der Landtruppen, die vorgesetzte Behörde in der Heimat würde auf diese vernünftigerweise gerade so wenig einwirken, wie der Marinebefehlshaber an der Küste, die Marine bliebe aber immer die letzte Operationsbasis. Die Marine - Infanterie ist daher als integrierender Bestandteil der Marine ganz besonders dazu geeignet, den Schutz der Kolonie zu übernehmen, sofern dazu die meist aus Eingeborenen bestehenden Schutztruppen nicht ausreichen. So wurde schon vor einigen Jahren, als ein Teil der Schutztruppe in Kamerun meuterte, eine Kompagnie aus Wilhelmshaven zweckmäßig dahin geschickt. Sie fand allerdings, als sie hinkam, die Angelegenheit bereits durch die Kriegsschiffe erledigt. Eine größere Wirksamkeit ganz im Sinn einer Kolonialtruppe fand die Marine - Infanterie nach der Besetzung von Kiautschau. In China hat man es nicht mit zerrissenen, lose nebeneinander bestehenden kleinen Völkerschaften zu tun, sondern möglicherweise mit dem ganzen ungeheuren, wenn auch morschen chinesischen Reich. Da genügt schon für gewöhnlich eine Schutztruppe, wie in den andern Kolonien, nicht. Man muß hier stets bereit sein, ganz gewaltigen Massen entgegentreten zu können. Der Quantität muß daher die Qualität gegenübergestellt werden und so legte man ein kriegstarkes drittes Bataillon der Marine - Infanterie dahin. Auch der Artillerie, die jeder Streitmacht ihre Hauptkraft gibt, konnte man nicht entbehren, und so wurde draußen eine Batterie von 9 cm Geschützen, gezogen von je sechs Maultieren, geschaffen. Feldartillerie, außer den Landungsgeschützen, stand bisher der Marine nicht zur Verfügung, es wurden deshalb die Mannschaften der Matrosen - Artillerie, die Offiziere der Feldartillerie entnommen. Ein weiters Detachement der Matrosen -Artillerie besetzte die provisorischen Befestigungen und konnte auch mit Maschinengewehren, je von 2 Maultieren gezogen, ins Feld rücken. Eine versuchsweise gebildete Chinesenkompagnie dürfte wohl als Polizeitruppe im engeren Kreis, kaum aber als Feldtruppe zu verwenden sein. Die Besatzung des Kiautschaugebiets hatte zunächst nur den Zweck, gegen mögliche Angriffe und Aufstände Schutz zu gewähren, sie hat aber bei den jetzigen Wirren in China auch die Möglichkeiten gegeben, die unter dem Befehl des englischen Admirals Seymour stehende internationale Streitmacht, die die in Peking mit Niedermetzelung bedrohten Europäer aufnehmen sollte, und die ihr nachgesandte Entsatzkolonne zu verstärken, was durch die Schiffe allein in weit weniger ausreichendem Maß hätte geschehen können. Um aber unserer moralischen Verpflichtung, die der Größe unserer Interessen und der Zahl der in Leben und Eigentum bedrohten deutschen Reichsangehörigen entspricht, genügend nachzukommen, sahen wir uns gezwungen, auch die beiden heimischen Seebataillone zu mobilisieren und durch Marineuniform tragende Artillerie und Pioniere verstärkt hinauszuschicken. Seitdem haben sich die Verhältnisse durch den Gesandtenmord außerordentlich verschärft; es wird immer mehr klar, daß die chinesische Regierung mit asiatischer Hinterlist die ganze Bewegung selbst vorbereitet, veranlaßt und gefördert hat. Was sich daraus entwickeln wird, kann niemand wissen. Sicher ist, daß Garantien für künftiges Wohlverhalten der chinesischen Regierung durch Waffengewalt abgerungen werden müsse und daß die zu verlangende, nicht geringe Buße schwerlich ohne schwere Kämpfe seitens der Chinesen gewährt werden wird. Wir werden daher sehr bald die aus den zurückgelassenen Stämmen neuzubildende Ersatzbataillone, wahrscheinlich noch viel mehr, nachschicken müssen. Denn was sind 3 000 Mann in China und im Wettstreit der übrigen Staaten? Denn auch die Einmütigkeit der Mächte wird nach Beseitigung der ersten dringendsten Gefahr nicht bestehen bleiben! Wir werden gezwungen sein, dauernd eine stärkere Macht draußen zu halten, um nach allen Richtungen hin unsere Interessen wahrzunehmen oder, sollte auch zeitweilig eine gewisse Ruhe eintreten, dennoch stets bereit zu sein, in kürzester Frist wieder wohlgerüstet auf dem Kampfplatz zu erscheinen. Um aber stets bereit zu sein und nicht in jedem Einzelfall Organisationen ad hoc zu schaffen, ist es nötig und jetzt gerade gute Gelegenheit, auf Grund der Erfahrungen, die man mit der Entsendung der beiden Bataillone nach China macht, die Marine - Infanterie zu einer Kolonialtruppe auszugestalten. Hierzu gehört zunächst die Sonderung der verschiednen Waffengattungen, die Schaffung weiterer Stämme für Infanterie, Feldartillerie und Pioniere. Kavallerie erscheint weniger notwendig; dagegen würde großer Wert auf berittene Infanterie zu legen sein, wie es auch der Gouverneur von Kiautschau befürwortet, der einen Versuch damit bereits gemacht hat. Die berittene Infanterie würde allerdings wohl nicht einen besonderen Truppenteil zu bilden haben, sondern im Rahmen der Infanteriebataillone bleiben. Weiter gehört zur Organisation der Kolonialtruppe die Errichtung von Depots, in denen Geschütze und Handwaffen und Munition, Tropenuniformen, Lazarettgegenstände, Ausrüstungsgegenstände wie Zelte usw., Dauerproviant, vielleicht auch Transportkarren, und was sonst zur Kriegsführung in unzivilisierten Ländern gehört, bereit zur sofortigen Verschiffung gelagert wären. Alles das geschieht jetzt, wahrscheinlich mit großen Kosten, Umständen und Zeitverlust, tatsächlich für China. Die Zeitverhältnisse lassen die Hoffnung nicht zu, daß es nun für lange Zeit mit dieser Expedition genug sei; im Gegenteil, die chinesische Liquidation wird mit Unterbrechungen noch sehr lange währen, und sehr wohl kann in absehbarer Zeit der Fall eintreten, daß wir beim Interessenkonflikt von Kulturstaaten im fernen Osten die deutschen Rechten mit bewaffneter Hand auch zu Lande schirmen müssen. Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001. |
©
Copyright 2001 by JADU