
China - Boxeraufstand
Nachrichten
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Aus China sind in letzter Zeit Nachrichten nach Europa gekommen, die die dortige Situation in einem ganz veränderten Lichte erscheinen lassen. Man hatte sich in den Kulturländern schon an den Gedanken gewöhnt, daß die Gesandten in Peking dem Ansturm fanatischer Barbaren zum Opfer gefallen waren. Die Entrüstung über diese Verletzung aller Völkerrechts spornte die ganze Kulturwelt an, Rache zu üben. Alle Mächte waren einig, und Kriegsvorbereitungen bewegten sich fast überall in dem gleichem Tempo. Jetzt kommt plötzlich die Nachricht, daß die Mehrzahl der europäischen Gesandten vor wenigen Tagen noch am Leben gewesen. Inzwischen haben auch die Chinesen die Überlegenheit der europäischen Truppen bei Tientsin gefühlt, und sofort nach dem Eingreifen von Li-Hung-Tschang in die politische Aktion ist man auf chinesischer Seite geneigt zu verhandeln. Man kann also jetzt schon mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß vorläufig kein neuer Angriff auf die Gesandten unternommen wird, da die lebenden Gesandten den Chinesen als Geiseln unbedingt wichtiger sein müssen als die toten. Nur das Schicksal des deutschen Gesandten Freiherrn von Ketteler steht fest. Deutschland würde demnach vielleicht als die einige Großmacht den Tod seines gesandten zu rächen haben. Allein so freudig diese Wendung im Interesse der Menschlichkeit zu begrüßen ist, an der Aktion der Mächte wird daran nichts geändert; auch abgesehen von dem Schicksal ihrer diplomatischen Vertreter haben sie in China noch hochwichtige gemeinsame Interessen zu wahren. Viel Unrecht ist geschehen, das der Sühne harrt, und vor allem gilt es, für die Zukunft vorzubauen. Daher dürften kleine Eifersüchteleien, von denen sich übrigens Deutschland durchaus fernhält, und Meinungsverschiedenheiten in dieser oder jeder Einzelfrage die Einigkeit nicht stören. In der Tat hat denn auch nach den neuesten Meldungen der Vormarsch der internationalen Truppen gegen Peking bereits begonnen. Hoffentlich erreichen sie die chinesische Hauptstadt noch rechtzeitig, um weiteres Unheil zu verhüten. Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001. |
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