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China - Boxeraufstand

Wie es in Peking aussieht

Ansicht

Seit Jahrhunderten schon, wenngleich nicht ohne einige Unterbrechungen, ist Peking die Hauptstadt Chinas, die Residenz seiner Kaiser; die verschiedenen Dynastien, die den Thron innehatten, welches Stammes sie auch sein mochten, verlegten ihren Hof immer wieder hierher. Eine längere Pause trat ein, als die Mongolen vertrieben wurden und die Mingdynastie ans Ruder kam; sie residierte zunächst in Nanking, aber bereits den dritten Kaiser aus ihr, Nun-to, trieb es wieder zurück nach Peking, das damals seinen jetzigen mit der Bedeutung "die nördliche Hauptstadt" erhielt. Die Wahl des Ortes ist leicht erklärlich, denn die von dem Peiho und seinen Nebenflüssen durchströmte Ebene ist fruchtbar, und in ihr ist Peking fast der einzige Punkt, der von den häufig wiederkehrenden, verheerenden Überschwemmungen nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.

Peking spiegelt in seiner Anlage gleichsam das Wesen des chinesischen Reiches wieder. Dichte Mauern schließen es von der Außenwelt ab, eine dichte Mauer scheidet die nördliche Hälfte von der südlichen, die Mandschurenstadt von der Chinesenstadt, aber die Scheidung war nicht so streng, daß nicht die beiden Volkselemente im Lauf der Zeiten miteinander hätten verschmelzen können. Was so oft in der Geschichte zu beobachten ist, ereignete sich auch hier: die erobernden Mandschuren gingen schließlich in den eroberten Chinesen auf. Fremde aber, Europäer, Amerikaner, Japaner, gibt es in Peking nur sehr wenige, die Fremdenkolonie zählt in der Millionenstadt nur einige hundert Köpfe.

Sie setzt sich, da die katholischen sowohl wie die protestantischen Missionare ganz für sich leben und mit den andern Vertretern zivilisierter Völker nur selten in Berührung kommen, im wesentlichen aus den Mitgliedern der Gesandtschaft und den Beamten des chinesischen General - Zollinspektorats, dieser von Sir Robert Hart geschaffenen und drei Jahrzehnte lang geleiteten internationalen Behörde, zusammen. Der gesellige Verkehr, den diese miteinander unterhielten, gestaltete sich bis zu den neusten, schrecklichen Ereignissen äußerst angenehm, und keiner, der einmal einen Posten dort bekleidete, sehnte sich wieder fort. Heißt es doch allgemein von Peking: "Man kommt mit Tränen an und verläßt es ebenso."

Daß die Fremden in Peking sich enger aneinander anschließen als in andern Hauptstädten, ist nur natürlich, das sie mehr als an andern Orten aufeinander angewiesen sind; den Einheimischen bleiben sie ewig fremd und sind sozusagen nur geduldet, wenn sie gleich große Achtung genießen. Ihre Wohnungen, die Häuser der Zollinspektoratsbeamten und die Hotels der Gesandtschaften, nehmen sich aus wie schattige Oasen in einer großen Staubwüste oder wie Inseln der Reinlichkeit in einem Meer von Schmutz.

In Zeiten der Not gewähren sie überdies auch den wenigen Ausländern, die nicht zu der geschilderten Gesellschaft gehören, noch einen letzten Zufluchtsort. Jede einzelne Gesandtschaft bildet einen großen Komplex von Gärten, Höfen, Wohn - und Diensträumen; die englische Gesandtschaft war in früheren Zeiten ein Palast von Großen des himmlischen Reiches und ist die geräumigste von allen fremden Gesandtschaften.

Aus Haß und Respekt ist das Gefühl gemischt, mit dem die Chinesen die fremden betrachten; am liebsten möchte man sie des Landes verweisen, und doch macht man ihnen Zugeständnisse wie keinem Eingeborenen, im großen und im kleinen. Nach vielen Mühen wurde bekanntlich im letzten Jahrhundert durchgesetzt, daß die diplomatischen Vertreter der Mächte bei der Audienz vor dem Kaiser aufrecht stehen dürfen, während der höchste chinesische Beamte ihre Ansprachen, auf dem Bauch liegend, übersetzen muß.

Uns kommt es selbstverständlich vor, daß die Gesandten einem nach unsern Begriffen entwürdigenden Zeremoniell nicht unterworfen werden, tatsächlich aber ist die Sache von großer Bedeutung. Weniger wichtig ist, daß in Peking kein Einheimischer die Mauern besteigen darf, während den Fremden gestattet ist, auf ihnen Spaziergänge zu unternehmen. Von hier aus können sie das Gewirr der Straßen übersehen und die Gebäude über den Stadttoren aus nächster Nähe betrachten.

Uni
Südtor
Strasse

 

Da nimmt sich denn Peking beinah aus wie ein großes Zeltlager. In den Hauptstraßen herrscht ein ungemein reges Geschäftstreiben. Nicht nur die Häuser bergen Läden an Läden, daneben zieht sich noch eine doppelte Reihe von Verkaufszelten hin, in der Form ähnlich jenen Buden, wie man sie bei uns in kleineren Städten auf allen Jahrmärkten findet. In ihnen und an offenen Tischen werden allerhand Waren feilgeboten und von halbwüchsigen Burschen mit ohrenzerreißendem Geschrei angepriesen. Vor den Garküchen sitzen die Gäste auf der Straße und verzehren ihre nicht gerade sehr appetitlich riechenden Speisen oder rauchen bei einer Tasse Tee oder warmen Branntwein ihre kleinen Pfeifen: ein buntes Bild, das man von dem erhöhten Standpunkt auf der Mauer gern sehen mag.

Aber wie ungern begibt man sich in das Gewimmel, zumal wenn man einen längeren Weg zu machen hat! Denn von allen Künsten ist der Chinese kaum eine so fremd wie die, Straßen ordentlich zu pflastern. Geht man zu Fuß, so schwebt man dauernd in Gefahr, sich in tiefen Löchern ein Bein zu brechen, nimmt man eine Droschke - es sind elende Karren, die dem Zweck dieses Gefährts bei uns entsprechen - so werden einem alle Knochen im Leibe durcheinander gerüttelt, daß man eine solche Fahrt noch tagelang nachher in allen Gliedern spürt. Am besten tut man immer noch, eins der stets aufgezäumten und zum Vermieten dastehenden Maultiere zu besteigen.

Ähnlich wie auf den Straßen entwickelt sich das Leben vor den Toren, deren jedes mit den geräumigen, mehr in die Breite als in die Höhe gestreckten Wachtgebäuden eine kleine Festung für sich bildet. Auch hier ist ein Gewirr von Maultieren, Karren, Verkaufsbuden. In diesen bedient der Besitzer mit Vorliebe seine Kunden selbst. Die Kaufleute legen Wert darauf, am Tor einen Stand zu haben, da es ihnen ein gewisses Ansehen gibt; sie erfahren dort mancherlei früher als die Leute in der Stadt, gehören gewissermaßen zur großen Welt, von der die Stadt durch die Mauern und die verschlossenen Tore getrennt wird.

Denn wie der Chinese die Fremden zugleich haßt und achtet, so möchte er auch die Außenwelt, über die er sich hoch erhaben dünkt, kennen, äußerlich kennen. Auf angelerntes Wissen legt er überhaupt den größten Wert, so wenig er für die Aufklärung in unserm Sinn zu haben ist. Jeder Chinese strebt danach, in seinem Leben wenigstens eine der vier literarischen Prüfungen zu bestehen. Die Prüfungen ersten und zweiten Grades können in allen Provinzialhauptstädten abgelegt werden, die späteren nur in Peking. Die dritte erst gewährt den Anspruch auf Eintritt in die Beamtenlaufbahn, die vierte endlich, die dem Bestehenden den Stempel höchster Gelehrsamkeit aufdrückt, gibt diesem gleichsam sofort ein Amt.

Er wird dadurch Mitglied der Hamlinakademie in Peking und bezieht als solches Gehalt, selbst wenn er in der Provinz einen Posten innehat. Es wird hieraus schon ersichtlich, daß diese Akademie keine Universität in unserm Sinn ist, sondern ein den chinesischen Verhältnissen angepaßtes Institut. Dabei muß anerkannt werden, daß es mit allen Prüfungen, mit den niederen sowohl als mit denen bei der Universität, ungemein ernst genommen wird. Schon bei der zweiten werden die Prüflinge neun Tage lang in strenger Klausur gehalten, nur am dritten und sechsten Abend dürfen sie für eine Nacht ihre Zellen verlassen. Die Einseitigkeit der chinesischen Gelehrsamkeit erklärt es vielleicht, warum gerade die Literaten in China die fremdenfeindlichsten Elemente bilden.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

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