
Aus dem Reich der Mitte.

Von Dr. Felix Olden
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Wieder einmal steht China im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses, dieses wunderbares Land, das gegenwärtig aus einem Jahrtausende langen Schlaf zu erwachen scheint. China ist wie kein anderes das Land der Wunder, der Seltsamkeiten und der Widersprüche. Unlösbare Rätsel ruhen hier wie unter einem Schleier. Man streckt die Hand danach aus, und er weicht von uns zurück, wie das Wasser des Gardiner Sees im Innern von Australien. Wir sehen es, wir hören sein Rauschen, wir möchten die brennenden Glieder hineintauchen, und in demselben Augenblick ist es vielleicht hundert und mehr Meilen von uns entfernt. So weit hat eine Ludtspiegelung es hergetragen. Welche Rolle allein spielt der Herrscher dieses gewaltigen Reiches! Er ist ein Schemen, ein Schatten jener Größe, welche die herrliche Totenstadt der Ming-Dynastie mit ewigen Schweigen umhüllt. Ja, wahrhaftig, die Steine dieser unweit Pekings gelegenen Totenstadt sprechen laut für die in ihr begrabenen Kaisergewalt. Die aus Stein gemeißelten Kolossalfiguren, welche die letzte Wegstrecke bis zum Pai-lo (Triumphbogen) am Eingang zur Gräberstadt der Ming-Kaiser einfassen, stehen aufrecht, die Hand am Schwert. Sie sind Männer mit einem steifen Nacken. Wer zwischen solchen zum Throne schreitet, mag sein Haupt beugen vor dem Gewaltigen, dem sie dienen. Und in einem der Pavillons, welche den zum Totentempel Yung-los führenden Weg überwölben, finden wir auf dem Rücken einer Riesenschildkröte eine mit Schriftzeichen übersäete Steintafel. Sie verewigt keinen Blutspruch, sondern ein Gedicht, das einen der hier beerdigten Ming-Kaiser zum Verfasser hat. Das waren die Zertrümmerer des Mongolenreichs, die Befreier Chinas von der Fremdherrschaft! Dieses laute Reden von Steinen, wo Menschen schweigen, ist überhaupt ein hervorstechender Zug im Charakter des Landes. Wir sprechen nur bildlich von den ehernen Tafeln der Geschichte, auf welchen unvergängliche Denkwürdigkeiten eingegraben stehen. In China nimmt dieses Bild Gestalt an. Wo die Natur riesige Felsentafeln aufgerichtet hat, so z.B. um den Hafen von Amoy, haben Chinesenhände sie in Lapidarschrift bemalt mir unauslöschlichen Farben. Wichtige Vorgänge, die Geschichte einer Stadt, einer Provinz finden wir dort eingezeichnet zu ewigen Gedenken. Dem gleichen Zwecke dienen die unzähligen, über ganz China verstreuten Pai-los; denn dort ist es einem jeden, auch dem Geringsten, gestattet, auf seine Kosten solche Triumphbogen errichten zu lassen, sei es zu Ehren der Manen eines Toten, sei es, auch sonst ein dem Erbauer wichtiges Ereignis aus seinem Privatleben der Mit- und Nachwelt dauernd zuz überliefern. Und, um an das oben Gesagte wieder anzuknüpfen, ist es nicht bezeichnend, daß der Pai-lo am Eingang zu der Totenstadt der Ming-Kaiser der größte und schönste von allen Triumphbögen in ganz China ist? Er ist 90 Fuß lang, 50 Fuß hoch, nach der Mitte zu sich verjüngend, hat fünf Bogen und ist aufs reichste mit Meißelungen von Drachen und anderen Tieren geschmückt. Wo ist der Geist, der diese Riesenwerke schuf? Ihre Schatten fallen auf eine Wüste. Wo ist die Eisenfaust, welche ungezählte Millionen unter einen Willen beugte? Dieser Stein hat Seele; die Menschen welche fragend zu ihm aufblicken, haben keine. Die große Mauer liegt in Trümmern. Es gab eine Zeit, wo China Kaiser hatte; das heutige China hat Mandarinen. Man sieht viele Pfauenfedern, aber keinen einzigen Adler. Der Mandarin nimmt so viel, wie er bekommen kann, und läßt dem Bürger kaum genug, um zu leben. Welches Proletariat! Welche Armut! Das ist die Schule der großen Verbrecher, an denen kein Land der Erde so reich sein dürfte wie gerade China. Wer weniger Mut und mehr Schlauheit besitzt, gesellt sich zu jenen, welche aus dem Betteln ein Gewerbe machen. Wir sehen Virtuosen dieser Zunft. Alle möglichen Gebrechen werden geheuchelt, um das Mitleid wachzurufen. Fromme Büßer, denen reichlich Gaben zufließen, sind oft nur Komödianten. Wenn unsere Bettler, Gaukler und Hochstapler nach ihrem Ursprungsland suchen, dann müssen sie auf China blicken. In den Beinhäusern, in denen die eingesargten Toten niedergelegt werden, bis Zeit, Geld und Umstände eine Beerdigung an geeigneter Stelle gestatten, versammelt sich alles obdachlose Gesindel. Da leben auch die "Bannerträger" bei den allezeit pomphaften Leichenzügen. Will man ihre Dienste nicht annehmen, so setzt ,man sich einem argen Skandal aus. Sie laufen voller Wut dem Zuge voraus, stürzen sich ins offene Grab und schwören, daß sie sich lieber lebendig begraben lassen wollen, als auf eine ihnen zustehende Einnahme zu verzichten. Im Beinhaus finden sich alle wieder zusammen: die Bannerträger, Bettler, Gaukler und Hochstapler. Bein gestohlenen oder erbettelten gemeinsamen Mahle werden allerhand heitere Erlebnisse und Beobachtungen ausgetauscht; es wird gelacht, gezecht, geraucht und gespielt. Die Totenkammer verwandelt sich zur qualmendennTaverne. Und endlich legt man sich Seite na Seite mit den Toten nieder, um seinen Rausch oder auch sein Elend zu verschlafen. Anderseits werden an diesem verschwiegenen Ort Überfälle und Einbrüche, Diebstähle und Morde verabredet, zu denen die Nacht ihren Schleier herleihen muß. Kaltblütig und grausam ist der chinesische Verbrecher; die seiner harrenden Strafen sind furchtbar, nach unseren Begriffen unmenschlich. Für mindere Vergehen, besonders Diebstähle in Häusern und Geschäften, wird "seit ewigen Zeiten" eine Strafe verhängt, die ebenso grausam wie abschreckend ist. Dem Deliquenten wird ein zweiteiliges großen Brett mit Halsausschnitt um den Hals gelegt und zusammengeschlossen. An einer ihm um den Hals gelegten längeren Kette wird er vor der Haus- oder Ladentür festgelegt (auch sonst an dem Ort), wo er seine Untat begangen hat. Über den Charakter derselben informieren den Passanten seitlich aufgeklebte Plakate (vorn und hinten). Unfähig, die Hand zum Munde zu bringen, aufrecht zu stehen oder sich niederzulegen, müßte der so Bestrafte verhungern oder verdursten, wenn nicht mitleidige Seelen oder heimliche Genossen seiner Zunft ihm Wasser, Reis u.a. mit eigener Hand zum Munde führten. Die Todesarten für Kapitalverbrechen in China übertreffen an Grausamkeit alles, was Menschenphantasie je Schauerliches ersonnen hat. Der Verurteilte wird stehend in einem aus Holzleisten gefertigten Käfig öffentlich ausgestellt. Dieser Käfig ist so konstruiert, daß der Deliquent, dessen Zehen knapp den Boden berühren, entweder auf jenen ruhen oder an den Halseisen hängen muß, um seine Füße zu entlasten, eine Tortur, die an die Zeit der Inquisition erinnert. In diesem Falle aber darf niemand dem Verbrecher Speise oder Trank reichen, er stirbt mithin einen vierfachen Tod: durch Hunger, Durst, Schlaflosigkeit und körperliche Qualen! Der Chinese, dessen Leben zu drei Vierteln auf der Schattenseite des Elends dahinschleicht, nimmt sein Todesurteil gleichmütig hin, und das mag wohl mit dazu geführt haben, ihm das Sterben zu erleichtern. Wenden wir uns nun zu den besonderen Landeseigentümlichkeiten des "Volkes der Mitte"! Was man bei uns an Geld in der Westentasche trägt, bedeutet in China ein Gewicht, das einen starken mann zu Boden drücken würde. Zwanzig Mark in chinesischer Münze kämen allein einen Gewicht von 62 Pfunden gleich. Man rechnet nach 1000 Cash, daß sind 1000 inmitten viereckig durchlochte Münzen auf einer langen, starken Schnur aufgereiht. Die Aufreihung geschieht in folgender Weise: Die Schur wird doppelt genommen und inmitten verknotet. Es werden nun auf jedem Ende 100 Cash aufgereiht und bis zum Treff- oder Knotenpunkt vorgeschoben. Dann wird die Doppelschnur ein paarmal um sich selbst gedreht, und hiernach wird mit der Aufreihung von je (zweimal) 100 Cash fortgefahren, so daß man am Ende fünf Abteilungen von je 200 Cash hat (zwei nebeneinander liegende Reihen von je 100). Diese 1000 Cash wiegen, in guter Münze, etwa acht Pfund und haben einen Wert von 2,50 Mark nach unserem Gelde. Es gibt, hauptsächlich im Innern des Landes, auch so kleine, minderwertige Münzen, daß 1000 Cash nur einen Wert von 50 Reichspfennigen haben. Ein Trick der Geldwechsler besteht darin, zwischen die großen, vollwertigen Cash kleine, minderwertige einzuschieben, ein Betrug, dem zumeist nur die "fremden Teufel" (Europäer) zum Ofer fallen, da der schlaue Chinese den Cash wiegt und nicht zählt. Er hebt die 1000 Cash nur hoch und weiß sofort, was sie annähernd wert sind. Die Doppelschnüre zu je 1000 Cash werden über die Schulter getragen.Das machen sich die Herren Langfinger zu nutze. Bei uns gibt es Zopfabschneider, in China Geldabschneider; wir haben unsere Taschendiebe, die Chinesen ihre Ärmeldiebe. In den dichtbevölkerten Chinesenstädten ist das Gedränge allezeit groß. Da schleicht sich nun so ein Geldabschneider von hinten an den mit Cash schwer Beladenen heran, schneidet den unteren Knoten ab, fängt die herabfallenden 200 Cash in seinen offenen Ärmeln auf und verschwindet im Gedränge. Der Bestohlene merkt noch nichts. Erst im Weiterschreiten löst sich die zwischen je 200 Cash zusammengedrehte Doppelschnur, es fallen 200 zu Boden, nach kurzer Pause weitere 200, und so fort. Man schlägt Lärm. Er glaubt noch, daß der Knoten sich gelöst habe. Nachdem alles Geld aufgelesen und wieder aufgereiht ist, bemerkt er erst den Abgang der letzten 200 Cash, die dem Geldabschneider in die Ärmel gefallen sind. Das chinesische Münzwesen hat noch ärgere Schattenseiten. Der Metallwert der Münzen ist doppelt so groß wie ihr Geldwert, d.h. man würde für 1000 Cash, wenn man sie als Metall zum Einschmelzen verkauft, 2000 Cash bekommen, und wenn die Regierung 1000 Cash nue prägen lassen wollte, müßte sie 3000 Cash dafür verausgaben. Darum ist das Einschmelzen der Münzen, um sie als Metall zu verkaufen, mit strengen Strafen belegt, dennoch geschieht es, was bei der bekannten Gewinnsucht der Chinesen wohl erklärlich ist. Es wäre zu wünschen, daß die Regierung selbst die Einschmelzung und Neuprägung in der Form von europäischen Geldsorten vornähme. Wo sie jetzt für die Nueprägung von 1000 Cash 3000 bezahlen müßte, würde sie dann bei entsprechender Gewichtsverminderung aus 1000 Cash an Gewicht 3000 Cash an Wert prägen können, und Milliarden flössen in den Staatssäckel. Was diese 1000 Cash von Schulter zu Schulter wandern läßt, das sind, wie bei uns, Handel und Gewerbe. In beiden sind die Chinesen Meister. Sie haben einen ausgeprägten Sinn für das Prasktische. Neuerdings hat es in Berlin Aufsehen erregt, daß ein unternehmender Mann fertige Suppen im Umherziehen, die Portion 10 Pfennig, verkaufte. In China sind solche ambulanten Speisenwirtschaften etwas altes, dort zahlt man für eine Portion warmer Suppe halb so viel, und der Unternehmer erzielt trotzdem einen großen Gewinn. Zwei andere bekannte Straßentypen sind der Briefschreiber und der Barbier, die auch ihr Gewerbe im Umherziehen ausüben. Straßen-Briefschreiber gibt es auch in italienischen Städten. Diese leben in der Hauptsache von dem Briefwechsel für Liebende. China hat keine Liebende, die heimlich Briefe wechseln. Um das Geschäft erträglich zu machen, mußte der chinesische "Korrespondent für jedermann" noch etwas hinzunehmen, und weil das Briefeschreiben wissenschaftliche Bildung voraussetzt, übt er die Heilkunde und die Wahrsagekunst; ein Geschäft führt meistens das andere herbei, und der Mann macht Geld. Hat er irgendwo zu viele unter die Erde kuriert oder alles falsch geweissagt, d.h. wird ihm der Boden zu heiß unter den Füßen, so nimmt er seinen Klapptisch und Klappstuhl aus Bambus auf und geht nach einen anderen Stadtviertel oder er "reist" nach einer anderen Stadt. Die gleiche Beweglichkeit zeigt der Straßenbarbier, der zugleich auch Verschönerungsrat ist und seinen transportablen Sitzin Form einer oben abgestumpften Pyramide mit drei Behältern versehen hat. Der oberste Kasten enthält den vereinnahmten Cash, der mittlere die Instrumente, die bei der Verschönerung des Antlitzes zur Anwendung kommen, der dritte Kasten eine Anzahl Rasiermesser. Wir sagten, daß der Briefschreiber, Arzt (besonders Augenarzt) und Wahrsager "reist". wenn ihm irgendwo der Boden zu heiß wird, und das legt die Frage nahe: Wie reist man in China? Das nationale Transoprtmittel ist der Schubkarren, sowohl für Lasten wie für Personen. Das durchweg große Rad liegt entweder vorn oder inmitten. Letzteresist der Fall bei der Personen-Schubkarre größeren Stils. Diese haben zu jeder Seite des Rades eine Sitzbank, auf welcher 3-4 Personen Platz haben. Nun heißt es für den Karrenschieber Gleichgewicht halten, denn für gewöhnlich wiegt die eine Partei mehr als die andere. Im Balancieren sind die Leute ja groß. Dennoch kommt es nicht selten vor, was bei den geradezu entsetzlichen Zustand der Stadtstraßen kaum anders möglich ist, daß der Karren umkippt und alle Karreinsassen in den Schutz fallen bei Regenwetter, wo alle Löcher Pfützen und verschieden tiefe Seen sind, keine Annehmlichkeit. Taxameter-Karren gibt es in China noch nicht. Jeder Karrenschieber macht seinen eigenen Preis, der gewöhnlich dreimal so hoch ist, wie er vernünftigerweise sein sollte. Der Fan Qui (fremder Teufel) fällt auch wohl darauf hinein; nicht so der Chinese. Er bietet gleich die Hälfte von dem, was er für einen angemessenen Preis halten würde. Nun beginnt ein Handeln und Feilschen ohne Ende, wobei es meist zu den heftigsten Verbalinjurien zwische Karrenschieber und Fahrgast kommt. Nachdem man sich fast bis zum Hauen um den Preis "geeinigt" hat und soviel Zeit verstrichen ist, daß der Passagier den Weg bis zum Fahrziel bequem hätte zu Fuß zurücklegen können, geht der Karren los für den Europäer eine Tortur, für den Chinesen scheinbar ein Vergnügen. Auf Schubkarren (wobei ein Tragegurt über den Schultern des Karrenschiebers läuft) werden von einem einzelnen Mann Lasten bis zu zehn Zentnern befördert; überhaupt ist die Kraft, Ausdauer und Gewandtheit des chinesischen Kulis bewundernswert. Bei weiten Entfernungen bedient man sich eines Tragstuhls oder einer Sänfte. Ersterer hat Raum für nur einen Menschen; er ist aus Bambus gefertigt und ohne Rückenlehne, dagegen hat er Seitenlehnen, hoch genug, um die Ellenbogen aufzustützen. An diesen hängt der Stuhl an zwei gleich langen Bambusstangen, deren Enden auf den Schultern der beiden Träger ruhen. Die chinesische, an Bambustangen hängende Sänfte ist bekannt, doch weniger bekannt dürfte es sein, daß nur die Mandarine höherer Ordnung die mit dem roten Knopf mehr als vier Träger haben dürfen. Mandarine der niederen Ordnung und reiche Leute dürfen nie mehr als vier Träger haben, die übrigens auch vollkommen ausreichen. Zuwiderhandlungen werdem streng geahndet. Die Träger verdienen nicht mehr als 50 und 60 Pfennig pro Mann und Tag, mit welcher geringer Summe sie sich und ihre oft zahlreiche Familie ernähren. Sie tun ihr Werk freudig, lachen, schwezen und singen ohne Aufhören, als wenn sie selbst eine Vergnügungsreise machen. Die Karrenschieber fahren einen für zehn Pfennig wohl eine halbe Meile weit. Im Norden Chinas sind Tragstuhl und Sänfte vorherrschend, im Westen der Schubkarren. Lasten werden auch an Bambusstäben über der Schulter getragen, und zwar bis zu 2 1/2 Zentner von einem Mann. Bei den vielen und großen Wasserstraßen ist natürlich der Boots- und Schiffsverkehr ein sehr reger. Der einer italienischen Gondel ähnelnde chinesische "Sampan" mit verdeclter Kajüte hat vorn am Bug ein Auge, und der Chinese glaubt, daß ohne diese das Boot niemals seinen Weg durchs Wasser finden würde. Außer mit den Händen wird auch mit den Füßen gerudert. In Zentral-China sieht man häufig Bootsleute, welche mit dem rechten Fuß rudern und mit der linken Hand steuern. Wenig bekannt dürfte es sein, daß die jetzt in England und Amerika so beliebten "Hausboote", die auch schon in deutschen stehenden Gewässern sich zu zeigen beginnen, in vergröberter Form auf den chinesischen Flüssen seit nun sagen wir seit "ewigen Zeiten" heimisch sind. Das Prinzip ist dasselbe; überhaupt haben alle für Binnengewässer bestimmten Boote in China einen flachen Boden, was schon durch den Mangel an Schleusen bedingt wird. an deren Stelle sehen wir in chinesischen Flüssen Sabdbänke oder Wehre, welche nach beiden Seiten hin geneigt sind. Sie sind mit flachen, glatten Steinen belegt, und diese tragen eine ziemlich dicke Schicht von flüssigem Schlamm. Man nennt das einen Pô, d.h. Trageplatz. An jeder Uferseite befindet sich unter einem Schilfdach eine starke Winde mit umgelegten Kabeln aus gedrehten Bambus. Zwanzig bis dreißig Mann, die Pô-Leute, sind zur Stelle. Die Kabel enden in Schluppen. Soll ein Boot herübergeholt werden, so werden die Kabelschlingen am Heck desselben befestigt. Die Pô-Männer drehen die Winden und schieben das Boot langsam die geneigte Ebene hinauf bis halbwegs über den Kamm. Nun werden die Kabel losgelöst: die Spitze senkt sich nach vorn. Ein leichter Anschub genügt, um das Boot auf der anderen Seite hinuntergleiten zu lassen. Ehe das aber geschieht, beginnt beiderseits ein Handeln und Feilschen, um den Preis für das Überholen, genau so wie beim Mieten eines Schubkarrens. Der Preis für das Übersetzen bei einem mittleren Pô beträgt etwa 60 Kupfer-Cash, gleich 20-30 Pfennig nach unserem Gelde. Das auf den Schub gebrachte Boot fliegt nur so die steile Anhöhe hinunter und wird beim Eintauchen stark mit Wasser überflutet, nicht selten auch beschädigt. So war es schon immer in China, so ist es noch heute. Wo in Städten Brücken den Fluß überspannen, werden nachts zwei leiterartige Hängegerüste auf das Wasser hinabgelassen; diese sollen sowohl den Boootsverkehr wie auch das Durchschlüpfen von bösen Geistern verhindern. Nicht selten sind diese gewaltigen, mit Häusern bebauten Brücken zugleich auch öffentliche Marktplätze.
Die neuerdings durch Kaiser Wilhelm II. in Deutschland in Aufnahme gekommene Wettruderfahrten größeren Stils sind in China eine der ältesten Institutionen. Dort wird ganz allgemein in der Zeit des fünften Mondes das "Drachenbootfest" gefeiert, bei welchem neben Theatervorstellungen und anderen Belustigungen das Wettrudern zwischen den besonders hierfür gebauten langen, schmalen Booten das Hauptereignis ist. Die Boote haben am Bug eine Drachenkopf, am Heck einen Drachenschwanz. Mit kurzen Rudern (im Sitzen) und langen (im Stehen) wird zu den Schlägen eines mittschiffs aufgehängten Gongs taktmäßig gerudert. Vorn steht der Führer und bezeichnet dem Steuermann mit einem Stab, wohin das Boot gelenkt werden soll. Der Chinese hat überhaupt viel Sinn für Festlichkeiten. So geben zu kleineren Prozessionen die Hochzeiten den willkommenen Anlaß. Bei ihnen ist Rot die am meisten hervortretende Farbe. Es scheint demnach, daß wir die Fare der Liebe auch von den Chinesen entlehnt haben, bei denen bekanntlich nichts unter tausend Jahre alt ist. Rot ist die Sänfte und, bei den ärmeren Klassen, der Armstuhl, in denen die Braut im Zuge getragen wird. Rot sind die Banner, die Stocklaternen, die Gewänder der Hochzeiter und sogar die Hüllen der mitgeführten Hochzeitsgeschenke. Ein rotes Band verbindet die beiden Armbänder, welche der Bräutigam als Hochzeitsgeschenk der Braut übersendet, eine rote Schnur die beiden Becher, aus denen sie bei der Vollziehung der Ehe Wein trinken. Der Brautschleier ist rot, das Brautkleid vereinigt beide Hochzeitsfarben: Gold und Scharlach. Gold gilt bei Hochzeiten nicht so vornehm wie Rot. Der Chinese legt Farben eine große Bedeutung bei; jede einzelne bringt irgend einen Gedanken, irgend eine Stimmung zum Ausdruck. Bei einem Feste aber fließen sie alle zusammen, bei dem größten nationalen Freudenfeste der Chinesen dem Neujahrsfest. Darüber gibt es nichts mehr zu sagen, es wäre denn über die Stelzentänzer von Nu-tschwang, welche als Ortsgruppe in dem großen chineischen Neujahrsreigen einzig sind und, getreu der chinesischen Verehrbungstheorie, immer bleiben werden. in dem Departement Landes in Frankreich sah man ehemals solche Stelzengänger, was mit dem sumpfigen Boden zusammenhing. Die Stelzengänger von Nu-tschwang sind Geschöpfe der Freude, sie erscheinen und verschwinden mit dem Neujahrsfest. Zwar sehen wir dann auch die bis dahin in schmutzige, dick gepolsterte Gewänder gekleideten Einwohner auf einmal in den buntesten Farben einherstolzieren, aber die Stelzengänger oder -Tänzer rekrutieren sich ausschließlich aus Angestellten der kaiserlichen Zollämter. Unter lautem Tamtam und Trommelwirbel durchziehen sie mit fliegenden Bannern die Straßen. In den Gärten der Vornehmen, besonders der reichen Fremden, geben sie Extravorstellungen und erhalten dafür Geldgeschenke. Diese Stelzentänze sind natürlich kunstlos, aber sie passen in den Rahmen des nach unseren Begriffen Grotesken, das bei chinesischen Festen allezeit einen breiten Raum hat. Noch vieles ließe sich von dem seltsamen Lande berichten, und von Sitten und Gebräuchen seiner Bewohner, die heute sich aufraffen, aus ihrer trägen Ruhe und mit gewappneter Hand gegen den Westen und seine Kultur sich erheben. Wie der Kampf enden wird und zu welchen Komplikationen es noch kommen wird, ist heute noch nicht vorauszusehen. Aber jedenfalls steht es außer Frage, daß die Zerbröckelung dieses Riesenkolosses nur eine Frage der Zeit ist und daß die Einigkeit der Mächte den Auflösungsprozeß wohl beschleunigen könnte. Das Bedenkliche bei dem ganzen Kampfe ist der ungemeine Umfang, den der Aufstand bereits genommen hat, und der moralische Eindruck auf die Chinesen durch die tatsächlich erheblichen Erfolge, die sie über die Europäer errungen haben. Wenigstens ist das sicherlich nach ihrer Anschauung, die ihnen die grausame Vernichtung der Fremden in Peking selbst als einen gewaltigen Sieg der chinesischen Sache erscheinen läßt, der Fall. Denn daß von den in Peking vorhandenen Europäern, nachdem die Ermordung des deutschen Gesandten, Frhrn. v. Ketteler, das Zeichen zu einem allgemeinen Blutbade gegeben haben dürfte, auch nur einer von ihnen von der chinesischen Wut verschont worden ist, ist nach den seitdem vorliegenden Nachrichten kaum noch anzunehmen. Auch bedenke man, wie zündend die Nachricht von diesen Mordtaten auf die Gemüter des chinesischen Volkes wirken muß, das nach jahrzehntelanger eifriger Hetze nun endlich den so heißersehnten Tag vor Augen sieht, an dem es sich der Vertilgung der "roten Teufel" mit Feuer und Schwert ungestraft hingeben darf. Es ist leider zu befürchten, daß der Aufstand nun erst recht ein allgemeiner wird und daß er sich auch auf andere Orte mit europäischen Niederlassungen ausdehnt, wie das ja auch schon recht bedenkliche Nachrichten aus Shanghai erkennen lassen. Den Hunderttausenden gegenüber werden die verhätnismäßig wenigen Zehntausende europäischer Krieger, welche dort versammelt sind oder werden, einen schweren Stand haben. Es ist ein Kampf in der blutigsten Weise bis aufs Messer. Quelle: Sonntags Zeitung 1899/1900 von rado by jadu 2002 |
