zurück

China - Boxeraufstand

Chinesische Volksbelustigungen.

Von Dr. Kurt Boeck

Ohne Theater kein Vergnügen in China. Das Gaukelspiel scheint den bezopften Ostasiaten im Blut zu liegen. Eine chinesische Volksbelustigung ist ohne endlose Theatervorstellungen, ohne Tanz und Gesang auf den Brettern kaum zu denken. Erschien nicht auch die Boxerrevolution im Anfang als eine tolle Posse, die die Gelbhäute in dem ungeheuren Reich der Mitte zum Vergnügen der fremdenfeindlichen Machthaber unter sich aufführten?

Leider wandelte sich die Komödie allzubald in eine blutige Tragödie. Wie harmlos nehmen sich dagegen andere Gaukeleien großen Stils aus, z.B. die famosen Kulissen und gemalten Prospekte blühender Städte, die jener in der Troika ihre Wolgasteppen durcheilenden Zarin am fernen Horizont vorgespiegelt wurden. Doch handelte es sich doch nur um Pappe und Leinwand, in der Provinz Petschili aber um knallendes Pulver und bohrendes Blei, rotes Blut und splitternde Knochen.

Vorstellung

Aber jedenfalls ist diese ganze Kriegs- und Revolutionskomödie so recht nach dem Herzen der Chinesen, dieser Ur- und Erzkomödianten, deren Tun nichts ist als leere Form, deren Sinnen und Trachten nach nichts steht als gleißendem Schein. Ein tadelloses Auftreten, korrektes Deklamieren von Phrasen und zum Schluß ein wirkungsvoller, eleganter Abgang — darin gipfelt die Lebensweisheit dieser Gelhäute. Der Chinese wird uns mit umständlichem, ausgesucht unterwürfigem Zeremoniell bewillkommnen und uns insgeheim zu allen Drachen wünschen; er wird Ihnen, sein verbindliches Kompliment entgegenplappern, nämlich, daß Sie mindestens 70 Jahre alt zu sein scheinen, wenn auch ein Blinder merkt, daß allerhöchstens 28 Silvesterpünsche auf Ihr Wohlsein geleert wurden, und verspricht er Ihnen etwas, so wird er gleichzeitig spekulieren, wie er sich am pfiffigsten um das Worthalten herumdrücken kann.

Erkundigt man sich bei ihm gar nach jemand, den er sehr wohl kennt, so wird er die Bekanntschaft verschmitzt ableugnen — nur aus Unaufrichtigkeit, die in seinen Augen kein Fehler , sondern ein Zeichen ganz besonderer Geisteskraft ist. Uns auf diesen Standpunkt zu stellen, die Welt aus gleich schiefem Gesichtswinkel zu betrachten — das ist die große, nie ganz zu bewältigende Schwierigkeit für uns "fremde Teufel" aus dem fernen Westen. Wie manchen unserer Landsleute, der mir in Tsingtau sein Klagelied über die "Falschheit" der Chinesen sang, mußte ich daran erinnern, daß kein Ding an sich gut oder böse sei, sondern erst durch unser Denken dazu würde, zumal bei den Chinesen, für den es nur darauf ankommt, irgendeinen gerade erstrebten Schein zu wahren. Wenn er sich so anstellt, als ob er fleißig schaufelt und hackt, so hat er nach seiner Meinung seine Schuldigkeit getan; er nagelt ein paar Schaufelräder an ein abgetakeltes Segelschiff und glaubt, damit einen Raddampfer geschaffen zu haben!

Was Wunder, daß es für die gelbe Rasse gar kein größeres Gaudium gibt als Gaukelspiel und Komödie Das, was uns Freude verschafft, läßt die Chinesen kalt. Gafft er z.B. mit offenem Mund den in Tsingtau — gottlob! — allmählich immer zahlreicher auftretenden jungen Deutschen zu, die gescheit genug sind, den Engländern ihr bestes, Beneidenswertes nachzumachen, d.h. sich nach des Tages Plackerei bei kernigem Cricket, Fußball oder Polo — Boxen ja nicht zu vergessen — in frischer Luft zu tummeln, so wird er uns listig fragen, wieviel Mark diese armen Teufel wohl für ihre Mühe oder die Damen für ihren Kontretanz im Ballsaal erhalten. Bei einem Fußmarsch im Lauschangebirge schienen mich die mir gemächlich auf Eseln entgegentrabenden Schantungfrauen für nicht viel schlauer als ihre Grautierschen zu halten, weil ich die wildromantische Landschaft bergauf, bergab zu Fuß durchschritt, und bei dem "Riesenschwung" eines deutschen Turners würde ein Chinese wohl platt auf sein Näschen fallen, wenn er hörte, daß der stramme Jüngling dies nur zu seinem Vergnügen tue oder vielmehr zur Stählung seiner Muskeln und Nerven.

Nein, der Länge nach schlaff auf der Ofenbank des Teehauses liegen, an der geliebten Opiumpfeife lutschen und dabei mit glasigen Augen üppigen Bildern nachträumen — das sind Vergnügungen, die des chinesischen Mannes viel würdiger sind.

Und nun gar erst das Theater! Das geht dem Chinesen noch über Feuerwerk und Glückspiel, über sein Teehaus und seine geheimnisvollen, kurz und klein gehackten Ragouts fins — namentlich, weil er diese andern Lebenswürzen gleichzeitig mit dem Theaterspiel genießen kann.

Knabe
Darsteller

 

In Tschifu, dem Vertragshafen von Schantung, hatte ich im vorigen Jahr Gelegenheit, an ein und demselben Tag beide Arten des Theaterspiels kennen zu lernen: bei Tageslicht und unter offenem Himmel und nachts in einem etwas feuergefährlichen, weil mit Bambusrohr und Strohmatten ausstaffierten Schuppen. Die zahllosen Papierlaternen, die reichlich abgebrannten Schwärmer und Raketen und die überall weggeworfenen brennenden Fidibusse lassen es mir noch heute rätselhaft erscheinen, daß ich unverbrannt davongekommen bin; in Kanton verkohlten eines Tags zweitausend Menschen bei einem Theaterbrand, und kein Hahn krähte danach.

Tschifu dient bekanntlich dem von und nach Tientsin oder Peking gehenden Verkehr und ist nur durch eine schmale Wassergasse von dem auf dem gegenüberliegenden Ufer des Golfs von Petschili liegenden russischen Port Arthur getrennt; vor allen Dingen aber ist es Ausfuhrplatz für die reichen Bodenschätze der Halbinsel Schantung, und das hierbei außer Kohlen, Erzen, Reis, Früchten, Rohseide und Strohgeflechten auch Rindvieh in Betracht kommt, lehren uns die mit solchem bis auf das Verdeck hinauf vollgestopften, nach Wladiwostok bestimmten Dampfer. Diese Ausfuhr nicht nach unserm Tsingtau gelangen zu lassen, ist das Bemühen der in Wei-hai-wei intrigierenden, die Chinesen im geheimen aufstachelnden Engländer, und mancher britische Seeoffizier im fernen Osten prahlte mir dreist ins Gesicht: wenn euer Tsingtau "reif" ist, stecken wir es so glatt in die Tasche, wie wir seiner Zeit die dänischen Flotte vor Kopenhagen wegnahmen. Nun, die Maultierbatterien, das Feldartillerie - Detachement Kiautschau würden wohl bei solchen langfingrigen Versuchen ein leises Wörtchen mitzureden versuchen. Daß aber Tschifu auch in Tsingtau als Badeplatz und Sommerfrische für die in Schanghai , Hongkong und Singapore lebenden europäischen Großhändler einen zugkräftigen Konkurrenten erhält, lehrten mir die Wutausbrüche eines Hoteliers in Tschifu, der über mein Loblied auf das wirklich viel angenehmere Tsingtau schier den Verstand zu verlieren schien.

Wie weit das Komödiespielen der Chinesen sogar im industriellen Betrieb geht, lehrte mir ein Besuch einer "nach europäischem Muster" eingerichteten Seidenspinnerei in Tschifu, wo die mechanischen Spindeln so sauber und glatt schnurrten wie in irgendeiner großen deutschen Kammgarnspinnerei. Als ich aber "für Geld und gute Worte" auch einen Blick in einige, sonst nie den Besuchern gezeigte Schuppen werfen durfte, prallte ich doch entsetzt zurück. Ganze Haufen riesiger, gelber, nackter Wachsfiguren lagen da durch - und übereinander, jeder, wie vor Olims Zeiten, hielt seine vorsintflutliche Holzspindel in der Hand und haspelte in dem mefitischen Dunst sein Pensum herunter, ab und zu einen der abgesponnenen Kokons als Leckerbissen in den Mund stecken; hin und wieder flogen mir, aus sicherem Hinterhalt geschleudert, allerdings auch derartige Kokons um die Ohren.

Doch kommen wir auf das chinesische Theater zurück, das keine regelmäßigen Spielzeiten kennt. Hat ein chinesischer Kaufmann ein großes Geschäft abgeschlossen, wobei ganz im Gegensatz zu der sonstigen Unaufrichtigkeit und zu der geschäftlichen Unzuverlässigkeit japanischer Kaufleute große Ehrlichkeit obzuwalten pflegt, ist jemand von schwerer Krankheit genesen, freut sich ein Landwirt über langersehnten Regen oder hat sonst jemand Ursache, recht vergnügt zu sein, so verschreibt er sich eine Truppe von Schauspielern , die für eine gewisse Zeit auf seine Kosten tagsüber öffentliche Vorstellungen geben. Der Kuli, der Eseltreiber, der Wäscher — wen immer sein Weg über den Markt führt, der bleibt eine Zeitlang stehn, schaut dem gerade gespielten Stückchen zu und trollt sich dann weiter.

Die Stücke sind nämlich keineswegs endlos, sondern folgen ohne Szenenwechsel oder Vorhangfallen unmittelbar aufeinander. Dabei sind aber die Komödianten kluge Leutchen und lassen so häufig wie möglich durchblicken, daß sie am Tage sozusagen nur ihre Exerzieruniform, abends dagegen in den Vorstellungen gegen Eintrittsgeld die Paradeanzüge trügen. Bärte, Masken, Feuerwerk werden abends ebenfalls in verbesserter Auflage geliefert und die Kostüme sind dann wirklich ein zuverlässiges Studienmaterial für die Kleidung, die in der gerade dargestellten Zeit tatsächlich getragen wurde, denn nur bei der Bekleidung von Göttern und Geistern darf der Theaterschneider seiner Phantasie freien Spielraum gönnen.

Allerdings behindern diese ungefügen, altchinesischen historischen Gewände mit ihren bis weit über die Fingerspitzen herunterhängenden Ärmeln die Beweglichkeit der Künstler ganz außerordentlich, und ich habe manchmal kichern müssen, wenn der Held mitten in seiner Extase eine Kunstpause machte — nicht etwa, weil er stecken blieb, sondern weil er sich für irgendeinen fürchterlichen Akt des Hasses oder der Liebe erst ganz gemütlich die allzulangen Ärmel aufkrempeln mußte; dann erst fuhr er fort, in Liebesraserei zu zappeln oder den Erbfeind zu erdolchen.

Ich fand die körperliche Beredsamkeit der chinesischen Schauspieler jedenfalls viel entwickelter, als ich es nach den Berichten anderer Reisenden erwartet hatte, die meist von nichts erzählen als dem wüstem Lärm und unaufhörlichem Geknall. Aber, du lieber Himmel, wie sollen denn die Helden auf dem Brettl ihren Zuhörern unter die Seele erschüttern, wenn diese sich fortwährend angelegentlich unterhalten, wenn ein beständiges Kommen und Gehen wogt und wenn dazwischen von der Frauengalerie Kindergequarr und Weibergekeif erschallt?

Doch das ist noch nicht alles, denn im Zuschauerraum werden auch die verschiedensten Lebensmittel, grünliche Teebrühe und glimmende Fidibusse ausgeboten, ja selbst heiße nasse Lappen, um sich die in dem fürchterlichen Dunstkreis bald mit Tauperlen bedeckenden Gesichter abzuwischen! Dazwischen ruft der Oberkellner aus, wieviel er von jedem Gast erhalten hat, damit seine Unterkollegen ausrechnen können, wieviel von dem Trinkgeld auf sie kommt, und im übrigen knabbert es lautschallend an allen Ecken und Enden, weil jeder, der gerade sonst nichts zu verspeisen hat oder seinem Nachbarn nichts zu erzählen weiß, sich mit dem beschäftigt, was ich in Sibirien als "sibirische Unterhaltung" kennen lernte, nämlich mit Aufknacken und Zermahlen von gerösteten Kernen von Sonnenblumen oder Kürbissen und Wassermelonen.

Da bleibt wirklich dem Brunnenvergifter auf der Bühne nichts übrig, als seinen Tyrannen zu "übertyrannen", wie ein Zahnbrecher zu schrein und wie ein Besessener tu toben oder bei Effektstellen ein paar knatternde Raketen loszulassen und sich dabei zu überschlagen, je öfter, desto besser! Aber die Vorstellungen klappen brillant, und die Leutchen spielen mit einer Kraft und einem Eifer, von dem sie manchem europäischem Schauspieler ein wenig abgeben könnten.

Die temperamentvollen Chinesenknaben z. B., die mit funkelnden Schlitzäuglein und prallen Pausbacken die Liebhaberinnen vorstellen, würden gewiß selbst einen echten, rechten Meininger befriedigen, wenngleich einem solchen der dabei fehlende Hintergrund, die ebenso fehlende Kulissen und der Mangel jeglicher Bühnenausstattung schwerlich zusagen dürfte. An der ein für allemal mit grellen Glückssymbolen bemalten Hinterwand zwischen den Schauspielern sitzen die Musikanten, von denen namentlich das Tamtam die dankbare Aufgabe hat, die Kraftstellen der verschiedenen Reden gehörig zu unterstreichen. Weibliche Wesen aber dürfen, abgesehen von den in den großen Hafenstädten für Europäer zurechtgemachten Chinesentheatern, die Bühne höchstens als Sängerinnen und Tänzerinnen betreten, was für die Schauspielerehen auch ganz gut sein mag, während bei uns die Verhältnisse bekanntlich manchmal mit sich bringen, daß die eine Ehehälfte in Hamburg liebhabert und die andere, bessere, in Marktredwitz oder sonstwo die Naive spielt.

Aber auch sonst noch bietet das Chinesentheater Bemerkenswertes genug, wobei allerdings der Einbildungskraft der Zuschauer häufig den Löwenanteil zufällt; für uns spielt freilich der wackere Ritter, der z. B. ausdrücken soll, daß er stolz zu Pferd herumsprengt, doch eine wunderliche Figur, wenn er das ganze Stück hindurch mit breit ausgespreizten Beinen auf der Bühne herumspringt; aber für den Chinesen sitzt er untadelhaft zu Pferd, und das genügt.

Der Lohn für solche Heldentaten bleibt auch nicht aus, aber freilich "chinesisch frisiert"; bei uns würde wohl ein gastierender Virtuose eine Ohnmachtsanwandlung bekommen, wenn nach seiner Glanzleistung, sagen wir nach der Erzählung des weisen Nathan von den drei nachgemachten Opalringen, plötzlich der Livreediener eines Gönners auf der Bühne auftauchte und dem großen Künstler einen duftende, knusprigen Schweinebraten unter die Nase hielte.

Für den chinesischen Mimen ist das aber der Höhepunkt der Anerkennung, denn schön mit Widmungen bemalte Zwischenaktvorhänge, wie sie in Japan, wo ja alle aus China gekommenen Kunstzweige eine Verfeinerung erfahren haben, den beliebten Bühnenkünstlern von ihren Verehrerinnen gestiftet zu werden pflegen, hätten für die vorhanglose Chinesenbühne keinen Zweck.

Noch lieber werden freilich von den Schauspielern die gefüllten Geldkasten entgegengenommen, die von Mäzenenhand auf die Bühne geschoben werden, wobei es allerdings einen kleinen Unterschied macht, ob klingende Silberdollars oder nur lange Würste von durchlöcherten aufgereihten Käsch - Scheidemünzen darin klimpern.

Doch ein bedeutsameres Schauspiel als ihre verworrenen Komödien konnten die Chinesen von Schantung bisher tagtäglich in Tsingtau umsonst genießen, nämlich die Exerzierübungen der deutschen Schutztruppe. Nun ist diese genötigt worden, ihre Langmut fahren zu lassen und blank zu ziehen — und die asiatischen Zopfträger haben erfahren daß da, wo Freund Michel einmal zuschlägt, "kein guter raucht"". Nicht so bei den Chinesen, da wird selbst im Krieg gegaugelt. Wollten die Chinesen im Krieg mit Japan nicht allen Ernstes die Munition der japanischen Kriegsschiffe erschöpfen und nächtlicherweile Tausende von aufgeblähten Schweinsblasen ins Meer werfen, damit sie von den Japanern für kahlgeschorenen Chinesenköpfe gehalten und aufs Korn genommen würden?

Verteilten die Mandarinen nicht an die waffenscheuen Küstenbewohner Soldatenuniformen, um die Japaner zu "erschrecken"? Doch der Gipfel der Komödie in Bezug auf das Komödienspiel der Chinesen erreichte wohl jener Beamte mit seiner famosen Verordnung vom 7. Tage des 10. Monats des 8. Regierungsjahres Cungtschis: daß alle Darsteller von Stücken mit anstößigem Inhalt ins Gefängnis gesperrt werden sollten! Dann hätte er nämlich nur über alle chinesischen Theater ein einziges großes Gefängnisdach zu spannen brauchen.

Das ist zwar meines Wissens dort bis zum heutigen Tag noch nicht geschehen, aber der gute Schein wurde gewahrt, und das ist in China die Hauptsache.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

Alle Bilder

Mail



© Copyright 2001 by JADU


Webmaster