
Das letzte Weihnachtsfest an Bord der "Iltis."
Nach einem Seemannstagebuch von H.M. Heissing.
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Der Name Weihnachten hat für das deutsche Volk einen tieferen, schöneren Klang als für alle andern Völker der Erde. Der grüne Weihnachtsbaum ist mit den Deutschen übers Meer gewandert, wenn sie die Heimat für immer verließen, und der trauliche Glanz seiner Lichter weckt die Erinnerungen allüberall und führt die Herzen zurück nach den Lieben, fern in der alten Heimat. Bei seinem Glanz scheint die Gegenwart sich zu verwandeln, die Erinnerung überbrückt Zeit und Raum , und mit den Bildern von Kindheit und Heimat macht das alte Glück wieder auf. Selbst in Sturm und Not, in dem eisernen Zwang der Pflicht hat das Weihnachtsfest nichts von seinem Zauber verloren, und vor drohendem Untergang ist es noch einmal ein Tag glücklichen Lebens. Vor mir liegt das Tagebuch eines der Helden des "Iltis." In schlichten Worten erzählt es, wie unsere braven Seeleute, deren größter Teil jetzt im fernen Osten für ewig ausruht, dieses schönste aller Feste zu letztenmal feierten. Eine ereignisreiche Zeit lang hinter den Mannschaften S.M.S. "Iltis", als sie am 3. November 1895 im Hafen von Swatow in China vor Anker gingen, um daselbst zu überwintern. Die Greuel des chinesischjapanischen Krieges waren an ihren Augen vorübergezogen, und durch energisches Eingreifen hatten sie der deutschen Flagge den ihr gebührenden Respekt erhalten. In dem immer wiederkehrenden Einerlei des Tagesdienstes waren den Leuten in den letzten Wochen vor Weihnachten die Vorbereitungen zu einer würdigen Gestaltung der Festtage eine angenehme und anheimelnde Beschäftigung. Vom Kommando wurden zu diesem Zweck bunte Papiere, Fahnen, Leim, Stricke, Farben und dergleichen mehr ausgegeben. Des Abends in der Freizeit herrschte dann im Zwischendeck ein reges und munteres Treiben. So hatte die Bootsbesatzung des Kutters ein in den grellsten Farben schillerndes Transparent gemalt, das eine prächtige goldene Krone und einen ungeheuren Winkel mit der dichterischen Umschrift zeigte:
Eine zarte Anspielung auf baldige Beförderung des Kuttersteuerers und seiner Untergebenen! Die Krone ist nämlich das Abzeichen des Obermaaten und durch den Rangwinkel ist der Obermatrose kenntlich. Der Bootssteuerer sollte seinen Wunsch noch erfüllt sehen, denn erzählte mit zu den wenigen, die lebend aus der furchtbaren Katastrophe hervorgingen! Am Niedergang zum Zwischendeck hatte der Oberfeuerwerksmaat Rähm, derselbe, der im Augenblick des Untergangs des "Iltis" das Flaggenlied anstimmte, ein gewaltiges Transparent angebracht, das allen Festteilnehmern ein "Herzliches Willkommen" zurief. Endlich war der große Tag herangekommen! Am Nachmittag des 24. Dezember wurde die Dekorierung abgeschlossen. Die Backen wurden heruntergeklappt und mit Kränzen umwunden, Kerzen ausgegeben und aufgestellt, kurz überall noch die letzte Hand angelegt. Auf dem Tisch lagen die vom Kommando für die Mannschaften bestimmten und mit Nummern versehenen Geschenke; da lagen chinesische und japanische Schmuckgegenstände und Raritäten, Pfeifen, Tabak und Zigarren, Brieftaschen und Photographien, Bücher und Handschuhe, nützliche und angenehme Sachen. Mittlerweile war der "heilige Mann" in Gestalt eines echten Seemanns mit vorgebundenem langwallendem Flachsbart, mit Bischofsmantel und Hut erschienen, um seine Gaben im Zwischendeck niederzulegen. Er ging verteilend umher und bescherte die einzelnen mit Hilfe einiger dienstbarer Geister mit Äpfeln, Nüssen und Kuchen und wies dann einem jeden drei Flaschen Bier zu, welche Gaben alle jubelnd in Empfang genommen wurden. Schleunigst wurden nun die Kerzen angezündet, und als bald darauf der Kommandant mit seinen Offizieren und der deutsche Konsul und dessen Gemahlin erschienen, da erstrahlte bereits der ganze Raum im herrlichsten Lichtermeer. Als dann zum Abendbrot "gepfiffen" wurde, zeigte das Menü gegen das täglich wiederkehrende Einerlei eine angenehme Abwechslung; es gab sogar unter andern schönen Sachen in Büchsen konservierte Blut - und Leberwürste. Nachdem dann noch ein echter, steifer Seemannsgrog an die Mannschaften "nach Belieben" ausgegeben wurde, erreichte die Stimmung bald ihren Höhepunkt. Dazu kam noch, daß es heute jedem freistand, "zur Hängematte zu gehen", wann es ihm beliebte. Da saßen denn unsere braven Teerjacken, knackten Nüsse, tranken Grog und qualmten den ihnen bescherten Tabak aus den kurzen Stumelpfeifen, und horchten gespannt und aufmerksam zu, wenn der "Backälteste" oder sonst ein "befahrener" Mann die seltsamsten und unglaublichsten Garne spann. Andere unterhielten sich von der Heimat und versetzten sich im Geist zurück in den trauten Kreis ihrer Lieben. Und ein Weihnachtslied nach dem andern erklang. Am andern Morgen wurden die Leute erst um sieben Uhr gespurrt (geweckt). Nach dem Frühstück, zu dem Kuchen gereicht wurde, fand die gewöhnliche Sonntagsmusterung statt, worauf sich alles nach dem Achterdeck zum Gottesdienst begab. Der Leutnant z. S. Fraustädter hielt ihn an dem mit der deutschen Kriegsflagge bedeckten Altar ab, um ihn gruppierten sich die Offiziere des Schiffes: der Kommandant Kapitänleutnant Ingenohl, der erste Offizier Leutnant z. S. von Hollbach, der Leutnant z. S. Prasse und der Marineunterzahlmeister Berkhahn, während der Marineassistentarzt Doktor Hildebrand an seinem Harmonium saß. Mit Ausnahme des Kommandanten und des Zahlmeisters, die vorher abberufen wurden, sind sie alle mit ihrem Schiff zu Grunde gegangen. Es ist etwas Eigenes, tief zu Herzen Gehendes um ein Gottesdienst an Bord, besonders an solch einem Tage. Mögen die Worte des Kanzelredners in glänzender Kathedrale auch eine tiefen Eindruck machen, tiefer und nachhaltiger würden auch sie einem gläubigen und empfänglichen Gemüt nicht zu Herzen gehen, als es die einfachen Worte des jungen Seeoffiziers und sein einfaches Gebet an diesem Tag getan haben! Jeder fühlte sich tief ergriffen, und andächtig drang von aller Lippen das herrliche Lied von der "schönen, seligen Weihnachtszeit" zum Himmel empor! Das war das letzte Weihnachtsfest an Bord des "Iltis". Am 23. Juli 1896 zerschmetterte ein Taifun das Kanonenboot an den Klippen der chinesischen Küste, und alle Offiziere und 77 Seeleute gingen mit ihrem Schiff zu Grunde. Mit einem Hoch auf ihren Kaiser, mit den Klängen des Flaggenliedes auf den Lippen starben sie den schönsten Seemannstod ..... Und wenn jetzt wieder in den Häusern im Vaterland die Lichter am Weihnachtsbaum erblinken, schlafen sie den ewigen Schlaf beim winterlichen Rauschen der mörderischen See fern an der andern Seite der Erde. Quelle: Die Woche 1899, von rado jadu 2001
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