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China - Boxeraufstand

Wovon man spricht

Aus China ist endlich wieder einmal eine erfreuliche Nachricht eingetroffen; die verbündeten zivilisierten Mächte haben die Forts von Tientsin erobert und damit den ersten größeren Erfolg seit der Erstürmung der Takuforts erzielt, mit der sie den Kampf günstiger begannen, als er später verlief. Der neue Sieg ist nur mit schwerer Mühe und unter großen Opfern errungen worden, verliert aber dadurch nichts an Wert; die Chinesen haben erfahren müssen, daß auf die Dauer die Zahl der Kämpfenden allein nicht entscheidet.

Man muß ihnen nachsagen, daß sie sich tapfer gewehrt haben, bis sie dem konzentrierten Angriff der fremden Truppen wichen. Wieviel Mann sie eigentlich in den Kämpfen um Tientsin im Feuer gehabt haben, läßt sich vorerst nicht feststellen, die Angaben schwanken zwischen 30 000 und 90 000, aber nehmen wir selbst die geringste Ziffer als richtig an, so ist die Aufgabe der Verbündeten immer noch enorm schwierig gewesen. Drei Tage lang wurde mit der größten Ausdauer und Energie gekämpft.

Am 13. bei Tagesanbruch eröffneten 42 Geschütze der Verbündeten das Feuer auf die Stadt, in der große Gebäudekomplexe in Brand gerieten, und brachten schließlich die Geschütze der Chinesen fast alle zum Schweigen. Währenddessen eroberten verschiedene Abteilungen die acht schweren Geschütze des Feindes im Osten und das Waffenarsenal. Aber noch war der Sieg nicht völlig errungen, am 14. nahmen die Verbündeten den Kampf wieder auf, der erneute Angriff auf das mit Mauern befestigte Chinesenviertel war endlich von vollem Erfolg gekrönt, die Verteidiger wurden vollständig in die Flucht geschlagen, und die Angreifer konnten die Festungswerke besetzen: Tientsin ist nun in ihrer Gewalt.

Aber 800 Tote sind der teure Preis, den die Verbündeten zahlen mußten, 800 Leichen tapferer Krieger decken die Walstatt. Die größten Verluste haben die Japaner und die Russen zu beklagen, die sich hier wie auch in den vorangegangenen Kämpfen unter der Führung des Generals Stössel, durch großen Mut auszeichneten. Eine 1500 Köpfe starke Abteilung von Russen eroberte, unterstützt von kleineren deutschen und französischen Truppenkörpern, die feindlichen Geschütze, während die Japaner im Verein mit Engländern, Amerikanern, Österreichern und dem Rest der Franzosen das Arsenal stürmten.

Es steht zu hoffen, daß diesem nach tagelangem erbitterten Ringen gewonnenen Sieg die moralische Nachwirkung nicht fehlen wird, die bei der Eroberung des Takuforts leider ausgeblieben ist. Die Möglichkeit, Tientsin zu zerstören, gibt den Verbündeten eine Waffe in die Hand, vor der wenigstens die offiziellen chinesischen Kreise Respekt haben. Die Lage im Norden hat sich somit durch die Erstürmung von Tientsin zweifellos zu Gunsten der fremden verschoben; ein Anzeichen, daß nunmehr auch die chinesische Regierung mit größerer Energie gegen die aufrührerischen Banden vorgehen will, kann man in der Berufung Li-Hung- tschangs nach Peking erblicken, dem von allen chinesischen Staatsmännern noch am ehesten zu trauen ist.

Allein auf der andern Seite würde man es in Kanton sehr ungern sehen, wenn er als Vizekönig im Norden bliebe, da dann die feste Hand zur Bekämpfung des Aufstands im Süden fehlte. Und leider darf man sich nicht verhehlen, daß gleichzeitig mit der Wendung zum Besseren im Norden eine Wendung zum Schlimmeren in Mittel- und Südchina eingetreten ist. Bewaffnete Banden, deren Stärke nach allerdings unkontrollierbaren Meldungen sich auf 100 000 Mann beläuft, sollen auf Schantung marschieren. Indessen dürfte das Blutbad von Peking hier doch schwerlich eine Wiederholung finden, die Fremden sind jetzt gewarnt und im Süden immerhin besser zur Abwehr gerüstet.

Quelle: Die Woche, 1900, von rado jadu 2001.

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