Boxeraufstand - Die erfolglose Expedition des Admiral Seymour

Durch die vorstehend geschilderten Umstände wurden die Mächte veranlaßt, ihre sämtlichen in Ostasien befindlichen Schiffe auf der Taku-Reede zusammenzuziehen. Es war eine ziemlich stattliche Seemacht, die sich hier am 8. Juni zusammengefunden hatte, an welchem Tage der deutsche Geschwaderchef Vizeadmiral Bendemann an Bord der "Hertha" vor Taku anlangte. In der vereinigten Flotte stellten:
Deutschland: die großen Kreuzer "Kaiserin Augusta", "Hertha", "Hansa", die kleinen Kreuzer "Irene", Gefion";
Österreich: den Kreuzer "Zenta";
England: das Linienschiff "Centurion", die Kreuzer I. Klasse "Endymion", "Aurora", "Orlando", den Kreuzer III. Klasse "Alacrity", den Torpedobootzerstörer "Fame";
Rußland: den Kreuzer "Rossia", das Linienschiff "Sissoi Beliki", das Kanonenboot "Giljak", den Torpedokreuzer "Gaidamak";
Frankreich: den Kreuzer I. Klasse "D'Entrecasteaux", den Kreuzer III. Klasse "Jean Bart", "Descartes", Kanonenboot "Lion"
Japan: den Kreuzer II. Klasse "Kasagi";
Vereinigte Staaten von Nordamerika: den Panzerkreuzer "Newark";
Italien: die Panzerdeckschiffe "Elba" und "Calabria". Außerdem befanden sich im Peiho die Kanonenboote "Iltis" (deutsch), "Algerine" (englisch), "Bobr", "Korrejetz" (russisch), "Atago" (japanisch).

Rasch entschloß man sich, angesichts der Dringlichkeit der Lage zu vereintem Handeln, und als neuerdings Nachrichten eintrafen, die die Lage in Peking viel gefährlicher und bedrohlicher darstellten, als es die immer noch rosig gefärbten offiziellen Berichte von Pekinger Kaiserhofe erscheinen ließen, gab Admiral Bendemann Befehl, die Landungskorps der Schiffe klar zu machen. Die letzte Ursache zu dieser Maßregel war ein bei dem englischen Geschwaderchef eingegangenes Telegramm des englischen Gesandten in Peking, wonach sofortiger Entsatz dringend verlangt und zugleich die Hoffnung auf Mitwirkung des deutschen Admirals ausgesprochen wurde. Am 10 Juni nachmittags 3 Uhr stand das deutsche Landungskorps marschbereit. Es gliederte sich in folgender Weise:
Kommandeur: Kapitän z. S. v. Usedom.
Adjutant: Oberleutnant z S. Freiherr v. Kottwitz.
Infanterie:
1. (Hertha) Kompagnie: Führer Kap.-Lt. Hecht, Ob.-Lt. z. S. Bunnemann, Ob.-Lt. z. S. Schnabel, Lt. z. S. Berendes.
2. (Hansa) Kompagnie: Führer Kap.-Lt. Schlieper, Ob.-Lt. z. S. v. Zerßen, Ob.-Lt. z. S. Röhr, Lt. z. S. Schultz (Max), Lt. z. S. Becker.
3. (Kaiserin Augusta) Kompagnie: Korv.-Kapt. Buchholtz, Ob.-Lt. z. S. v. Bülow (Hermann), Lt. z. S. Schütte, Stückmeister Wehde.
4. (Gefion) Kompagnie: Führer Kapt.-Lt. Weniger, Ob.-Lt. z. S. v. Krohn, Ob.-Lt. z. S. Lustig
Artillerie:
2 Maschinengeschütze: Lt. z. S. Pfeiffer.
Pioniere: Lt. z. S. Blockhuis.
Sanitäts-Detachement:
Stabsarzt Dr. Schlick,
Oberassistenzarzt Dr. Presuhn,
16 Krankenträger und Sanitätssoldaten
Gesamtstärke: 20 Offiziere, 489 Unteroffiziere und Mannschaften.

Ohne Aufenthalt setzte sich der kleine Zug in Marsch in der Hoffnung, die verhältnismäßige kurze Strecke nach Peking nach Wiederherstellung der zerstörten Eisenbahnlienie, zu welchem Zwecke das technisch geschulte Heizer- und Maschinisten-Personal mitgenommen wurde, zurücklegen zu können. In dieser Hoffnung waren weder die deutschen noch die anderen Landungskorps entsprechend ausgerüstet und verproviantiert, und dies sollte sich später schwer rächen. Zunächst ging die Eisenbahnfahrt glatt von statten, nur zeigten sich mit zunehmender Entfernung von Tientsin die Telegraphenlinien immer gründlicher zerstört.

Der Zustand der Bahnbrücken, so schildert der österreichische Seekadett Prochaska die Fahrt auf der Eisenbahnstrecke von Tientsin nach Lofa, war anfangs kein gar so schlechter. Bis Zangtsun, wo die Truppen des Generals Nieh standen, war die Strecke tadellos. Von hier an waren kleine Reparaturen nötig. Die Boxer hatten hie und da die Schwellen und Schienen herausgerissen, auf den Brücken die Schwellen mit Stroh umwickelt und angezündet. Werkzeuge hatten die Boxer nicht; sie hatten die Schraubenköpfe mit Steinen abgeschlagen. Je mehr wir uns aber Peking näherten, desto gründlicher fanden wir die Linie zerstört. Auf lange Strecken hin sah man am Bahnkörper überhaupt keine Schienen und Schwellen; manfand diese oft in 2 Meilen weit entfernten Dörfen versteckt. Auf der Strecke zwischen Langfang und Anting waren bereits die Traversen der Brücken aus ihren Lagern gehoben und hinuntergeworfen. Wir hatten also sehr langwierige Arbeiten vor uns. Es wurde deshalb beschlossen, die Bahn bis Anting zu reparieren und von dort den noch übrigen Weg zu Fuß zurückzulegen. Doch sollte wegen des großen Wassermangels am direkten Wege über Tongchoo marschiert werden. Vonder längst der Bahn führenden Telegraphenlinie waren nicht einmal die Stangen vorhanden. Die Boxer hatten sogar die Meilensteine zerschlagen. Man vermutet, daß die Strecke erst auf die Nachricht von unserer Abreise hin so zerstört wurde. Die Gegend, die wir passierten, war verlassen.

Man fand nur einige Chinesen vor; diese scheinen aber alle Spione der Boxer gewesen zu sein. Bei einigen wurden auch Waffen vorgefunden; solche Leute wurden gefangen genommen und bei nächster Gelegenheit nach Tientsin gesandt. Zum Ausbessern der Bahn wurde täglich eine andere Nation herangezogen, Italiener und Österreicher, die wegen ihrer kleinen Zahl nicht arbeiteten, bestritten während dieser Zeit die Posten. Wegen des Postendienstes bei Nacht wurden jeweilig besondere Verfügungen getroffen. In einer am 11. Juni vom Admiral einberufenen Versammlung wurden die zur Sicherheit notwendigen Maßnahmen besprochen. Außerdem wurde in jedem Zuge der rangälteste Offizier zum Zugskommandanten bestimmt; diesem wurde ein englischer Signalmann zugeteilt, um den Verkehr zwischen den einzelnen Zügen zu erleichtern. Die Zugskommandanten hatten für die Sicherheit ihrer Züge nach eigenem Ermessen Vorkehrungen zu treffen. Eine große Schwierigkeit bildete die Wasserbeschaffung für die Lokomotive; es war nur wenig Wasser vorhanden, und da außerdem das Wasser mir Handkraft geschöpft werden mußte, dauerte dieser Vorgang oft über einen halben Tag. In den ersten Tagen verkehrte ein V. Zug mit Tientsin; da dieser gar keine beunruhigenden Nachrichten brachte, so begann man, sich auf den Nachschub von Tientsin aus zu verlassen und ließ sich nur für eine Woche Proviant und gar keine Munition nachkommen. Diese Täuschung erschwerte den späteren Rückzug sehr.

Fünf Kilometer vor der Station Lofa konnte die Fahrt wegen der Zerstörung der Brücken nicht mehr fortgesetzt werden, und Admiral Seymour, dem als Rangältesten das Oberkommando zugefallen war, beschloß hier zu biwakieren. Nach notdürftiger Reparatur der Brücken gelangte man bis Lofa, wo ein abermaliger Aufenthalt nötig wurde. Einschließlich der hierhin aus Tientsin eingetroffenen Nachschübe war nun das Expeditionskorps stark: 2117 Mann in 5 Eisenbahnzügen, und zwar: 915 Engländer, 2 Feldgeschütze, 509 Deutsche, 312 Russen, 3 Feldgeschütze, 150 Franzosen, 1 Feldgeschütz, 112 Amerikaner, 54 Japaner, 40 Italiener, 25 Österreicher.

Nach einem kleinen Gefechte am Nachmittag des 11. Juni mit Boxern, von deren Anwesenheit die an der Strecke liegenden verstümmelten Leichen chinesischer Bahnarbeiter und Angestellen ein beredetes Zeugnis ablegten, erreichte das Expeditions am Mittag des 12. Juni die Station Langfang, nur noch 45 Kilometer zu Land und 65 Kilometer zur Eisenbahn von Peking entfernt. Hier stellte sich heraus, daß infolge der umfangreichen Zerstörungen an der Eisenbahn und dem rollenden Material an ein Weiterfahren absolut nicht zu denken war. Man setzte sich daher im Stationsgebäude fest und versuchte vergeblich, das zum Heizen der Lkomotiven unentbehrliche Wasser zu schaffen. Inzwischen traf ein weiterer Nachschub in Stärke von ungefähr 280 Mann mit Proviant und Material ein. Leutnant z. S. Hillmers, der die Abteilung führte, teilt über die Lage des Expeditionskorps bei seiner Ankunft folgendes mit: "Die kommandierenden Offiziere sind verhältnismäßig einig. Admiral Seymour ist der älteste - er und Kapitän von Usedom harmonieren besonders gut. Unsere Leute benehmen sich tadellos. Die Stimmung unter den Leuten ausgezeichnet, dabei große Anstrengungen bei enormer Hitze. Die Sache kann noch sehr lange dauern.

Die Truppen sind wegen ihres Trosses an die Bahn gebunden, und diese ist, je weiter sie kommen, gründlich zerstört; oben sollen sogar die ganzen Bahndämme abgetragen sein. Die Unternehmung würde mit dem Sturm auf Peking endigen. Man hat schon Nachricht, daß sich hier Regierungstruppen stellen werden. Sehr ernst! Wie anders ist alles gekommen! — Während Kapitän von Usedom noch diktiert, kriegt er Meldung, in einem nahen Dorfe zeige sich eine größere Anzahl verdächtiger Leute. Sofort wurde gegen dieses Dorf eine Kompagnie unter dem Befehl von Kapitän Buchholz, bestehend aus den 'Hertha'-Leuten unter Kapitänleutnant Hecht und den 'Hansa'-Leuten unter Kapitänleutnant Schlieper, vorgeschickt. Ich durfte mit und fungierte bei diesem Zuge quasi als Adjudant von Kapitän Buchholz. Wir beide weit voran durch das Dorf, es wurde aber leider nichts gefunden, und wir mußten unverrichteter Sache zurück. — Heiter und lustig mit den anderen in einem Güterwagen, der als Offiersmesse diente, zu Abend gegessen.alles sehr primitiv natürlich. Wie viel Flüssigkeit konsumiert worde, ist ganz unglaublich, vor allem kaltes Brunnenwasser; aber der Körper hat bie der trockenen Hitze viel Flüssigkeit nötig. Während des Abendessens kam die Nachricht, daß mehrere Waggons entgleist wären; das konnte gerade fehlen. Da haben unsere gesamten Leute von 7-1 Uhr nachts, an der Spitze natürlich Kapitän von Usedom, scharf gearbeitet, selbstverständlich mit Erfolg. Ich schlief den ersten Teil der Nacht bei der Feldwache, machte auch einen Rundgang mit Bülow um die Posten."

Am 14. Juni entspann sich ein kleines Gefecht. Die Wassernot hatte die Truppen in ein kleines Dorf getrieben, wo sie von den Boxern überfallen wurden und 5 Mann (Italiener) verloren. Als die fouragierenden Mannschaften mit Mühe das Stationsgebäude wieder erreicht hatten, rückten die Boxer an, wurden aber von den Engländern und dem "Gefion"-Zug unter dem Oberleutnant v. Krohn unter schweren Verlusten zurückgeschlagen.

Da die Fortsetzung des Marsches mit der Eisenbahn unmöglich geworden war, versuchte Admiral Seymour den Vormarsch zu Fuß fortzusetzen. Die "Kaiserin-Augusta-" und die "Hertha"-Kompagnie erhielten den Befehl, die Flanken von Feinde zu säubern und zu fouragieren. Das Erste gelang ihnen zwar, und sie kehrten mit 5 Fahnen und 2 Gefangenen zurück, aber die Fouragierung ergab nur das winzige Resultat von 1 Pferd, 1 Kuh und 4 Eseln. Überraschend kam jetzt die Nachricht, daß auch die Bahn im Rücken des Expeditionskorps jenseits Lofa zerstört, das Korps also von seiner Operationsbasis abgeschnitten sei. Dies nötigte den am 16. Juni einberufenen Kriegsrat, den Vormarsch auf Peking einstweilen einzustellen und sich darauf zu beschänken, die befestigte Stationen Langfang und Lofa zu halten. Da sich aber herausstellte, daß die verfügbaren Streitkräfte nicht ausreichten, um die ganze Etappenlinie zu halten, beschloß Admiral Seymour auch die Aufgabe von Langfang und die Konzentration der Kräfte auf die Strecke Lofa-Yangtsun.

Die Zerstörungen der Eisenbahn war, wie Leutnant z. S. Hillmers erzählt, ganz schlimmer Natur, besonders, besonders der Bahnhof Yangtsun in einer aussichtslosen Verfassung, und hier hatten noch vor 4 Tagen die chinesischen Regierungstruppen gestanden, und Admiral Seymour hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß der Bahnhof selber und die Strecke von Yangtsun bis Tientsin in Ordnung sei. "Anstatt dessen sahen wir überall auf den Feldern die Chinesen Schwellen schleppen, es wurde auch auf große Entferung auf sie geschossen, darauf liefen sie natürlich in Karriere weg. Der Eindruck, den wir von dieser Rekognoszierung mitnahmen, war ein sehr trauriger, die Fortsetzung des Rückzuges mit der Bahn schien unmöglich, die Lage dadurch sehr ernst. Um 9 Uhr abends fand eine Sitzung der zur Zeit anwesenden höchstkommandierenden Offiziere statt. Das war der amerikanische Kapitän M. Cellar, Kapitän Schlieper und ein österreichischer Seekadett. Admiral Seymour entwarf zuerst ein Bild von der traurigen Lage und stellte dann die Frage, was werden sollte, vor allem mit Kapitän von Usedom. Man kam schließlich überein, den folgenden Tag die Bahn bis Yangtsun weiter zu reparieren. Vorbereitungen zu einem eventuellen Rückmarsch auf dem Fußwege zu treffen und Kapitän von Usedom freizustellen, ob er kommen wolle oder nicht."

Als sich am 18. Juni das unter dem Befehl des Kapitäns v. Usedom in Langfang stehende Detachement zum Abzuge anschickte, erfolgte nachmittags 2 Uhr ein plötzlicher Angriff des Feindes. 5000 Mann Boxer, reguläre kaiserliche Infanterie und Kavallerie besetzten südlich des Bahndammes einige Erddeckungen und einen Waldrand und eröffenten ein starkes Feuer auf die Verbündeten. Zwei englische Kompaganien und eine russische traten südlich des Bahndammes ins Feuergefecht, während je eine russische und japanische Kompganie die unmittelbare Bedeckung der Züge übernahmen. Die deutsche "Hertha"- und "Kaiserin-Augusta"-Kompagnie wurde nach rechts herausgesandt, um durch einen Angriff auf den linken feindlichen Flügel den Feind zu werfen. Diese Bewegungen versuchte die chinesische Kavallerie zu hindern, wurde aber durch ein paar Salven verscheucht. In dem langen Feuergefechte verschoß sich die "Hertha"-Kompagnie, konnte aber glücklicherweise ihre Munition aus den Partronengürteln der gefallenen Boxer ersetzen. Nach einem letzten Versuche der Boxer, mit blanker Waffe und stürmender Hand die Stellungen zu nehmen, zogen sie sich zurück. Auf ihrer Seite waren etwa 100 Mann gefallen, aber auch die Verluste der Verbündeten waren schwer. Die Deutschen zählten 1 Toten (Matrose Baatz), 17 Verwundete, darunter Kapitän v. Usedom und Korvettenkapitän Buchholtz leicht, die Engländer 3 Tote, 24 Verwundete, die Russen 3 Tote, 10 Verwundete. Die Rückfahrt auf Yangtsun stand nun nichts mehr im Wege, und abends 1/2 9 Uhr traf das Detachement Usedom wieder bei dem Gros des Expeditionskorps ein.

Das vorstehende skizzierte Gefecht wird von einem daran beteiligten Offizier folgendermaßen geschildert: "Es war inzwischen 1 Uhr geworden. Wer nicht gerade Dienst oder Wache hatte, legte sich schnell noch aufs Ohr, um nach den anstrengenden Märschen einige Minuten zu schlafen. Da plötzlich - ca. 1 Uhr 30 Minuten - rufen die durchdringenden Töne des Alarmsignals alles zu den Waffen. Erscheckt fahren die Schläfer empor, und nach einigen Minuten stehen die Kompagnien bereit. Vom Turm des "Fort Gefion" waren von Peking her anrückende reguläre Truppen, und zwar Kavellerie und Infanterie, gemeldet worden. Kapitän von Usedom übernahm die Oberleitung. Die deutschen Kompagnien sollten rechts die Kavallerie verjagen, je eine englische und eine russische Kompagnie und die Japaner blieben als Reserve und Bedeckung bei den Zügen, die übrigen wurden gegen die Infanterie entwickelt. Die Reserven mußten sehr bald auf dem äußersten linken Flügel mit in das Gefecht eingreifen, da der Feind hier mehr Truppen wie angenommen heranführte. Im Laufschritt eilten die Deutschen über das Feld, über die letzte deckende Baumreihe hinaus, allen voran Kapitän Buchholtz, der feindlichen Kavallerie entgegen. Jeder freute sich auf den Augenblick, den gelben Gesellen einmal deutsche blaue Bohnen zu kosten zu geben. Geschlossen in Karriere ritten sie an, wie sie es von den europäischen Instrukteuren gelernt hatten.

Ein kurzes Schnellfeuer jedoch genügte, sie nach allen Richtungen zu zersprengen. Sie saßen dann ab und schossen mit Karabinern auf uns. Gleichzeitig erhielten wir auch Feuer aus den Grabhügeln jenseits des Bahndammes und hatten unsere ersten Verwundeten. Diese wollten zuerst gar nicht glauben, daß chinesische Kugeln sie getroffen hätten, sondern meinten, das aus dem Fort Gefion über uns hinwegschießendeMaschinengewehr habe sie verwundet. Gleichzeitig traf auch Befehl ein, gegen den Bahndamm vorzugehen, wo die Chinesen, in großer Uberzahl, an Boden gewannen. Zum Teil durch das Dorf, zum Teil um dasselbe herum ging es nun. Sowie wir die deckenden Häuser hinter uns hatten, hörten wir zum erstenmal die Musik der fliegenden Geschosse und lernten das sehr unangenehme Gefühl kennen, welches ein Geschoß verursacht, welches gerade neben einem in der Schützenlinie in den Sand fährt. Je mehr wir uns dem Bahndamm näherten, desto heftiger wurde das Feuer, und nach allen Richtungen spritzte das Blei der gegen die Schienen prasselnden Geschosse. Aber vorwärts! war die Losung. Zwei Züge überschitten den Bahndamm, die übrigen bleiben diesseits, um den Chinesen in die Flanke zu fallen. Fast drei Stunden währte nun das Feuergefecht. Von Deckung zu Deckung gingen wir vor. Auch die Engländer, welche stark die Absicht hatten, erst bei den Zügen Widerstand zu leisten, gelang es Kapitän v.Usedom, wieder vorzubringen. Bald trafen wir auf gefallene Chinesen, große, starke Leute, und sahen zahlreiche Fahnen am Boden liegen.

Aber jetzt war noch nicht die Zeit gekommen, Kriegsbeute zu sammeln. Heran an den Feind! war die Losung. Im Verlaufe des Gefechtes lockerten sich die Verbände naturgemäß, und viele Engländer sah man in unseren Reihen liegen. Wir kommandierten ihnen englisch die Entfernungen, und sie machten jeden Sprung ebenso mit wie unsere Leute. Als wir uns dem Wald und den Grabhügeln ziemlich genähert hatten, pflanzten wir Seitengwehr auf, und mit mächtigen Hurrarufen stürmten wir über das Feld, voran Kapitän v. Usedom und die deutsche Kriegsflagge, gegen die feindliche Stellung. Das Funkeln der blanken Waffen und das Geschrei aus Hunderten von Manneskehlen mußte die Chinesen wohl in lähmende Furcht versetzen. Als wir atemlos die feindliche Stellung ereichten, war niemand mehr zu sehen, nur zahlreiche Tote und Verwundete decken den Boden. An Verfolgung war bei dem unübersichtlichen Gelände und bei dem Mangel an jeder Kavallerie nicht zu denken. Wir sammelten, um zu unseren Eisenbahnzügen zurückzukehren. Da stellte es sich heraus, daß sich die "Hertha"-Kompagnie fast verschossen hhatte.

Zum Glück wurde bald entdeckt, daß die Chinesen unsere Patronen hatten, in Deutschland gefertigt, zum Teil sogar in Staatsfabriken, und schnell wurden die Munitionsvorräte der gefallenen Chinesen unter unsere Leute verteilt. Es war auch die höchste Zeit. Denn ganz unerwartet öffnete sich der Wald wieder, und in langer Reihe traten die Boxer heraus. Mit wehenden Fahnen, unter ohrenbetäubenden Geschrei: "Schoi, Schoi" (tötet sie) gingen sie zum Angriff mit der blanken Waffe vor. In ihren eigenartigen Gewändern, rotem Kopfputz, rotem Gürtel, um Handgelenke und Füße rote Streifen, hätten sie auf jeden unzivilisierten Gegner sicher einen furchterregenden Eindruck gemacht. Aber hier - einige Kommandos, einige Minuten Schnellfeuer auf der ganzen Linie, und dahingemäht lagen sie, nur einige wenige erreichten den schützenden Waldrand. Nun begann ein wahrer Wettlauf um die am Boden liegenden Fahnen, und mit diesen Siegestrophäen wurde der Rückmarsch zu den Eisenbahnzügen angetreten. Der Erfolg des Tages war dem energischen Ansturm der deutschen Kompagnien auf dem rechten Flügel zu danken. Bereitwilligst wurde dies auch von den Engländern anerkannt. Als wir begeistert und voller Freude über unsern ersten Sieg gegen einen wirklichen Gegner auf den Bahnhof rückten, standen die Engländer schon da und begrüßten uns mit lebhaften Zurufen: Hats off! The German captain! Hurra, the brave leader! Three cheers for the German captain!

Kapitän von Usedom hielt sodann eine Ansprache an uns und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hurra auf den obersten Kriegsherrn

Nun aber auch die Kehrseite! Lange Reihen von Krankentragen, das schmerzliche Wimmern der Schwerverwundeten und starre, blsse Gesichter Gefallener lehrten uns auch, die Schrecken des Krieges kennen und zeigten, daß der Erfolg nicht ohne schwere Opfer erkauft ward. Unsere Verluste allein betrugen: 1 Toter, 13 Verwundete. Die der übrigen Mächte waren weit größer. Sieben Tote hatten wir am nächsten Morgen zur ewigen Ruhe zu bestatten. Nachdem die Verwundeten sorgsam untergebracht waren, traten wir die Rückfahrt an, nahmen unterwegs die Besatzung von Lofa auf und trafen spät am Abend bei Yangtsun den Admiral Seymour."

Das Expeditionskorps konnte sich in seiner jetzigen, von beiden Seiten abgeschnittenen Stellung nicht halten, und ein nach der Beerdigung der ehrenvoll Gefallenen zusammenberufener Kriegsrat beschloß daher, die Eisenbahn zu verlassen und den Rückzug am Peiho entlang anzutreten. Die Verwundeten wurden auf dem Flusse selbst auf requirierten Dschunken stromabwärts transportiert. Nach einem Biwak wurde am Morgen des 20. Juni der Rückmarsch angetreten. Gewehrfeuer des Feindes aus vorwärts liegenden Dörfern verzögerte den Marsch. Sobald die an der Spitze marschierenden Amerikaner und Engländer ein Dorf gesäubert hatten, leisterte der Feind von dem nächsten aus erneuten Widerstand. In der Nacht zum 21. Juni biwakierten die Truppen wieder neben den Dschunken, die die Verwundeten bargen, und zwischen brennenden Dörfern.

Nachdem das Detachement Usedom am 21. Juni auf das rechte Ufer des Peiho übergesetzt war, erfolgte ein feindlicher Angriff. Von allen Dörfern, die zu passieren waren, wurden die marschierenden Kolonnen beschossen, und es bedurfte eines wiederholten, regelrecht durchgeführten Sturmangriffs, um den Weg frei zu halten.

Die "Hansa"-, "Hertha"- und "Kaiserin-Augusta"-Kompagnie, im Laufe des Gefechtes nach und nach durch beide russische Kompagnien verstärkt, kämpften in vorderster Linie. Die englischen Nordenfelt-Geschütze unter Führung des Leutnants Colomb fuhren rechts rückwärts auf. Unter starken feindlichen Geschütz- und Gewehrfeuer erfolgte das sprungweise Vorgehen, wobei Verluste eintraten und deutscherseits Kapitänleutnant Schlieper, Oberleutnant z. S. von Zerssen schwer und mehrere Leute leicht verwundet wurden. Am Nachmittag dieses Tages trat auch die Hauptkolonne Seymour in Tätigkeit, und das Resultat der stetig wiederholten Feuergefechte war immer, sdaß sich die Chinesen zurückzogen. Durch die fortgesetzte Beunruhigung Waren aber die Truppen der Europäer erschöpft. Schon seit dem 20 Juni hatten die Deutschen nicht abgekocht, und am Abend des 21. mußten sie sich neuerdings der beschwerlichen Aufgabe des Übersetzens über den Peiho unterziehen. Dieses erfolgte deshalb, weil Kapitän von Usedom erkannt hatte, daß das rechte Flußufer stärker vom Feinde besetzt war als das linke. Die kärgliche Zeit der Ruhe nach dem Übersetzen bis zum Wiederabmarsch wurde sitzend auf der Uferbank zugebracht, und dazu gab es zum Abendessen, wie Leutnant Hillmers erzählte, sehr wenig zu essen. und als Getränk das Flußwasser des Peiho, in dem alle zwei Minuten ein toter Chinese langsam herunter trieb.

Der Aufbruch erfolgte um 1 Uhr nachts, und in guter Ordnung ging dieser eine Zeitlang schnell vor sind. Aber schon um 2 Uhr stockte die Kolonne. An der Spitze fielen Schüsse, und jetzt erklang der berühmte Ruf: "The Germans to the front!" "Die Deutschen nach vorn!" Im Sturmschritt rückte Kapitän von Usedom mit den vier deutschen Kompagnien nach der Spitze und blieb nunmehr an der Seite des Admirals Seymour, der von dem vorliegenden Hsiku-Arsenale größeren Widerstand erwartete und im Falle seines Todes oder seiner Verwundung den deutschen Kapitän als Nächstältesten zu den Befehlshaber der Expedition ernannte. Der Vormarsch führte auf einem sehr schmalen Wege zwischen einem Dorfe und dem Flußufer in eine Flußbiegung, der gegenüber die Wälle des Arsenals begannen. Die Breite des Flusses betrug hier etwa 60 Meter, die Entfernung der deutschen Marschkolonne von der Kante der Arsenalumwallung, hinter welcher die chinesischen Soldaten im Anschlag lagen, betrug nur etwa 150 Meter. Auch ein auf einer vorspringenden Ecke aufgestelltes Geschütz richtete seine Mündung auf die anmarschierende Truppe. Es war ein höchst kritischer Moment. Zum Glück wurde der Befehl zu Feuern chinesischerseits noch nicht gegeben, so daß es der "Hertha"- und "Hansa"-Kompagnie gelang, aus dem Dorfe herauszukommen und in einem trockenen Flußbette Deckung zu finden. Dieser günstige Moment wurde noch um ein oder zwei Minuten dadurch verlängert, daß der dem Admiral Seymour beigegebene englische Konsulatsdolmetscher Mr. Campbell mit großer Tapferkeit an das Ufer heranschritt und den Chinesen den Vorschlag machte, die Verbündeten vorbeimarschieren zu lassen, da sie nichts Feindseliges im Schilde führten. Die Antwort war ein Hagel von Geschossen. Wunderbarerweise gelang es dabei dem Dolmetscher, in ein Deckung zu entkommen. "Aber", so berichtet Leutnant z. S. Hillmers, "meine drei Nebenleute wurden auf der Stelle getötet. Oberleutnant von Krohn erhielt einen Schuß in das linke Auge, viele andere schwere und leichte Verwundungen. Die Situation war fürchterlich. -

Es gelang, zwei feindliche Geschütze, die die deutsche Schützenlinie in unangenehmer Weise belästigten, zum Schweigen zu bringen, und als die englischen Marinesoldaten das Fort von Norden umflügelt hatten, setzten nach einem längeren Feuergefechte, das auf die Chinesen sehr entmutigtend wirkte, die Leutnants z. S. von Roehr, von Bülow und Hillmers mit etwa 20 Mann über den Peiho und eroberten die beiden auf dem Wall stehenden Geschütze, die sie sofort auf die Chinesen umkehrten. Diese flohen in der größten Unordnung, und das chinesische Arsenal war in den Händen der Europäer.

Man beschloß, da die erschöpften Mannschaften zu ihrer Erholung einer Ruhepause unbedingt bedurften, die Besetzung des Arsenals, von dem aus eine Verbindung mit dem nahen Tientsin leicht zu ermöglichen war. Es war um so leichter, das Fort zu halten, als in ihm eine ungeahnte Menge von Kanonen, Gewehren und Monition aller Art gefunden wurde. Die Chinesen ermannten sich auch rasch, um das Verlorene wiederzugewinnen, und als die Vorbereitungen zum Transport der Verwundeten getroffen wurden, eröffneten sie aus einem Dorfe im Südosten ein heftiges und überraschendes Feuer. Gleichzeitig hatten die im Süden stehenden Engländer einen starken Anprall überlegender feindlicher Streitkräfte auszuhalten und wurden bei ihrem erfolgreichen Widerstande durch die herbeieilende "Kaiserin-Augusta"- und "Hertha"-Kompagnie unterstützt. In diesem Gefechte, das nachmittags 4 Uhr mit der Flucht der Chinesen endete, fiel Korvettenkapitän Buchholtz in dem Augenblicke, als er eine chinesische Schnelladekanone zusammen mit einem Engländer bediente. Gleichzeitig wurde Oberleutnant Lustig schwer verwundet.

Nachdem am die Verwundeten sowie die Franzosen und Italiener im Fort untergebracht hatte, während die die übrigen Nationen innerhalb der Fortumwallung biwakierten, war das Expeditionskorps für den Augenblick zwar in Sicherheit, aber doch war die Lage schlimm genug. Leutnant z. S. Hillmers schildert sie folgendermaßen:

An den Prähmen wird gegessen und dann etwas hingelegt. Einer von den Leuten beim Essen erschossen. Überhaupt Kugeln und Granten immer dicht neben den Prähmen eingeschlagen, ein scheußlicher Moment. Eine Stimmung, nämlich toter Punkt. Ich weiß, ich lag neben meinem Kameraden Schultz, und jeder trug dem anderen Grüße auf für zu Hause. Glauben tat keiner daran,nach Hause zu kommen, die Situation war zu verzweifelt. Vor allem ging es nicht so weiter mit den Verwundeten in den gänzlich ungeschützten Prähmen im Granatfeuer. Daher wurde die Aufschiffung beschlossen und gleich ins Werk gesetzt.. Das ganze Fort wollten wir zunächst nicht besetzen, nur ein großes Arsenal; im Magazin - es gab zwei - wurden die Verwundeten, so gut es ging, untergebracht. Wir selbst richteten uns da auch ein mit allen Sachen. Die Franzosen besetzten das Arsenal und kriegten von jeder Nation 30 Mann und einen Offizier zur Bedeckung, die Engländer besetzten den Wall. Ich wurde von Kommandanten für das Arsenal bestimmt und zog gegen 8 Uhr dahin ab, meldete mich beim französischen Kommandanten, der wies mir einen Teil der Mauer, den ich beschützen sollte, an: ich verteilte meine Posten und legte mich etwas hin. Neben mir hatte der russische Offizier seinen Posten. Mein Teil der Mauer, die an und für sich so hoch war, daß kaum daran zu denken war, sie zu besteigen, hatte einen schwachen Punkt, ein zwar verrammeltes, aber doch sehr leichtes Tor. Hier hatte ich meine Leute - bei Alarm natürlich - konzentriert. Die Parole war "France-Berlin". Bis 12 Uhr verlief die Nacht ruhig."

Eine Patrouille, die das Fort 9 Uhr abends in der Stärke von 100 englischen Seesoldaten unter Führung des Majors Johnston und in Begleitung eines ortskundigen Eisenbahningenieurs verlassen hatte, um diemVerbindung mit Tientsin herzustellen, kehrte 1/2 Uhr in der Nacht wieder zurück. Sie hatte 4 Tage verloren, ihren Zweck aber nicht erreicht, da sie es nicht vermochte, die gegenüber stehenden überlegenen feindlichen Abteilungen zu durchbrechen. Die Nachricht, daß das Expeditionskorps sich im Arsenal festgesetzt habe und in bedrängter Lage sei, kam erst am folgenden Tage nach Tientsin, wo man sofort daran ging, eine Entsatzkolonne zu formieren. —

Ein starker Angriff erfolgte noch am 23. Juni, der durch die "Kaiserin -Augusta"- und die "Hertha"-Kompagnie, die dabei 2 Tote, darunter den Keutnant zur See Pfeiffer, und 8 Verwundete hatten, in Verbindung mit englischen Seesoldaten abgeschlagen wurde. Dann konnte man die folgende Zeit der relativen Ruhe dazu benutzen, die erbeuteten Schätze zu mustern. Es fand sich ein ungeahnter Reichtum an Kriegsmaterial vor, dessen Wert auf mehrere Millionen Taels geschätzt wurde: Geschütze, Lafetten, Munition in großen Mengen, daruter Patronen 71/84, aus denen sogleich die stark gelichteten deutschen Bestände ergänzt werden konnten. Auch wurden von der "Hansa"-Kompagnie zwei Krupp'sche 8,7-cm-Schnellladegeschütze, von denen sich etwa 20 Stück im Arsenal vorgefunden hatten, ausgepackt, montiert und aufgestellt, und bald begannen sie fröhlich ihre Geschosse nach den von den Chinesen besetzten Ortschaften im Süden und Südwesten des Forts zu entsenden.

Dieses Bombardement hatte die erfreuliche Folge, daß die Nacht zum 24. Juni ruhig verlief, desgleichen die zum 25. Juni. Am Morgen dieses Tages beschoß man mit Kruppgeschützen ein vor Tientsin gelegenes Fort, das auf diese Stadt zu feuern begann, und um 9 Uhr sahen die Verbündeten mit großer Freude die Entsatzkolonne unter dem russischen General Stoeßel heranrücken, die um 11 Uhr, mit hellem Jubel begrüßt, bei dem Expeditionskorps eintraf. Ihre Ankunft schildert Leutnant z. S. Hillmers folgendermaßen: "Ich sehe durch mein Glas und glaube weiße Hüte zu erkennen. Da steht schon der Kommandant auf dem Wall und ruft mit lauter Stimme: "Die Hurras für die uns entsetzenden europäischen Truppen!" Welch ein Moment! Wie haben wir geschrieen! Bald kamen sie näher, man konnte schon die weißen Röcke der Kosaken erkennen. Jetzt zweigt sich ein einzelner Reiter ab unf kommt direkt auf uns zu, entpuppt sich als Amerikaner, freudig begrüßt, ihm folgt sehr bald der russische General, dann allmählich die anderen Truppen, stürmische Hurras auf beiden Seiten; von uns ist eine Kompagnie des Seebataillons dabei unter Hauptmann v. Knobelsdorff, außerdem der Oberleutnant Hagemeister und der Oberassistenzarzt Dr. Neiße. Von ihnen erfahren wir alle Neuigkeiten, die traurig genug klingen. Kapitän Lans schwer verwundet, Hellmann vom "Iltis" und Leutnant Friedrich vom Seebataillon gefallen; schwere Verluste. Der Tag geht hin mit Vorbereitungen zum abrücken."

Der Abmarsch wurde in der Morgenfrühe des 26. Juni nach Zerstörung der montierten Kruppgeschütze und Brandlegung des Arsenals angetreten. Die Gefallenen, darunter auch Korvettenkapitän Buchholtz, waren bereits am 23. Juni beerdigt worden. Das Leichenbegräbnis des letzteren erzählt Leutnant z. S. Hillmers mit folgenden herzlichen Worten: "Vormittags war die traurige Beerdigung von Kapitän Buchholtz; ein tragisches Geschick! Über 2 1/2 Jahr war er fort, dabei so glücklich verheiratet wie möglich, vor 2 Tagen hätte er sonst die Heimreise angetreten, und nun freute er sich so, mit einem Schwerterorden nach Hause zu kommen, wollte gleich von Tientsin aus seiner Frau telegraphieren, hoffte Majestät Vortrag halten zu dürfen und war überhaupt so froh. Und dann gestern mitten in der Schlacht traf ihn die Kugel mitten ins Herz, so daß er sofort zusammenbrach und tot war. Fürwahr, ein schöner Heldentod! Wir mochten alle seine derbe frische Art gern, und bei den Leuten war er so besonders beliebt. Und nun - wie sagt das Lied: "Heute durch die Brust geschossen, morgen in das kühle Grab." Ohne Prunk wurde der große Mann, er war direkt ein Hüne, ins Grab gelegt. Abordnungen aller Nationen umstanden die schmucklose Stätte. Als einzige Tauermusik das Pfeifen der Kugeln, die hinter uns einschlugen und das Heulen des Sandsturms. Und es muß wohl auch der Sandsturm gewesen sein, der uns die Augen feucht werden ließ; zu namenlos traurig!"

Unter Aufbietung der letzten Kräfte der erschöpften Mannschaften wurde der Marsch in guter Ordnung durchgeführt und 1 Uhr mittags Tientsin erreicht. Das einrückende Expeditionskorps war äußerlich in einem traurigen Zustande. Mit geschwärzten Gesichtern, ohne Schuhwerk und mit abgerissener Kleidung, sonst aber in guter Ordnung passierten die Truppen mit präsentiertem Gewehr Spalier bildende Besatzung und Fremdenbevölkerung, um endlich die ersehnte Unterkunft nach schwerer Leidenzeit zu finden. Auch bei diesem Einmarsch zeigten die Deutschen, wie während der ganzen Expedition, eine mustergültige Haltung. Sie hatten vor dem Einmarsch in die Stadt beim Bahnhof eine Ruhepause gemacht, den Anzug geordnet und noch eine notdürftige Körperreinigung vorgenommen, um dann frisch, stramm und flott, als wenn es zur Parade ginge, unter dem Erstaunen und dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug zu halten.

Die tapfere Haltung der deutschen Teilnehmer an der Expedition, die immer an den exponierten Stellen gestanden hatten, wurde von allen Seiten rückhaltslos anerkannt, und Admiral Seymour erstattete darüber folgenden offziellen Bericht: "Ich kann den Brief nicht schließen, ohne Eure Excellenz sowohl meine persönliche Bewunderung auszusprechen über den Eifer und die unfehlbare Energie, welche: Kapitän von Usedom von S.M.S. "Hertha" während der ganzen Expedition entfaltete, als auch von dem hohen Werte seiner Dienstleistungen. Die Verbündeten standen im Gefecht bei Langfang unter seinem Kommando, da ich selbst zu dieser Zeit einige Meilen entfernt war. In diese, entscheidenden Angriff auf uns, bei welchem zum erstenmal kaiserlich-chinesische Truppen mit Boxern verbunden waren, wurde Kapitän von Unsedom verwundet. Seiner geschickten Führung und seinen Anordnungen muß die Vermeidung eines Unglücks zugeschrieben werden. Von allen anwesenden Offizieren mir im Range am nächsten, fragte ich ihn oft mit viel Vorteil um Rat, und ich habe ihn auch offiziell bestimmt, mir in der Führung der Expedition zu folgen, wenn ich fallen sollte, und hatte das Gefühl, daß unsere gemeinsamen Interessen dann nicht leiden würden. Als mein Flaggkäpitän durch eine Wunde unfähig gemacht war, ersuchte ich Kapitän von Usedom, mir die Ehre zu erweisen, als Chef meines Stabes zu fungieren, er willigte ein und war für mich von großem Werte.

In Anbetracht des Mutes und der hohen Disziplin, die von allen Offizieren Sr. Kaiserlichen Majestät und von den Soldaten, die uns begleiteten, gezeigt wurden, kann ich nur sagen, sie zeigten sich alle der hohen Tradition des großen deutschen Kaiserreichs würdig."

Die Expedition, deren Durchführung in letzter Linie an der ungenügenden Muunitionsausrüstung scheiterte, hatte einen Verlust von 61 Toten und 223 Verwundeten zu verzeichnen; davon beklagten die Deutschen 10 Tote, darunter 1 Offizier, und 57 Verwundete, darunter 7 Offiziere. Es ist getadelt worden, daß die Führer ihren Entschluß vom 15. Juni, umzukehren, wieder änderten und durch dieses Zaudern eine vollen Tag verloren. Mit Rücksicht darauf aber, daß die Expedition damals nur noch 40 Kilometer von Peking entfernt war, wo die bedrängten Gesandten sehnsüchtig auf Entsatz warteten, ist dieses Zaudern erklärlich. War auch der eigentliche Zweck der Expedition nicht erreicht, so hatten doch die Truppen, die trotz des langen Marsches durch fremde und von einem überstarken, sie stets beunruhigenden Feinde besetzte Gegenden in guter Ordnung wieder in Tientsin einrückten, Erhebliches und Anerkennenswertes geleistet, und für die Geschichte des deutschen Heeres und der deutschen Marine bilden die Junitag des Jahres 1900 für immer ruhm- und ehrenvolle Erinnerungen. Der Führe des deutschenDetachement, Kapitän von Usedom, wurde mit Orden reich geschmückt und von dem Kaiser zu seinem Flügeladjutant ernannt.

Quelle: China Land und Leute, Illustrirte Geschichte des Reiches der Mitte, Dr. Emil Wilhelmy, Verlag Herlet, 1905 von rado by jadu 2002.




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