
Der japanisch-chinesische Krieg
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Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde die Rolle, die das Reich der Mitte auf dem Welttheater zu spielen hatte, immer sonderbarer. Auf der einen Seite wurde es von den verschiedenen in Handelsfragen besonders interessierten Staaten auf das lebhafteste umschmeichelt, da diese sich Hoffnung machten, auf solche Weise ihren selbstsüchtigen Interessen a, besten zu dienen. Das ließ sich dann auch der selbstbewußte und in hohem Maße von Eigendünkel erfüllte Chinese gern gefallen. Aber auf der anderen Seite wurde es immer klarer, daß alle Staaten, die für den Verkehr mit China in Betracht kamen, gar und gerne einige Zipfelchen seines Gebietes zu erlangen wünschten, um für weitere Unternehmungen festen Fuß fassen zu können. Vor allem war es Frankreich, das durch seine großzügige Politik im Stile Ludwigs XIV. dem Chinamann so zu schaffen machte, daß es diesem begann, schwül zu werden. Es hatte schon 1861 Saigon erobert und dadurch verraten, daß es gesonnen sei, sich ein großes hinterindisches Reich zu schaffen. Nachdem Frankreich das Protektorat über Cambodja erlangt hatte, beanspruchte es auch Annam, das unter chinesischer Oberlehnshoheit stand. Diplomatische Unterhandlungen blieben fruchtlos, und so ging Frankreich energisch vor und bemächtigte sich des Flußdeltas in Tonkin unter Zurücktreibung der dort hausenden chinesischen Truppen. Anam erkannte die französische Hoheit an, und die Chinesen fühlten sich nicht stark genug, um dem Vordringen entgegenzutreten. 1884 wurde zwischen Li-hung-Tschang und dem französischen Gesandten Fournier in Tientsin ein Vertrag abgeschlossen, demzufolge Tonkin an Frankreich abgetreten und die Zurückziehung der Truppen versprochen wurde. Aber ein Zwischenfall, der verräterische Angriff auf eine marschierende französische Abteilung, führte zu neuen Kämpfen. Die Franzosen zerstörten das von ihnen selbst erbaute Arsenal von Futschou und drangen in Formosa ein. Zahlreiche kleinere Gefechte fanden im Osten und Westen der Nordgrenze Tonkins statt, die zum Teil zu Gunsten der Chinesen ausfielen, und als bei Langson die Franzosen im März 1885 geschlagen wurden und neue Heere aus Xünnan angriffsweise vordrangen, erschien das Endergebnis durchaus zweifelhaft. Da kam England, in Erinnerung an die alte Waffengemeinschaft, zur Hilfe, und am 9. Juni wurde ein Frieden vereinbart, in dem die Oberhoheit von Annam und die Einverleibung von Tonkin den Franzosen definitiv zugestanden wurde, während Formosa geräumt werden mußte. Im Anschlusse daran dehnte Frankreich schließlich seinen Einfluß bis zum Mekong aus und erzwang im Jahre 1896 auch noch die Überlassung des früher von Birma an China abgetretene Schanstaates Kianghung. Noch begehrlicher zeigte sich Rußland, das ganz im Stillen arbeitete und unbemerkt, aber auch ungestört, seine Machtsphäre unaufhaltsam erweiterte. So hatte es sich in dem aufständigen Iligebiet mit der Hauptstadt Kuldscha im fernen Nordwesten festgesetzt, aber versprochen, seine Truppen nach der Dämpfung des Aufstandes wieder zurückzuziehen. Als 1877 die Ruhe wieder hergestellt war, erinnerte China an dieses Versprechen, und Rußland erklärte sich auch zur Rückgabe bereit, verlangte aber Entschädigung seiner Auslagen und Garantien für zukünftige Ruhe. Zum Ausgleich schloß der chinesische Gesandte in Petersburg im September 1879 einen Vertrag ab, in dem gegen 5 Millionen Rubel ein Teil des Gebietes an Rußland abgetreten werden sollte. Allein die chinesische Regierung erkannte den Vertrag nicht an und verurteilte den sofort zurückgerufenen Gesandten zum Tode, begnadigte ihn allerdings. Rußland rüstete, China gleichfalls. Da wurde im letzten Augenblicke im Jahre 1881 ein Ausgleich dahin getroffen, daß Rußland das strittige Gebiet wieder herausgab und ihm dafür von China einen Erweiterung seines Handels zugestanden wurde. Wenn so die europäische Politik sich im Ganzen versuchend, tastend und abwartend verhielt und sich vor einem Kriege mit dem Reich der Mitte doch scheute, erschien in Japan ein durchgreifender, rücksichtsloser Gegner, der die Entwicklung der chinesischen Verhältnisse sehr schnell einen großen Schritt vorwärts brachte. Japan hatte sich nach längeren inneren Kämpfen und der Niederwerfung des auf Kosten der Regierung des Mikado übermütig auftretenden Lehnsadels aus eigener Kraft heraus reformiert und war in die Reihe der Mächte getreten, mit denen auch Europa und Amerika zu rechnen hatten. Von seinen Inseln aus strebte es auch einen Stützpunkt auf dem Festlande zu gewinnen, und der ihm davon am nächsten und bequemsten liegende Teil war die Halbinsel Korea. Japanische Heere hatten deren Südspitze bereits einmal im 16. Jahrhundert besetzt, waren aber gezwungen worden, diese Eroberungen wieder aufzugeben. Trotz aller die darauf folgenden Jahrhunderte durchziehende Versuche, das sich spröde verschließende Land, in dem ein König zwar selbständig, aber doch unter chinesischer Oberhoheit regierte, dem japanischen Einflusse zu unterwerfen, mußte Japan im Jahre 1876 in einem Handels- und Schiffahrtsvertrage die Unabhängigkeit von Korea anerkennen. Es stellte aber damit auch das Hoheitsrecht von China über Korea in Frage, und dies veranlaßte China, Korea aufzumuntern, Verträge mit den Westmächten abzuschließen, durch die es dem japanischen Einflusse entzogen wurde. Chinesische Diplomatenschläue brachte es so zu Wege, daß die Stimmung der Koreaner für Japan recht ungünstig wurde, und als Anfangs der achtziger Jahre Unruhen in der Hauptstadt Söul ausbrachen, richteten sich diese hauptsächlich gegen die Japaner. 1894 erbat Korea gegen die rebellischen Tonghaks chinesische Hilfe, und Li-Hung-Tschang schickte unter gleichzeitiger Benachrichtigung Japans seine besten Truppen nach Korea. Dies bedeutete für Japan den Kriegsfall, und es zeigte, daß es entschlossen war, sich die Vorherrschaft in Korea zu wahren und zugleich des russische und französische Vordringen in Ostasien abzuweisen. Am 8. Juni waren die 500 Chinesen bei Alsan gelandet, und diese Truppe unter General Ye wurde bis Ende des Monats auf etwa 3000 Mann erhöht, während bereits 8000 Japaner in Söul und Chemulpo unter General Oshima, als Befehlshaber des ersten Armeekorps, vereinigt waren. China förderte seine kriegerischen Rüstungen nur langsam. Der Vormarsch erfolgte teils über Land mit 7000 Mann auf Pjöngjang, teils auf dem Wasserwege mit 11 000 Mann. Bei der Durchführung dieser Transporte wurde der englische Dampfer Kowsching mit 1200 Chinesen an Bord von japanischen Kreuzern angegriffen und am 25. Juli in den Grund gebohrt, da der englische Kapitän durch die chinesischen Truppen an der Übergabe gehindert wurde. Nur wenige Menschen retteten sich schwimmend ans Ufer, unter ihnen der in chinesischen Diensten stehende preußische Leutnant D. von Hannecke. Kurz darauf wurde auch eine chinesische Korvette gekapert, während ein zweites chinesisches Fahrzeug entkam. Die chinesische Flotte war an Schlachtschiffen der japanischen zwar überlegen, aber letztere besaß nach englischem Vorbilde eine größere Zahl schneller und vorzüglich armierter kleinerer Fahrzeuge. Ein Angriff der chinesischen Küste erschien durch die fast unangreifbaren Kriegshäfen Weihaiwei und Port Arthur sehr gewagt. Letzteres besaß auch Docks und Marinearsenale, während die japanischen Kriegsschiffe zur Ausbesserung das Meer durchkreuzen mußten. So fühlten sich die Chinesen sicher und nutzten ihre starke Überlegenheit zur See nicht zu einem energischen Offensivstoße aus. Auf dem Lande gingen die Japaner energisch vor. Am 23. Juli hatten sie sich des Königspalastes in Söul bemächtigt und eine neue Regierung aus ihren Anhängern eingesetzt. Wenige Tage darauf vertrieb der japanische General Oshima eine chinesische Abteilung bei Söngtwan in der Nähe von Asan, und General Ye konzentrierte, unter Umgehung von Söul, seine gesamten Truppen im Norden von Korea bei Pjöngjang. Am 1. August erfolgte die offizielle Kriegserklärung von beiden Seiten, und Japan ging, offenbar in Furcht vor einer Intervention der Westmächte, im schnellsten Tempo vor, während China sein altes Spiel der diplomatischen Verhandlungen wieder begann, um Zeit zu gewinnen. Ende August war die dritte japanische Division mit 14 000 Mann und 26 Geschützen in Korea versammelt und rückte dem fast gleich starken chinesischen Heere bei Pjöngjang entgegen. Am 15. September in der frühesten Morgenstunde wurde der Feind überrascht und von drei Seiten zugleich angegriffen. Bei der Verteidigung der Stadt, die schließlich von den Chinesen geräumt werden mußte, fiel der aus dem Taipingkriege vorteilhaft bekannte General Tsotsungtang. In überstürzten Rückzuge zog sich das chinesische Heer bis hinter die chinesische Grenze am Yatuflusse zurück, und der chinesische General Wei mußte seinen Mangel an Umsicht auf den Befehl des Kaisers mit dem Leben bezahlen; Japan war aber Herr von ganz Korea. Die Flotte hatte untätig zugesehen und ging erst nach dem Falle von Pjöngjang daran, Truppen zur Unterstützung der chinesischen Nordarmee an der Yalumündung auszuschiffen. Am 17. September wurden die aber dort von der 12 Schiffe starken japanischen Flotte unvermutet angegriffen, und nach siebenstündigem Kampfe waren fünf Schiffe der Chinesen vernichtet, während die übrigen nach Port Arthur flüchten mußten. Freilich hatte auch die japanische Flotte derart gelitten, daß sie die Verfolgung nicht aufnehmen konnte, und ihre Verluste wären, wie es heißt, noch stärker gewesen, wenn nicht viele chinesische Granaten statt mit Pulver mit Zement gefüllt gewesen wären. Inzwischen hatte Japan weitere Truppen nach Korea geworfen, die am 25. Oktober den Yalufluß nach einem kurzen Gefechte überschritten. Ein zweites japanisches Armeekorps, das unter dem Marschall Oyama stand, nahm am 6. November Kinschan nach kurzem Kampfe und besetzte am 7. die Forts von Talienwan, wobei den Japanern 129 Feldgeschütze, darunter 80 Krupp'sche Kanonen, sowie eine Menge Munition, Pferde und Proviant in die Hände fielen. Im November fiel auch Port Arthur, wo die Beute der Japaner 42 Kruppgeschütze, 13 Schnellfeuergeschütze und 50 andere Geschütze betrug. Die Festung Port Arthur hatte, wenn sie von europäischen Soldaten verteidigt wurde, als uneinnehmbar gegolten und war so unrühmlich gefallen. Bei der Eroberung spielten sich bedauerliche Szenen der Grausamkeit und Plünderung ab, doch sei betont, daß die Japaner zu diesem ihrer sonstigen Gepflogenheiten widersprechenden Verfahren durch vorhergegangene törichte und unnütze Grausamkeiten der Chinesen gegen Japaner auf das schwerste gereizt worden waren. Zu dem ganzen Kampfe blickte das den Japanern durchaus nicht gewogene England recht scheel. Mußte es doch fürchten, seinen Absatzmarkt in China durchaus zu verlieren, desgleichen war ihm eine etwaige Vorherrschaft Japans in den asiatischen Gewässern nichts weniger als angenehm. Es machte daher einen Vermittelungsvorschlag, der aber in Tokio ebensowenig Gnade fand wie ein zweiter, von den Vereinigten Staaten gemachter. Die Letzteren erreichten aber wenigstens, daß sich die japanische Regierung dazu verstand, einen ausreichend bevollmächtigten Spezialgesandten zu empfangen. Als solcher begab sich Tschangyinghu mit zahlreicher Begleitung, unter ihnen als Berater der frühere amerikanische Staatssekretär Foster, nach Hiroschima, aber auch dieser wurde als Gesandter nicht anerkannt, da seine Vollmachten nicht genügend waren. Japan bestand unter Hinweis auf die zahlreichen Fälle chinesischer Vertragsdeutungen auf Erfüllung der strengsten Formalität. Bei der indessen andauernden Fortsetzung des Kampfes hatte die japanische Landarmee stark an der Kälte zu leiden und rückte nur langsam vorwärts. Nach vielfachen, stets siegreichen Gefechten waren die Chinesen auf die Linie von Mukden zurückgegangen, während die Japaner nach und nach das Zwischenland bis zur Mündung des Liauflusses besetzten. General Gung, dem an stelle des hingerichteten Generals Wei das Oberkommando übertragen worden war,versuchte zwar offensiv vorzugehen und leistete wiederholt tapferen Widerstand, aber schließlich siegten stets die Japaner. Am 4. März wurde Kiutschuang nach erbittertem Straßenkampfe genommen und bald darauf bei Tienschuangtai das chinesische Heer vollkommen geschlagen. Die Japaner lagerten bereits am jenseitigen Ufer des Liauflusses, als der Waffenstillstand vom 30. März ein weiteres Vordringen verhinderte. Inzwischen hatte die Flotte einen gut durchgeführten Angriff auf das durch starke und gut armierte Forts geschützte Weihaiwei in Angriff genommen. Ein Fort nach dem anderen fiel in die Hände der Japaner, die schließlich mit dem Verluste von nur 27 Toten in den Besitz der sämtlichen starke Werke und 55 schweren Geschützen und 5000 Mann Besatzung gelangten. Im Innenhafen von Weihaiwei war der Rest der der Vernichtung entgangenen chinesischen Flotte. Durch nächtliche Torpedoangriffe brachten die Japaner 4 Schiffe zum Sinken und fingen 13 einen Durchbruch versuchenden Schiffe bis auf 2 entkommene Torpedoboote ab. Als ein glücklicher Schuß einen weiteren Panzer zum Sinken brachte, und ein anderer das Pulvermagazin eines Inselforts in die Luft sprengte, war die Übergabe des Hafens nicht mehr aufzuhalten. Der chinesische Admiral Sing hatte Selbstmord begangen, und seine Leiche wurde von den ritterlichen Japanern in Anerkennung seiner persönlichen Tapferkeit unter militärischen Ehrenbezeugungen nach der Heimat befördert. Jetzt dachte man in Peking an Frieden und betraute Li-Hung-Tschang, der nach den ersten Mißerfolgen des Krieges in Ungnade gefallen war, mit diesbezüglichen Unterhandlungen. Die Bedingungen aber, die Japan in Schimonoseki stellte, waren so hart, daß der greise Staatsmann unverrichteter Sache wieder nach der Heimat zurückkehrte. Bei dieser Gelegenheit feuerte ein 26jähriger Fanatiker seinen Revolver gegen Li-Hung-Tschang und verletzte ihn nicht unerheblich am linken Auge. In Japan selbst brach ein Sturm der Entrüstung gegen dieses Attentat aus. Der Kaiser von Japan ließ persönlich sein Mitleid über den Vorfall zum Ausdruck bringen und gewährte, am 30 März, aus Rücksicht auf den bedauernswerten Vorfall, den ursprünglich abgelehnten, bedingungslosen Waffenstillstand auf 21 Tage. Betreffs der Friedensbedingungen einigte man sich schließlich auf folgende Punkte: Die Unabhängigkeit Koreas wird von chinesischer Seite anerkannt; Formosa, die Peskadoresinseln und der südliche Teil der Provinz Schenking werden an Japan abgetreten; eine Kriegsentschädigung von 200 Millionen Taels wird bezahlt und Weihaiwei bis zur Bezahlung besetzt gehalten; ein neuer Handels- und Schiffahrtsvertrag nach dem Vorbild der meist begünstigten Nation soll abgeschlossen werden; einige weitere Handelsstationen werden eröffnet sowie japanische Dampfschiffe auf dem oberen Yangtsekiang, auf dem Wusungfluß und dem Kanal nach Sutschou und Hangschou zugelassen und das Recht, Industrie in China zu betreiben, eingeräumt. Am 17 April wurde der Vertrag in Schimonoseki unterzeichnet, und die Ratifizierung des Vertrages sollte am 8. Mai stattfinden; es wurde aber später eine Verlängerung dieser Frist zugestanden. In Peking verübelte ,man es dem Unterhändler Li-Hung-Tschang sehr, daß er auf diese harten Bedingungen eingegangen war, und der Kaiser, an dessen Hof nunmehr, da Li-Hunf-Tschangs unter dem Aufwande von Millionen durchgeführte Reformen gescheitert waren, die reaktionäre Partei wieder Oberwasser hatte, wurde von allen Seiten bestürmt, den Vertrag nicht anerkennen. Nach langem Kampfe der beiden Parteien entschloß sich aber der Kaiser zum Frieden. Nach Rückberufung der kaiserlichen Beamten aus Formosa wurde die feierliche Übergabe der Insel am 2. Juli 1895 durch Auswechslung der betreffenden Schriftstücke auf einem Schiff durchgeführt. Bald aber erhob sich ein Aufstand unter einem Hakkahäuptling. Am 24. Mai wurde die Republik unter dem bisherigen chinesischen Gouverneur als Präsident ausgerufen, und der Chef der rebellischen Schwarzflaggen wurde der Führer der Truppen. Sogar eine offizielle Bekanntmachung wurde an alle europäischen Mächte versandt. Am 3. Juni eroberten die Japaner Kilung, während die chinesischen Truppen die Läden und Häuser, da Arsenal und die Werkstätten der Regierung plünderten. Ein Teil der Beamten, Offiziere und Soldaten flüchtete auf fremde Schiffe und wurde von den Zurückbleibenden beschossen. Das Fort Hobe feuerte auf den deutschen Dampfer "Arthur", welcher Soldaten und Geld aufgenommen hatte, bis das deutsche Kanonenboot "Iltis" - jenes Schiff, das am 23. Juli 1896 in Teifun mit seiner heldenmütigen Besatzung an der Ostküste von Schantung strandete - mit drei wohlgezielten Schüssen die feindliche Batterie zum schweigen brachte und der "Republik" den Garaus machte. Es folgten zwar noch einige Kämpfe im Süden der Insel Formosa, allein Ende Oktober 1895 waren die Japaner die tatsächlichen Herren auf der Insel, ein Ziel, welches sie nach den Berichten von Anton de Morga und den chinesischen Steininschriften bei Amoy bereits vor 200 Jahren verfolgten. Die Kriegsentschädigung wurde in Gold bezahlt, nachdem sich China durch Anleihen die nötigen Mittel von den europäischen Mächten verschafft hatte. Am 21. Juli 1896 wurde auch ein Freundschafts- und Handelsvertrag und am 19. Oktober ein Zusatzprotokoll unterzeichnet. Die Mächte versäumten nicht, da doch schließlich der Frieden von Schimonoseki mit ihrer Hilfe und auf ihr Zureden zustande gekommen war, sich ihre guten Dienste von China bezahlen zu lassen. Vor allem hatte sich Rußland Landesabtretungen zu verschaffen gewußt; es erhielt in der Pachtung von Port Arthur und Talienwan eine starke Befestigung und einen eisfreien Hafen. England verlangte den gegenüberliegenden Hafen Weihaiwei sowie das der Insel Hongkong gegenüberliegende Insel- und Festlandsgebiet, da die kleine Felseninsel nicht mehr den wachsenden Interessen genügte. Deutschland erhielt neben Kronkonzessionen in Hankou und Tientsin die Pachtung von Kiautschou. Frankreich erlangte in Kwangtschauwan das Recht einer Flottenstation und die Einrichtung und Verwaltung des Arsenals von Futschau. Um einer weiteren Aufteilung von China vorzubeugen, forderte England die Verpflichtung Chinas, daß das Gebiet des Yangtsekiang an keine andere Macht abgetreten würde, und Frankreich sicherte sich das gleiche Recht auf der Insel Hainan und die Provinzen Kwangtung, Kwangsi und Yünnan. Außerdem wurde die chinesische Regierung zur Erteilung von verschiedenen Eisenbahn- und Bergwerkskonzessionen genötigt, hauptsächlich deshalb, weil China durch die bei dem Auslande gemachten Anleihen in starke wirtschaftliche Abhängigkeit geraten war. China am Vorabende des Sturmes Nach dem schmählichen Fiasko der Reformpartei, die diese im chinesisch-japanischen Kriege erlitten hatte, feierte am Pekinger Hofe das Alt-Chinesentum wieder Triumphe. Kaiser Kwangsü freilich, der in seiner Erziehung früher von seiner Tante, der Kasierin-Regentin Thuhsi und dem Prinzen Kang in fortschrittlichem Sinne beeinflußt worden war, neigte sich den Reformen zu, und er, dem jeder Maßstab zu Beurteilung des Notwendigen und Möglichen abging, fiel in die Hände eines voreiligen Reformfreundes, des Cantonesen Kangyuwei, der Phantast und Fanatiker, sich ebensowenig wie sein kaiserlicher Herr über das klar war, was die Verhältnisse erforderten. Beide suchten in Reformen auf dem Papier und im Erlaß zahlreicher sich überstürzender Edikte, denen jede tatsächliche Grundlage zur Ausführbarkeit fehlte, das Mittel, China wieder in den Sattel zu helfen, und es ist charakteristisch für den Mangel an Urteilsfähigkeit seitens des Ratgebers, daß dieser das Beispiel Peters des Großen und Japans seinem kaiserlichen Herrn zur Nachahmung empfahl, wo einerseits die eiserne Persönlichkeit des russischen Reformators und andererseits die festgefügte aristokratische Hierarchie fehlte, der gegenüber das japanische Volk seit Jahrhunderten an blinde Gefügigkeit gewöhnt war. Beide übersahen außerdem, daß weder Rußland noch Japan zur Zeit der Einführung der zur Nachahmung empfohlenen Reformen eine eigene Zivilisation besessen hatten, und daß fremde Ideen in diesen Ländern daher auf einen viel geringeren Widerstand stoßen mußten als in China, dessen Kultur, was man immer über die Versumpfung aller Zustände mit Recht denken mag, auf durchaus eigenen, mit den sozialen und staatlichen Beziehungen und Interessen eng verwachsenen, jahrtausende alten ethischen Grundlagen beruht. In einer Reihe von kaiserlichen Erlassen wurde ein ganzes Reformprogramm veröffentlicht, wonach das Prüfungswesen der Beamten abgeschafft, Universitäten und Schulen in europäischem Sinne gegründet werden sollten. Ferner sollten Beamte das Ausland bereisen, und es wurde die Aufstellung eines Budgets über die Einnahmen und Ausgaben des Staates verlangt. Nicht die geringste Forderung war schließlich die, daß der altehrwürdige Zopf fallen und europäische Kleidung an Stelle der alteinheimischen treten solle. Versuchsweise soll Kaiser Kwangsü bereits in seinem Palaste solche getragen haben. Allen diesen Plänen standen zwei Personen im Wege, Li-Hung-Tschang und die Kaiserin-Witwe Thuhsi. Der erstere hatte im Jahre 1896 die berühmte Reise nach Europa gemacht, die ihn auch nach Deutschland führte, wo er unserem Bismarck in Friedrichsruh einen ehrfurchtsvollen Besuch abstattete. Im übrigen ließ er sich in Deutschland feiern und beweihräuchern, enttäuschte aber alle von industrieller Seite auf seinen Besuch gesetzten Hoffnungen. Man erwartete, daß er recht belangreiche Staatsauftäge für die deutsche Industrie zurücklassen werde, doch gingen diese fast alle verloren und wurden dem Auslande, besonders England zugewendet. Kaiser Wilhelm II. hatte ihn übrigens von vornherein mit Mißtrauen betrachtet und ihm gegenüber auch durchaus kein Hehl daraus gemacht. Die Entlassung Li-Hung-Tschangs, dessen klares besonnenes Urteil in erster Linie zu befürchten war, bildete den ersten Hauptstreich, den die jungchinesischen Reformer durchzusetzen vermochten. Man benutzte als Vorwand die schon erwähnte und niemals widerlegte Behauptung des englischen Gesandten, Li habe sich von Rußland bestechen lassen. Darauf gedachte man, sich gegen die Kaiserin-Witwe zu wenden. Sie war die einzige kraftvolle und zielbewußte Persönlichkeit in dem Kampfe zwischen alt und neu, zwischen verrottetem Mandarinentum und unklaren verschwommenen Neu-Chinesen-Phantasteien. Man beschloß, da sie immer zu fürchten war, die Kaiserin-Witwe mit Gewalt nach Mukden in die Verbannung zu bringen. Der chinesische General Xulu sollte diesen Plan durchführen, aber derselbe kam ohne Truppen, allein, nach Peking und verriet alles der Kaiserin, welche nunmehr ihrerseits energisch eingriff. Der Kaiser wurde gefangen genommen und am 21. September 1898 zu einer Erklärung gezwungen, die zwar nicht einer formellen, wohl aber einer tatsächlichen Entsagung der Herrschaft gleich kam. Kangyuwei entfloh nach Japan, wo auch andere politische Flüchtlinge Schutz fanden, während sechs junge Literaten enthauptet wurden. Li-Hung-Tschang wurde wieder in seine Ämter eingesetzt. Tschangyinhuan, ein angesehenes Mitglied des Tsungli Yamen und außerordentlicher Gesandter bei dem Jubiläum der Königin Viktoria in England, wurde zum Tode verurteilt und dann zur Verbannung begnadigt. Die Kaiserin-Witwe hatte mit ihren energischen Maßnahmen keinen Augenblick zu früh eingegriffen, dann es unterliegt keinem Zweifel, daß für den 23. September ein kaiserliches Edikt vorbereitet war, durch das allen Beamten von der dritten Rangstufe aufwärts anbefohlen werden sollte, die Zöpfe abzuschneiden und europäische Tracht anzulegen. Damit aber und mit der Beteiligung des früheren japanischen Premierministers Ito, der wohl nicht nur zufälliger Weise gerade damals nach Peking gekommen war, wäre das Reformwerk zu einer Revolution geworden. Eine Reform Chinas kann nicht durch kaiserliche Dekrete bewirkt werden, sondern muß von innen heraus erfolgen allerdings unter kraftvoller, zielbewußter Leitung der Regierung. Dazu bedarf es freilich an der Spitze des Staates eines starken gewaltigen Charakters. Daß aber weder Kaiser Kwangsü noch ein anderer bis jetzt bekannt gewordener Chinese darauf Anspruch machen kann, ein solcher Charakter zu sein, ist unzweifelhaft. Das Volk steht allen Reformplänen gleichgültig gegenüber und würde einzelnen der vorgebrachten Ideen wie der Änderung der Kleidung und der Einführung des Christentums, sogar offenen Widerstand entgegensetzen; das Beamten- und Literatentum endlich, das unseren gebildeten Kreisen entspricht, ist jeder Abweichung von dem Altherkommenen feindlich. Den wenigen jungen Beamten aber, die die sogenannte Reformpartei darstellten, fehlte es an jeder gründlichen Bildung im westlichen Sinne sowie an der erforderlichen Erfahrung und, wenn man von einzelnen, die früher bereits mit Fremden in Berührung gekommen sind, auf die anderen schließen darf, auch an dem sittlichen Ernst und der Reinheit der Gesinnung, die allein solche Reformen zu einem guten Ende führen könnten. Quelle: China Land und Leute, Illustrierte Geschichte des Reiches der Mitte, Dr. Emil Wilhelmy, Verlag Herlet, 1905 von rado by jadu 2002. |
