Bilder vom Jangtsekiang
Teil II
|
Unser Bild zeigt uns
den Band (Uferpromenade) des Europäerviertels im Winter, also bei
niedrigem Wasserstand. Tagsüber herrscht hier der chinesische Kuli,
der die Waren an Bord der Handelsdampfer schafft. Abends Punkt 6 Uhr
wird durch die Polizei die Promenade gesäubert, indem alles Chinesenvolk
nach der Stadt getrieben wird, und der Europäer kommt dann zu seinem
Recht, unbelästigt nach des Tages Last und Hitze hier lustwandeln
zu können. Wenn man die regellosen Horden verlumpter Kulis während
der Geschäftszeit am Tage auf dem Quai und den Holztreppen der
Uferböschungen herumlungern sieht, kann man sich gar nicht denken,
wie musterhaft diese Gesellen organisiert sind. Auf den Wink eines ihrer
Anführer treten Hunderte von Kulis an, um in unglaublich kurzer
Zeit einen Warentransport von Land nach den Schiffen oder umgekehrt
von diesen nach den Speichern an Land auszuführen. Jeder, der seinen
Ballen abgeliefert hat, erhält sofort seinen aus wenigen cash bestehenden
Lohn und mit diesem wird gewöhnlich gleich ein Spielchen arrangiert.
So sieht man überall auf den Straßen Gruppen von Kulis hocken,
welche in der Ausübung dieser edlen Beschäftigung begriffen
sind. In welchem
Maße sich Hankau in kurzer Zeit entwickelt hat, ist daraus zu
ersehen daß Anfang der 90er Jahre dort nur 3 oder 4 deutsche Firmen
mit im Ganzen 8 Angestellten vorhanden waren; seit dieser Zeit ist neben
der internationalen Fremdenniederlassung ein deutsches Viertel entstanden
und die Zahl der deutschen Firmen ist auf 10, die der Angestellte auf
circa 90 Köpfe angewachsen. Gekennzeichnet wird auch das Anwachsen
der deutschen Interessen dadurch, daß früher die Vertretung
des Reichs durch einen Konsularagenten geschah, während jetzt ein
Berufskonsul zu diesem Zweck angestellt ist, dem ein im deutschen Viertel
gelegenes neuerbautes Konsulatsgebäude zur Verfügung steht.
Es wird wohl auch nicht mehr lange dauern, bis sich die deutsche Kolonie
durch Gründung eines eigenen Klubs ein Heim geschaffen hat, wie
dies schon in Shanghai und Tientsin seit längerer Zeit der Fall
ist. In kleinerem
Maßstabe wiederholt sich dieses Hafenbild in den wenigen wichtigen
Handelsplätzen, bei welchen die regelmäßigen Postdampfer
meist nur für kurze Zeit anlegen. Es sind mehrere solcher Dampferlinien
vorhanden, britische, chinesische, japanische und eine deutsche. Leztere,
eine Zweiglinie des Norddeutschen Lloyd, läßt ihre Dampfer
zweimal wöchentlich von Shanghai bis Hankau fahren. Die Dampfer
sind so eingerichtet, daß der europäische Passagier auf dem
oberen Deck wohnt und somit gänzlich von den Passagieren der unteren
Decks, die meistens sehr stark von Chinesen besetzt sind, abgeschlossen
ist. Wem die Gelegenheit geboten wird, auf einem der Dampfer eine Flußfahrt
zu machen, kann ein kurzer Aufenthalt in der alten Residenzstadt Nanking
sehr empfohlen werden. Eine Stadt mit ähnlich klingendem Namen,
nämlich das zwischen Wahu und Kinkiang gelegene Ngankin, ist seit
einigen Jahren ebenfalls in die Reihe der Freihandelshäfen aufgenommen
worden. Eine europäische Niederlassung hat sich hier noch nicht
etabliert, dagegen besteht hier schon seit Jahren eine französische
Mission und aus diesem Grunde wird die ziemlich bedeutende Stadt, die
sich durch eine dicht am Ufer gelegene sehr schön erhaltene Pagode
auszeichnet, häufig von französischen Kriegsschiffen besucht. Die in historischer
Beziehung bedeutendste am Jangtsekiang gelegene Stadt ist, wie schon
erwähnt, Nanking, das zuerst unter der Sung Dynastie (961-1280)
zur Residenz der Herrscher Chinas erhoben wurde. Dies ein kurzer historischer Überblick über die Sturm -und Drangperioden, welche die Stadt im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat. Die frühere Bedeutung der Stadt geht aus dem Umfang der 30 km langen Umfassungsmauer hervor. Schon von weitem sieht man die mächtigen, altersgeschwärzten Mauern mit dem imposanten, an der Flußseite gelegenen Stadttor aus der Ebene hervorragen, während die entfernten Höhenzüge einen außerordentlich wirksamen Hintergrund zu diesem Gemälde bilden. Heute ist nur noch ein kleiner Teil, vielleicht ein Zehntel des ganzen durch Mauern eingeschlossenen Areals von Häusern besetzt. Die Einwohnerzahl beträgt jetzt knapp 150 000 Köpfe, gegen 800 000 früheren Zeiten. Der nicht von der Stadt eingenommene Raum ist zum großen Teil urbar gemacht und man sieht hier nur noch verstreut liegende Bauerngehöfte. Für den Europäer wird es fat unglaublich klingen, wenn er hört, daß innerhalb der Mauern einer Stadt Fasanenjagden abgehalten werden. Es ist aber so, und diese seltene Jagdgelegenheit wird von den Offizieren der auf dem Strom liegenden Stationäre fleißig ausgenutzt. Die meisten Tore der Mauer sind zugeschüttet, wahrscheinlich noch von der letzten Belagerungen her. Vom Nordtor nach dem Südtor geht eine Landstraße quer durch die stadt oder vielmehr durch den Raum, wo dieser früher gestanden hat. Durch das Südtor gelangt man in die Tartarenstadt, die für sich durch eine besondere Umfassungsmauer eingeschlossen und sozusagen an die eigentliche Stadt angeklebt ist. Besonders die Tartarenstadt, noch heute der Sitz eines Tartarengenerals, bietet ein wüstes Bild der Zerstörung. Dasselbe Bild setzt sich fort, wenn man aus dieser ins Freie tritt und die Stätte der Minggräber zu Gesicht bekommt. Auch hier Zerstörung und Zerfall. Große Pietät für die denkmäler vergangener Zeiten kann man also keineswegs dem Bewohner des Reichs der Mitte zusprechen. Durch die sogenannten Tierbilderstaße gelangt man zu den Minggrabdenkmäler . Das eigentliche Grab liegt abseits davon und besteht aus einem künstlichen Hügel, in welchem sich die Grabkammer befindet. Davor ist ein länglich viereckiger, durch eine Mauer abgeteilter Raum mit Tempelbauten. Die ganze Anlage würde einen durchaus würdigen Eindruck machen können, wenn hier nicht eben alles in einem völlig verwahrlosten Zustande wäre.
Wie auf der Abbildung der Tierbildstraße zu erkennen ist, tragen die im Vordergrunde stehenden Elefanten auf ihrem breiten Rücken eine Menge kleine Steine. Diese rühren von einem alten chinesischen Aberglauben her; man sagt nämlich, daß demjenigen, dem es gelingt, mit der Hand einen Stein hinauswerfen, die Zukunft Gutes bringen soll. Natürlich unterläßt es kein europäischer Besucher, ebenfalls dieses Orakel zu befragen, wodurch die Steinsammlung immer wieder ergänzt wird. Als Provinzialhaupstadt und Sitz des Vizekönigs der Provinz Ngan-whei hat heutzutage Nanking immerhin noch eine Bedeutung. Es gibt hier ein Arsenal, in welchem Geschützrohre gegossen und Handfeuerwaffen angefertigt werden, ferner ist eine Militär -und eine Marineschule vorhanden, aus denen Unteroffiziere und Offiziere hervorgehen. Erstere wird von einem deutschen, letztere von einem englischen Instrukteur geleitet. Wegen der politischen Bedeutung der Stadt ist seit einigen Jahren hier auch ein deutsches Berufskonsulat gegründet und zur Zeit wird das deutsche Konsulatsgebäude, dessen Bau vor einigen Jahren in Angriff genommen wurde, wohl fertig sein. Außer den Instrukteuren, Konsulats -und Zollbeamten und Missionaren sind zur Zeit keine Europäer in Nanking ansässig. Von strategischer Wichtigkeit ist die 150 km von der Mündung gelegene Stadt Kiang-yin, da hier starke, den Fluß beherrschende moderne Befestigungen angelegt sind. Hier hält sich auch meist das chinesische Nordgeschwader auf, der Rest der chinesischen Flotte, der noch von dem Krieg zwischen China und Japan übrig geblieben ist. Ein Stamm europäisch ausgebildeter Truppen, unter dem viel genannten General Ma, war bis vor einigen Jahren hier in Lagern untergebracht. Im Sommer 1902 wurde jedoch ein großer Teil dieser Truppen auf dem Kaiserkanal nach dem Norden geschafft und bildete später den Kern der chinesischen Grenzarmee unter General Ma zum Schutz der chinesischen Neutralität während des russisch-japanischen Krieges. Aus der Benutzung des Kaiserkanals, dessen Mündung durch die Festungswerke von Kiang-yiu gedeckt wird, zum Truppentransport dürfte auch der strategische Wert des Kanals hervorgehen. Ich komme nun zu einem sehr wichtigen Kapitel, dem Schutz des europäischen Handels. Es ist bekannt, daß es dem chinesischen Volk, bei welchem sich durch die Jahrhunderte lange zwangsweise Abgeschlossenheit ein förmlicher Haß gegen alle von Westen kommende Kultur herausgebildet hatte, außerordentlich schwer wurde, dieser die Tore wieder zu öffnen, und daß der Europäer nicht ohne blutige Kämpfe auf chinesischem Gebiet festen Fuß fassen konnte, selbst nachdem die chinesische Regierung hierzu durch Verträge und Freigabe von Handelsplätzen offiziell ihre Genehmigung erteilt hatte. Es war daher bei der Ohnmacht der Regierung, den fremden Kaufmann zu schützen, notwendig, diesem einen militärischen Schutz durch Entsendung von Kriegsschiffen nach dem chinesischen Küstengebiet und später auch nach dem Flußgebiet des Jangtsekiang zu geben. Am diesem Polizeidienst beteiligten sich bis in die Neuzeit hinein sämtliche Nationen, welche nennenswerte Interessen in Ostasien haben, und nur dieser Einrichtung ist es zu danken, daß die Kultur des Westens in China so schnell Fortschritte machen konnte, daß heute viele Hunderte von Missionen europäischen und amerikanischen Geldes in Ostasien jährlich im Umsatz sind. Deutschland allein hatte im Jahre 1889 einen Umsatz von 80 Millionen in China, wovon 29 auf den Import, 50,7 auf den Export fielen; 1904 stellten sich diese Zahlen auf 40 bezw. 66 Millionen Mark. Aus obigen Zahlen läßt sich ein Schluß auf das fremde Kapital ziehen, welches im fernen Osten arbeitet, aber auch darauf, daß der Aufwand für den Schutz des Kapitals durch Entsendung von Kriegsschiffen sich reichlich gelohnt hat. Noch bis in die 90er Jahre war leider die Beteiligung Deutschlands an dem Schutz des Handels in Ostasien eine sehr mäßige und stand in keinem Verhältnis zu der Stellung, welche der deutsche Handel im Wettbewerb mit den anderen Nationen einnahm. Das wurde auch damals von den deutschen Kaufleuten als sehr beschämendempfunden, ja es kam sogar so weit, daß die anderen Nationen, speziell die Engländer, ihre Glossen darüber machten. So konnte man z.B. anfangs der 90er Jahre in einer in Shanghai erscheinenden englischen Zeitung einen Artikel unter der Überschrift "The German fleet in the old dock" lesen, der die Herabsetzung des deutschen Ansehens als Ziel hatte, indem darauf hingewiesen wurde, daß die ganze zur Zeit in Ostasien anwesende deutsche Kriegsmacht, bestehend aus zwei kleinen Kanonenbooten, dem "Wolf" und "Iltis", zusammen in einem Dock Raum fand, welches gerade groß genug zur Aufnahme eines mittleren Handelsdampfers ist. Seitdem haben sich allerdings die Zeiten geändert und es macht sich das auch äußerlich deutlich erkennbar an dem freieren Auftreten des Deutschen, der sich unter den früheren Verhältnissen gedrückt und von fremden Schutz abhängig fühlte, und an der Hebung des deutschen Ansehens und des deutschen Handels. Der Kriegsschiffdienst auf dem Jangtsekiang wird deutscherseits seit einer Reihe von Jahren durch einen oder zwei Kleine Kreuzer, ebensoviele Kanonenboote der "Iltis" -Klasse und zwei Flußkanonenboote ausgeübt. Ein Kreuzer hat für gewöhnlich seine Station in Shanghai, ein Kanonenboot oder Kreuzer bewacht den unteren Lauf des Flusses mit Nanking als Hauptstation, ein Kanonenboot der "Iltis" -Klasse den mittleren Flußlauf mit Hankau als Stationsort. Den beiden Flußkanonenbooten fällt außerdem der Revierdienst von Hankau bis Itschang, sowie auf dem Tojang -und Tuntingsee zu. Außerdem wird Shanghai und der untere Lauf des Flusses bis Nanking auch periodisch, wenn die Wasserverhältnisse es gestatten, von den Größeren Schiffen des Kreuzergeschwaders besucht. Interessant ist der Dienst der Flußkanonenboote, indem diese Gelegenheit haben, Gegenden aufzusuchen, welche sonst selten oder gar nicht von Europäern betreten werden, und besonders interessant ist für die jungen Herren, welche als Kommandanten der Kanonenboote fungieren, der häugige Verkehr mit den chinesischen Civil -und Militär -Mandarinen, wofür die genaue Kenntnis des chinesischen Besucherzeremoniells erforderlich ist. Seitens der chinesischen Regierung hat in Zeiten der Gefahr der in China ansässige fremde Kaufmann keinerlei Schutz zu gewärtigen. Zwar wird auch ein Polizeidienst aud dem Jangtsekiang und den anderen Wasserläufen des Binnenlandes sowie an den Küsten durch wenige chinesische Zollkreuzer und eine große Zahl von Dschunken ausgeübt, dieser erstreckt sich aber fast nur auf die Zollkontrolle. Im Allgemeinen hat sich die Bevölkerung des Jangtsekiangtales heutzutage an den Fremdenverkehr gewöhnt und es sind seit Anfang der 90er Jahre keine Ausschreitungen des Pöbels gegen Europäer vorgekommen, die die Anwendung von Waffengewalt notwendig gemacht hätten. Die letzten Unruhen waren Ende der 80er Jahre. Damals wurde vor Chinkiang die Besatzungen der dort liegenden Kanonenboote zum Schutz der Fremden requiriert und es wurde als besonders anerkennenswert bemerkt, daß die deutschen Landungstruppen zuerst auf dem Platze erschienen. Es lag das daran, daß zu jener Zeit bei uns noch keine Gamaschen für die Landungsmannschaften eingeführt waren; die Engländer hatten sie schon und mußten sie natürlich erst anlegen, als das Notsignal an Land gemacht wurde, um der Vorschrift zu genügen. Jetzt haben wir auch Gamaschen und es daher fraglich, ob es uns im Wiederholungsfalle gelingen würde, die Ersten bei gemeinschaftlichen Landungen zu sein. Wenn aber auch ein gemeinschaftliches Einschreiten im Gebiet des Jagtsekiang in letzter Zeit nicht nötig gewesen ist, so wäre doch ein Nachlassen in der Wachsamkeit noch nicht angebracht, so lange im chinesischen Reiche nicht geordnete Verhältnisse hergestellt sind. Daß eine Reform des Staatswesens durchaus notwendig ist, wird von den meisten Chinesen eingesehen und es sind ja auch schon Schritte dafür getan durch Entsendung von Kommissionen, welche die Staatseinrichtung der Westmächte studieren sollen. Es ist bloß sehr fraglich, ob sich der Läuterungsprozeß ohne Gewaltmaßregeln vollziehen wird, und das möchte man in Anbetracht der großen Ausdehnung des reiches und der verschiedenartige Elemente desselben doch stark bezweifeln. So durchgreifende Systemänderungen, wie sie für Herstellung geordneter Verhältnisse im Innern Chinas notwendig wären, haben sich auch, wie die Geschichte lehrt, in anderen Staaten nicht glatt vollzogen und noch viel weniger ist das in China anzunehmen, wo sich das Volk schon seit geraumer Zeit gegen die unhaltbare Mandarinenwirtschaft auflehnt. Dazu kommt dann noch der durch die Bevormundung der chinesischen Regierung seitens der fremden Staaten genährte Fremdenhaß. Darüber müssen wir uns jedenfalls klar sein, daß, wenn es in China früher oder später zur Revolution kommen sollte, diese sich nicht auf einen kleinen Teil des Landes erstrecken, sondern über das ganze Reich ausdehnen wird, und daß dann die geringe Anzahl von Europäern dem gewaltigen Ansturm nicht wird standhalten können. Jedenfalls sind die jüngsten Ereignisse in Shanghai, die doch im Grunde genommen nichts weiter waren als eine Auflehnung des Chinesen gegen fremde Bevormundung, eine erste Mahnung für uns, wachsam zu sein und womöglich den Schutz unserer Landsleute im fernen Osten noch ausgiebiger zu organisieren. Das hier
zum Schluß Gesagte mag vielleicht etwas zu schwarzseherisch erscheinen,
man wird sich aber erinnern, daß auch die Bedeutung des Boxeraufstandes
seinerzeit von den Fremden im Anfang unterschätzt wurde. Der Boxeraufstand
hat uns jedenfalls gezeigt, daß es in China nicht an Elementen
fehlt, die imstande sind, das Volk für eine nationale Erhebung
zu fanatisieren, wofür es ja auch aus der früheren Geschichte
Chinas beispiele gibt. Quelle: P.H.F., Die Flotte, 9 Jahrgang Mai 1906, von rado jadu 2000 |