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Über die Berge südlich des Yangste bis Litschwang

Von A. Genschow.

Zwei Wege konnten wir von Itschang nach unserem nächsten Ziel Wanchien einschlagen. Die Wahl war schwer. Ein Weg führte am Yangtse weiter entlang und an den Stromschnellen vorbei. Oft sollte derselbe aber, wie der Konsul Beetz uns mitteilte, zu Lande aufhören und müßte dann mittels Dschunken stellenweise zurückgelegt werden. Die Beschaffenheit dieses Landweges soll infolge der Menge von Geröll recht viel zu wünschen übrig lassen. So daß Tiere kaum imstande sind, ihn zu passieren. Nur die kümmerlichen Schifferherbergen hätten uns Unterkunft gewähren können. Freilich hätten wir dann die wildromantische Gegend der Yangtseschluchten aus eigener Anschauung kennen gelernt. Diese Reiseroute hätte uns aber zweifellos sehr aufgehalten und schließlich sagten wir uns, daß wir bei der weiten Reise unmöglich alles genießen könnten, was China, das große, weite China, an Naturschönheiten bietet.

Wir verzichteten deshalb auf den Anblick der Felsenschluchten, der "Säule des Himmels" , der Treidelwege und der scharfen Flußbiegungen mit ihren wilden Strudeln und entschlossen uns für die Hauptstraße, welche von Itschang über die Gebirge südlich des Yangtse nach Wanchien führt.

Am 22. Oktober früh wollten wir den Weitermarsch antreten. Der Sänftenbesitzer erschien auch pünktlich mit den bestellten fünf Tragsänften, aber erst um 10 Uhr konnten wir wirklich aufbrechen. Das kam daher: Wir hatten zwar die Lasten, welche in die Sänften gepackt werden sollten, genau abgewogen, so daß keine mehr als 120 Pfund aufnehmen brauchte, der Herr Besitzer aber brachte eine sogenannte Kuliwaage mit, nach welcher nicht ein Pfund wirklich ein Pfund ist, sondern als weit weniger erscheint. Auf diese Weise werden die Traglasten kleiner und anstatt der 120 Pfund nur zu etwa 80 Pfund. Die Folge dieser Methode war, daß noch zwei Sänften fehlten und erst mit den nötigen Kulis herbeigeholt werden mußten.

Die Sänften bestehen aus einem viereckigen, langen Bambuskorb, der in zwei Bambusstangen hängt. Vorn und hinten geht je ein Kuli, der die Enden der Stangen auf seine Schulter legt. Unser Troß wurde dadurch größer, sieben Sänften wurden von 114 Kulis getragen, denen der Oberkuli, ledig jeder Last, zur Beaufsichtigung folgte.

Nachdem diese Angelegenheit geordnet war, ging es aber noch lange nicht los. Bald hatte der eine Kuli noch ein Paar Sandalen zu kaufen, bald jener zu Hause noch etwas zu besorgen, und sie ließen sich Zeit dazu.

Endlich hatte dann jeder seine Besorgungen gemacht, und wir setzten uns in Bewegung.

Nachdem wir einige Zeit lang durch die Straßen, welche hier in Itschang mit Quadersteinen belegt sind, nur langsam vorwärts gekommen waren, denn wir mußten vorsichtig reiten, weil die Wasserträger, welche ununterbrochen Wasser aus dem Strome holten, solches reichlich verschüttet und dadurch die Steinplatten schlüpfrig gemacht hatten, gelangten wir an die Fähre, auf der wir den Yangtse überschreiten mußten.

Ein ohrenbetäubendes Gebrüll empfing uns. Eine Schar von Kulis bemächtigte sich unseres Gepäcks. Sie luden es von den Tieren ab und brachten dieses und jenes in den verschiedensten Dschunken unter. Alle wollten sie uns dienstbar sein und helfen, um Geld zu verdienen. All unser Protestieren und rufen half nichts. Es war ein tolles Durcheinander. Selbst die beiden Soldaten, welche uns der Mandarin in Itschang als Pfadfinder nach Wanchien mitgegeben hatte, vermochte das Chaos nicht zu entwirren. Erst als die wohlgemeinten Hiebe der Polizisten dazwischensausten, klärte sich die Situation und es trat Ruhe ein.

Wir bestimmten die Dschunken, die wir benutzen wollten, und brachten Tiere und Gepäck in denselben unter. Dadurch gerieten die Kulis untereinander in Streit. Der Neid derjenigen, deren Hilfe wir nicht in Anspruch nahmen, erwachte. Sie zankten sich laut und ungebärdig mit ihren glücklicheren Genossen, es kam sogar zu Tätlichkeiten und es sah komisch aus, wie einer immer seines Gegners Zopf zu erhaschen suchte, und, wenn es ihn gelungen war ihn zu fassen, daran zauste, daß man meinen mußte, dem also Unterlegenen würde die Kopfhaut abgerissen.

Wir waren froh, als wir schließlich aus diesem Wirrwarr glücklich heraus waren und uns, nachdem wir uns mühevoll durch die vielen am Ufer liegenden Dschunken hindurch gearbeitet hatten, auf dem freien Strom befanden. Die Strömung war so reißend, daß alle Hände zu tun hatten, damit die Dschunken nicht von dem Landungspunkte des anderen Ufers abgetrieben wurden.

Als wir alle unsere Habe wieder beisammen und die Fährleute abgelohnt hatten, schlugen wir eine westliche Richtung ein und zogen im Tale des Flüßchens Shi choa langsam bergauf. Die Landschaft war entzückend. Zwei parallel laufende, etwa hundert Meter voneinander entfernte Gebirgsketten schlossen seitwärts das Tal ein. Zypressen, Weymouthkiefern und verschiedene Palmenarten, Baumfarne und Bambus, bunte Gräser und wilde Blumen gedeihen auf jeder Stelle, wo nicht der kahle Kalkstein der Berge frei zu Tage liegt. Das war ein anderes Bild als die langweilige Ebene in Tschili in Honan, die wir früher zu Rosse durchreist hatten. Fast alle 200 m war eine kleine Ansiedlung. Vor den Türen der Häuser hatten die regsamen Einwohner auf Matten die geerntete Baumwolle zum trocknen ausgebreitet, Webstühle waren hin und wieder schon in Tätigkeit, um die Ernte zu verwerten.

Am Spätnachmittage hielten wir auf einer kleinen Wiese Rast, um unsere Sänftenträger abzuwarten. Unser Zug war nämlich niemals geschlossen. Die Kulis haben eine eigene Manier, ihre Lasten vorwärts zu bringen. Wenn sie kaum eine Stunde marschiert sind, machen sie halt, nehmen eine kleine Erfrischung an Reis und Früchten, die unterwegs überall zum Kauf angeboten werden, zu sich und dann geht es weiter, bis nach einer weiteren stunde, eine neue Unterbrechung eintritt. Da sie mit ihren Tragkörben beinahe rennen, verzögert sich solch ein Marsch durchaus nicht, die Kolonne zieht sich bloß in die Länge. Bald hatten sie uns überholt, bald waren sie hinter uns geblieben. Es ist wunderbar was diese Leute leisten können. Freilich sind es alles kräftige Gestalten, Welchen nur gerade soviel auf dem Leibe haben, um ihre Blöße zu bedecken und sich notdürftig gegen die Witterung zu schützen. Strohsandalen verhindern, daß sie sich auf dem Steingeröll die Füße zerschneiden, eine blaue Kniehose und ein Kittel von ebensolcher Farbe ist ihre ganze Bekleidung. Wird es ihnen zu warm, dann entblößen sie auch den Oberkörper. Unter der kräftigen, nackten Wade sind die Knöchel von einer Binde, ähnlich wie zuweilen bei unsern Pferden, umgürtet. Ein großer, spitzer Strohhut, oben mit einer Messingspitze geschmückt, schützt gegen die Sonnenglut oder hält den Regen ab. Eine Tabakspfeife ist der einzige Gegenstand, den jeder bei sich führt. Schlafdecke ist für den Kuli eine unnötige Last, er erhält sie in jeder Herberge geliefert. Die Leute sind daran gewöhnt, die kennen es nicht anders und nehmen keinen Anstoß daran, eine Schlafdecke zu benutzen, die zuvor hundert andere gebraucht haben, ohne das einmal eine Reinigung für erforderlich erachtet worden wären.

Diese Kulis sind ehrliche Kerle. Es fällt ihnen nicht ein, die Bagage zu berauben, wenn sie bei ihrer Marschmethode auch einmal ohne Aufsicht sind. Im übrigen sorgt auch der Oberkuli für Ordnung und für die Sicherheit des ihm anvertrauten Gutes, und der Sänftenbesitzer ist außerdem haftbar und verantwortlich für seine Leute.

In einem kleinem Neste bezogen wir Nachtquartier. Gerade fürstlich waren die Gemächer in unserem Quartier gerade nicht. Die Papierfetzen hingen herunter wie Wäsche an einer Leine. Zwischen den Gepäckstücken hatte ich mir mein Lager zurecht gemacht und brauchte mich nicht über allzu große Bequemlichkeit zu beklagen.

Während der nächsten Tage kletterten wir munter und guter Dinge über die Gebirge dahin bis Chuen lung ting. Die Szenerie war überall herrlich und sogar gewaltig. Berge reihten sich an Berge, Höhenzüge wechselten mit tiefen Tälern, in denen muntere Gebirgsflüßchen dahinschossen. Führten sie zu dieser Jahreszeit auch nur wenig Wasser, so waren Brücken und Stege die wir fanden, uns stets willkommen. Die Wasserkraft wurde vielfach industriell verwertet. Aus Bambusfasern wurde hier Papier fabriziert; und anmutig waren diese Papiermühlen meist in den Schluchten belegen. Den Kuchenfluß überschritten wir auf einer erst neu erbauten, steinernen Brücke, welche im kühnen bogen das Wasser überspannte. Drei seitwärts auf der selben herausgerückte steinerne Tafeln belehrten uns über die Namen derer, welche in seltener Munifizenz die Gelder zu dem Bau gestiftet hatten. In den Fels gehauene Stufen führten bergauf und bergab, lange Treppen, deren künstliche Unterlage oft durch die Natur begünstigt gewesen ist. Lebensbäume, Bambus und Akazien beschatteten tiefe Treppenstraßen, die sich vielfach an der einen Seite an schroffe Felsen anlehnen, währen auf der anderer in einem Abgrunde wildromantische Steintrümmer in einem Flußbette sich auftürmen und das Wasser in Sprüngen und Strudeln dahinhüpfen läßt. Die befiederten Sänger konzentrierten in den Kronen der Bäume, unter den Waldblumen ihre bunten Kelche aus den üppigen Gräsern hervorlugen ließen.

Von den Bergeshöhen hatten wir oft wunderbar schöne Fernblicke. Panoramen einer Gebirgslandschaft zeigten sich unter staunenden Augen, wie sie die Alpen nicht schöner darbieten. Kahle Granitkuppen ragten aus den bewaldeten Höhenzügen heraus, im Tale sah man die abgeernteten Reisfelder unter Wasser stehen., damit der Boden schlammig wird und geeignet, neue Früchte zu tragen. Das verschiedene Grün der Bäume belebt das Bild. Wäre die Jahreszeit eine andere gewesen, dann würde das Auge noch mehr Freude gehabt haben an dem hellen grün der Maisfelder und Tabakplantagen. Dies Pflanzen und Bohnen werden in den engen Schluchten kultiviert. Sie bilden die Nahrung von Menschen und Tieren. Kuchen wird aus den Früchten des Mais gebacken oder ein nahrhafter Brei gekocht. Aus den Tabaksblättern drehen sich die Eingeborenen ihre Zigarren selbst, Männer und Frauen, welche wir oft, ihr Pfeifchen rauchend, am Wege sitzen sahen. Auch echte Kastanien gibt es hier in Menge.

Die Gebirgspfade, welche wir benuzten, waren außerordentlich belebt. Kulis schleppten Lasten bis zu 1½ Zentner und kletterten rüstig bergauf, bergab. Sie trugen ihre Bürde meist an einer Stange hängend, welche sie über die Schulter gelegt hatten. Den ganzen Weh zwischen Itschang und Wan chien pflegten sie in 18 bis 20 Tagen zurückzulegen. Sie stehen früh auf und legen sich erst spät nieder. Merkwürdig was dies Leute leisten können. Sie haben ein schweres Brot, sind aber immer fröhlich, wenn sie auch zuweilen keuchend unter ihrer Last. Die fast ausschließlich aus Öl, Opium und Medizinkräutern usw. besteht, die steilen Berge hinaufsteigen.

Infolge des lebhaften Verkehrs waren der Herbergen und Wege viele. Sie machten mit ihren Lehmdächern und Schilfdächern stets einen recht ärmlichen Eindruck., wie auch alle Häuser in den Gebirgsortschaften, die wir berührten. Die Bauart dieser Herbergen war eigentümlich und ganz anders als die in der Ebene. Die Straße führte mitten hindurch. Auf jeder Seite steht ein Haus, beide sind durch ein Stroh- oder Schilfdach miteinander verbunden., unter welchem man hindurchpassieren muß. In der Mitte dieser Überdachung befindet sich ein Loch, durch welches das Tageslicht eindringen und der Rauch von den Feueranlagen abziehen kann. Diese Herbergen sind immer gewaltig in Anspruch genommen und überfüllt. Das lernten wir in unseren Nachtquartieren, die wir in ihnen nahmen, zur Genüge kenne. Für unsere Tier war meist kein unterkommen vorhanden; wir mußten sie vor der Tür anbinden.

In diesen Herbergen konnte man etwas erleben. In Pu Se Li, einem kleinem Dörfchen, in welchem wir die Nacht blieben, wimmelte es von Kulis, die wie die Pökelheringe auf der Erde oder auf dem Kang lagen, soweit letzterer ausreichte. Sie rauchten Opium und der entsetzliche Geruch drang bis in unsere Zimmer. Ein Verbot unsererseits wirkte ebensowenig wie die rasche Tat unseres Mafu, der ihnen die Lämpchen ausblies. Dabei schwatzte das Volk während der ganzen Nacht, so daß ich wirklich kaum ein Auge schließen konnte.

In Lang ping hatten unsere vorauseilenden Träger für uns eine Herberge ausgewählt. Dieselbe spottete aber jeder Beschreibung, so daß wir den Versicherungen der Leute, es gäbe keine bessere am Orte, keinen Glauben schenkend, uns auf die Suche nach einer wenigstens etwas sauberen und besseren machten. Wir fanden auch, was wir suchten, und strengten unsere Kauwerkzeuge an, um einige Hühnergroßmütter, welche wir unterwegs erstanden hatten, zu verzehren, als vor der Tür ein furchtbarer Lärm entstand. Mit den Revolvern in der Tasche sahen wir nach, was es gäbe, und fanden unsere Leute mit dem Wirte der Herberge, in die sie uns hatten nötigen wollen, im heftigen Wortgefecht. Die Leutchen waren dort, ihrer Gewohnheit gemäß, sogleich nach ihrer Ankunft über den feilgebotenen Reis hergefallen, und wollten nun nicht zahlen. Das ging uns nichts an; denn die Kulis mußten sich vertragsgemäß selbst beköstigen; wir verbaten uns deshalb den Skandal sehr energisch und drohten zu schießen. Diese Mahnung stellte auch die Ruhe wieder her, und wir konnten zu unseren Hühnern zurückkehren.

Unser Wirt erzählte uns viel von den Diebereien in dieser Gegend und riet uns, unbedingt unsere Pferde während der Nacht bewachen zu lassen. Wir beauftragten den Mafu mit diesem Geschäfte, der in seiner Angst um eine Waffe bat. Der Doktor rüstete ihn mit einem alten amerikanischen Revolver, den er in Hankau geschenkt bekommen hatte, aus, doch zogen wir es vor, ihn nicht zu laden, damit der brave Li fu zei in seiner Furcht, nicht etwa einen harmlosen Wandersmann ins Jenseits befördern könnte. Wir zeigten dem Burschen den Mechanismus und beruhigt zog er mit seiner Mordwaffe auf Posten, fest überzeugt, nun völlig sicher zu sein. Die Sache amüsierte uns sehr.

Wenn der Herbergswirt von Diebereien sprach, so hatte er recht. Aber nicht unsere Tiere waren begehrt, sondern mehrere Gegenstände aus unserem Gepäck; und nicht fremde waren es, die auf Raub ausgingen, sondern die holde Weiblichkeit des Hauses selbst fand an einem Teller, einem Messer und, reinlichkeitsliebend, wie sie sein wollte, auch an der Seife und dem Handtuche meines Fritz großen gefallen. --Unsere beiden Soldaten brachten uns wieder wenig Nutzen. Sie bummelten den ganzen Tag über meist allein dahin und ließen keine Herberge unbesucht. Dort saßen sie und rauchten ihre Opiumpfeife. Wenn sie ihren Rausch ausgeschlafen hatten, erschienen sie auf der Bildfläche und liefen uns nach, um bei der nächsten Herberge wieder Station zu machen. Waffen hatten sie nicht bei sich; nur die Opiumpfeife mit dem Lämpchen und eine Wasserpfeife waren die Gegenstände, mit denen sie sich trugen.

Die Träger, die einen ungeheueren Appetit entwickelten und trotz der großen Anstrengung dick und rund aussahen, brachen gewöhnlich schon sehr früh auf. Sie frühstückten daher nie in der Herberge, in welcher wir nächtigten, sondern in einer andere, die sie am Wege trafen. Die Herbergsväter sind eine faule Gesellschaft, sie schlafen sehr gerne lang und überlassen ihre Geschäfte sich selbst. Jeden Morgen hatten wir mit ihnen einen Betteltanz, damit wir unser Teewasser erhielten. Die Kulis beeilten sich dann, unsere Sachen einzupacken und hatten stets schon einen guten Vorsprung, wenn wir erst in den Sattel stiegen.

Unsere Pferdchen erwiesen sich sehr geschickt, in dem erklettern der Steinstufen, nur dem Maultiere mit der Geldlast von 150 Pfund wurde es schwer, seine Pflicht zu tun. Die guten Tage die es in Hankau verlebt, die faule Zeit auf dem Yangtsedampfer mochten es ihm wohl besser erscheinen, als die jetzige Reise. Trotzdem wagte es nicht, einen der von ihm beliebten Ausflüge zu unternehmen. Das Wetter war bisher herrlich gewesen, manchmal meinte es die Herbstsonne sogar zu gut, so daß uns beim Bergsteigen recht warm wurde.

In der Nacht zum 26. Oktober änderte sich die Sache. Es fing an zu regnen und, als es Tag wurde und wir von Lang ping aufbrachen, regnete es noch immer und hörte auch am ganzen Tag nicht wieder auf. Unser steiniger Gebirgspfad litt darunter gewaltig. Der Marsch wurde schon auf dem nassen Steingeröll eines Gebirgsbaches, dessen Laufe wir folgen mußten, sehr erschwert, aber es sollte noch besser kommen, als wir eine Höhe von 1650 Fuß und nachher noch eine von sogar 2950 Fuß überklettern mußten. Hinauf auf die Berge ging es noch leidlich, wenn auch die nassen Stufen steil waren. Sie führten uns sogar stellenweise in Serpentinen bergan, während zumeist die Wege in gerader Richtung bergauf und bergab gingen. Der Chinese scheint in dieser Beziehung gerade Wege zu lieben, während er sonst gewöhnlich viele Umschweife macht. Gefährlich war aber der Abstieg von den Bergen. Auf den von Regen glattgewordenen Steinstufen rutschten die Tiere fortgesetzt aus, so da wir absteigen mußten, um nicht kopfüber in die Tiefe zu stürzen. Die Maultiere mußten wir führen, denn sie hatten sich schon wiederholt auf die Hinterhand gesetzt und eine Rutschpartie gemacht.

Sogar im Regen machte die Szenerie einen gewaltigen Eindruck, wenn auch ein Fernblick über die Berggipfel und Höhenzüge nicht möglich war. Es gab in der Nähe genug zu bewundern. Vor allem wird mir das zerklüftete Tal des Ce du choa unvergeßlich bleiben, in dessen tiefer sohle dieses Flüßchen dahinrauschte Schroffe Felswände wechselten mit mit sanften Abhängen ab, die dicht bewaldet waren. Das Laubdach der Bäume hatte zuerst den Regen nicht merklich hindurchgelassen, als es aber stärker zu regnen anfing, schützte es uns nicht mehr, im Gegenteile, das Wasser, welches sich auf den Blättern gesammelt hatte, ergoß sich nun ebenfalls erbarmungslos auf uns hernieder, und pudelnaß rückten wir in ein wenig größeres Dorf, Chuen lung ting, ein.

Dasselbe ist sonderbar angelegt. Wie die Straße sonst nur durch die Herbergen hindurchführte, so ging hier durch alle Gehöfteüber die Höfe. Fällt es einem Besitzer ein, die Tore zu schließen, so ist der Verkehr einfach unterbrochen. Um das Dorf herum führt kein Weg. Man ist also der Großmut der Leute preisgegeben.

Hier in dieser Gegen werden die kleinen Ponies gezüchtet, wie wir sie jetzt auch als Reittiere benutzen. Ganze Herden werden von den Händlern aufgekauft und nach Itschang auf den Markt gebracht. Die gewandten Tiere sind also Kinder der Berge, kein Wunder, daß sie so brauchbar für unsere Reise sind.

Die Tafel mit unserer Proklamation tat in Chuen lung ting in ganz besonderer Weise ihre Schuldigkeit. Sie veranlaßte die Dorfbewohner, den heftigen Regen außer acht zu lassen und sich an uns heranzudrängen, um alles Mögliche uns zum Kaufe anzubieten: Hühner, Früchte, Erdnüsse, Zuckerstangen und andere Leckerbissen. Wir hatten unsere Pferde in Ermangelung eines Stalles im Tempel des Ortes untergebracht, wo sie und die dickbestaubten Götzen sich gegenseitig voll Verwunderung anglotzten. Einzelne der schmutzigen alten Herren waren wohl schon etwas gebrechlich geworden oder sie ärgerten sich über den Besuch, den sie erhielten, sie waren von ihren hohen Sitzen heruntergefallen und lagen auf der Erde. Kein Mensch kümmerte sich um sie.

Wir selbst hatten natürlich auch, sobald es möglich war, in der Herberge ein schützendes Dach gesucht. Die guten Ortsinsassen waren sehr zutraulich und folgten uns in unser Zimmer nach, als ob dies so sein müßte. Dasselbe konnte die Leute kaum fassen. Das war natürlich etwas unbequem für uns, wir mochten sie aber nicht vor den Kopf stoßen. Als sie aber trotz unserer wiederholten Belehrung, daß es sich nicht schicke, ins Zimmer zu spucken, diesen Sport eifrig fortsetzten, komplimentierten wir sie schließlich doch hinaus. Ihre Neugierde aber war doch zu groß. Sie stießen mit den Fingern durch die papiernen Fensterscheiben Löcher und äugten hindurch. Auch unser Bombardement mit harten Gegenständen gegen die Fenstergitter hatte nur vorübergehenden Erfolg. Sie konnten freilich auch etwas erblicken, das ihnen wunderbar erscheinen mußte. Wir wechselten nämlich die Kleidung und zogen uns frische Wäsche an. Letzteres war den guten Leutchen natürlich etwas ganz Unerhörtes. So etwas hatten sie in ihrem Leben noch nicht gesehen. Ein Mensch, der ein Hemd trägt! Welches Wundertier!

Der 27. Oktober brach recht trostlos an. Es regnete noch immer, was nur vom Himmel herunter konnte, und unsere Kulis streikten infolge dessen einfach. Kein Zureden nützte, und so mußten wir bleiben.

Der Ruhetag war schließlich ganz vorteilhaft, denn all unsere Sachen waren noch völlig durchnäßt. Es war auch kalt geworden. Unser Thermometer zeigte - ½° C. Einige Schneeflocken wirbelten zwischen den Regentropfen umher.

Fritz benutzte die Zeit, um uns Brot zu backen; denn unser Vorrat aus Itchang war verzehrt. Er brachte ein Gebäck zustande, welches den Verhältnissen entsprechend vorzüglich genannt werden konnte.

Da unsere Käschrollen auf die Neige gingen, war mir ein im Dorfe vorhandener Bankier recht willkommen. Da ich Muße genug hatte, war mir diesmal das übliche langwierige Feilschen und Mäkeln des Geldmannes ein Zeitvertreib. Das Geschäft wurde auch glücklich erledigt.

Am Nachmittage erschien eine Figur auf der Bildfläche, die uns in Erstaunen setzte. Ich glaubt zuerst an Halluzinationen zu leiden. Es besuchte uns ein Chinese, welcher über seiner Landestracht einen europäischen Wintermantel trug und mit einem modernen Hut sein Haupt geschützt hatte. Hier in dieser Gegend war der Mensch in diesem Aufzuge ein seltsamer und unerwarteter Anblick. Die Sache klärte sich auf. Der junge Mann war der Sohn eines Mandarin. Gleich uns befand er sich hier auf der Durchreise und kam mit seiner besseren Hälfte aus Shanghai, wo er sich mehrere Jahre hindurch aufgehalten und während dieser Zeit die europäische Kleidung liebgewonnen hatte. Die Vereinigung dieser mit seiner Nationaltracht erschien nur, besonders in diesem Gebirgsdorfe, seltsam. Unsere Unterhaltung war nicht sehr rege, er konnte nur "yes" und "no" sagen und brachte, da er uns nicht verstand, auch diese Weisheit meist an der verkehrten Stelle an.

Wie mochten nur seine Landsleute hier über seine Modeliebhabereien urteilen? Die Chinesen hassen die europäische Kleidung, sie behaupten, wir wären zu arm, um mehr Stoff zu einem Anzuge kaufen zu können und müßten uns mit so knapp sitzenden Anzügen begnügen.

Die Kleidung der Chinesen ist ja bekannt. Der vornehme reiche Mann, der Beamte stolziert nur in Seide oder Atlas einher. Das Oberkleid ist weit, lang und unpraktisch, da es ein schnelles fortkommen stört. Eine schnelle Gangart gilt als unschicklich; wer Eile hat, bedient sich einer Sänfte, eines Wagens oder er reitet. Im Winter ist das Gewand mit Pelzfutter versehen. Das Volk trägt Baumwollkleidung. Sie ist billig und wird im Hause selbst hergestellt. Bei der Arbeit auf dem Felde oder sonst werden nur Jacke und Hose getragen. Die Unterbekleidung ist weiß, für die Oberbekleidung ist Blau die bevorzugte Farbe.

Die Frauenkleidung ist prachtvoll. Reiche Stickereien bedecken das seidene Gewand an der Brust, auf dem Rücken, an den weiten Ärmeln. Das obere Kleid ist eigentlich dem des Mannes gleich, nur kürzer, es bedeckt gerade das Knie. Weite Hosen, ebenfalls reich bestickt, reichen bis zu den Fußknöcheln herab. Ein kurzer Unterrock wird über den Hosen getragen. Der mit bunten oder metallenen Zieraten überladene Schuh verbirgt fast den winzigen Fuß. Besonderes Gewicht legen die chinesischen Frauen auf den Haarschmuck. Blumen, Edelsteine, Gold, Silber, Perlen, Korallen, Nadeln aus Elfenbein, Schildpatt, Ebenholz mit fein gearbeiteten Knöpfen sehen überall aus dem zu einem Knoten hoch aufgesteckten Zopfe heraus. Tiermotive finden sich in jedem Schmuck. Ohrringe und Armbänder von Silber trägt die ärmste Kulifrau. Vornehme Damen schminken sich nicht nur die Lippen und das Gesicht, in welchem sie oft die Pockennarben dadurch fortzaubern., sondern auch die Handflächen und die Fingernägel. Diese recht lang und zur Schonung in einem silbernen Etui zu tragen, gilt bei Männern für besonders vornehm, sie wollen damit zeigen, daß sie keine grobe Arbeit zu verrichten brauchen.

Die Frauen gehen barhaupt einher. Der Fächer, welcher nie fehlen darf, schützt den Kopf. Selbst im Winter tragen sie selten eine Art Kapuze, gewöhnlich nur eine perlenverzierte Stirnbinde. Kahlköpfigkeit ist bei Frauen sehr verachtet. Wer von Ihnen daran leidet, bemalt sich den Kopf mit schwarzer Tusche. Die Mädchen tragen das Haar glatt aus dem Gesichte nach hinten gestrichen. Nach der Hochzeit erst tragen sie die eigentliche Frauenfrisur, zu der die vorgeschriebene hohe Stirn durch fortgesetztes, natürlich sehr schmerzhaftes Ausreißen der Haare hergerichtet wird.

Es war noch dunkel, als wir am 28. Oktober früh aufbrachen. Welch ein Bild aber präsentierte sich draußen unter freiem Himmel! Die Pfützen im Schlamme der Dorfstraße waren mit einer Eisschicht versehen. Wohin das Auge blickte, alles war bereist. Die Landschaft, besonders die Bäume, sahen herrlich aus, nur war es verhältnismäßig kalt. Ein dünner unangenehmer Nebel drang uns bis tief auf die Haut. Eine Fernsicht gab es nicht. Als es endlich tag wurde, erst gegen Mittag, lachte uns schöner blauer Himmel an und die Sonne wärmte uns.

Wir hatten heute eine besondere Leistung vor uns; denn ein Gebirgspaß von 4125 Fuß Höhe mußte überschritten werden. Das war eine Kletterei! Die unvermeidlichen Steinstufen waren glatt wie eine Schlitterbahn. Infolge dessen ging es " nur immer langsam voran" mit allen Sicherheitsmaßregeln, die wir anwenden konnten.

Im Dorfe Sue go ba ruhten wir von den Strapazen des Tages aus. Die Herberge war nicht die schlechteste, doch fehlte der Landesübliche Schmutz nicht. Ich zog es vor, den Kang, der nicht sehr vertrauenserweckend aussah, nicht als Lagerstätte zu benutzen und richtete mir eine solche in der Küche auf einigen zusammengestellten Bänken her. Kaum hatte ich mich so behaglich es möglich war ausgestreckt, als die Wirtsleute erschienen und anfingen, etwas zu kochen, das einen penetranten Ölgeruch verbreitete. Mein Boy setzte ihnen auseinander, das ich schlafen wollte, sie sollten ihre Kocherei bis auf den nächsten Tag verschieben. Sie bejahten alles, ließen sich aber nicht stören. Plötzlich überreichten sie mir eine Wärmflasche. Ich war erstaunt und wußte nicht, was dieses bedeuten sollte, bis mir klar wurde, daß sie meinen Boy mißverstanden hatten.

Ich machte von der Wärmflasche keinen Gebrauch, stellte aber Betrachtungen darüber an, wie alles in China doch sonderbar ist. Unsere Diener konnten die Sprache der hiesigen Bevölkerung sehr gut verstehen, während dieser erst nach öfteren Wiederholungen ein Verständnis dafür aufging, was jene von ihnen wollten.

Die folgenden Tage bis Wan chien brachten eine große Menge neuer Eindrücke. Kein Tag glich dem anderen. Überall gab es etwas zu sehen, zu lernen.

Am 29. Oktober morgens um 7 Uhr schwangen wir uns in den Sattel. Das Wetter war klar, aber kalt. Nur 4 Grad Wärme (Celsius) zeigte das Thermometer. Die Gebirge wurden immer gewaltiger, die Aussichten geradezu bezaubernd. Die höchsten Bergkuppen waren in Wolken gehüllt, schroffe Felswände glitzerten in der Sonne wie Orgelpfeifen, ein Gebirgsstock schob sich kulissenartig hinter den anderen. Wohin das Auge reichte, sahen wir Ziegenherden auf den Felsen umherklettern, sich Nahrung suchend.

Wo nur immer eine einigermaßen passende Stelle sich befand, wurde das Land zwischen den Steinwänden als Ackerland ausgenutzt, und der Wasserbüffel zog geduldig und gleichmäßigen Schrittes den Pflug. Der Hauptreichtum der Gegend schienen die schwarzen Schweine zu sein, welche in ungeheuerer Menge herumliefen oder einzeln an einem Halsbande zu Markte geführt wurden. Überall fanden wir Ölbäume, die vorzüglich gediehen. Aus der birnenartigen Frucht gewinnen mit Hilfe von Mühlen die Eingeborenen ein Öl, mit welchem Papier und Zeugstoffe getränkt werden, um sie gegen Wasser unempfindlich zu machen.

In einer wilden Schlucht stürzte der Ye fanchoa über Felsentrümmer. Das Wasser brodelte und schäumte, sein Rauschen drang bis auf die Höhe herauf, auf der wir halt machten, um den großartigen Anblick zu genießen. Auf steilem Pfade gelangten wir dann an eine Steinbrücke hinab, welche vor 66 Jahren der Chinese Kang in einer Anwandlung von einem bei seinen Landsleuten sehr selten zu findenden Gemeinsinn hatte erbauen lassen. Eine an der Brücke befestigte Tafel verkündigte dieses und berichtete zugleich, daß früher eine Fähre den Verkehr vermittelt hatte. Der reißende Fluß hätte aber viele Unglücksfälle verursacht und häufige Opfer gefordert. Die Verdienste des Herrn Kang wären vom Kaiser durch seine Ernennung zum Mandarin anerkannt und belohnt worden. Nun wußten wir es. Unter der Brücke hing ein aus Eisen mit Gold- und Silberverzierungen geschmiedetes, etwa 2 m langes Schwert. Wahrscheinlich sollte der Brückengott, vielleicht der hochselige Herr Kang als solcher, seine Schöpfung verteidigen, wenn es einer unternehmen sollte, sie zu stören.

She ya tze mit einer leidlichen Herberge war unser Nachtquartier.

Es gab in dieser Gegend eine Unmenge von wilden Tauben. Drei verschiedene Arten habe ich gefunden. Unsere tägliche Fleischkost bestand stets aus Geflügel. Meist kauften wir ein paar Hühner, die aber immer sehr zäh waren. Der Taubenreichtum war uns deshalb sehr willkommen. Wir schossen fast täglich solche Tiere und brauchten darum nicht immer an einem harten Gockel uns die Zähne ausbeißen. Hin und wieder kamen wir auch auf einen Fasan zu Schuß. Das war dann eine Delikatesse. Gern hätte ich ein wildes Schwein erlegt, deren sich viele dort herumtreiben sollten, aber ich habe niemals solch wildes Borstenvieh zu Gesicht bekommen. Wir hörten nur von diesem Reichtum an Schwarzwild von chinesischen Waidmännern, welche wir einige Male unterwegs trafen.

Die Kerle sahen toll aus. Als ich zum erstenmal sie sah, da gewann ich den Eindruck, es müßten Räuber sein. Von diesem Gesindel hatte ich nun schon so vieles gehört, die ganze Bevölkerung zitterte vor ihnen, daß ich mich eigentlich freute, endlich einmal solche Schnapphähne zu erblicken. Aber fehlgeschossen! Keine Räuber waren es, sondern friedliche Jäger, die aber bis an die Zähne bewaffnet waren. Und wie waren sie bewaffnet ! Sie schienen in eine Waffensammlung eingebrochen zu sein, um sich die ältesten Mordinstrumente herauszusuchen, die sie finden konnten. Dies abenteuerlichen Gesellen waren aber sehr freundliche Leute. Sie begrüßten uns und plauderten mit uns in ganz unbefangener Weise, als ob wir täglich mit ihnen zusammengetroffen wären. Vor wenigen Tagen erst hätten sie zwei Schweine erlegt, seitdem hätten sie aber kein Jagdglück gehabt. Nachdem wir uns gegenseitig unsere Waffen gezeigt und sie gebührend bewundert hatten, zogen die Leutchen dann mit frohem Waidmannsheil weiter.

Der erste Teil unseres Marsches am 30. Oktober war recht beschwerlich. Immerfort ging es auf schroffen Gebirgspfaden bergauf und bergab. Nebel umhüllte die Landschaft und gestattete keinen Fernblick. Erst gegen Mittag siegte das Tagesgestirn und beleuchtete die Häuser am Wege mit seinen goldenen Strahlen. Die Gegend erschien etwas weniger ärmlich. An den Wänden der Häuser prangten auf weißem, leuchtendem Kalkanstrich Freskogemälde Dieselben stellten Landschaften und Tiere in wunderlichen Gestalten dar und gaben dem Anwesen immer einen freundlichen Anstrich. Aus Ton gefertigte, bunt glasierte Fisch- und Ungeheuerköpfe zierten außerdem die Häuser. Wo die Plastik aufhörte, fing die Malerei an, sie war so geschickt ausgeführt, daß man kaum merkte, wo die Grenze zwischen beiden Künsten war. Das ganze Tier schien aus Ton hergestellt zu sein.

Wir waren begierig, diese Wohnstätten auch von innen zu sehen und hielten in einer solchen Rast. Aber diese Enttäuschung! Der Schmutz in den Zimmern war ärger, als ich ihn bisher gefunden hatte. Alles Hausgerät lag dabei in buntem Wirrwarr durcheinander, es herrschte eine Unordnung, die sich ein Maler zum Vorbilde für sein Atelier hätte nehmen können. Inmitten dieses Durcheinanders stand eine vierbeinige Pritsche, welche mit einer Strohmatte bedeckt war. Einladend sah aber diese absolut nicht aus, ich hätte mich um keinen Preis der Welt auf diese niedergelegt. Schmutz und der Zahn der Zeit hatten ihr jeglichen Glanz geraubt, mit Schaudern dachte ich an diese Asyl für kleine Lebewesen, welches sie vorstellte. Diese Matte scheint erst erneuert zu werden, wenn wirklich kein Halm mehr am anderen haftet. Auf diesem einladenden Sofa hockte mit übergeschlagenen Beinen die Dame des Hauses. Sie hatte gerade emsig zu tun und brachte ein Kunststück fertig, welches nur in China möglich ist. Sie flickte nämlich alte Kleider, die tatsächlich nur aus kleinen, zusammengenähten Lappen bestanden und erzählte uns treuherzig, sie hätte diese Kleidungsstücke, die Wintergarderobe der Familie, soeben aus dem Pfandhause geholt, wo sie stets auf Sommerurlaub wären. Jetzt müßte die Sommergardrobe an der selben Stelle ihren Winterschlaf halten. Der Pfandhausbesitzer möchte ich nicht sein!

In einer Ecke des Kangs hatte es sich die Hauskatze auf einer Schlafdecke bequem gemacht. Man hätte das Tier kaum bemerkt, wenn es nicht sein Dasein durch häufiges, recht energisches Kratzen mit der Hinterpfote am Halse und am Kopfe verraten hätte. Auf diesem Lager ruhte die Familie dicht zusammengepfercht des Nachts und fror dabei nicht. Einer wärmte ja den anderen und die dick wattierte Kleidung tat das übrige.

Es war ein Glück, daß die Fenster recht zerrissenen Papierscheiben aufwiesen. So war doch für Ventilation gesorgt und diese war ach! so nötig.

Wir kochten uns in dieser anheimelnden Niederlassung natürlich selbst unseren Tee und hatten dann auch unseren Wissensdurst gestillt, um noch länger zu verweilen.

Große Bambuswälder begrenzten auf beiden Seiten unseren Weg. Schwärme wilder Tauben belebten das Bild, das sich uns bot.

Auf hohen Bäumen bemerkten wir große Klumpen. Es waren Bienenkörbe, welche dort in den äußersten Spitzen angebracht und mit einer Lehmschicht umhüllt waren. Überhaupt wurde dort ausgedehnte Bienenzucht getrieben. Überall über den Haustüren oder den Fenstern befanden sich längliche Kästen, welche vorn ein kleines Flugloch hatten und den Bienenvölkern als Wohnsitz dienten. Am Abend quartierten wir uns in einem etwas größerem Dorfe ein. Es war Lohntag für andere Kulis. Sonst hatten wir ihnen das Geld schon Morgens gegeben, aber damit böse Erfahrungen gemacht. Sie hatten nichts eiligeres zu tun gehabt, als einen Teil ihres Verdienstes sofort wieder an den Mann zu bringen und sich dafür in einen Zustand zu versetzen, der uns zu einem unfreiwilligen Aufenthalt von einigen Stunden zwang. Das hatten wir uns gemerkt und, um nicht öfter durch die Laster dieser Leute aufgehalten zu werden, lohnten wir sie jetzt immer des Abends nach vollbrachtem Tagewerke. Nun mochten sie die Nacht dazu verwenden, ihr Opium zu rauchen und ihren Rausch auszuschlafen.

Die Käsch, die sie sparten, zogen sie auf eine Leine und banden sich diese wie einen Turnergürtel um den Leib.

Die Kulis mußten den Geldabend gut gefeiert haben; denn als wir am Morgen des 31. Oktober erst spät ungeweckt munter wurden, herrschte im Lager noch tiefe Ruhe. Die Kerle schlummerten noch sanft. Sie hatten diese Mal besonderes Glück gehabt. Unser Herbergswirt verstand es, ein eigenartiges, stark berauschendes Getränk aus Mais herzustellen. Diesem hatten sie gehörig zugesprochen.

Nachdem wir dann mit der Vollkraft unserer Lungen Leben in die Bude gebracht hatten, brachen wir nach unserem üblichen Morgenimbiß auf. Unser Weg führte uns heute auf einem dicht bewaldeten Gebirgskamme entlang. Nur hin und wieder öffnete sich rechts oder links ein Fernblick auf eine ganze Reihe parallel laufender Gebirgszüge, aus denen einzelne Bergspitzen hoch emporragten.

In einem kleinen Dörfchen fiel uns ein freundliches Kirchlein auf, dessen Kreuz in der Sonne, die uns auf unserem Marsche nur wenig erfreut hatte, leuchtete. Seit einem Jahre wurde hier für etwa 300 bis 400 chinesische Christen von einem Missionar, der jeden dritten Sonntag von Wan hsien herüberkam, Gottesdienst gehalten.

Vollends ins Tal hinabgestiegen, sperrte der etwa 50 m breite Nan li du choa unseren Weg. Eine Frau stellte sich mit einer Dschunke uns zur Verfügung und treidelte uns auf das andere Ufer des sehr seichten Flusses. Da diese Dschunke nur klein war, mußte die Fahrt öfter vorgenommen werden, und es verging eine Stunde, bis wir alle glücklich wieder beisammen waren. Der dickköpfige Geldmulus wollte wieder einmal etwas besonderes haben. Keine Macht konnte ihn dazu bringen, das Fahrzeug zu besteigen. So mußte er denn durch das Wasser waten und ein Stück schwimmen, und dies schien ihm außerordentlich zu behagen.

Der Telegraphendraht wies uns weiter den Weg, wie er es schon von Itschang aus getan hatte. Der Draht war hier aber nirgends wie bei uns an eigens dazu aufgestellten Stangen befestigt, sondern an den Bäumen des Weges. Die Chinesen mochten wohl befürchten, die Geister in der Luft könnten sich an den spitzigen Pfählen verletzen und grausame Rache an denen nehmen, welche solche Marterpfähle errichtet hatten.

Der Aufstieg von dem Nan li du choa auf die Berge war so steil, daß wir absitzen und im Gänsemarsche die Höhen ersteigen mußten.

Es hatte sich stark bewölkt und ein kräftiger Regen ließ auch nicht lange auf sich warten. So ging der Oktober mit einer großen Himmelsflut zur Neige.

Auch am 1. November hatten wir noch mit dieser Abschiedsstücke sehr zu kämpfen. Wir mußten wieder lange Wege, welche nur aus Steinstufen bestanden, auf- und abklettern und sehr vorsichtig sein, daß keiner abrutschte. Die Tiere setzten sich geschickt sofort auf die Hinterhand und bewahrten sich auf diese Weise selbst vor Unfällen.

Unterwegs begegnete uns ein Pferdehändler, der seine lebendige Ware nach Itchang bringen wollte. Da der Weg nur schmal und der Pferde viele waren, dauerte es recht lange, bis wir einander vorbeigekommen waren. Die Pferde waren außerordentlich billig. Der Pony, den Fritz ritt, war sehr schwach und hinfällig; wir hatten ihn in Itchang nur gekauft, weil wir kein kräftigeres Tier auftreiben konnten. Jetzt war hier die Gelegenheit günstig, und bald war ein Tausch zustande gekommen. Ich zahlte nur 1000 Käsch zu und hatte nun einen ganz kräftigen Pony erhalten, der genauso groß war wie sein Vorgänger, und dessen Sattel er ohne Abänderung tragen konnte.

In den Dörfern, welche wir darauf berührten, schien es heute hoch her zu gehen. Überall ertönte die laute, schrille Spektakelmusik, welche die Chinesen ebenso erfreut, wie sie unsere Ohren verletzt. Wir forschten dieser freudigen Erscheinung nach und erfuhren, daß heute eine Hochzeit gefeiert würde. Ein Hochzeit!

An diesem feierlichen Tage pflegte bei uns der Braut von allen Seiten besondere Ehre erwiesen zu werden. Aber wie anders ist dies in China! Die arme Braut ist das bejammernswerteste Geschöpf, welches es nur geben kann.

Nicht Herzensneigung und Seelenharmonie, nicht die freie Wahl des Bräutigams stiftet hier die Ehe, sondern der Wille der Eltern des Bräutigams allein. Genügend bekannt sind ja die Verhältnisse, unter denen die chinesische Frau ihr Leben zubringen muß. Ein Vermittler, in China eine gewichtige Persönlichkeit, der aber auch nach unsern Begriffen meist in die Kategorie der Gauner gehört, stiftet im Auftrage der Eltern des Bräutigams ein Verlöbnis, eine Ehe. Diese Präliminarien dauern oft monatelang, weil der Vater des Bräutigams, wie auch der der Braut sich den Anschein geben, als ob ihnen gar nichts an der Ehe ihrer Kinder gelegen wäre. Weder Blutsverwandte noch Leute, die denselben Namen führen, dürfen einander heiraten, auch sind bestimmte Stände nur an eine Ehe untereinander gebunden. Die Hauptvorzüge einer Braut sind ein kräftiger, arbeitsfähiger Körper, angesehene Familie, manchmal Reichtum und Schönheit. Eine Mitgift an barem Gelde gibt der Vater seiner Tochter fast niemals mit. Die Verlöbnisverträge werden auf rotem Papier niedergeschrieben, diese Dokumente sind oft so groß wie ein Tischtuch. Beim Austausch derselben werden Geschenke gewechselt, meist ein Ferkel und eine Gans. Ich glaubte erst, diese Tiere sollten die jungen Verlobten selbst versinnbildlichen, wurde aber eines andere belehrt. Die Gans ist ein Symbol der ehelichen Treue, das Ferkel mag vielleicht das der Reinheit sein; ich weiß es nicht, es konnte mir keiner sagen. Der Vater des Bräutigams schenkt auch der Braut zuweilen eine Geldsumme; es ist der Kaufpreis für das Mädchen.

Die Hochzeit findet erst statt, wenn der Wahrsager einen Tag als einen glückbringenden voraussagt. Das dauert oft recht lange, weil der Gaukler möglichst viel verdienen will. Ist dann endlich der glückliche tag erschienen, so finden am Vorabende sowohl im Hause des Bräutigams als auch in dem der Braut Gastmähler statt. Das Haus des Bräutigams wird festlich geschmückt, Musik erschallt, der Wein fließt in Strömen. Sonderbar wie alles ist da die Kalkulation des glücklichen Bräutigams bzw. seines Vaters. Er rechnet darauf, daß die Gäste in der üblichen Weise Geschenke bringen und berechnet den Wert derselben. Nun legt er aus eigenen Mitteln eine Summe dazu und richtet das Mahl dementsprechend her. Wenn er z.B. einen Gewinn von 100 Dollar voraussieht, so legt er selbst nur 50 Dollar an. Es wird dann über die Geschenke genau Buch geführt, damit man bei Gelegenheit sich genauso revanchieren kann.

Zur gleichen Zeit feiert die Braut im Hause ihrer Eltern ein Festmahl, zu welchem nur ihre Freundinnen geladen sind. Männer außer dem Vater der Braut dürfen nicht an diesem Feste teilnehmen. Die Braut klagt und jammert, daß sie ihr Elternhaus verlassen muß, und diese Zeremonie ist die einzige bei der ganzen Geschichte, die vielleicht den wahren Gefühlen entspricht; denn das arme Mädchen weiß, daß es nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen wird. Ihr Ansehen steigt erst im Alter. Ist sie die älteste Frau im Hause geworden, dann erst ist sie die Herrin und Gebieterin.

Am eigentlichen Hochzeitstage wird die Mitgift der Braut mit vielem Pomp nach dem Hause der Schwiegereltern gebracht. Es ist ein feierlicher Zug, der sich durch alle Hauptstraßen bewegt, damit jeder sehen kann, welche Kostbarkeiten die Ausstattung enthält.

Dann folgt der Hochzeitszug. Eine kunstvoll gearbeitete, reich mit Schnitzereien und Gold verzierte Sänfte, welche völlig mit rotem Tuche ausgeschlagen ist, holt die Braut ab. Sie ist in der Sänfte fest eingeschlossen und völlig unsichtbar. Rot gekleidete Männer gehen voraus, sie tragen rotlackierte Tafeln, in denen in Goldschrift die Namen der Ahnen des jungen Paares zu lesen sind. Laternen und Baldachine, unter denen Zuckerwerk und Gebackenes einhergetragen wird, vergrößern die Prozession, welche von eine Musikbande geleitet wird. Diesen Zug führt ein Zeremonienmeister ebenfalls erst in dem ganzen Orte umher. Nähert man sich dem Hause der Schwiegereltern, so rufen Gongschläge den Bräutigam heraus. Die Sänfte hält dicht vor der Tür; denn es würde ein Unglück bringen, wenn die Braut beim eintreten in das Haus die Schwelle berührt. Der Bräutigam klopft mit einem Fächer an die Sänfte. Das ist das Zeichen zum öffnen derselben. Brautjungfern eilen herbei und bewerkstelligen dies. Die Braut in ihren Prachtgewändern verläßt ihr ambulantes Gefängnis und fällt vor ihrem Bräutigam nieder, um ihn so als ihren Herren anzuerkennen. Erst jetzt schlägt sie den rotseidenen, langen Schleier zurück, und dies ist das erstemal, wo sich die Brautleute von Angesicht zu Angesicht sehen. Die Braut trägt ein grünseidenes Gewand, auf welches vor und hinten je ein Drachen in Gold gestickt ist, ein Drachen, der sich aus Wellen erhebt und von Fledermäusen, einem Hirsch, einem Kranich und einer Schildkröte umgeben ist. Jedes Tier ist ein Symbol für eine Tugend. Ein hellroter Seidenmantel, ebenfalls mit Drachenstickereien versehen, umhüllt die Gestalt, ein kleines schwarzes Mäntelchen ohne Ärmel liegt lose darüber. Den Kopf schmückt die Phönixhaube aus dünnem Draht, mit Blättern aus vergoldetem Blech, Blumen und Schmetterlingen drapiert.

Wer solchen Brautschmuck nicht zu kaufen in der Lage ist, kann ihn aus einem Geschäft entleihen.

Der Empfang der Braut ist die eigentliche Hochzeitsfeier. Das junge Paar opfert nun am Hausaltar den Ahnen. Jetzt beginnt für die Braut eine dreitägige Leidenszeit. Sie nimmt im Empfangszimmer Platz, und es eilt die ganze Sippschaft des Bräutigams herbei, um den neuen Familienzuwachs kennen zu lernen. Die lieben Basen und Muhmen kritisieren sie nun und befassen sie als wenn sie ein Pferd kaufen wollten. Zartgefühl kennt das chinesischen Volk nicht, jeder äußert ohne Rücksicht seine Meinung. Da ist nun einer Tante das Haar zu dunkel, der anderen zu hell, eine Base findet die Füße der Braut entsetzlich groß, einige andere pflichten ihr bei, von den goldenen Lilien sei gar keine Rede, jeder hat etwas auszusetzen, und alles muß das arme Mädchen geduldig über sich ergehen lassen. Auch die männliche Verwandtschaft darf sie besehen und benutzt diese Gelegenheit um so mehr, als es ihr später untersagt ist, die Frauengemächer zu betreten.

Die Hochzeitsgratulanten wünschen reichen Kindersegen, das ist die Hauptsache, dann ist auch das Glück von selbst vorhanden.

Nach drei Tagen dieser Ausstellung der Braut wird sie in die Brautkammer geführt und gilt nun als rechtmäßige Gattin. Nach dem Glauben der Chinesen können auch im Jenseits noch Ehen geschlossen werden. Frühverstorbene Kinder werden durch die Eltern in aller Form verheiratet. Papierbilder vertreten die Toten; diese Bilder werden nach beendigten Zeremonien verbrannt.

Mag nun der 1. November 1903 für da chinesische Brautpaar auch ein glücksbringender Tag gewesen sein, und ich wünsche diesem noch jetzt eine zahlreiche Nachkommenschaft, so war es für uns nichts weniger als glücklich. Wir gerieten nämlich in eine Herberge, in der man buchstäblich nicht wußte, wo man sich hinsetzen konnte, ohne im Schmutze kleben zu bleiben. Ein Raum übertraf den anderen in dieser Hinsicht und jeder grenzte unmittelbar Wand an Wand mit dem Schweinestall, in welchem sich das liebe Borstenvieh biß und jedes einzelne melodische Töne von sich gab. Das Parfüm gab es gratis.

Mißmutig verzehrten wir den üblichen und unvermeidlichen zähen Gockel und suchten uns dann eine Stelle aus, wo wir schlafen konnten. Ich hatte mir in den Herbergen zuvor mein Nachtlager öfter im Freien aufgeschlagen, doch hier war auch dazu kein geeigneter Ort zu finden, oder ich hätte vor der Tür schlafen müssen, wo wir unsere Pferde angebunden hatten. So legten wir uns denn zur Ruhe, aber "es kann der beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt". Die Schweine hatten sich gerade die Bretterwand, welche unser Palais von dem ihrigen trennte, dazu ausersehen, unter wohlgefälligem Gegrunze sich an ihr zu scheuern. Sie taten dies so emsig und anhaltend, daß zu befürchten war, das wackelige Ding würde nachgeben und einstürzen. Ich war darauf gefaßt, jeden Augenblick von einem Nachbar mit freundlichem Gegrunze persönlich begrüßt zu werden.

Doch auch diese Nacht ging vorüber, und beim Tagesgrauen verließen wir das gastliche Haus.

Im Tal des Chiau lung tang choa ritten wir zwischen bewaldeten Bergen westwärts. Kiefern, Birnbäume, Pommulos und üppig wuchernde Bambus schlossen den Weg und den ziemlich wasserarmen Fluß ein. Der Himmel war bewölkt und nur 8° C machten den Marsch recht angenehm. Bald war der TA lung tang choa, in welchem sich der Fluß, an dem wir entlang geritten waren, ergoß, glücklich, erreicht und es erfolgte das Übersetzen mittels einer Dschunke in der gewöhnlichen, zeitraubenden Weise. Zwei Maultiere waren es diesmal, welche beim Anblick des Schiffes rein wild wurden und schwimmen mußten. Ein Tier wollte auch nicht ins Wasser hinein. Da wir es aber nicht gut dort stehen lassen konnten, mußten wir Gewalt anwenden. Vom Boote aus wurde es mit einer Leine gezogen und von hinten her erhielt es anderweitige Aufmunterung. So ging die Sache. Das Tier schnaubte mit hocherhobener Nase wie ein Meerungetüm Da die Strömung sehr stark war, mußten wir die Leine festhalten, sonst wäre das Maultier uns noch im Wasser abhanden gekommen.

Endlich waren wir glücklich drüben. Die Schwimmtiere wurden mit Stroh trocken gerieben und neu beladen. Nun konnte es weiter gehen. Das waren so Freuden und Überraschungen, die bei jedem Flußübergang sich in dieser oder anderer Form wiederholten und uns Geduld lehrten.

Wir zogen auf einer Berghöhe dicht an dem Flusse, den wir soeben überschritten hatten, weiter und bedauerten die Bootsleute, welche alle ihre Kräfte anspannen mußten, um ihre Dschunken stromaufwärts zu bringen. Bald verschwand der Fluß, und wir waren vom Walde auf beiden Seiten eingeschlossen.

Plötzlich stockte die Karawane. Der Weg hatte aufgehört, und die Welt war, wenn auch nicht mit Brettern, so doch für uns mit Bäumen verrammelt. Unser Mafu, der die Tete hatte, war verschwunden. Während die Tiere das duftige Gras sich schmecken ließen, ritten der Doktor und ich zurück. Wir sahen bald, daß wir vom richtigen Wege abgekommen waren und fanden auf dem Pfade, in den wir hätten einlenken müssen, auch wohlbehalten den braven Li fu zei. Der Mensch war, es schien unglaublich, auf seinem Pferde eingeschlafen und hatte auf diese Weise nicht wahrgenommen, daß er einsam seine Straße zog.

Wir formierten den Zug und weiter ging´s. Da erst bemerkten wir, daß uns ein Tier fehlte. Alles Suchen war vergeblich, wir gaben es schon auf und waren zufrieden, daß es nicht unser Tresortier war. Da meldete es sich von selbst und machte uns durch ein hohnvolles Wiehern auf seine Existenz aufmerksam. Hoch oben auf dem Berge zu unseren Häuptern graste es ganz gemütlich, nachdem es seine eigenen Wege gegangen war. Es kostete Mühe, des Bummlers wieder habhaft zu werden und raubte uns viele kostbare Zeit. Doch der Ärger mit dem lieben Vieh sollte heute kein Ende nehmen. Ein anderes Maultier hatte Druckstellen bekommen und ging ohne Gepäck mit uns. Diese Freiheit benutzte es, fortgesetzt den Weg entlang zu frühstücken. Sobald es zurückbleiben wollte, trieben wir es durch einen Peitschenhieb weiter; denn wir konnten auf die Liebhaberei desselben nicht gut Rücksicht nehmen. Um den Peitschenhieben zu entgehen, änderte es seine Taktik, es wollte nicht mehr zurückbleiben, sondern ein Stück vorauseilen, um dann in Ruhe an dem frischen Grase sich zu delektieren. Nun war der Pfad aber sehr schmal, und als das Tier sich bei dem Mafu vorbeidrängen wollte, kam es ins Rutschen und war plötzlich nicht mehr zu sehen. Wir erwarteten nichts anderes, als das arme Tier mit zerschmetterten Knochen unten wiederzufinden. Aber es war erstaunlich, die Rutschpartie hatte ihm nicht geschadet, obwohl der Abhang 20 m betrug. Unten stand der Nimmersatt und natürlich - - er fraß Gras.

Wir überschritten auf einer steinernen Bogenbrücke einen munteren Gebirgsfluß, und nun ging´s bergan und immer bergan. Ach, was war das für ein Weg! Steinstufe folgte auf Steinstufe, schmal, eng, holprig. Die Maultiere dauerten uns sehr. Die Beine waren ihnen von dem fortwährenden Erklettern der Steinstufen angeschwollen, und vernehmlich dem Geldmulus tropfte das Blut unaufhörlich, von den wundgetretenen Fesselgelenken ab. So machten wir deshalb auf halber Höhe, wo sich eine passende Stelle fand, eine einstündige Rast. Nach weiteren 3 km waren wir wieder 2000 Fuß*) höher, und es mußte wieder geruht werden; denn der Aufstieg war zu beschwerlich und anstrengend. In der Herberge winkte uns wenigstens eine Freude an diesem Tage. Hier oben gab es frische europäische Kartoffeln. Das war eine Überraschung. Da in der Geldkiste viel Platz war, wurde die Gelegenheit benutzt, und ein ordentlicher Kartoffelvorrat eingeheimst.

Der Abstieg, welcher nun erfolgte, war weniger unbequem, als man Vorsicht walten lassen mußte. Ein enges Quertal begünstigte ihn, und wohlbehalten, ohne weitere Hindernisse erreichten wir das Dorf Loa jen tien, wo wir eine vortreffliche Herberge fanden. Das Haus hatte sogar einen Balkon an der hinteren Front, von welchem aus wir einen entzückenden Blick genießen sollten. Der Himmel war klar geworden, und die Abendsonne vergoldete die Gebirge ringsumher oder färbte sie mit glühendem Rot, bis alles in bläulichen Nebel versank. Unter uns rauschte der Gang ping tchi choa dahin. Terrassenförmig fielen die Reisfelder in dem schmalen Tale zu ihm ab. Unsere Tiere grasten an den Abhängen und erhielten dann in Anerkennung ihrer heutigen mühevollen Leistungen eine besonders große Ration Kraftfutter. Ich selbst überwachte ihr Abendmahlzeit; denn wir hatten sie auf einem Nachbarhofe unterbringen müssen, und ich fürchtete, daß ihnen ihr Mahl geschmälert werden könnte.

Der Doktor und ich nahmen dann die Gewehre; wir begaben uns noch gerade vor Sonnenuntergang auf die Taubenjagd. Zu den drei unterwegs erlegten wanderten noch fünf Tauben in den Topf. Dazu gab es noch Bratkartoffel, mit Öl zubereitet, und hinterher eine herrliche Tasse Mokka. Welch ein Hochgenuß!

Nur eins gab es an unserer sonst vorzüglichen Herberge auszusetzen. Der für menschliche Bedürfnisse hochnotwendige Ort hätte besser etwas abseits liegen müssen. Da jede Desinfektion in China fremd ist, wirkte die Nähe dieses Gemachs etwas störend. Aber der Chinese hat dafür keinen Sinn, es ist überhaupt eine hervorragende Seltenheit im Inneren des Landes, wenn zu dem gedachten Zwecke ein besonderer Ort vorhanden ist. Hatte doch ein Chinese, der in Tientsin die europäische Einrichtungen kennen gelernt hatte, alles recht hübsch und gut befunden, nur bedauerte er auf weiteres Befragen, daß er nicht irgendwo auf die Seite gehen könnte, wenn er dazu die Notwendigkeit empfand, sondern daß er erst sehr weit hätte laufen müssen, um einen eigens, dazu bestimmten Platz zu finden. Das wäre nicht in Ordnung, man dürfte der Natur keinen Zwang antun.

Nun, hier in unserer Herberge war dieses auch wirklich nicht nötig, es war äußerst bequem eingerichtet.

Gegenüber unserem Quartier tobte eine Theaterbande und lud das Publikum durch ohrenbetäubende Musik zum Besuche der Vorstellung ein. Man erzählte uns, daß die Bevölkerung dieser Gegend die Truppe herbeigerufen hätte, um einen reichen Nachbarn, der eine Brücke in der Nähe hatte bauen lassen, damit eine Gegenleistung zu gewähren. Das war eine eigenartige Dankesbezeugung. Von weit und breit sah ich die Leute herbeieilen, um sich den Kunstgenuß nicht entgehen zu lassen. Wir verzichteten auf den selben.

Bei prächtigem, kühlem und klarem Herbstwetter erreichten wir am Vormittag des 3. November, nachdem wir auf einer sehr defekten Holzbrücke den Gang ping tchi choa überschritten und eine sehr anstrengende Kletterpartie gemacht hatten, den höchsten Punkt im Gebirge, den wir auf unserem Ritte nach Wan shien berühren mußten, einen Bergkegel, von 5290 Fuß Höhe. Ein sehr baufälliger Torbogen zeigte uns, daß wir oben angelangt waren. Obwohl es sehr kalt war, und der wind uns tüchtig zauste, konnten wir uns eine Rast auf diesem höchsten bisher erreichten Punkte nicht versagen, der Blick ringsum wirkte zu gewaltig und fesselnd. Überall Berge und Wirrsal von neben- und ineinanderlaufenden Gebirgszügen, kahle, schroffe Felsen, bewaldete Kämme, tiefe Schluchten. Alles dies lies sich überblicken, und die Luft war so klar, die Sonne so hell, daß man jede Einzelheit dieser großartigen Natur erkennen konnte.

Auf vielen Bergspitzen ragten Pagoden und Tempel empor, so kühn erbaut, daß man sich oft fragen mußte, wie es möglich wäre, dorthin zu gelangen. Das beschwerliche Bergsteigen war wirklich belohnt worden.

Der Abstieg war nicht so steil wie der Aufstieg und ging glatt vonstatten. Nur eines unserer Maultier stürzte einmal ab, überschlug sich dabei, erlitt aber wunderbarer Weise keinen Schaden, nachher aber erlebte dasselbe Tier noch ein anderes Abenteuer, das gefährlicher war. Um zu saufen ging es unter Wasser gesetztes Reisfeld und fiel in den Schlamm hinein. Dieser war so zähe, daß er das arme Tier trotz aller Anstrengungen, sich heraus zu arbeiten, nur noch fester hielt. Schließlich fiel es auf die Seite und wäre beinahe erstickt, wenn es unsern vereinten Kräfte nicht noch gelungen wäre, es unter großen Schwierigkeiten herauszuziehen. Natürlich hatte das Gepäck, welches dieses Tier trug, das Moorbad mitgemacht. Im nächsten Quartier mußte eine große Reinigung erfolgen. Das Gepäck bestand aus unserem eisernen Bestande. Die Konserven waren in den wasserdichten Säcken glücklicherweise trocken geblieben.

Während wir gerade in der Herberge unser Abendbrot verzehrten, erschien erschien der freundliche Herr des Hauses und verrichtete seine Andacht. Er schlug an einer Glocke, welche sich neben den Ahnentafeln und dem Hausgotte befand, warf sich zur Erde und machte sechsmal Kotau, indem er mit der Stirn den Erdboden berührte. Dann erhob er sich und kehrte dem Hausgötzen, der unter einem roten Lappen teilnahmslos der Zeremonie zugesehen hatte, den Rücken.

Die Herberge war sehr besucht, und ich konnte erst gegen Mitternacht Schlaf finden. Das Volk plapperte unaufhörlich, lief hin und her, von einem Zimmer ins andere, durch das unsrige hindurch, lachte, rauchte, kochte und tobte dabei. Sobald ein Händler mit Backware oder anderen Lebensmitteln des Nachts vorüberkam und seine Ware ausrief, war das Volk wieder auf den Beinen, kaufte und verzehrte das Erstandene unter erneutem Schwatzen und Toben. Die Leute haben offenbar nur eine Art Halbschlaf. Wenn sie Zeit haben und nicht ein dringendes Geschäft zu erledigen ist, schlafen sie aber weit in den Tag hinein.

Endlich hatte ich Schlaf gefunden. Derselbe war mir aber nicht lange vergönnt. Unsere Diener hatten uns am Morgen zuvor zu spät geweckt und dafür einen tüchtigen Anpfiff bekommen. Dieser hatte so intensiv gewirkt, daß sie uns jetzt am 4. November schon um 3 Uhr in der Nacht weckten.

Das war nun ein bißchen zu zeitig, und um 5 Uhr erst erhoben wir uns von unserem Lager, um mit Ach und Krach den Herbergswirt dazu zu bewegen, aufzustehen und uns Teewasser zu bereiten. Jeden Morgen ist das dieselbe Geschichte, ob wir um 5 oder 7 oder 9 Uhr aufbrechen wollen.

Unser Weg führte immer noch bergab, nur hin und wieder war eine kleine Steigung zu passieren. In dem engen Tale war der Marsch nur insofern sehr ermüdend, als wir fortgesetzt Steinboden unter den Füßen hatten.

Auffallend viele Träger, mit Rinde von einer Art Zimtbaum belastet, überholten wir. Diese Rinde wird in der Gegend von Chinan gewonnen und nach der Provinz Szechuan gebracht, wo sie als Heilmittel Verwendung finden soll.

Kurz nach der Mittagszeit überschritten wir auf einer massiven Steinbrücke den Chiao dang choa und ritten in Li-tschwang hsien ein, wo wir haltmachten, weil notwendige Arbeiten vorgenommen werden mußten.

Der Ortsmandarin hatte schon von unserem Herannahen Kunde erhalten und ließ uns durch zwei Soldaten am Eingang des Ortes empfangen und in eine Herberge geleiten.

Dort entwickelte sich bald ein buntes Bild. Schneider, Schuster und Sattler saßen auf dem Hofe umher und besserten unsere Sachen aus, die Pferde wurden neu beschlagen, weil fast sämtliche Eisen durch die steinigen Wege verbraucht oder ganz verloren gegangen waren; Händler erschienen und boten ihre Waren an. Es gab hier einmal wieder frisches Fleisch.

Wir hielten ein üppiges Mahl. Hühnersuppe, Rouladen mit Kohl, gebratene Hühnchen, Tauben und Stare und eine Eierspeise bildeten unser Menü. Tee und eine Art Eierkuchen, Dji dan gao, beschlossen dasselbe. Dji dang gao mußte uns das fehlende Brot ersetzen und mundete uns besser als in Nordchina, wo wir sehr verwöhnt waren und dieses chinesische Gebäck verachteten.

Quelle: Rund um die Erde, Verlag W. Herlet, 1901, von Th. Trommer, jadu 2002