Die Abreise des Prinzen Heinrich. Abschied vom Kaiser. Das Flaggschiff.
Deutschland, Deutschland über alles!
Unter
dem Donner der Geschütze und dem brausenden Hurraruf der in Parade
aufgestellten Mannschaften des 1. Geschwaders dampfte das Flaggschiff
"Deutschland" mit der Kaiserstandarte an Bord stolz aus
dem Kieler Hafen hinaus auf die Föhrde und lenkte bei Holtenau
in den Kaiser-Wilhelm Kanal ein.
Der schlanke Kreuzer 3. Klasse "Gefion", zur Verstärkung
des zweiten Geschwaders in China betimmt, war bereits vor länger
als einer Stunde der "Deutschland" voran durch den Kanal
gedampft. Hinter dem Flaggschiff folgten die Hilfsdampfer, welche
die Aufgabe haben, zur Hand zu sein, falls der der "Deutschland"
bei der Durchfahrt des Kanals Schwierigkeiten entstehen sollten. Fast
lautlos folgten sie dem majestätischen Schiff, dessen Maschinen
nur mit halber Kraft arbeiteten; schwarze Rauchmassen wirbelten aus
den Schloten auf.
Drüben auf dem Leinpfad des Kanals zog sich eine endlose Kette
spalierbildender Soldaten hin. Auf der Kommandobrücke der "Deutschland"
stand ernst und entschlossen Prinz Heinrich von Preußen und
wandte den Blick nicht von einer herrschaftlichen Kutsche ab, die
am Soldatenspalier entlang auf dem Leinpfad da hin fuhr.
Das war der Wagen der Prinzessin Heinrich, die den hohen Gemahl as
Geleit gab. Auf Jahre hinaus wird sie von dem geliebten Gatten getrennt
sein, und die Thränen in ihren Augen, die die hohe Frau dann
und wann heimlich hinweg wischt, schienen den Himmel fragen zu wollen,
ob und wann sie den Gemahl wiedersehen wird?
Neben dem Prinzen Heinrich stand Se. Majestät der Kaiser, umgeben
von dem Kronprinzen, dem Prinzen Fritz Eitel und dem Prinzen Adalbert.
Auch ihre Aufmerksamkeit war dem Ufer zugewendet, von wo von Zeit
zu Zeit die Prinzessin Heinrich mit dem Taschentuch herüber winkte.
Wir befinden uns im September 1897. Ein scharfer, etwas feuchter Wind
wehte über den Kanal. In den moorigen Niederungen lagen Wolkenbänke,
die sich selbst von dem steifen Wind nicht verdrängen lassen
wollten. Nebelkrähen zogen in der Ferne unter dem winterlichen
Himmel dahin.
Nachdem der Geschützdonner im Kieler Hafen verhallt und das kräftige
Hurra der Schiffsmannschaften verklungen, lag eine feierliche Ruhe
rings umher auf Wald und Flur. Weihnachtsstimmung machte sich bemerkbar,
bald wird Eis und Schnee die Erde bedecken, und der Christbaum glänzen
und leuchten in Hütte und Palast.
Still folgten die Hilfsdampfer, wie die Trabanten dem Planeten, der
"Deutschland" nach. Kaum erhob sich dann und wann eine Stimme
an Bord. Nur das Stampfen der Maschinen und das Arbeiten der Schrauben
unterbrach die weihevolle Morgenstimmung. Doie Spalier bildenden Soldaten
waren längst nach ihrer Garnison Kiel zurückgekehrt. Langsam
und vorsichtig dampfte die "Deutschland" weiter, denn die
Fahrrinne des Kaiser-Wilhelm Kanals hat ihre Tücke.
Erst um vier Uhr nachmittags erreichte das Flaggschiff die imposante
Drehbrücke von Rensburg. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich
hier an beiden Ufern angesammelt. Schon seit der ersten Morgendämmerung
standen sie da und harrten unverdrossen auf das Erscheinen der "Deutschland".
Und als die Massen jetzt den schmucken Kreuzer mit der Kaiserstandarte
erblickten, brach ein endloser Jubelruf aus, der sich wie das Branden
und Toben des Meeres in die Ferne verlor.
Bei dem Anblick der begeisterten Menge, aus der Tausende von weißen
Taschentücher nach dem majestätischen Schiffe hinüber
winkten, so dass das Ganze fast den Anblick eines andlosen, durch
die Luft wehenden Schleiers gewann, drückte Se. Majestät
der Kaiser seinen lieben Bruder, dem Prinzen Heinrich, die Hand und
sagte:
"Mein lieber Heinrich - das deutsche Herz folgt Dir in die Ferne,
- Du hörst seinen Schlag und siehst den Jubel des Volkes. Eine
andere Zeit ist gekommen, eine Zeit in welcher der Deutsche draußen
in der Fremde nicht mehr ohne Schutz und Schirm dasteht! - Trage unsern
Namen zu den fremden Völkern, denen wir bisher kaum mehr waren,
als ein geographischer Begriff. Zeige ihnen unsre Macht und suche
ihre Freundschaft, sei ein Schutzherr für deutschen Handel und
Wandel.- Soll es aber sein, Heinrich, dass Du irgendwo eingreifen
mußt, dann zeige eine eiserne Faust und greife tüchtig
zu!-"
Fest seinem kaiserlichen Bruder ins Auge blickend, entgegnete der
Prinz:
"Wer uns da draußen nicht lieben will, der soll es schon
erfahren, dass der Haß gegen Deutschland keinen Segen bringt!"
Um halb fünf Uhr
stoppte die "Deutschland" dicht vor der Brücke. Die
Dämmerung hatte bereits begonnen. gewaltige Nebelmassen zogen
in der Ferne hin, strebten dem Meere zu. Unter den Durchfahrten der
mächtigen Straßendrehbrücke flammten Fackeln auf und
warfen ihren dunkelroten Schein auf die Flut, die unruhig in ihrem
engen Bette hin und her wogte. An den Masten der Hilfsdampfer gingen
bereits bunte Signallichter hoch, und die unabsehbare Menge an den
beiden Ufern war bald durch einen dichten grauen Flor von Nacht und
Nebel verhüllt.
"Lebe wohl, lieber Heinrich", sagte der Kaiser bewegt, "ich
muß dich nun verlassen. Gott schütze Dich, der alte, gute
Gott, der uns immer gnädig war, und der nie einen Deutschen verlassen
hat. Du weißt, was ich will und was dem Vaterlande frommt, also
kein Wort mehr! - Fahre wohl!"
Der Kaiser küßte den Bruder und wandte sich rasch ab. Prinz
Adalbert klammerte sich an der Hand des hohen Onkels fest und blickte
mit feuchten Augen zu ihm auf. Prinz Eitel aber bat innig den Seefahrer,
ihn mitzunehmen in die weiten, fremden Länder.
"Ich werde treu dienen und keine Furcht haben," versicherte
er.
Aber diese Bitte konnte nicht erfüllt werden. Lächelnd nahm
Kaiser Wilhelm seinen Sohn an die Hand und führte ihn und die
anderen Prinzen mit sich fort.
Inzwischen leuchtete auch auf Deck der "Deutschland" das
elektrische Licht auf. Die mannschaften an Bord bildeten Spalier,
und durch dieses hindurch schreitend, nahm Se. Majestät seinen
Weg nach dem bereit stehenden Landungsboot.
Prinz Heinrich blieb auf der Kommandobrücke zurück und sandte
von hier aus dem hohen Bruder seine Grüße nach.
An Land angekommen, ging Kaiser Wilhelm mit seinen Söhnen auf
die geöffnete Brücke bis zum Kopf hinauf und ließ,
beleuchtet von der grellroten Glut der Fackeln, die "Deutschland"
an sich vorbeipassieren.
Truppen bildeten auch hier Spalier, Musikkorps standen bereit. Jetzt
ging das gewaltige Schiff glatt durch die Brücke. Ernst und würdig
stand Prinz Heinrich auf seinem Posten und grüßte den kaiserlichen
Bruder von hier aus zum letztenmal.
Ein endloses Hurrarufen erfüllte die Luft, die Musik fiel ein,
und das Publikum stimmte begeistert an: "Deutschland, Deutschland
über alles "
Nachdem das Flaggschiff die Brücke passiert, nachdem ein dreifach
donnerndes Hurrah von Seiten der Spaliermannschaften verhallt, setzten
die Musikkapellen zu kernigen Märschen ein, und unter diesen
Klängen fuhr langsam und zielbewißt die "Deutschland"
in die Nacht hinaus.
Se. Majestät der Kaiser bestieg nun seinen Wagen und fuhr zum
Altreichskanzler, dem Fürsten Bismarck. Die Truppen rückten
ab, das Publikum verlor sich an beiden Ufern, und bald blieben auf
der Drehbrücke niemand zurück, als die Angestellten und
Beamten, die nicht müde wurden, das Ereignis des Tages zu besprechen.
Am folgenden Tage erreichte die "Deutschland" Brunsbüttelhafen,
den Ausgang des Kanals. Hier wartete bereits die "Gefion"
auf den Divisionschef Prinz Heinrich von Preußen.
Eine freudige Überraschung wurde noch dem Seefahrer zu teil.
An Bord der "Gefion" befand sich die Prinzessin Heinrich,
um zum letztenmal den Gatten zu begrüßen. Nachdem die hohe
Frau den Gemahl eine weite Strecke auf dem Leinpfad von Kiel aus zu
Wagen begleitet, fuhr sie der "Deutschland" voraus und erreichte
noch zur rechten Zeit den Ausgang des Kaiser-Wilhelm Kanals.
Nach einem herzlichen Abschied von seiner Gemahlin setzte Prinz Heinrich
seine Reise um fünf Uhr fort.
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Prinz Heinrich 1862-1929 war der Bruder von Kaiser Wilhelm
II
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Quelle:
Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag,
von rado Jadu 2000.