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Deutsche Arbeit in Tsingtau

 

Während in der Provinz Petschili der Kampf für die europäische Kultur mit Waffengewalt durchgekämpft werden muß, macht die friedliche Kulturarbeit in unserer Kolonie, oder wie man genauer sagen muß, in unserm Schutzgebiet Kiautschau stetige Fortschritte. Die gedeihliche Entwicklung muß um so höher veranschlagt werden, wenn man berücksichtigt, daß eine planmäßige Organisations- und Verwaltungstätigkeit erst mit dem Abschluß des deutschchinesischen Vertrags vom 6. März 1898 wegen Überlassung des allerdings schon früher besetzten Gebiets möglich wurde.

Besonders Tsingtau hat sich in den zwei Jahren sehr gehoben. Massive neue Häuser, sogar Prachtbauten erheben sich heute dort, wo vor zwei Jahren auch noch nicht ein einziges Häuschen stand. Neue gerade Straßen und Wege sind angelegt, Kanalisationsarbeiten durchgeführt, der Bau einer Wasserleitung, durch die Tsingtau mit Quellwasser von dem im Osten der Stadt gelegenen, etwa 400 Meter hohen Prinz Heinrichberg versorgt werden soll, steht in Aussicht.

Die erfreulichen Verhältnisse sind in erster Reihe dem Vorgehen der Marineverwaltung zu danken, die bei allen Maßnahmen in Kiautschau den wirtschaftlichen Gesichtspunkt in den Vordergrund gerückt hat, weil sie als entscheidend für die Zukunft des Platzes, unbeschadet seiner militärisch-maritimen Bedeutung als Flottenstation, in erster Linie seine Entwicklung als Handelskolonie, als wichtiger Stützpunkt der deutschen Kaufmannschaft in Ostasien für die Erschließung eines weiten Hinterlandes betrachtet.

Blick
Strasse
Bahndamm
Industrie

Das ganze deutsche Pachtgebiet umfaßt etwa 540 Quadratkilometer mit ungefähr 60 000 bis 80 000 chinesischen Bewohnern; eine genaue Zählung hat sich noch nicht vornehmen lassen, da die Eingeborenen in zahlreichen kleinen und zerstreut liegenden Dörfern wohnen und auch nicht selten von einem zum andern übersiedeln. Ein solches kleines, elendes Dorf war bis zur deutschen Besitzergreifung auch Tsingtau, um dann herum sich jetzt die neue Stadt erhebt, eine Kleinstadt natürlich noch, aber eine von ganz europäischen Gepräge, deren Panorama schon des Betrachtens wert ist.

Der Ort hat seiner doppelten Bestimmung gemäß zwei Häfen, einen für Kriegsschiffe und den andern, der mit 160 Meter langen Landungsbrücke ausgestattet ist, für Handelsschiffe. Dieser ist als Freihafen am 2. September 1898 dem Handel aller Nationen mit der Maßgabe geöffnet worden, daß das Freihafengebiet die ganze deutsche Pachtung umfaßt, ein sprechender Beweis, das Deutschland die Politik der "offenen Tür", zu deren Sicherung jetzt das Abkommen mit England getroffen wurde, von Anfang an ernsthaft befolgt hat. Für die weitere Entwicklung der Stadt wird es jedenfalls von wesentlichen Nutzen sein, daß von vornherein ein fester Bebauungsplan entworfen worden ist. Danach liegt die eigentliche Wohn- und Geschäftsstadt westlich von dem alten Dorf Tsingtau, südöstlich schließt sich an sie eine Villen- und Badestadt mit einer Strandpromenade an, während die Garnisonanlage sich westlich anreihen werden. Im Norden des alten Tsingtau, wo sich jetzt das Dorf Taupatan befindet, ist der Platz für die Chinesenstadt vorgesehen.

Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Anlage nicht von einem Tag zum andern fertiggestellt werden kann; so vieles im einzelnen schon vollendet ist, das Ganze ist noch im Werden, überall wird eifrig gearbeitet. Häuser, Kanalisation, Straßen, Eisenbahnen sind entstanden und entstehen allenthalben in und um Tsingtau, an allen Ecken und Enden sieht man zahlreiche Arbeiter an Bau-, Bahn- und Erdarbeiten beschäftigt. Diese rege Bautätigkeit hat denn auch schon eine Industrie gezeitigt: ein Dampfziegelei des deutschen Hauses Diedrichsen, Ibsen & Co. und ein Kalkofen stellen das Material zur Errichtung der Baulichkeiten her. So könnte man mit allem durchaus zufrieden sein, wenn nicht das Klima und infolgedessen der Gesundheitszustand manchmal zu wünschen übrig ließe.

Ziegelei
Erdarbeiten
Brücke
Stadtteil

Daran sind, wie bei allen Kolonien in ihren Anfängen, hauptsächlich die schlechten Wohnungsverhältnisse und der Mangel an gutem Trinkwasser schuld — Übelstände, die ja in nicht allzulanger Zeit beseitigt sein werden. Die Regierung hegt sogar die Hoffnung, daß Tsingtau später, wenigstens im Frühling und Herbst, als Erholungsort für die in südlicher gelegenen Häfen erkrankten Europäer dienen werde. Einstweilen kann man nur wünschen, daß die Entwicklung der Stadt in der bisherigen Weise fortschreiten möge.

Unsere neuen Aufnahmen aus Tsingtau geben anschauliche Bilder von der Lage der aufblühenden Stadt, die fast ringsum von einer schützenden Hügelkette umgeben ist, von den neuen Bahnbauten und Hafenanlagen, von den Kanalisationswerken und Erdarbeiten in und um Tsingtau, von deutschem Fleiß und deutscher Kulturarbeit im fernen Osten.

Quelle: Die Woche 1900, von rado jadu 2001

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