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Das Kiautschougebiet

Das Gebiet in Ostasien, das das Deutsche Reich zu seinen überseeischen Besitzungen zählt, beschränkt sich sich tatsächlich nur auf eine sehr kleine Landfläche in der Umgebung der an der Südseite der Schantunghalbinsel gelegenen Bucht von Kiautschou. Indessen vermag man diese wenig ausgedehnte Landschaft noch weniger als andere Kolonialgebiete richtig einzuschätzen, wenn man nicht zugleich die Weltlage einer derartigen Stelle eingehend berücksichtigt. Denn ein solcher Stützpunkt für die Flotte eines Landes und ein Eingangstor für dessen Handel ist in keinerlei Hinsicht ein selbständiges Ganzes, wie unsere übrigen Schutzgebiete es zumeist für unsere Kolonialpolitik bedeuten. Es ist einmal in viel höherem Grade als diese abhängig von der Beeinflussung durch das Staatsgebiet, an dessen Grenze es sich befindet und auf der anderen Seite ebensoviel mehr als die eigentlichen Kolonialgebiete beeinflußt durch unmittelbare Interesse der Flotte und des Seeverkehrs der Heimat. So ist es durchaus berechtigt, daß gerade dies kleinste von allen Schutzgebieten, denn diese Bezeichnung gebührt schließlich auch der Kiautschoulandschaft, in seiner Organisation nicht dem Reichskolonialamt, sondern dem Reichsmarineamt unterstellt ist.

Die Weltlage von Kiautschou interessiert uns zunächst gemäß seiner Stellung zu Europa. Seine Entfernung von Hamburg, ausgedrückt in Seemeilen ( = 1850 m), ist etwas kleiner als diejenige nach Neuguinea, denn sie beträgt über Hongkong 11 200 solcher nautischen Meilen. Zum Vergleich mag angeführt werden,daß die Linie Hamburg-New York rund 3 600 Seemeilen mißt. Bei der außerordentlichen Wichtigkeit dieses Gebietes gehört es zu den am besten Verbundenen Schutzgebiete, da es durch die Reichpostdampfer der Hamburg Amerika Linien zweimal wöchentlich von Schanghai aus mit diesem Hauptpunkt des Chinaverkehrs aufgesucht wird. Auch mit dem Hafen von Tientsin ist es durch regelmäßig verkehrende Dampfer verbunden. Endlich aber ist Kiautschou das einzige unserer Schutzgebiete, das auf einer Landreise erreicht werden kann, der nur zum Schluß eine kurze Seefahrt folgt. Es ist die sibirische Bahn, welche mindestens für schnelle Reisen bzw. Sendungen eine Kürzung der früheren Reifezeit auf ungefähr ein Drittel der zur See erforderlichen Frist gestattet.

Neben der Lage zu den ferngelegenen Handelsstaaten der Neuzeit kommt aber für die richtige Wertschätzung der Kiautschoubucht auch diejenige zu dem eigenen Nachbarlande, zu dem chinesischen Riesenreiche, in Betracht. v. Richthofen hat bereits 1882 dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß es an der gesamten Küste des nördlichen China keinen Ort gebe, der für keine deutsche Festsetzung so geeignet wäre wie die Bucht von Kiautschou. Er, der unbestritten beste Kenner der einschlägigen Verhältnisse, weist auch darauf hin, da der Hafen selbst vor der Anlage des Großen Kanals das einzige Eingangstor für die Erzeugnisse des Südens gewesen sein müsse, und daß selbst nach der Gründung von Peking die Handelswege über Kiautschou immer noch einen Teil ihrer historisch erworbenen Bedeutung behielten, ja, daß man den Plan gehegt habe, von hier aus einen Kanal durch die Halbinsel zu legen, an deren Festlandende sich die nunmehr deutsche Bai befindet. Schon 1897 betonte abermals Richthofen, wie, abgesehen von der günstigen Lage, die Bedeutung dieses Gebietes in erster Linie von der Anlage von Eisenbahnen in das Innere der dicht bevölkerten Provinz Schantung abhängen werde.

Wie bedeutsam aber der Besitz eines Eingangpunktes für den Handel gerade in Ostasien für ein modernes Industrievolk sein muß, zeigt ein einziger Blick auf das Erdgebiet, zu dem auch unser dortiger Besitz gehört. Selbst das eigentliche China umfaßt eine Fläche von rund
4 000 000 qkm, auf denen weit mehr als als 300 Millionen Menschen leben, d.h. reichlich drei Viertel der in ganz Europa gezählten Volksmenge. Aber auch die Nachbarschaft im engeren Sinne, die chinesische Provinz Schantung, läßt den Wert Kiautschous in hellem Lichte erscheinen. Ihre Größe ist zwar nicht sehr bedeutend, indem sie nur etwa doppelt so groß ist wie das Königreich Bayern. Dagegen besitzt dieses Gebiet eine Bevölkerung von ungefähr 33 Millionen Menschen; es ist also mit rund 220 Einwohnern auf dem Quadratkilometer nur mit den sehr dicht besetzten Gegenden unserer Industrielandschaften zu vergleichen. Da nun die vorwiegend Beschäftigung dieser Menschenmasse der Ackerbau ist, so ist klar, daß selbst die unmittelbar an das Kiautschougebiet grenzenden Striche als Abnehmergebiet für die Erzeugnisse unserer europäischen Werkstätten in Frage kommen. Aber durch seine gute Verbindungen ist diese Stelle auch für den Handel mit weiter entfernten Gegenden recht günstig gelegen. Und das ist höchst bedeutsam, denn schon jetzt beginnt sich das Riesenreich mit nicht unbeträchtigen Summen am Welthandel zu beteiligen, obwohl doch erst ein ganz kleiner Teil seiner Bewohner mit europäischen Einflüssen in Berührung kommt. Betrug doch schon vor den wirren des großen Boxeraufstandes allein der Wert der über die Vertragshäfen ein- und ausgeführten Güter weit über eine Milliarde Mark.

Und nun die hervorragende Bedeutung von Kiautschou allseitig würdigen zu können, müssen wir einen Blick auf seine Lage innerhalb des Nordostens von China werfen, der uns zugleich den Aufbau der weiteren Umgebung verstehen lehrt. Die bucht liegt, wie schon erwähnt, an der Wurzel der das östliche Schantung bildenden Halbinsel, so daß sie gerade an der Stelle von Süden her in das Land einschneidet, an welcher die den Osten der genannten Provinz erfüllenden Gebirge vollständig voneinander getrennt sind. Hier ist infolgedessen der Übergang vom Gelben Meere nach dem Golf von Tschili so außerordentlich erleichtert, daß jener von v. Richthofen erwähnte Versuch einer Verbindung beider Meere schon von einer früheren Zeit unternommen werden konnte, der allerdings niemals zur Vollendung gelangt ist. Zu diesem Übergang kommen ferner ebensolche von guter Beschaffenheit nach Osten und nach Südwesten.

Ist die eben erwähnte Gunst der Lage im wesentlichen im orographischen Bau des östlichen Schantung begründet, so ist der Bai auch durch ihre Entfernungslage eine hervorragende Bedeutung gesichert. Denn sowohl Peking wie die Endpunkte der von Chinas Riesenflüssen durchzogenen ungeheuren Kulturebenen im Westen und Süden sind von hier gleichweit entfernt, nämlich 500 bis 600 km. Man geht daher nicht zu weit, wenn man aus diesem Grunde den deutschen Hafen auch als für manche außerhalb Schantungs gelegene Gebiete sehr günstig gelegen betrachtet.

Aufbau und Klima

Wenn wir vom Aufbau des Kiautschougebietes sprechen, so können wir bei der Kleinheit der dem Deutschen Reiche unmittelbar unterstellten Landschaft natürlich nicht von der weiten, unter chinesischer Oberhoheit stehenden Umgebung der Bucht absehen. Auf die Flachheit des diese im Norden begrenzenden Landes ist schon bei der Erwähnung der die Schantunghalbinsel durchziehenden Senke hingewiesen. Westlich und östlich dagegen erheben sich Gebirge, die zwar nicht über mittlere Höhen emporsteigen, die aber wegen ihrer meist sehr eigenartigen Formen landschaftlich von bedeutender Wirkung sind. Der innere Bau der Schantunggebirge zeigt nur eine Beteiligung alter Formationen. Nach v. Richthofen ist das Land seit dem Ende der Steinkohlezeit überhaupt nicht mehr vom Meere bedeckt gewesen. Leider sind die Gebirge, eine Folge der durch die Bewohner verursachten Verwüstungen, von Holzwuchs fast entblößt. Von hoher Bedeutung ist die große Verbreitung von Lößschichten im flacheren Gelände und in den Tallandschaften, da diese hier oft in 20 bis 30 m mächtigen Lagern auftretende, lockere gelbe Erde sich durch außerordentliche Fruchtbarkeit auszeichnet.

Das bedeutsamste Vorkommnis muß man indessen in der Steinkohle erblicken, die sich in verschiedenen Gegenden der Provinz findet und neuerdings bereits in einer den heutigen Ansprüchen entsprechenden Weise in Abbau genommen ist. Außerdem wird von anderen Mineralien verschiedenster Art berichtet, doch kommen diese vorläufig nicht in Frage. Dagegen werden bereits zwei größere Kohlengebiete bearbeitet, welche beide von der nach Tsinanfu führenden Bahn geschnitten werden. Das der Bucht näher liegende Kohlefeld von Jangtse liefert nach Wegener ein vortreffliches Heizmaterial für den Hausgebrauch, das zweite, das Poschanrevier, ein auch für Schiffe recht wertvolles Brennmaterial.

Wir dürfen indessen hier nicht nur den Bau des festen Landes berücksichtigen, sondern wir müssen unsere Aufmerksamkeit auch der Bucht selbst zuwenden. Es handelt sich um eine sehr ausgedehnte Wasserfläche, indessen kommt von dieser nur der südlichste Teil für den Verkehr in Betracht. Namentlich in Norden sind die Tiefen so gering, daß man hier an unser nordwestdeutsches Wattenmeer erinnert wird. Denn die von den entwaldeten Bergen herabkommenden Wasserläufe haben dem Meere eine so große Menge von festen Stoffen zugeführt, daß annähernd die Hälfte der Gesamtfläche der inneren Bucht eine Tiefe von weniger als ein Meter besitzt. Größere Tiefen finden sich überhaupt erst in der Nähe des südlichen Ausgangs und hier liegt an der Innenseite der den Osten der großen Bucht begrenzende kleinen Halbinsel der eigentliche Hafen unseres deutschen Gebietes, Tsingtau, mit einer Wassertiefe von mehr als 10 m. Infolge dieser Lage ist der Hafen vollkommen geschützt, obgleich die Breite der südlichen Ausfahrt aus der Kiautschoubucht eine Breite von immerhin 3,5 km besitzt. Rechnet man die für Fahrzeuge größter Dimensionen verfügbaren Flächen, so umfaßt der für solche Schiffe vorhandene Unterraum in gut geschützter Lage nicht weniger als rund 50 qkm, und von hier aus führt noch eine 7 km lange 1 km breite Rinne in nordöstlicher Richtung in der Nähe der Binnenküste entlang, in der selbst bei Niedrigwasser eine mittlere Tiefe von 6 m beobachtet wird.

Um das Klima von Kiautschou richtig einschätzen zu können, muß man sich gegenwärtig halten, daß das ganze mittlere und nördliche China unter sehr starken Gegensätzen während der beiden Hauptjahreszeiten zu leiden hat. Im Winter mit seiner scharfen, trockenen Kälte gleicht es etwa den in Südostrußland um dieselbe Zeit herrschenden Verhältnisse, während die sommerlichen feuchtwarmen Monsunwinde die Witterung bis in die nördliche Striche hinein derjenigen fast tropischer Gebiete annähern.

Das Kiautschougebiet nun genießt insofern einen großen Vorzug von den übrigen Gebieten Nordchinas, als seine Lage auf einer Halbinsel in entschiedener Weise dazu beiträgt, die Gegensätze zwischen den extremen Jahreszeiten zu mildern. So ist zu erklären, daß der Ort Tsingtau neuerdings als Seebad gilt und als solcher auch von entfernt wohnenden Europäern aufgesucht wird. Gleichwohl ist er immer noch bedeutend weniger angenehm als Deutschland. Zwar beträgt seine Mitteltemperatur nur 13°, d.h. sie gleicht etwa derjenigen von Bordeaux. Allein während in der französischen, ebenfalls ozeanisch beeinflußten Stadt der wärmste und der kühlste Monat sich in ihren Mitteltemperaturen nur um 15° unterscheiden, beträgt diese Differenz in dem Hafen von Tsingtau volle 26°. Der Januar ist mit einer Mitteltemperatur von -1,4° (nach Berensmann) allerdings nur etwa so kalt wie im mittleren Schlesien, dagegen erreicht der wärmste Monat, der Juli, mit 24,6° die Durchschnittstemperatur mancher tropischen Küsten. Aber noch ein anderer Umstand trägt dazu bei, das Klima des deutschchinesischen Gebietes zu einem für den Mitteleuropäer nicht in jeder Beziehung zusagenden zu machen. Die Temperatur steigt zwar im Sommer meist nicht sehr hoch, dafür ist aber auch die nächtliche Abkühlung eine äußerst geringe. Zwar verdient Tsingtau auch in dieser Beziehung den Vorzug vor dem übrigen China, allein auch hier ist die Tagesschwankung der Temperatur zu gering, um eine Erfrischung des Körpers zu bewerkstelligen. Sie scheint im Sommer kaum 7° zu erreichen, während sie beispielsweise in Berlin trotz größerer Taglänge im Mittel der Sommermonate über 9° beträgt. Man kann also diesen Zustand in dem Satze verdeutlichen, daß in Deutschchina namentlich die Sommernächte einen tropischen Charakter annehmen. Gleichzeitig herrscht in den wärmeren Monaten trotz ihrer erhöhten Temperatur eine so große Luftfeuchtigkeit, daß man von tropischer Schwüle sprechen kann. Es ist darum schon richtiger, die Sommermonate anstatt mit den Mittelmeerländern mit einem Küstengebiet der heißeren Zone zu vergleichen.

Im Winter erscheint dagegen unser Kiautschougebiet im Vergleich zu den festländischen Teilen des nördlichen China sehr begünstigt. So sinken die Temperaturminima hier bei weitem nicht so tief wie z.B. in der Gegend von Peking. Vor allem aber ist die Folge dieses (für chinesische Verhältnisse) milden Winters ein günstiges Verhalten des Hafens bezüglich der Eisbildung. Denn dieser ist der nördlichste von Eis freie Landungsplatz dieser Gegenden; während von hier ab nach Norden der winterliche Verkehr durch die Kältewirkung sehr erschwert wird, bildet die leichte Eisdecke, die gelegentlich über den flachen Ufergewässern der Bucht zustande kommt, nach Wegener höchstens einmal für die einheimischen Dschunken ein Hindernis.

Sehr unangenehm macht sich dagegen eine andere Erscheinung des Winters bemerkbar. Es sind die dann vom asiatischen Barometermaximum dem Ozean zuströmenden lebhaften Nordwestwinde, die infolge ihrer physiologischen Wirkung als bitterkalt empfunden werden.

Eines gewissen Vorzuges vor dem mittleren Europa, dem es sonst in klimatischer Hinsicht vielfach nachsteht, erfreut sich indessen das Kiautschougebiet in einer anderen Beziehung. Die Spätfröste, die in Deutschland für manche empfindlichen Kulturen eine große Gefahr bedeuten, fehlen dieser Landschaft, was für die gerade in China so wichtige intensive Bodenbenutzung von großer Bedeutung ist.

Die in eine winterlich Kontinental - und in eine sommerliche Monsunzeit geschiedene Eigenart des Klimas hat zur Folge, daß der Winter wenig Bewölkung und sehr geringe Niederschläge aufweist. Dagegen ist der Sommer regenreich; obwohl das Gebiet nicht zu den stark bewässerten gehört, ergibt diese Zusammendrängung der stärkeren Regen auf die Zeit des hauptsächlichsten Wachstums doch eine vollkommen ausreichende Wassermenge für die meisten Kulturen. Das Mittel der Regenhöhe entspricht annähernd demjenigen von Mitteldeutschland mit rund 60 cm, von denen aber in den drei Sommermonaten allein drei Fünftel zu Boden gelangen. Von großer Wichtigkeit ist, daß die im Frühjahr fallenden Regen ausreichen, da von dieser die Zeit der Aussaat abhängig ist.

Gesundheitlich gehört das Kiautschougebiet zu den besten unserer Schutzgebietslandschaften. Besonders ist zu betonen, daß die Malaria in ihren tropischen Formen nicht vorhanden ist. Dagegen kommt Dysenterie vor, wenngleich nicht in der gefährlichen Häufigkeit, in der sie der heißen Zone eigen ist. Über die sonstigen Gesundheitsverhältnisse ist nichts Wesentliches zu sagen; die meisten der häufiger auftretender Leiden sind die gleichen wie bei uns. Von Interesse ist dagegen, daß die Stadt Tsingtau, wie bereits erwähnt, wegen ihrer Vorzüge vor den übrigen Küstengegenden als Seebadeort gilt. Der Zustrom an Badegästen belief sich im Jahre 1908 auf 575, im Jahre 1909 trotz recht ungünstiger Witterungsverhältnisse auf 537. Die Besucher waren außer vielen Deutschen zumeist Engländer und Amerikaner, aber auch Franzosen und Russen, und sie kamen zumeist von den Hafenstädten der chinesischen Küste, wie Schanghai, Tientsin, aber auch aus Binnenstädten und selbst aus Japan.

Pflanzen und Tierwelt

In einem so alten Kulturlande wie dem chinesischen mit seiner dichten Bevölkerung ist die ursprüngliche Pflanzen- und Tierwelt naturgemäß längst völlig durch die Kultur in den Hintergrund gedrängt worden. Im Kiautschougebiet hat zudem, wie bereits ausgeführt wurde, die Verwüstung des ursprünglichen Pflanzenkleides besonders großen Umfang angenommen. Erschreckend ist die Armut auch des bergigen Gebiets an Bäumen, und erst seit dem Beginn des deutschen Einflusses sucht man diesem Übelstande nach und nach zu begegnen. Selbst die Bebuschung und die Grasbewachsung der Gehängelandschaft ist nur eine sehr spärliche, da auch diese Reste einer ursprünglich reicheren Vegetation von den Bewohnern zu Brennzwecken gesammelt wurden und vielfach noch werden. Zu den Aufforstungen im deutschen Gebiet wurden hauptsächlich Akazien sowie einige Nadelhölzer verwandt.

Die wilde Tierwelt beschränkt sich auf einige kleine Säuger, unter denen die Hafen bisweilen in den Anpflanzungen einigen Schaden anrichten, sowie auf eine geringe Zahl von Landvögeln. Dagegen sind eine Reihe von Wasservögeln recht häufig, was mit der großen Ausdehnung der flachen Strand - und Wattgebiete an der Bucht zusammenhängt.

Reich ist dagegen das Kiautschougebiet oder besser das östliche Schantung an Kulturgewächsen, auf die weiterhin noch kurz eingegangen werden wird.

Bevölkerung

Die Bevölkerung von Schantung, der auch die Bewohner des deutschen Schutzgebietes angehören, unterscheidet sich nach v. Richthofen dadurch ein wenig von den Chinesen andrer Provinzen, daß sie eine dunklere Hautfarbe besitzen. Es sind hochgewachsene, kräftige Leute, die sich im allgemeinen durch Fleiß sowie durch anständige Gesinnung auszeichnen. Auffallend ist, daß sie weniger Handelsgeist besitzen sollen als die übrigen Einwohner des Riesenreiches. Gewerblich leisten sie wenig, sind vielmehr ganz vorwiegend Ackerbauer, welche den Bodenbau in derselben, an den Gartenbau erinnernden Art betreiben, welche für die Intensität der landwirtschaftlichen Kulturen in China so bezeichnend ist. So ist das Land in kleine Parzellen geteilt und die Berieselung ist in weitgehenden Maße durchgeführt.

Die Volksmenge ist trotz der Kleinheit des deutschen Besitzes, der insgesamt nicht mehr als 552 Quadratkilometer umfaßt, recht beträchtlich. Sie umfaßt nach einigen Angaben 100 000, nach anderen 120 000 Chinesen, was einer Dichte von 180 bis über 200 entsprechen, also nicht weit hinter derjenigen von Schantung zurückbleiben würde. Die Hauptstadt, Tsingtau, kommt einer mittleren Stadt gleich.

Die Zahl der Europäer im Schutzgebiet ist nicht besonders groß, aber immerhin in ständiger Zunahme begriffen. Im Jahre 1908 wurden 1484 Weiße im deutschen Kiautschoulande gezählt, während die angeführten Zahlen für die eingeborene Bevölkerung lediglich auf Schätzung beruhen.

Produktion

Das einzige Erzeugnis des Landes, das in einer Art von Urproduktion unmittelbar dem Boden abgewonnen wird, ist die Steinkohle. Zwar gab es auch früher bereits einen Bergbau, aber dieser wurde nur bis in geringe Tiefen betrieben, da ihm nach v. Richthofen bei der Eigenart der Lagerung der Flöße die Schwierigkeit der Wasserbewältigung sehr bald ein Ziel setzte. Nach echt bergmännischer Art hat man den Abbau der Kohlenlager erst nach der Besitzergreifung in die Hand genommen, und die Förderung ist in sehr erfreulichem Fortschritte begriffen. Während sie auf den beiden von der deutschen Schantung-Bergbau-Gesellschaft im chinesischen Gebiete in Angriff genommenen Feldern im Jahre 1907/08 sich auf 231 000 Tonnen belief, hat sie sich im Jahre 1908/09 bereits auf 411 000 Tonnen gehoben.

Die pflanzliche Produktion beschränkt sich vollständig auf die Erzeugnisse des Landbaues. Weizen, Sorghum, Reis, Sesam, Erdnüsse, Hanf und etwas Baumwolle, vor allem aber der Maulbeerbaum sind die Hauptgewächse des Landbaues, zu denen sich noch die Obstkulturen gesellen, darunter eine Zizyphusart (Chinesische Dattel) mit dattelartigem Kern, sodann auch der Weinstock, der nach v. Richthofen in dieser Provinz seine Südgrenze erreicht.

Im eigentlichen Schutzgebiet ist viel zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion geschehen. Edelobst aus Europa und Amerika ist zur Nachbesserung der einheimischen Sorten in großer Menge eingeführt und wird in beträchtlicher Menge auch an Chinesen abgegeben. Ferner hat man Versuche mit dem Anbau von Zuckerrüben, Kartoffeln und anderen Feldfrüchten gemacht.

Die Viehhaltung, die, wie in ganz China, stark in den Hintergrund tritt, beschränkt sich im wesentlichen auf die Haltung von Schweinen. Außerdem ist nur noch das Maultier zu nennen; unter den Nutztieren im weitesten Sinne darf natürlich auch die Seidenraupe nicht unerwähnt bleiben. Im allgemeinen kann man sagen, daß sich in Schantung die Kulturen des südlichen wie des nördlichen China begegnen, was sich naturgemäß auch in den Listen der Ein- und Ausfuhr zeigt.

Handel und Verkehr

Es ist von vornherein klar, daß der Handel des Schutzgebietes bei seiner Kleinheit und bei seiner Eigenschaft als wichtiger Hafeneingang für ein großes Hinterland in allererster Linie ein Durchgangshandel ist. Als solcher ist er natürlich mit der Verbesserung der nach dem Innern führenden Verkehrsmittel ganz gewaltig gestiegen. Der gesamte, aus Ein- und Ausfuhr sich zusammensetzende Durchgangshandel von Tsingtau hatte (nach dem Dollarkurse von 1909) im Jahre 1901/02 bereits ein Wert von 16 1/2 Millionen Mark, hat sich aber trotzdem in stetigem Wachstum auf 117 Millionen Mark im Jahre 1908/09 gehoben. Unter den Waren der Einfuhr nehmen, selbst wenn man von den für Eisenbahn- und Bergbau bestimmten Gütern völlig absieht, diejenigen nichtchinesischen Ursprunges den weitaus größten Teil der Wertsummen in Anspruch, und unter ihnen stehen mit etwa der Hälfte des Gesamtwertes die Erzeugnisse der Baumwollverarbeitung an erster Stelle; mit erheblichen Summen sind ferner künstliche Farben, Zündhölzer und Zucker an der Einfuhr fremder Herkunft beteiligt. Inder Einfuhr chinesischen Ursprunges dagegen spielen Baumwollgarne aus Schanghai und Papier die Hauptrolle.

Die Ausfuhr, die selbstverständlich fast ausschließlich chinesischer Herkunft ist, soweit nicht die von europäischen Unternehmungen gelieferte Kohle in Frage kommt, besteht, wie nach dem oben über die Provinz Schantung Gesagten zu erwarten ist, fast ganz aus Erzeugnisse der Landwirtschaft. An erster Stelle stehen Strohborte, Erdnußöl sowie unverarbeitete Erdnüsse, endlich gelbe Seide. Von Waren nicht landwirtschaftlicher Herkunft führt das Verzeichnis des Berichtsjahres 1908/1909 nicht weiter auf als Glaswaren.

Der Verkehr des Kiautschougebietes lag ehedem wie überall in China, wo ihn keine Wasserstraßen erleichtern. ziemlich in Argen. Im Kleinverkehr trifft man auf den merkwürdigen Schiebkarren, bei dem die Last vorwiegend von der Achse des einen Rades getragen wird. Wie wenig es aber selbst unter Zuhilfenahme eines Vorspannesels zu leisten vermag, ergibt sich aus der Mitteilung v. Richthofen, daß zur Zeit seiner Reisen in Schantung das Tonnenkilometer sich noch auf mehr als 36 Pfennige und noch am Ende des verflossenen Jahrhunderts auf 20 bis 36 Pfennig belief.

Dieser für die Bedeutung Kiautschous unhaltbare Zustand ist durch die Erbauung der Schantung-Eisenbahn beendet worden. Diese umzieht von Tsingtau aus die Bucht und wendet sich dann westwärts, um bei dem vorläufigen Endpunkte, die Stadt Tsinafu, Kilometer 395 zu erreichen. Eine kleine Seitenstrecke setzt das Kohlenfeld von Poschan mit der Verkehr bereits jetzt nicht unbeträchtlich (1908/09) 650 000 Tonnen gegen 418 000 im Vorjahre). Neben der Kohle sind es besonders die Erzeugnisse des Ackerbaues, die an dieser Steigerung teilnehmen.

Der Schiffsverkehr, der auch eine regelmäßige Verbindung mit Japan gezeitigt hat, weist ebenfalls eine Steigerung auf. Im Jahre 1907/08 wurde Tsingtau von 432 Schiffen mit 519 000 Registertonnen, im Berichtsjahre 1908/09 dagegen von 511 Fahrzeugen mit insgesamt
670 000 Registertonnen angelaufen. Ganz besonders gewachsen ist der Schiffsverkehr mit Wladiwostok, von steigender Bedeutung ist ferner der Überseehandel mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Von den 1908/09 eingelaufenen 509 Dampfern und 2 Seglern führten 266 die deutsche Flagge, neben denen noch 115 englische, 68 japanische, 36 chinesische und 22 norwegische eine besondere Erwähnung verdienen.

Organisation

Hinsichtlich seiner Organisation nimmt Kiautschou eine von derjenigen aller anderen Schutzgebiete abweichende Stellung ein. In der Zivil- wie in der Militärverwaltung untersteht es dem Reichsmarineamt, und während die Geschäfte des Gouverneurs von einem hohen Offizier der Reichsmarine versehen werden, besitzt es auch keine eigentliche Schutztruppe. Vielmehr garnisoniert in Tsingtau neben einigen Abteilung der Matrosenartillerie das III. Seebataillon, und andere Einrichtungen, darunter eine Werft, werden ebenfalls vom Reichsmarineamt geleitet. Nur die Post ist dem Reichspostamt unterstellt. Sie unterhält außer dem Postamt in Tsingtau noch zwei Postagenturen, eine Postzweigstelle und vier Posthilfstellen.

Im Kiautschougebiet sind insgesamt vier Missionsgesellschaften tätig, davon drei deutsche, von denen die eine der katholischen Konfession angehört, und eine amerikanische. Das geistige Leben der Kolonie ist naturgemäß reger als in den übrigen, von Südwestafrika abgesehen. Aber hier nehmen auch die Eingeborenen in höherem Grade an demselben teil. Neben eine Reihe von Unternehmungen der Mission auf dem Gebiete des Unterrichts gibt es vor allem hier eine höhere Schule für die Europäerkinder mit der Einrichtung eines Reform-Realgymnasiums. Diese Regierungsschule erteilt die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienste.

Für die Kolonie von größter Bedeutung ist die Eröffnung der deutsche-chinesischen Hochschule, die am 25. Oktober 1909 stattfand. Hier wirkt die deutsche Regierung gemeinsam mit der chinesischen, und bereits hat ein Kaiserliches Edikt aus Peking vom Mai 1909 im Zusammenhang mit diesem Unternehmen verfügt, daß "für den Unterricht in fremden Sprachen auf allen mittleren Schulen des Reiches (natürlich auch in den höheren) Englisch und Deutsch als die wichtigsten Sprachen angesehen werden sollen."

Im übrigen zeigt sich das rege geistige Leben dieses ostasiatischen Schutzgebietes auch darin, daß in Tsingtau außer dem Amtsblatte eine wöchentlich und eine werktäglich erscheinende Zeitung bestehen. Von Bedeutung sind ferner für die Interessen dieses Gebietes auch die drei an anderen Plätzen Ostasiens in deutscher Sprache herausgegebenen Blätter.

Die eignen Einnahmen des Schutzgebiets Kiautschou, die 1908/09  2 366 000 Mark betrugen, sind ebenfalls in stetigem Steigen begriffen. Die Hauptposten werden im letzten Jahre durch die Einnahmen aus dem Betriebe der Werft und der Dockanlagen sowie aus dem Anteil an den Einnahmen des chinesischen Seezollamtes gebildet.

Quelle: Die Deutschen Kolonien, II. Das Südseegebiet und Kiautschou, von Prof. Dr. R. Dove, Göschen'sche Verlagshandlung 1911, von rado, © Jadu 2000.

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