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Deutschasien

An diesem Wettbewerb um den Verkehr mit China hat sich auch Deutschland beteiligt, das in neuerer Zeit ja auch als See- und Kolonialmacht mit allen Kräften in die Höhe strebt. Es hatte schon lange das Bedürfnis, seiner stetig wachsenden Industrie neue Absatzgebiete zu erschließen, und daher, da in China eine Gründung von Kolonien in der Art, wie die in Afrika und Ozeanien, nicht wohl möglich war, ein wohlberechtigtes Interesse daran, einen ähnlichen Stützpunkt zu finden, wie andere Mächte lange schon in China gesucht und gefunden hatten. Wie für diese, so kam es auch für das Deutsche Reich darauf an, einen Seehafen zu erwerben, der als ein solcher fester Stützpunkt für die deutsche Marine und als Eingangstor zu dem chinesischen Markte dienen konnte. Tientsin an Peihoflusse und Hangtschou am Janktsekiang, wo auch die deutschen Schiffe Zutritt gefunden hatten, eigneten sich nicht sonderlich für die Gründung eines Seehafens, und so warf man denn die Augen auf die Bucht von Kiautschou am Gelben Meer und begann 1897 die Verhandlungen deswegen mit allem Nachdruck zu betreiben. Das hatte nach der Gewohnheit der Chinesen, derartige Verhandlungen mit den Fremden durch tausenderlei Winkelzüge in die Länge zu ziehen, Jahre dauern können, ehe man zum Ziel kam. Da sollte aber ein trauriges Ereignis der Sache eine rasche und entscheidende Wendung geben: Chinesische Fanatiker hatten in ihrem Christenhaß mehrere deutsche Missionare ermordet, und nun forderte der deutsche Kaiser nicht allein die strengste Bestrafung der Übeltäter, sondern er ergriff auch die Gelegenheit, um die schwebenden Verhandlungen mit aller Energie zu einem schnellen Ende zu führen.

Die in den chinesischen Gewässern befindliche Kreuzerdivision erhielt Befehl, sofort die Bai von Kiautschou als Bürgschaft für die deutschen Forderungen zu besetzen. Dies geschah ohne alles Blutvergießen, und nun regelten sich die Sühneforderungen des deutschen Kaisers auch in Peking schnell. Der Hauptpunkt war die Überlassung des Gebietes von Kiautschou in Form eines Pachtvertrages, der im Eingang etwa folgenden Wortlaut hat:
"Die Kaiserliche chinesische Regierung, um den berechtigen Wunsch der deutschen Regierung zu erfüllen, ebenso wie andere Mächte in den ostasiatischen Gewässern einen Punkt zu besitzen, wo deutsche Schiffe ausgebessert und ausgerüstet, die Materialien und Vorräte dafür niedergelegt, sowie sonstige zugehörige Einrichtungen getroffen werden können, überläßt der deutschen Regierung pachtweise vorläufig auf neunundneunzig Jahre das auf beiden Seiten des Eingangs der Bai von Kiautschou in Südschantung gelegene, weiter unten näher bestimmte Gebiet dergestalt, daß es der deutschen Regierung frei steht, innerhalb dieses Gebietes alle nötigen Baulichkeiten und Anlagen zu errichten und die zu deren Schutze erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Außerdem verpflichtet sich die chinesische Regierung, in einer Zone von 50 km im Umkreise rings um die Bucht keine Maßnahmen oder Anordnungen ohne Zustimmung der deutschen Regierung zu treffen und insbesondere einer etwa notwendig werdenden Regulierung der Wasserläufe keine Hindernisse entgegen zu setzen."

Das Deutsche Reich erhielt also das Hoheitsrecht über das Pachtgebiet, außerdem mußte die chinesische Regierung den Bau einer Eisenbahn in die überaus reichen Kohlengebiete der Provinz Schantung und deren Ausbeutung durch deutsche Unternehmer gestatten, wie auch der Eisenbahngesellschaft mindestens ebenso günstige Bedingungen gewährt werden sollten, wie andern europäischchinesischen Gesellschaften.

Die Grenzen des Pachtgebietes umfassen die ganze Bucht von Kiautschou mit den Inseln und außerdem an den Seiten noch soviel Land, wie es deutscherseits aus militärischen Rücksichten für nötig erachtet wurde. Im Osten der Bucht erheben sich die bis 1000 m emporstrebenden Granitberge des Lauschangebirges, im Norden und Westen ist Ebene, aus der sich nur einzelne Berge erheben, im Süden wird sie von einer schmalen Landzunge mit etwa 200 m hohen Hügeln umschlossen. Das Klima entspricht etwa dem des nördlichen Italiens und ist für Deutsche gesund, und was die Hauptsache ist: die Bucht gewährt auch den größten Seeschiffen ungehinderten Zugang und friert im Winter niemals zu. Die Bedeutung Kiautschous für den Handel war von den Chinesen schön längst erkannt worden, daher auch die Zögerung, dasselbe in fremde Hände zu geben, und es kann nur eine Frage der Zeit sein, daß Kiautschou der Hauptstapelplatz des Handels nicht nur für die so überaus ertragreichen Provinz Schantung, sondern für die südlichen chinesischen Provinzen überhaupt sein wird.

Die entsetzlichen Wirren in China, welche zu den jüngsten europäischchinesischen Kriege führten, haben die deutsche Siedlung glücklicherweise wenig berührt, obgleich das Hinterland in der Provinz Schantung auch mit hineingezogen wurde. Diese Wirren brachten den Fremdenhaß der Chinesen zum blutigen Ausdruck, und ihn in die Tat umzusetzen und womöglich alle Fremden in China zu vernichten, war ja auch für die Mandarinen, welche bis dahin die alleinigen Kaufleute, die allein Besitzenden gewesen waren, eine Lebensfrage. Der sogenannte Boxeraufstand, von ihnen in jeder Weise geschürt und unterstützt, ergriff die ganze Bevölkerung, zu Hunderten, ja Tausenden wurden die Christen grausam ermordet, die Missionen und Kirchen zerstört. Auch die höchstgestellten Europäer waren keine Stunde mehr ihres Lebens sicher, und selbst die Gesandten der fremden Mächte, die in der ganzen Welt nach dem Völkerrecht für unverletzbar gelten, wurden in ihren Hotels von den fanatisierten Massen belagert und würden sämtlich der Volkswut erlegen sein, wenn nicht in letzter Stunde noch die europäischen Heere rechtzeitig eingetroffen wären. Nur der deutsche Gesandte und ein japanischer Gesandtschaftssekretär waren von Mörderhand gefallen. Das aber war die Veranlassung, daß sich Deutschland an die Spitze der kriegführenden Mächte stellte, denn es hatte Genugtuung für die schändliche, jeder Kultur hohnsprechende Ermordung seines Gesandten zu verlangen, und wie es in dem Telegramm des deutschen Kaisers an den chinesischen lautet: "Neben meinem ermordeten gesandten ist auch eine große Zahl von Brüdern christlichen Glaubens, Bischöfe, Missionare, Frauen und Kinder, vor den Thron Gottes getreten, die um ihres Glaubens willen, der auch der Meinige ist, unter Martern gewaltsam gestorben sind und als Ankläger Ew. Majestät erscheinen. Die Ratgeber des Thrones, die Beamten, auf deren Häuptern die Blutschuld des Verbrechens ruht, das alle christlichen Nationen mit Entsetzen erfüllt, müssen ihre Schandtat büßen, und wenn Ew. Majestät sie der verdienten Strafe zuzuführen, so will Ich dies als eine Sühne betrachten, die christlichen Nationen genügt."

Auf diese entsetzlichen chinesischen Wirren hier näher einzugehen, verbietet uns der Raum. Die von allen Mächten verlangte Sühne ist auch so streng ausgefallen, daß China schwerlich noch einmal den Versuch machen wird, das Land gegen die Fremden abzuschließen, und das Handel und Verkehr mit andern Völkern wohl für immer gesichert bleiben werden.

Die Bucht hat ihren Namen von der Stadt Kiautschou, die nicht unmittelbar an der Bucht, sondern tiefer drinnen im Lande liegt. Sie hat jedoch zweifellos früher einmal an der Bucht gelegen, ist aber durch die stetig zunehmenden Sandalablagerungen des Kiauflusses nach und nach vom Meere abgedrängt und zu einer Landstadt gemacht worden. Daraus allein geht schon hervor, daß es eine sehr alte Stadt sein muß, die allerdings von ihrer ehemaligen Bedeutung viel verloren hat, von den Chinesen aber heute noch für eine bedeutende Stadt angesehen wird. Nach unseren Begriffen würden wir den Ort einen mit hohen Ringmauern umgebenen Marktflecken nennen. Immerhin hat Kiautschou mancherlei bewahrt, was auf seine ehemalige Bedeutung schließen läßt.

Straße
Die Bucht

 

Der Handel mit dem Inlande ist noch immer sehr rege und die Industrie lebendig. In den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Landen, in denen die fleißigen Chinesen unter den Augen der Vorübergehenden Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, spinnen, weben, nageln, hämmern und vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein rastlos tätig sind.

Wichtiger für die Bucht von Kiautschou als diese Stadt ist ohne Frage das Dorf Tsingtau, auf einer kleinen Halbinsel gelegen, die sich von Nordosten nach Südwesten in die Bucht hinein erstreckt und diese in eine Vorbucht und eigentliche Bucht teilt. In der letzteren, wo hart an der Küste zwei kleine Inselchen eben noch aus dem Meere herausragen, ist ein Wellenbrecher zum Schutze gegen den winterlichen Nordostmonsun errichtet und der Hafen angelegt worden. Die Einfahrt in diesen Hafen ist ganz unabhängig von Ebbe und Flut, leicht und ungefährlich und kann zu jeder Tages- und Nachtstunde vor sich gehen. Die Wassertiefe ist eine derartige, daß die größten Schiffe der Welt an dem Bollwerk selbst anlegen können. Die ganze Bucht ist ringsum von Bergen eingeschlossen, sehr geschützt und dem gefährlichen Taifun der chinesischen Gewässer nicht ausgesetzt. Günstiger zur Anlegung eines Hafens dürfte an der ganzen chinesischen Küste nicht leicht ein Platz gefunden worden sein.

Dazu kommt aber noch ein anderes: das Hinterland von Kiautschou ist die reich gesegnete Provinz Schantung, die allgemein für einen der fruchtbarsten Teile des großen chinesischen Reiches gehalten wird. Sie liegt durchweg unter Kultur, und wo der Chinese Ackerbau treibt, da ist jedes Fleckchen Erde in der denkbar nutzbringendsten Weise verwertet. Abgesehen von den Kulturgewächsen, die China überhaupt liefert, gedeihen hier auch fast alle europäischen Früchte, an der Küste auch unsere Äpfel, Birnen, Kirchen und andere Obstarten. Und hier wird nicht einmal, sondern dreimal im Jahre geerntet. Auch mit Weinbergen hat man es schon versucht und, wie es scheint, nicht ohne Erfolg. Die nächste, im Innern der Provinz gelegene größere Handelsstadt, Weihsien, einer der Zentralpunkte des chinesischen Seidenhandels, ist nur hundert Kilometer von Kiautschou entfernt, und so kann es keinen Zweifel unterliegen, daß unser Deutschasien in China in absehbarer Zeit in der Handelswelt eine nicht unbedeutende Rolle spielen wird.

Quelle: Länder und Völkerkunde, Gustav A. Ritter, Verlagsdruckerei Merkur, 1904, von rado jadu 2000

Der Yihetuan-(»Boxer«-)Aufstand
Tsingtau - Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1897-1914
China–Seite
Die europäische Expansion und die Transformation der überseeischen Welt.
1900

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