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Deutsche Stadt im Reich der Mitte

von Rudolf Semler

Erlebnisse auf einer Fahrt nach Tsingtau

Von China konnte unser Erdkundelehrer besonders spannend erzählen. Da spielten Räuberbanden eine Rolle, Männer mit Zöpfen und Frauen mit künstlich verkrüppelten Füßen.
Einmal hat er einen alten Matrosen mit in die Stunde gebracht. Der spuckte nach jedem Satz auf den gescheuerten Boden des Schulzimmers wie auf Schiffsplanken. Er war früher Soldat bei der Schutztruppe von Kiautschou, erzählten vom Kaiser von China und hatte am rechten Arm eine große Narbe. Davon wußte er eine abenteuerliche Geschichte aus einer Opiumhöhle, die wir aber nicht ganz glaubten, weil der Lehrer uns nachher erklärte, was Seemannslatein sei.
Zehn Jahre später fuhren wir selber nach dem Reich der Mitte, um zu sehe, ob das alles stimmte.

Seit Monaten sind wir kreuz und quer durch China unterwegs. Im Süden durchstreiften wir tropische Wälder, im Norden, wo wir an der Chinesischen Mauer standen, war es wieder bitter kalt, und mit den wenigen chinesischen Brocken, die wir in Kanton lernten, verstand man uns in Peking mit keinem Wort. So groß ist dieses Riesenreich; zu groß, um straff regiert zu werden. Wir dachten an die Abenteuergeschichten, die uns der Seemann Jim erzählte, an häßliche Mordtaten chinesischer Banditen, Aber wir sind keinen Räuber begegnet, dagegen friedlichen Bauern und elenden Kulis, die knietief im Sumpf standen beim Pflanzen von Reis.

Einmal sind wir dem leibhaftigen Schrecken begegnet, als wir auf staubiger Landstraße einen grauenvollen Zug von chinesischen Flüchtlingen sahen. Ein ganzes Dorf, Frauen, Kinder, Männer und Greise waren mit ärmlicher Habe und ihren Betten auf Wagen und Rikschas vor den Fluten auf der Flucht. Das Hochwasser hatte ihre Gehöfte überschwemmt, viele aus dem Dorfe sind dabei ertrunken, und noch stand auf den gelben eckigen Gesichtern der Schrecken und die Angst.
Überschwemmungskatastrophen sind nicht selten in diesem Land. Flüsse ohne Ufer verwüsten riesige Gebiete und richten immer wieder namenloses Unheil an.

Wir sahen das Bild chinesischer Städte. Da war zunächst Hongkong: Hoch vom Berg, an den die Stadt gebettet liegt, überblickt man das kleine Eiland, duftig eingebettet zwischen grüne Inseln und Buchten, oft heimgesucht von wilden Taifunen. Merkwürdig und geheimnisvoll die schmalen, menschenvollen Gassen, ein Gewühl von schreienden Händlern und Menschen. Kulis keuchten mit schweren Lasten durch die Mittagshitze, es riecht nach Schmalz und Fischen, und vor schmutzigen Häusern schlafen hellichten Tages Menschen auf harten Pflaster. Abseits der Kontore und Villen herrschen Armut und Not. In Hafen liegen deutsche Schiffe, englische Kreuzer und elegante Jachten britischer Beamte.
Dann kommt die Handelsgroßstadt von Ostasien; Schanghai. Wolkenkratzer, Bankpaläste und Warenhäuser geben ihrem Europäerviertel das Gepräge. Aber neben Omnibussen, Autos und Straßenbahnen bewältigen Abertausende von Rilschakulis den Verkehr. Draußen am Rande der Stadt, wo das Chinesenviertel beginnt, hausen Millionen in kümmerlichen Hütten. Ihr leben spielt sich auf der Straße ab, wo man auf Fahnentücher die Geschäftsreklame schreibt und wo in einer engen Gasse selbst die Rikscha nicht mehr weiter kann, weil hier eine Hundeschlächterei ihr Handwerk treibt.
Friedlich und andächtig still ist es nur in den Tempeln, wo Buddha ewig lächelnd und mild auf buntfarbigem Altare thront...

In Schanghai kommen Scharen von Händlern an Bord unseres Schiffes, breiten Ihre Waren aus, feilschen und betrügen. Viel Kitsch wollen sie dem Fremden aufhängen, neben edlen Stücken chinesischer Kunst. Man redet ein merkwürdiges Kauderwelsch von Englisch und allen Sprachen der Welt: Pidgin-Englisch nennt man das.
Chinesische Schneider, Friseure und Schuhmacher steigen an Bord und bitten um Arbeit. Da fiel uns ein Schuster auf, denn er sprach fließend deutsch, stellte sich dem Kapitän vor und zeigte eine Karte:

 
Anton Müller (Tscheng-Fu)
Schuhmachermeister
 
Schanghai, früher Tsingtau
 

Das ein Chinese Müller hieß, war entschieden Komisch; wir mußten zuerst lachen, aber als "Herr Müller" seine Geschichte erzählte, wurden wir ernst, denn allen ging sie nahe, die sie hörten.
Müller war aus Tsingtau und hatte eine erbärmliche Jugend. 1898 kamen die Deutschen; damals war er 15 Jahre alt, zerlumpt und ohne Heim. Ein Jahr später kam er zu Schuster Müller, der eben in Tsingtau seine Werkstatt errichtet hatte, in die Lehre.
"Dort hatte ich's gut", sagte der Chinese und strich sich schmunzelnd und vielsagend über seinen Bauch. Er deutete auf seine zerschlissenen Hosen und wollte sagen, daß er damals mindestens ganze Stücke am Leibe trug.

Bis der Krieg den Deutschen Tsingtau nahm, hat er treu und brav bei Meister Müller als Geselle gedient. In den schlimmen Jahren des Krieges und der japanischen Besetzung zog er nach Schanghai, nahm den bürgerlichen Namen seines Meisters an, und heute lebt er von Gelegenheitsaufträgen auf deutschen Frachtern oder fristet ärmlich als Kuli sein Leben. Aber seine müden Augen leuchten froh, als er vom deutschen Tsingtau berichten darf und vom auskömmlichen Leben, das er dort führte.

Viele seiner Volksgenossen können das gleiche Los erzählen, und bei allen ist es das gleiche sehnsüchtige Erinnern. Die Chinesen sind anhänglich und treu, und sie denken gerne an die deutsche Zeit von Kiautschou.

An einem hellen Septembermorgen nimmt das Frachtschiff Kurs auf Tsingtau. Am Vortage war es noch windig gewesen, und in der Nacht hatte es geregnet. Nun lag die See spiegelglatt. Nur das Kielwasser zeichnete ein silbriges Band in das Blau. Chinesische Fischer lagen in dichten Schwärmen mit ihren Dschunken und Sampans zu Hunderten auf dem stillen Wasser. Ängstlich und aufgeregt stoben sie auseinander, wenn die Schiffssirene heulende Warnrufe ausstieß. Bedrohlich schaukelten ihre primitiven Boote an unserem Schiffsleib vorbei.

Am Horizont tauchten aus dem Blau grüne und gelbe Ränder auf: Land-- Tsingtau-- das heißt auf deutsch "die blaue Insel" - wächst ins Bild herein; selten erlebt man eine solch prächtige Hafeneinfahrt. Bizarre Felslandschaften wechseln mit anmutig weichen und sanftgeschwungenen Hügeln der vorgelagerten Inseln. Wie ein zartes Gemälde taucht jetzt Tsingtau aus dem Meer.
Man greift sich an den Kopf. Täuscht man sich denn? Wir sind in China, und doch ist da nichts von alledem, was wir in diesen Wochen und Monaten erlebten. Zweirote spitze Kirchtürme sehen herüber, zierliche Häuser mit roten Ziegeldächern malerisch am Strand und an den Hängen verteilt; ein eigenartiges heimeliges Gefühl durchrieselt einen warm. Das ist nichts Chinesisches, was wir hier durchs Fernglas sehen. Das könnte Blankenese sein oder Friedrichshafen am Bodensee. Ein romantisches deutsches Städtchen scheint das hier, dürftig gebettet in Licht und Farbe.

In dieser Freude mischt sich bitterer Schmerz. Viel deutsche Arbeit steckt in diesem Stückchen Erde. -- Dann kam der Krieg. Und andere nützen nun den Segen deutschen Schaffens.
Wir fahren in den Hafen. Da liegen amerikanische Kriegsschiffe; wir grüßen mit der Flagge wie es die Höflichkeit auf See gebietet. Die Schiffe der "Navy" haben ihre Heimat auf den Philippinen. Aber im Hochsommer fliehen sie die Gluthölle von Manila und kommen nach Tsingtau in die Sommerfrische; wie die vielen Badegäste, die aus ganz China an den berühmten Strand von Tsingtau pilgern.
Im Hafen, wo die Frachtschiffe anlegen, streckt ein riesiger Kran seine eisernen Arme in die Luft. Die Deutschen haben ihn als ein Wunderwerk vor dem Kriege gebaut; damals trug er 150 Tonnen. Heute steht er wie der schiefe Turm zu Pisa und leistet kaum die Hälfte von früher. Im Kriege umgelegt, stellten ihn die neuen Herren wieder auf - so wie er heute steht.

Kaum sind die Landemanöver beendet, da strömen wieder die Händler an Bord mit ihren Ballen. In den Kabinen und auf den Decks breiten sie ihre Waren aus: echte chinesische Seide. Tsingtau ist berühmt dafür. Stundenlang wird gefeilscht und gehandelt, Geld gewechselt und betrogen. Viele Händler sprechen Deutsch, bei anderen muß man sich mit Zeichensprache helfen. Für ein paar Pfennige kauft man prächtige chinesische Stickereien; aber der Zoll ist wohlweislich hoch, und hinter der verlockenden Kauflust sieht man in Gedanken einen Zollbeamten mit prüfenden Augen und einer grünen Uniform, die man nicht anlügen darf, oder der sonst schwere Geldstrafe quittiert.
Also läßt man die glitzernde Seide und freut sich am Anblick ihrer Pracht.

Marktplatz

Wir spazieren durch die Straßen der Stadt:
An der ersten Ecke hält uns einer an: "Hallo, wohin des Wegs?"
Also ein Deutscher.
Fern der Heimat schließt man schneller Freundschaft als zu Hause. Gerne folgen wir seine Einladung und besteigen zu einer Besichtigungsfahrt seinen Wagen. Seit vielen Jahren ist er nicht mehr in der Heimat gewesen; wir müssen ihm viel vom neuen Deutschland erzählen; er liebt es und ist begeistert, aber er kennt es nur vom Hörensagen. Abends sitzen wir mit ihm und anderen Deutschen am Lautsprecher im deutschen Gasthaus von Tsingtau. Der deutsche Kurzwellensender läßt uns ein Stück Parteitag miterleben. Es war wie daheim.
Und doch spürten wir in diesem feierlichen Augenblick: Man muß erst sein Vaterland hier draußen erleben, muß hier erst sehen, wie groß es ist, um es recht zu lieben und um auf es stolz zu sein.
In Tsingtau fällt dies ja nicht schwer. Man wandert durch die Straßen dieses Städtchens und wundert sich eigentlich, daß soviel Chinesen auf der Straße sind, daß Rikschakulis mit ihren Karren durch die Gasse traben; das alles paßt nur schlecht in diesen Rahmen, denn die Schulen und die Hotels, das Finanzamt und die Post, alles ist so deutsch wie in der Heimat, wie in jeder deutschen Stadt.

Wir schlendern durch eine Gartenstraße, sehen blumige Anlagen und deutsche Bürgerhäuser, sauber und einfach, mit Balkon und grünen Fensterläden. An einer Straßenecke entdecken wir auf einem vergessenen alten Emailleschild noch einen deutschen Straßennamen - sonst ist alles chinesisch geworden, sogar der verrostete Adler, der noch auf dem Fahnenmast eines öffentlichen Gebäudes thront, beschirmt jetzt die rote chinesische Flagge mit dem weißen Sonnenrad auf blauen Grund. gelegentlich noch ließt man verblichene deutsche Überschriften über Geschäften und Schaufenstern: "Schneidermeister" oder "Schlächterei" . -- Letze Reste....
Uns befällt ein trauriges Gefühl

Wie ein Grabgang ist es, als wir hinauswandern zu den alten deutschen Forts, wo eine heldenhafte Mannschaft gegen feindliche Übermacht schließlich erlag. Über grüne Hänge geht der Weg, durch wildes Gestrüpp und niedrige Wälder. Ganz nahe glänzt das Meer. Dann steht man plötzlich vor meterdicken Zementmauern, und aus den zerschossenen Forts ragen verbogenen Eisenteile. Geschützrohre, von Krupp in Essen gegossen, starren nach dem Meer. Efeu und Schlingpflanzen ranken friedlich um die eingemauerten Geschütze, die im Kriege deutsches Schutzgebiet zu retten suchten.- Geheimnisvoll und ernst ist so ein stummes, altes Geschütz, von dem man weiß, daß es einmal Feuer spie, um unsern Vätern und uns das Leben zu erhalten. So war es in Tsingtau, denn es ging ja um die letzte Kanone.
Die Fremdenindustrie hat jetzt bequeme Fußpfade nach den Forts angelegt und geschwätzige Photographen sind geschäftig dabei, ein "schönes Gruppenbild" vor einem Mörser aufzunehmen. Wir wehrten die aufdringlichen Störenfriede unwillig ab, denn für uns war es eine Heldenstätte, an der wir in Andacht still verweilen wollten.

Karte

Durch ein neuen Stadtteil wandern wir zurück; er ist im Entstehen, hier wird emsig gebaut. Zu unserem Verwundern erfahren wir, daß hier nach früheren deutschen Plänen und Bauvorhaben das alte Tsingtau erweitert werden soll. So wächst die Stadt und behält ihr deutsches Gesicht. Deutsche Giebelhäuser mit Erkern und kleinen Veranden stehen hier im Rohbau fertig in Reih und Glied. Trotz der Bitterkeit schlendert man mit Stolz durch die heutige Halbmillionenstadt, denn man weiß, daß dies fast alles deutsche Arbeit ist.

Zur Zeit der deutschen Besitzergreifung war Tsingtau ein kleines elendes Fischerdorf. Dann kam der deutsche Handel, und als der Krieg ausbrach, war Tsingtau eine saubere Stadt und gehörte zu den wichtigsten Handelsplätzen des fernen Ostens. Nicht nur Deutschland, auch China nahm an diesem Aufschwung teil. Heute legen wieder über hundert deutsche Schiffe jährlich in Tsingtau an.
Der Ladeoffizier unseres Frachters läßt uns ein Blick in seine farbige Liste tun. Da steht alles sauber aufgezeichnet, jeder Platz ist angegeben, wo die Ballen und Kisten in dem Riesenschiffsbau unterkommen. Ein blühender Handel geht heute wieder von Deutschland nach der ostasiatischen Küste. Da werden Kopra geladen, Häute und Öl, Erdnüsse, Talg und Stroh, und vieles andere noch.

Die Matrosen haben harte Arbeit auf See. Auch im Hafen. Darum verdienen sie es, daß sie abends in der Hafenkneipe manchmal lustig sind.
Wir tranken deutsches Bier, und die Seeleute erzählten. In einer Ecke schrie ein heiseres Grammophon schrille Laute. Ein paar Matrosen der amerikanischen Marine tanzten mit chinesischen Mädchen.
Als eine Pause eintrat, sangen wir deutsche Lieder. Den "Lindenbaum" und andere, die uns gerade einfielen. Am Nachbartisch wo die amerikanischen Matrosen saßen wurde es still. Ich schielte hinüber und erschrak. Der Blonde unter Ihnen hatte sich abgewandt, eine kleine Träne stand ihm im Auge. Die beiden anderen wiegten leise den Kopf im Takte. Vielleicht summten sie sogar mit.
Als wir wieder ein Lied anstimmten, begannen sie zaghaft zu singen, standen langsam auf und kamen zu unserem Tisch herüber. Allgemeines Staunen in unserer Runde: Amerikanische Seesoldaten singen deutsche Lieder. Da streckten sie uns plötzlich die Händen entgegen, und wir begrüßten Volksgenossen, als sie aus ihrem jungen Leben erzählten: In den elendsvollen Nachkriegsjahren gingen ihre Eltern nach "drüben", wurden amerikanische Staatsbürger und heute dienen ihre Söhne in der "US Navy".- Das Erlebnis war erschütternd für uns, aber es fügte sich ein in diesen Rahmen, in dem wir in diesen Tagen in Tsingtau so vielen deutschen Spuren nachgegangen waren.
Wir saßen noch lange an diesem Abend, sangen bis spät in die Nacht. Ein schmerzliches Bewußtsein mischte sich mit stolzem Gefühl: Deutsche finden sich in aller Welt.

Quelle: Deutsches Land in fernen Zonen, Wigand'sche Buchdruckerei 1939, von rado jadu 2000

 

Mole

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