
Deutsche Stadt im Reich der Mitte
von Rudolf Semler
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Erlebnisse auf einer Fahrt nach Tsingtau Von China konnte unser Erdkundelehrer besonders spannend
erzählen. Da spielten Räuberbanden eine Rolle, Männer
mit Zöpfen und Frauen mit künstlich verkrüppelten Füßen. Seit Monaten sind wir kreuz und quer durch China unterwegs. Im Süden durchstreiften wir tropische Wälder, im Norden, wo wir an der Chinesischen Mauer standen, war es wieder bitter kalt, und mit den wenigen chinesischen Brocken, die wir in Kanton lernten, verstand man uns in Peking mit keinem Wort. So groß ist dieses Riesenreich; zu groß, um straff regiert zu werden. Wir dachten an die Abenteuergeschichten, die uns der Seemann Jim erzählte, an häßliche Mordtaten chinesischer Banditen, Aber wir sind keinen Räuber begegnet, dagegen friedlichen Bauern und elenden Kulis, die knietief im Sumpf standen beim Pflanzen von Reis. Einmal sind wir dem leibhaftigen Schrecken begegnet,
als wir auf staubiger Landstraße einen grauenvollen Zug von
chinesischen Flüchtlingen sahen. Ein ganzes Dorf, Frauen, Kinder,
Männer und Greise waren mit ärmlicher Habe und ihren Betten
auf Wagen und Rikschas vor den Fluten auf der Flucht. Das Hochwasser
hatte ihre Gehöfte überschwemmt, viele aus dem Dorfe sind
dabei ertrunken, und noch stand auf den gelben eckigen Gesichtern
der Schrecken und die Angst. Wir sahen das Bild chinesischer Städte. Da war
zunächst Hongkong: Hoch vom Berg, an den die Stadt gebettet liegt,
überblickt man das kleine Eiland, duftig eingebettet zwischen
grüne Inseln und Buchten, oft heimgesucht von wilden Taifunen.
Merkwürdig und geheimnisvoll die schmalen, menschenvollen Gassen,
ein Gewühl von schreienden Händlern und Menschen. Kulis
keuchten mit schweren Lasten durch die Mittagshitze, es riecht nach
Schmalz und Fischen, und vor schmutzigen Häusern schlafen hellichten
Tages Menschen auf harten Pflaster. Abseits der Kontore und Villen
herrschen Armut und Not. In Hafen liegen deutsche Schiffe, englische
Kreuzer und elegante Jachten britischer Beamte. In Schanghai kommen Scharen von Händlern an Bord
unseres Schiffes, breiten Ihre Waren aus, feilschen und betrügen.
Viel Kitsch wollen sie dem Fremden aufhängen, neben edlen Stücken
chinesischer Kunst. Man redet ein merkwürdiges Kauderwelsch von
Englisch und allen Sprachen der Welt: Pidgin-Englisch nennt man das.
Das ein Chinese Müller hieß, war entschieden
Komisch; wir mußten zuerst lachen, aber als "Herr Müller"
seine Geschichte erzählte, wurden wir ernst, denn allen ging
sie nahe, die sie hörten. Viele seiner Volksgenossen können das gleiche Los erzählen, und bei allen ist es das gleiche sehnsüchtige Erinnern. Die Chinesen sind anhänglich und treu, und sie denken gerne an die deutsche Zeit von Kiautschou. An einem hellen Septembermorgen nimmt das Frachtschiff Kurs auf Tsingtau. Am Vortage war es noch windig gewesen, und in der Nacht hatte es geregnet. Nun lag die See spiegelglatt. Nur das Kielwasser zeichnete ein silbriges Band in das Blau. Chinesische Fischer lagen in dichten Schwärmen mit ihren Dschunken und Sampans zu Hunderten auf dem stillen Wasser. Ängstlich und aufgeregt stoben sie auseinander, wenn die Schiffssirene heulende Warnrufe ausstieß. Bedrohlich schaukelten ihre primitiven Boote an unserem Schiffsleib vorbei. Am Horizont tauchten aus dem Blau grüne und gelbe
Ränder auf: Land-- Tsingtau-- das heißt auf deutsch "die
blaue Insel" - wächst ins Bild herein; selten erlebt man
eine solch prächtige Hafeneinfahrt. Bizarre Felslandschaften
wechseln mit anmutig weichen und sanftgeschwungenen Hügeln der
vorgelagerten Inseln. Wie ein zartes Gemälde taucht jetzt Tsingtau
aus dem Meer. In dieser Freude mischt sich bitterer Schmerz. Viel
deutsche Arbeit steckt in diesem Stückchen Erde. -- Dann kam
der Krieg. Und andere nützen nun den Segen deutschen Schaffens. Kaum sind die Landemanöver beendet, da strömen
wieder die Händler an Bord mit ihren Ballen. In den Kabinen und
auf den Decks breiten sie ihre Waren aus: echte chinesische Seide.
Tsingtau ist berühmt dafür. Stundenlang wird gefeilscht
und gehandelt, Geld gewechselt und betrogen. Viele Händler sprechen
Deutsch, bei anderen muß man sich mit Zeichensprache helfen.
Für ein paar Pfennige kauft man prächtige chinesische Stickereien;
aber der Zoll ist wohlweislich hoch, und hinter der verlockenden Kauflust
sieht man in Gedanken einen Zollbeamten mit prüfenden Augen und
einer grünen Uniform, die man nicht anlügen darf, oder der
sonst schwere Geldstrafe quittiert. Wir spazieren durch die Straßen der Stadt: Wir schlendern durch eine Gartenstraße, sehen
blumige Anlagen und deutsche Bürgerhäuser, sauber und einfach,
mit Balkon und grünen Fensterläden. An einer Straßenecke
entdecken wir auf einem vergessenen alten Emailleschild noch einen
deutschen Straßennamen - sonst ist alles chinesisch geworden,
sogar der verrostete Adler, der noch auf dem Fahnenmast eines öffentlichen
Gebäudes thront, beschirmt jetzt die rote chinesische Flagge
mit dem weißen Sonnenrad auf blauen Grund. gelegentlich noch
ließt man verblichene deutsche Überschriften über
Geschäften und Schaufenstern: "Schneidermeister" oder
"Schlächterei" . -- Letze Reste.... Wie ein Grabgang ist es, als wir hinauswandern zu den
alten deutschen Forts, wo eine heldenhafte Mannschaft gegen feindliche
Übermacht schließlich erlag. Über grüne Hänge
geht der Weg, durch wildes Gestrüpp und niedrige Wälder.
Ganz nahe glänzt das Meer. Dann steht man plötzlich vor
meterdicken Zementmauern, und aus den zerschossenen Forts ragen verbogenen
Eisenteile. Geschützrohre, von Krupp in Essen gegossen, starren
nach dem Meer. Efeu und Schlingpflanzen ranken friedlich um die eingemauerten
Geschütze, die im Kriege deutsches Schutzgebiet zu retten suchten.-
Geheimnisvoll und ernst ist so ein stummes, altes Geschütz, von
dem man weiß, daß es einmal Feuer spie, um unsern Vätern
und uns das Leben zu erhalten. So war es in Tsingtau, denn es ging
ja um die letzte Kanone. Durch ein neuen Stadtteil wandern wir zurück; er ist im Entstehen, hier wird emsig gebaut. Zu unserem Verwundern erfahren wir, daß hier nach früheren deutschen Plänen und Bauvorhaben das alte Tsingtau erweitert werden soll. So wächst die Stadt und behält ihr deutsches Gesicht. Deutsche Giebelhäuser mit Erkern und kleinen Veranden stehen hier im Rohbau fertig in Reih und Glied. Trotz der Bitterkeit schlendert man mit Stolz durch die heutige Halbmillionenstadt, denn man weiß, daß dies fast alles deutsche Arbeit ist. Zur Zeit der deutschen Besitzergreifung war Tsingtau
ein kleines elendes Fischerdorf. Dann kam der deutsche Handel, und
als der Krieg ausbrach, war Tsingtau eine saubere Stadt und gehörte
zu den wichtigsten Handelsplätzen des fernen Ostens. Nicht nur
Deutschland, auch China nahm an diesem Aufschwung teil. Heute legen
wieder über hundert deutsche Schiffe jährlich in Tsingtau
an. Die Matrosen haben harte Arbeit auf See. Auch im Hafen.
Darum verdienen sie es, daß sie abends in der Hafenkneipe manchmal
lustig sind. |