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Im Kampfe mit den Drachensöhnen.

Szene

Erzählt von U. Reulecke.

Mit großem Jubel war von uns Mitte Juni 1900 die Nachricht aufgenommen worden, daß zwei Kompanien von unserm dritten Seebataillon, das bekanntlich in Kiautschou lag, den Befehl erhalten hatten, nach Tientsin abzugehen, um im Verein mit anderen Truppenteilen anderer Mächte den von den Boxern bedrängten Fremden dieser Stadt Rettung zu bringen. Bei uns in Tsintau war alles ruhig. Wir konnten also entbehrt werden.

Mit Neid sahen unsere zurückbleibenden Kameraden, wie wir vom kleinen Kreuzer Irene an Bord genommen wurden und, nachdem der Anker gelichtet, an der Küste entlang unter Volldampf davongingen. Die beiden Kompanien wurden von Major Christ selbst geführt. Die, bei der ich stand, befehligte Hauptmann Gené, die andere Hauptmann Knobelsdorff.

Die Meerfahrt verlief ohne Unfall. Bereits am 21. Juni am frühen Morgen trafen wir auf der Taku-Rede ein. Vier Tage vorher waren die Takuforts genommen worden, wobei das Deutsch Kanonenboot Iltis sich so hervorragende Lorbeeren erworben hatte. Die zerschossenen Gebäude der sonst achtunggebietenden Befestigung boten einen kläglichen Anblick. In regungsloser Majestät aber lagen die siegreichen Schiffskolosse der fremden Mächte auf der Rede vor Anker.

Ganz ohne Aufenthalt wurde sogleich unsere Ausschiffung vorgenommen. Wir wurden in Flußkähne verladen und von dem kaum aus der Heimat eingetroffenen Kanonenboote Jaguar den Peiho, der hier mündet, aufwärts geschleppt.

Gegen Abend gelangten wir nach Tongku. Hier herrschte reges Leben. Die Bewohner zwar waren meist geflüchtet, aber wir trafen dort auf ein ansehnliches Landungskorps, das in der Hauptsache aus Russen bestand und vom russischen General Stößel befehligt wurde, demselben, dessen Ruhm später um russisch-japanischen Kriege durch seine fehlerhafte Verteidigung von Port Arthur so kläglich in die Brüche ging. Auch wir wurden seinem Befehl unterstellt und verstärkten das etwa 2000 Mann starke Korps um 240 Mann; denn jede unsrer beiden Kompanien zählte 120 wohlausgebildete Krieger.

In der Nacht wurde biwakiert und am anderen Morgen gleich beim ersten Tagesgrauen alarmiert, so daß wir nicht einmal Zeit zum Abkochen behielten und uns nach etwas reeller Speise umsehen konnten. Den ganzen Tag blieben wir so auf die kläglichen Schiffszwiebackreste angewiesen, die die meisten von uns noch im Brotbeutel hatten.

Der Feind hatte sich vor uns in der Richtung auf Tientsin gezeigt. Wir Deutschen, wie immer einer dem anderen voran, wenn es gilt, dem Gegner auf die Nähe zu gehen, waren sogleich im vordersten Treffen, und da hatten wir denn die Söhne des Himmels zum ersten Male nahe genug gegenüber, um nicht bloß ihre schlotterigen Uniformkittel zu erkennen, sondern auch den roten, vollmondförmigen Tuchfleck, den sie, mit ihren unkennbaren Hieroglyphenbuchstaben bestickt, auf Brust und Rücken trugen, ein untrügliches Kennzeichen, daß wir es nicht mit revoltierenden Boxern, sondern mit regulären Regierungstruppen zu tun hatten.

Sie waren in geringer Stärke erschienen, wahrscheinlich nur vorgesandt, um zu erkunden, ob unser Korps den den chinesischen Streitkräften in und um Tientsin gewachsen sei. Darum hielten sie auch nicht lange stand, sondern gaben Fersengeld, nachdem wir kaum ein paar Salven abgegeben. Wir zur Verfolgung hoch und im Laufschritt hinterher. Links neben uns gingen unter wildem Rossegewieher, starkem Waffengerassel und dumpfem Hufschlag eine Anzahl bengalischer Lanzenreiter vor. In ihrem mächtigen, bunten Turbanen, die den ganzen Schädel samt Ohren, Stirn und Hinterkopf verhüllten und nur das braune, schwarzbärtige Gesicht von den wildblickenden Augen an frei ließen, sahen sie gefährlich genug aus.

Die Verfolgung artete bald in eine wilde Hetzjagd aus, und die staunenswerten Leistungen der chinesischen Vaterlandsverteidiger im Laufen rissen uns in der Tat zur Verwunderung hin. Das waren ja die reinen Schnelläufer. Wer sollte da mitkommen?

Bald waren wir daher die Fühlung mit dem Feinde völlig verloren. Aber wir blieben im Marsche, da das Hauptkorps uns sogleich gefolgt war. Verluste hatten wir nicht zu verzeichnen gehabt. Dagegen waren in Folge unseres Feuers von den Herren Chinesen eine ganze Zahl liegen geblieben.

Es begann mit der Zeit sehr heiß zu werden, und die Hitze wurde zuletzt so glühend, daß wir kaum noch zu atmen vermochten und der Schweiß uns stromweise die Backen herabrann. Oft mußte daher halbe oder ganze Stunden lang ausgeruht werden. Hunger und Durst fingen an, uns zu plagen, und die Erschöpfung war bereits aufs höchste gestiegen, als wir endlich ein Dorf erreichten. Zwar war es von Menschen und Vieh verlassen, aber wir konnten wenigstens unsern Durst löschen, und nachher aßen wir die letzten paar Zwiebäcke, die wir noch in den Beuteln hatten.

Doch schon in den ersten Nachmittagsstunden wurde wieder aufgebrochen. Auch jetzt wieder unerhörte Strapazen. Die Widerwärtigkeiten aufs höchste zu steigern, erhob sich ein heftiger Sandsturm, der uns mit Sand förmlich überschüttete, so daß wir beständig in einer Wolke eingehüllt gingen. Glücklicherweise hatten wir als einzigen Offizier außer dem Hauptmann einen Leutnant bei uns, der niemals den Humor verlor und uns immer wieder zu ermuntern verstand.

Noch sehe ich vor mir, den Leutnant Friedrich in seiner schönen, kraftvollen Gestalt und den regelmäßigen Gesichtszügen mit dem keck aufgewirbelten dunkeln Schnurrbärtchen umwogt, uns munter zurief:
"Kerls, seid froh, daß ihr mal Sand in die Augen gestreut kriegt. Durch´n Schleier schaut sich das Leben viel besser an."

Doch alles im Leben nimmt schließlich mal ein Ende, und so langten wir endlich am Abend des 22. vor Tientsin an, mit Jubel begrüßt von den bereits dort im Biwak lagernden Entsatztruppen, die aus aller Herren Länder zusammengetrommelt worden waren. Da waren Engländer, Amerikaner, Japaner, Franzosen, eine Handvoll Österreicher und auch bereits Mannschaften von unserm dritten Seebataillon, im ganzen etwa in der gleichen Stärke wie unsere ankommende Kolonne. General Stößel übernahm über alle die Führung.

Wir verlangten zunächst zu essen. Aber da war guter Rat teuer. Es hieß einfach den Bauchgurt enger schnallen und dann sich im Biwak zur Ruhe legen. Das wir nach den schweren Anstrengungen bald alle im tiefen Schlafe lagen, ist kaum nötig zu sagen.

Die verschiedenen Hornsignale weckten uns am anderen Morgen. Eben erhob sich der glühende Sonnenball über den Horizont. Die Gegend dort ist ganz reizlos. Eine Sandbüchse, bei weitem schlimmer als unsere Mark Brandenburg, wo doch oft genug den Wanderer in ihren kühlen Schatten aufnehmen. Aber doch war es ein eigenartig fesselnder Anblick, die Riesenstadt Tientsin vor uns mit ihrem unübersehbaren Gewirr von geschweiften und bemalten Giebeln, aus denen eine Anzahl Schlote und Pagodentürme emporragten, vom ersten Sonnenglanze überstrahlt zu sehen.

Leicht war übrigens zu begreifen, daß es für unsere kaum 5 000 Mann starke Kolonne schwer sein würde, die Stadt zu stürmen. Der Feind sollte 20 000 Mann stark sein, wovon unter General Nieh 8 000 Mann regulärer, gut geübter Truppen. Doch das mochte noch hingehen. Allein wie mit dem bloßen Auge wahrzunehmen war, abgesehen von einer wenig gefährlichen Lehmmauer, ein Kranz ziemlich stark erscheinender Außenforts die Stadt, Schanzen, die auch einer viel stärkeren Macht zu schaffen gemacht haben würden.

Das durfte uns indessen nicht abhalten, den Kampf für die Rettung der schwer gefährdete Fremden der Stadt zu wagen.

Es wurde auch keine Zeit verloren. Ohne das man uns erlaubte zu requirieren und uns etwas für den heftig knurrenden Magen zu suchen, wurde früh um vier Uhr die vom General Stößel befohlene Schlachtstellung eingenommen. Um fünf Uhr begann das Vorrücken. Wir standen auf dem äußersten linken Flügel, jedoch zunächst nicht in der vordersten Linie.

Links neben uns, noch ein paar hundert Meter entfernt, streckte sich der Eisenbahndamm entlang. Rechts davon ging es also vorwärts, und es entbrannte vor uns bald ein heftiger Kampf. Wir konnten die befestigten Lager des Feindes deutlich erkennen, aus denen ein rollendes Feuer auf uns eröffnet wurde. Da von unserer Seite kräftig erwidert wurde, so war das Krachen jetzt schon fürchterlich genug. Ab und zu flog eine Granate oder eine pfeifende Gewehrkugel über uns weg.

Das dauerte vielleicht eine Stunde. Die Unseren vor uns hatten nur wenig Terrain gewonnen. Auf einmal gab es vorn eine Rechtsschwenkung, und da wurde Platz vor uns. Wir rückten in das vorderste Treffen. Neben uns eine Kompanie Russen. Jetzt, da wir vorn waren, blieben wir in beständigem Vorrücken auf die feindlichen Linien. Da sahen wir hinter einem Erdwalle, auf dem Boden ausgestreckt, in nicht allzugroßer Entfernung vor uns liegen und heftig feuern. Aber die Kerls trafen nichts. Ein Hagelschauer von Kugeln pfiff wie eine Windsbraut über uns weg; doch niemand wurde getroffen.

Während unseres Vorrückens gesellten sich auf einmal Amerikaner zu uns. Wohl an zweihundert. Sie wurden von uns und den Russen in die Mitte genommen. Plötzlich Maschinengewehrfeuer. Wie dieses rasselnde Geräusch das Flintenfeuer und den Kanonendonner durchdrang! Die Amerikaner wollten sogleich haltmachen. Aber unser Hauptmann ließ hinter ihnen unsern letzten Zug ausschwärmen, und nun mußten sie mit. Der Russe ging freiwillig.

Das wilde Schießen der Herren Chinesen irritierte uns nicht im geringsten. Ohne uns einmal niederzulegen, blieben wir im Vorrücken. Unser Hauptmann und Leutnant Friedrich gaben das beste Beispiel. Die Herren Zopfträger trafen nicht einen von uns, und als wir nahe heran waren, liefen sie mit der bereits erprobten unnachahmlichen Geschwindigkeit davon. Wir unter lautem Hurra hinterher. Plötzlich ein fürchterlicher Knall, daß die Erde unter uns schütterte. Wir sahen Steine und Staub in die Luft fliegen. Aber ohne Aufenthalt weiter!

Da stehen wir an dem breiten Flusse, dem Peiho, an dem Tientsin liegt. Die Chinesen sind über die Eisenbahnbrücke geflohen und haben diese — daher der gewaltige Knall! — in die Luft gesprengt, noch ehe wir herankamen.

Doch nur kein langes Besinnen! Hinüber müssen wir. Nur die Russen sind noch neben uns, die Amerikaner aber, als das Ausreißen der Feinde und unsere Verfolgung begann, doch zurückgeblieben.

Das eiserne Brückengeländer steht noch. Und schon sehen wir unsern Hauptmann daran entlang turnen. Er ruft, daß wir ihm folgen sollen, und sofort klimmt ihm auch der erste Zug nach. Da hören wir andern den Leutnant Friedrich schreien:
"Das dauert zu lange. Mir nach, Leute, ins Wasser! So ein Bad wird uns guttun."

Also hinein in die schmutzigen Fluten des Peiho. Er war stellenweise tief, und wir mußten schwimmen. Aber wohlbehalten, wenngleich triefend, kamen wir alle hinüber. Kaum waren wir am Ufer angelangt, als jenseits, wo wir eben noch gestanden, eine Flattermine losging, die viele Russen verletzte. Die Russen waren uns nämlich nicht gefolgt, und wir, eine Kompanie Deutsche von hundertzwanzig Mann, standen jetzt ganz allein gegen eine ungeheure Überzahl von Feinden.

Vor uns, kaum einen Kilometer entfernt, ein mit breiten Gräben und hohen, schartigen Mauern stark befestigtes feindliches Lager, in das sich augenscheinlich alle die flüchtigen Chinamänner gerettet hatten. Und wir paar Deutsche sollen das allein angreifen, sollen den ganzen Feind auf uns ziehen. So lautet des russischen Generals Befehl, den eine Ordonnanz, am Brückengeländer entlang kletternd, über den Fluß gebracht hat. General Stößel hat eingesehen, daß der Angriff rechts der Bahn zu gewagt ist. Er will nun links von der Bahn die Stadt zu stürmen suchen. Und wir sollen diese Bewegung decken.

In weit ausgeschwärmter Linie läßt uns der Hauptmann noch vierhundert Meter vorgehen. Dann bleibt nichts übrig, als sich langausgestreckt mitten in den Sand zu Boden zu werfen und liegend zu feuern. Nirgends eine Deckung; kein Baum oder Strauch, kein Graben, nicht einmal eine Ackerfurche ist zu sehen.

Hinter den Schießscharten werden einige Köpfe sichtbar, und wir beginnen das Feuer, nachdem der Hauptmann zusammen mit dem Feldwebel die Entfernung erschossen. Und da geht denn plötzlich ein Unwetter auf uns nieder, wie es fürchterlicher kaum zu denken ist. Die Kugel sausen heran wie ein Hagelschauer in ein Kornfeld. Und diesmal schlagen sie nicht etwa alle vor uns ein oder gehen über uns hin. Es sind leider nur zu viele Treffer darunter. Alle Augenblicke hört man einen Verwundeten aufschreien.

Fürchterliche Lage! Wir alle scheinen dem sicheren Tode geweiht. Nirgends eine Deckung vor den hageldicht um uns herum einschlagenden Geschossen. Notwendig muß der Feind die Entfernung vorher abgesteckt haben; sonst hätte eine solche unheimliche Genauigkeit, zumal von Chinesen, nicht erreicht werden können.

Und doch heißt es aushalten. Unser Hauptmann hat schon eine viertel Stunde nach Beginn dieses ungleichen Feuerkampfes einen der Unsern mit Meldung zurück über den Fluß zum General gesandt. Er läßt dieselbe Meldung von unserer verzweifelten Lage durch denselben Mann noch zweimal wiederholen. Aber immer wieder die selben Verlangen: aushalten!

Das geschah denn auch. Indes jeder von uns hatte schließlich wohl das Gefühl: hier stehst du vor deinem Ende, im nächsten Augenblicke hast du deine Kugel weg. Und dieses Gefühl erzeugte in uns eine fatalistische Gleichgültigkeit. Mochte kommen was wollte. Wir waren Gott eine Tod schuldig. Ein Stoßgebetlein um Erhaltung hat indes doch wohl mancher von uns zum Himmel geschickt.

Wir feuerten nicht unausgesetzt wie der Feind. Wozu auch gegen Wälle und Steinmauern unnütz Patronen verpulvern. Nur wenn sich Chinesenköpfe an den Schießscharten blickten ließen, oder wenn sich das Jammern unserer Verwundeten gar zu sehr bemerklich machte, ließ der Hauptmann Salven- oder Schnellfeuer abgeben. Auf den Zuruf des Hauptmanns begannen übrigens die Verwundeten schließlich ihren Schmerz zu verbeißen. Ihr Schreien, das in der Tat einen recht niederschlagenden Eindruck auf uns noch unverwundete machte, ward kaum noch gehört.

Großartig verhielten sich unsere Offiziere. Unser Hauptmann zeigte ein klassische Ruhe, von der unwillkürlich auch auf uns etwas überging. Mehrfach schritt er unter heftigsten Feuer die ganze Front ab, und stets hielt er sich in der Mitte auf, wo die feindlichen Kugeln am dichtesten fielen. Und Leutnant Friedrich — ach, wenn ich an unsern lieben, unglücklichen Leutnant denke. Noch jetzt wird mir das Auge feucht, und ich schäme mich dessen nicht. Gleich nach Beginn des Gefechtes fiel er. Völlig aufrecht hatte er vor seinem Zuge gestanden und der Humor verließ ihn auch jetzt nicht. Lebenslang wird mir im Gedächtnisse bleiben, wie er mit blitzender Klinge spöttisch nach der verderblichen Schanze hinüberdrohte und dabei ausrief:
"Schlitzäugige Kerle, sind wir erst drin bei euch, hängen wir euch an euern Zöpfen auf:"

Da traf ihn das tödliche Blei, und taumelnd sank er nieder. Mit seinem Blute färbte er den Sand. Er war nicht gleich tot. Etwa zwanzig Minuten lebte er noch. Ich lag in seiner Nähe, und da ich noch etwas Wasser in der Feldflasche hatte, sucht ich ihm dies einzuflößen. Aber man merkte gleich, daß es mit ihm zu Ende ging. Er röchelte nur noch schwach; schwer hob sich manchmal seine Brust. Doch bald hatte er den letzten Seufzer getan. Der Hauptmann ging zu dem Gefallenen, drückte ihm die Augen zu und nahm ihm Ring und Schärpe ab.

Das blühende, frische Leben so enden zu müssen! Es war zu traurig und ging uns allen nahe.

Eine Stunde wohl hatten wir die Stellung gehalten. Da schritt Hauptmann Gené noch einmal die Linie ab, besah sich die Toten und befahl dann, die Verwundeten aufzunehmen und abzurücken.

Es wäre die größte Heuchelei, wenn ich sagen wollte, daß einer unter uns war, der diesen Befehl ungern befolgte. Er klang im Gegenteil allen wie eine Erlösung. Wir ließen neun Tote zurück, und fünfundzwanzig Verwundete mußten getragen werden. Unser heldenmütiger und edler Hauptmann nahm deren zwei; aber es sprangen ihm sofort zwei Leute vom ersten Zuge bei, die ihm tragen halfen. Auch ich trug mit einem Kameraden zusammen einen armen Zerschossenen, der eine gefährlich Kugel im Unterleibe hatte und besinnungslos war. Er ist später im Lazarett gestorben.

Das Feuer des Feindes verdoppelte sich an Heftigkeit, als wir die Stellung zu räumen begannen. Trotzdem beeilten wir uns nicht allzusehr, sondern gingen gemächlich zurück. Der Transport der Verwundeten über den Fluß war nicht leicht, wurde jedoch glücklich bewerkstelligt.

Als wir am anderen Ufer bei den Russen ankamen, wurden wir sehr ehrenvoll empfangen. Der General ließ all seine Truppen Front machen, Hurra rufen und präsentieren. Na, unverdient ist und sie Ehrung wohl nicht zuteil geworden.

Noch an demselben Tage wurde das Fremdenviertel der Stadt aus der chinesischen Umzingelung befreit. Aber noch viele Tage dauerte es, bis es gelang, den Feind auch aus der Chinesenstadt zu vertreiben, ja eine Zeitlang schien es sogar, als ob er die Oberhand behalten würde. Erst nachdem erhebliche Verstärkungen eingetroffen waren, wurde am 14. Juli 1900 die ganze Stadt eingenommen und die feindliche Macht endgültig geworfen.

Unsere Kompanie hatte sich an all den Kämpfen noch lebhaft beteiligt, glücklicherweise jedoch ohne noch einmal auf eine so harte Probe gestellt zu werden wie am Morgen des 23. Juni.

Quelle: August Scherl Verlag Berlin 1926; © Thomas Trommer; JADU