zurück

Leben der Europäer in Tsingtau

Währende der langen Seereise von Deutschland nach Chinas Küste hat man Muße genug, sich das neue Leben, dem man mit Volldampf entgegeneilt, in den verschiedensten Farben von fröhlichsten Hoffnungsgrün bis zum eintönigen Grau auszumalen. Im allgemeinen glaubt man, daß in der jungen deutschen Kolonie Ansprüche an Anpassungs- und Entbehrungsfähigkeit gestellt werden, denen man nur mit viel Aufwand von Mut und Entsagung genügen kann, und halb Held, halb Märtyrer sich fühlend, wagt man den großen Schritt.

Hier angelangt, ist man jedoch bald angenehm enttäuscht. Tsingtau ist eben eine deutsche Stadt, die uns schon beim ersten erwartungsvollen Blick, den wir vom Schiffe aus zu ihr hinaufsehend, heimatlich anmutet; mit ihren freundlichen hellgestrichenen, rotbedachten Häusern, ihren breiten Straßen unterscheidet sie sich in erfreulichster Weise von allen anderen Häfen Ostasiens. Und wie bald fühlt man sich heimisch hier; ja von vielen wird sogar behauptet, man lebe hier besser als zu Hause, nämlich freier, fröhlicher und genußfroher; und die Briefe, die in der ersten Zeit des hiesigen Aufenthalts an alle gesandt werden, deren liebende Sorge und hinausbegleitet hat, singen der deutschen Kolonie begeisterte Loblieder. Wir wohnen hier in gut gebauten massiven Häusern, die villenartig von Gärten umgeben, modern ausgestattet und teils auch mit Wasserleitung und elektrischem Licht versorgt sind, haben geräumige, hohe Zimmer, die man mit geringem Kostenaufwand mit prächtigen Palmen, Bananen und anderen Blattpflanzen schmücken kann. Wer seine Möbel nicht mitgebracht hat, kann sich mit hübschen, leichten Korbmöbeln, die man unterwegs in Hongkong oder Schanghai ersteht, seine Zimmer einrichten. Dieselben haben den Vorzug, in der Regenzeit nichtdumpfige Gerüche anzunehmen, wie sie den europäischen Polstermöbeln hier trotz aller hausfraulichen Fürsorge nur allzu leicht anhaften.

Abgesehen von der recht unangenehmen sechswöchentlichen Regenperiode, in der man täglich darauf bedacht sein muß, Kleider, Lederwaren, Teppiche, Bücher und Bilder vor dem Schimmel, dem nichts heilig ist, zu schützen, ist das Schreckgespenst der heißen Zeit in der Nähe betrachtet auch nicht gar so fürchterlich. Die Mode gestattet allen, auch den Herren, leichte, weiße Anzüge, und dann haben wir ja unsern Badestrand, wo fast stets eine frische Brise die Luft erquickend kühlt und die See zu luftigem Wellenschlag kräuselt. Dann ruht man nach erfrischendem salzigen Bade auf der Veranda seiner Badehütte und schaut auf das tiefblaue Meer mit seinen rötlich schimmernden Felseninseln nah und fern und lauscht den Tönen der Strandmusik, die unsere Kapelle des dritten Seebataillons von einem der Pavillons her in meisterhafter Ausführung herübersendet. Und vor uns im Seesande spielen die Kinder mit Schaufel und Eimer das ewig reizvolle Spiel, unermüdlich wie ein Volk von Zwergen bauen sie an ihrer schnell vergänglichen Welt. Überhaupt ist's für die Jugend hier besonders schön. Das Klima gestattet während des ganzen Jahres mit Ausnahme weniger Sturm- und Regentage täglich Aufenthalt im Freien. Garten, Feld, Wiese, Strand und Berge, das ganze Zauberland der kleinen Welt ist hier jedem geöffnet, man braucht nicht erst zu suchen, es ist da, überall, wohin man blickt. Gefahren gibst nicht ringsumher, wilde Tiere leben hier nicht und die Chinesen lieben die Kinder; nie würde einer ihnen etwas zu leide tun. So genießt hier die Jugend eine wahrhaft beneidenswerte Freiheit, ohne indessen die Vorteile der Großstadt, namentlich eine gute Schule, entbehren zu müssen. Und selbst der Weg zur Schule wird ihnen zur Freude, lustig traben sie auf ihren kleinen Eseln und munteren Ponys dahin.

Auch für die Erwachsenen bedeutet die Natur hier mehr, viel mehr als für die meisten, die daheim in ähnlichen sozialen und finanziellen Verhältnissen in größeren Städten wohnen. Man braucht weder zu reisen, noch weit zu wandern, um die Natur zu genießen, man lebt in ihr und mit ihr. Wann entflieht man z.B. dem Berliner Häusermeer weit genug, um einen Sonnenuntergang zu beobachten? Hier können wir allabendlich seine Pracht bewundern; über Berge und Meer ergießt die sinkende Sonne Farben, die weder Worte noch Pinsel wiederzugeben vermögen, bald von ungeahnter intensiver Glut, bald in träumerisch zarten, weichen Tönen.

Auch die Berge in der Nähe von Tsingtau sind leicht erreichbar; da hier Pferde bedeutend billiger sind als in Deutschland (M. 100-120), wird hier viel mehr geritten, besonders auch von den Damen, und ein flinker Pony trägt uns in einigen Stunden zum Lauschan hinauf, wo inmitten von Hochgebirgs- Formationen eine köstliche Luft uns umweht, und das vor kurzem eröffnete Genesungsheim "Mecklenburghaus" bequeme Unterkunft und ausgezeichnete Verpflegung gewährt. Schon viele deutsche Kolonisten haben in diesem Herbst nach anstrengender Berufsarbeit dort Erholung gefunden. Für eintägige Partien und besonders für Nichtreiter bilden die Prinz Heinrich-Berge ein beliebtes Ausflugsziel. Auf der Rickschah, dem zweirädrigen Wagen des Ostens, der von zwei Kulis fortbewegt, gelangt man bald an den Fuß der Berge, wo in den schattigen, hundertjährigen Bäumen eines Tempelhaines der Kuckuck heimatlich vertraut seinen Ruf erklingen läßt und kleine Bäche vom Fels zu Felsen hüpfen. Abends wird dann unter freiem Himmel beim Licht des Mondes und dem Schein chinesischer Papierlaternen das mitgebrachte Mahl verzehrt, das der natürlich ebenfalls mitgenommene Boy in stummen Staunen über den europäischen Appetit tadellos serviert. Über die chinesische Bedienung im allgemeinen sind die Urteile sehr verschieden, und jeder macht hier wie daheim seine eigene Erfahrungen. Auch hier gibt es unredliche, unsaubere, faule und dumme Dienstboten; meistens sind sie indessen bescheiden, willig und zu jeder häuslichen Verrichtung intelligent genug. Freilich haben die hier einheimischen Schantung- Chinesen wenig Verständnis für europäische Bedürfnisse, und wenn man Leute hat, die von der Kultur des Westens noch unberührt sind, so ist es die erste Aufgabe, sie mit unseren Begriffen von Reinlichkeit vertraut zu machen, was wegen der Schwierigkeit der Verständigung oft sehr mühsam ist und zu den unangenehmsten Überraschungen führen kann. Kann die Hausfrau erst etwas chinesisch sprechen, und der Boy etwas deutsch, was meistens schneller zu beobachten ist, so gestaltet sich der Wirtschaftsbetrieb leichter; wie ja überhaupt diese Verhältnisse naturgemäß von Jahr zu Jahr besser werden. Zur Zeit ist es indessen für eine große Familie mit kleinen Kindern dringend zu empfehlen, eine europäische Bedienung mitzubringen. Wo das unmöglich ist, werden statt der Schantung-Chinesen solche aus Schanghai oder Hongkong bevorzugt, die für intelligenter gelten und durch ihre Kenntnis des Englischen leichter angelernt werden können. Freilich sind sie bei weitem teurer; ein Schantung-Boy fordert M. 20-28, ein Südchinese M 50. monatlich. Dazu kommt noch, daß letztere gewöhnlich nur bei Tisch bedienen, Gäste empfangen und höchstens noch Staubwischen will, für andere Hausarbeiten, die ihm minderwertig erscheinen, mehrere Kulis verlangt. Oft auch geht mit seinen gewandteren Manieren eine rechtgewandte Ausübung kleinerer Unterschlagungen und Bereicherung am Eigentum seiner Herrschaft Hand in Hand. Die günstigen Gelegenheiten hierzu bieten die Einkäufe in der Markthalle, die an der Grenze des eigentlichen deutschen Tsingtau und der chinesenstadt Tapautan liegt. Trotz des freundlich einladenden Gebäudes wird dieselbe von Hausfrauen wenig besucht, man überläßt die Einkäufe dem Boy oder Koch, geht nur gelegentlich einmal hinein um sich über die Preise zu orientieren und zu sehen, ob die Saison nicht noch etwas anderes bringt, als Birnen und Spinat, die ja erfreulicherweise während des ganzen Jahres zu haben sind. Ein Pfund Kochbirnen kostet jetzt im November 5 Pfennig, für 20 Pfennig Spinat ist für fünf Personen ausreichend, für eine Mandarine bezahlt man 2 Pfennig, auch Fleisch, Geflügel, Hasen und Fische sind recht billig. Teuer hingegen ist die frische Milch, ein Pfund kostet 26 Pfennig.

Selbst wenn der Boy oder Koch einige Cents unterschlägt, ist es vorteilhafter, ihn einkaufen zu lassen, da die chinesischen Kaufleute einem Europäer gegenüber bei weitem mehr aufschlagen; dazu kommt noch, daß die Chinesen nach Käsh = a 1/700 Dollar rechnen, während unsere kleinste Münze das 5 Cents-Stück = M. 0,10 ist. Neuhergekommene, sparsame Hausfrauen sieht man bisweilen in der Markthalle in Begleitung ihres Boys, der die durchlöcherten Käshstücke in langer Kette aneinandergereiht um den Hals trägt; doch scheint sich diese Methode nicht zu bewähren, da sie gewöhnlich bald wieder ausgegeben wird.

An der Markthalle beginnt die Chinesenstadt; die Häuser sind nur wenige Jahre alt und nach deutscher Vorschrift angelegt und ausgeführt worden. Hier reiht sich ein Laden an den andern, und schon am den Ankündigungen auf den Schildern, die bisweilen recht komisch wirken, sieht man, wie die Chinesen bemüht sind, ihre Industrie unseren Bedürfnissen anzupassen.

Auch einige alte chinesische Bauwerke hat Tsingtau noch aufzuweisen. So hat das provisorische Gouvernementsgebäude, das einem chinesischen General als Yamen gedient hat. Dasselbe hat, wie viele chinesische Gebäude, eine dem Eingangstor gegenüberliegende Mauer mit dem Bilde eines beschuppten Ungeheuers, das die Bösen Geister vom Hause fernhalten soll. Ferner stammt aus der Chinesenzeit der etwa 100 Jahre alte Tempel der Tien-hou, der Schutzgöttin der Seeleute. Der Sage nach läßt sie in dunklen, stürmischen Nächten ein Licht vom Himmel leuchten, um die Schiffer vor Gefahr zu bewahren. An dem Tempel sind zwei Tafeln mit Inschriften angebracht; auf der einen ließt man " Uu kuv yu min" , d.h. "die Länder schützen, dem Volke nützen", auf der anderen "Huan hai tsy yün", d.h. "rings auf dem Meere gewähre sie gnädige Wolken". Beide Tafeln sind Stiftungen chinesischer Kaufleute aus dem Jahre 1843; sie sowohl, wie der ganze Kultus dieser Göttin zeigen, daß auch die Chinesen schon lange von der großen Bedeutung der Schiffahrt für das Wohl des Volkes überzeugt waren.

Wigand-Tsingtau

Quelle : "Die Flotte" 8. Jahrgang Nr 3. März 1905, by rado, copyright jadu 2000.

Tsungli Yamen 1860

Chinesischer Kompass

webmaster