zurück

Humor aus dem Reiche der Mitte

1. Die einbeinige Gans

Der berühmte Mandarin Hei Tschin hatte einen Koch mit Namen Lun Hi.
Einmal stand Lun Hi in der Küche und briet für seinen Herrn zwei Gänse.
Bald erfüllte der Bratengeruch das ganze Haus.
Der Mandarin saß auf der Veranda, sog lüstern den Duft in seine Nase und rieb sich im Vorgenuß den fetten Bauch.
Aber auch der Koch lief angesichts des verführerischen Bratens das Wasser im Munde zusammen.
Schließlich konnte er seine Gier nicht mehr mäßigen, riß jeder der Gänse eine Keule aus und verzehrte sie schmatzend.
Bei Tisch machte sich Hei Tschin sofort über die beiden Braten her. Doch als er die Amputationen bemerkte,
schlug er wütend den Gong.
Lun Hi erschien und verbeugte sich grinsend.
"Sohn einer verbrannten Hündin!" schrie ihn sein Herr an, auf die Gänse zeigend, "wo sind die beiden Keulen geblieben?"
"Geblieben?"-- Herr, Eure Frage setzt Euren untertänigsten Sklaven in großes Erstaunen.
Sollte es denn noch nicht zu den Ohren des Erhabenen gekommen sein,
daß die Gänse von Natur nur ein Bein haben?"
"Waaas?" fragte der verblüffte Mandarin.
"Geruhen Euer Gnaden einmal auf den Hof zu blicken,
dann wird sich sofort die Wahrheit meiner Worte erweisen."
Kopfschüttelnd sah bei Hei Tschin auf den Hof. Und siehe, da standen tatsächlich alle Gänse
auf nur ein Bein. Sie schliefen nämlich und hatten das andere unter die Flügel gezogen.
Hei Tschin, der Mandarin, aber war nicht nur ein großer, sondern auch ein kluger Herr. Er öffnete das Fenster,
klatschte in die Hände und sofort liefen die aufgescheuchten Gänse auf je zwei Beinen davon.
"Sieh! du Sohn einer ersäuften Katze --hast du deinen Herrn nun noch etwas zu erwidern?"
Lun Hi aber war war nicht nur ein guter, sondern auch ein schlauer Koch.
Dreimal verneigte er sich und sagte dann: "Ohne Zweifel haben Euer Gnaden vergessen, in die Hände zu
klatschen, als ich die beiden Gänse zum Braten ansetzte."

Quelle: Frohes Schaffen, Deutscher Verlag, 1931, von rado jadu 2000

 

2. Der Sohn des Himmels und die wolligen Schweine
Dem Mandarin Pong war die Erziehung des kaiserlichen Prinzen anvertraut worden. Der hochgebildete und feinfühlige Beamte erhielt den Befehl, die Belehrung mit aller Nachsicht vorzunehmen und alle Derbheiten zu vermeiden.
Einmal befand sich der Mandarin mit seinem erlauchten Zögling auf einem Spaziergang. Von ungefähr kreuzte eine Schafherde ihren Weg und der Lehrer erlaubte sich die Frage, was das für Tiere seien. "Schweine!" antwortete der Prinz.
"Sehr gut," lobte Pong, "Hoheit haben bis zu einem gewissen Grade vollkommen recht. Diese Tiere besitzen auch so viel Beine wie die Schweine, und wenn sie nicht mit Wolle bedeckt wären, könnte es tatsächlich Borstentiere sein. Indes
nennt man aber die Schweine, die mit Wolle bedeckt sind, gemeinhin Schafe."

Quelle: Frohes Schaffen, Deutscher Verlag, 1931, von rado jadu 2000
webmaster