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Meyer-Waldeck, Vizeadmiral a.D. und Gouverneur a. D.

Die Besitzergreifung des Kiautschougebietes wurde eingeleitet mit der Besetzung der Kiautschoubucht am 14. November 1897 durch das Kreuzergeschwader unter Admiral v. Diederichs. Die sich anschließenden Verhandlungen zwischen Deutschland und China konnten schon am 6. März 1898 durch Unterzeichnung des Kiautschouvertrages zum Abschluß gebracht werden, und durch kaiserlichen Erlaß vom 27. April 1898 wurde das Kiautschougebiet zum "Schutzgebiet des Deutschen Reiches" erklärt.


Die Kiautschoubucht reichte in alter Zeit, ehe sie versandete, bis an die Stadtmauern der alten chinesischen Kreisstadt Kiautschou heran, die nördlich von unserm Schutzgebiet lag; von der Stadt hatte die Bucht ihren Namen erhalten und nach der Bucht wiederum wurde das Pachtgebiet "Kiautschougebiet" genannt. Tsingtau, d.h. "Grüne Insel", hieß eine kleine, dem ersten Landungsplatz des Festlandes vorgelagerte Insel (später Arkona Insel genannt), die sich im Gegensatz zu dem öden, baum- und strauchlosen Festland jedes Frühjahr mit einem spärlichen Pflanzenwuchs überzog; von ihr hatte das kleine chinesische Fischerdorf Tsingtau, unsere spätere Haupt- und Hafenstadt; ihren Namen erhalten.


Die Vorteile, die Tsingtau anderen Plätzen gegenüber bot und die den Ausschlag gegeben hatten für seine Wahl, waren folgende: Tsingtau war der nördlichste Hafen Chinas, der den ganzen Winter über eisfrei blieb; gleichzeitig lag er aber nördlich genug, um noch von den Taifunen verschont zu bleiben, jenen berüchtigten Wirbelstürmen, die südlich von Schantung fast jedes Jahr große Verheerung anrichten. Ferner bot Tsingtau die Möglichkeit, einen sicheren Kunsthafen für das Anlaufen der größten Ozeandampfer zu bauen. Das große Hinterland der Provinz Schantung mit seiner kräftigen und arbeitsamen Bevölkerung, mit seine reichen Kohlen - und Eisenerzlagern berechtigte, sobald es erst durch eine deutsche Eisenbahn erschlossen war, zu den besten Hoffnungen für eine gedeihliche Entwicklung des Schutzgebietes. Endlich war auch das Klima Tsingtaus wohl das gesündeste an der ganzen chinesischen Küste.

Das Kiautschougebiet, diese jüngste unserer kolonialen Erwerbungen, unterschied sich seinem ganzen Charakter nach wesentlich von den älteren Kolonien. Tsingtau war weder eine Siedlungskolonie noch ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet; es war überhaupt nicht Selbstzweck. Es sollte nur ein Stützpunkt sein für unsern Handel und unser Kreuzergeschwader, gleichzeitig eine Basis für die Verbreitung deutscher Kultur und deutschen Wirtschaftslebens in China. Der Kiautschouvertrag brachte diesen Zweck des Pachtgebietes deutlich zum Ausdruck. Das ganze Gebiet, das unter deutsche Oberhoheit kam, umfaßte nur rund 500 qkm, hatte also etwa die Größe des Hamburger Staates. Von einer "territorialen Eroberung" konnte da unmöglich gesprochen werden.

Entsprechend dem von unsern älteren Kolonien wesentlich abweichenden Charakter des Schutzgebietes wurde dieses auch nicht der damaligen Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts, sondern dem Reichsmarineamt unterstellt, das ja gleichzeitig auch für die Bedürfnisse des Kreuzergeschaders zu sorgen hatte, und mit aller Energie ging nun das Reichsmarineamt unter der bewährten Hand seines Staatssekretärs, unseres Großadmiral v. Tirpitz, an die Lösung seiner neuen Aufgabe heran.

Als das Kreuzergeschwader am 14. November 1897 seine Mannschaften landete, fand es ein elendes chinesisches Dorf vor mit einer armseligen Fischerbevölkerung von wenigen hundert Köpfen, die in dürftigen Lehmhütten hauste. Rings um das Dorf lagen vier Militärlager. Die einzigen beiden Gebäude, die sich aus der öden Landschaft hervorhoben, waren ein um das Jahr 1796 erbauter Tempel der Himmelsgöttin und der Namen (Verwaltungsgebäude) des chinesischen Generals. Beide Gebäude sind zur Erinnerung an die alte Zeit erhalten geblieben; das übrige Alt Tsingtau ist bei Neuanlage der Stadt vollkommen verschwunden.

Die nächste Umgebung machte einen trostlosen Eindruck. Graugelber Sand - und Lehmboden, fast kahle Granitfelsen; mit Ausnahme der wenigen Gräber- und Tempelhaine kein Baum, kein Strauch; das Gelände zerrissen durch die Rawinen, das sind Schluchten, Spalten und Risse, die sich das während der Regenzeit in Wildbächen von den waldlosen Bergen herunterstürzende Wasser ausgegraben hatte. Am strande war auf Anordnung Lihungtschangs der Bau einer eisernen Landungsbrücke begonnen worden; sie hat als einzige Landungsmöglichkeit in der ersten Zeit wesentliche Dienste geleistet und wurde später zur "Tsingtau Brücke" für den Verkehr der auf der Reede ankernden Schiffe ausgebaut. Das Hinterland war ohne alle Verkehrswege; die primitiven Chinesenkarren waren das einzige Verkehrsmittel.

Aus diesem öden Flecken hat deutsche Kulturarbeit in kaum 17 Jahren jene im ganzen fernen Osten bewunderte - aber auch beneidete - "Musterkolonie" geschaffen. Jeder, der in den letzten Jahren vor dem Weltkrieg nach Tsingtau kam. War überrascht von dem herzerfreuenden, auch landschaftlich schönen Bild, das sich ihm darbot. Lang hingestreckt am Ufer der Bucht lag die sauber aufgebaute Stadt mit ihren rotleuchtenden Ziegeldächern, rings umgeben von einer bewaldeten Hügelkette, überragt von dem Wahrzeichen Tsingtaus, der Signalstation mit der wehenden deutschen Flagge und der Funkstation.

Die hübsch gebaute Stadt war mit allen modernen Einrichtungen, Kanalisation, elektrischem Licht und einwandfreiem Trinkwasser, versehen. Ein vorzüglich eingerichtetes Schlachthaus und luftige Markthallen sorgten für die Kontrolle der Lebensmittel. Vorbildliche Straßen durchzogen die Wohnstätten der Europäer und Chinesen, die aus Gesundheitsrücksichten getrennt waren. An die eigentliche Stadt schloß sich nach der einen Seite das Geschäfts - und Hafenviertel an, nach der andern Seite das idyllisch gelegene Villenviertel mit dem Forstgarten, dem Sport - und Rennplatz und dem im ganzen fernen Osten berühmt gewordenen Badestrand, an dem jährlich zur feucht-heißen Sommerzeit ein internationales Publikum aus dem ganzen Osten Erholung suchte.

Die in weiten Kreisen bekannt gewordene Kiautschou - Landordnung hatte sich beim Ausbau der Stadt durchaus bewährt. Nur das Gouvernement hatte das Recht, Grund und Boden von den Chinesen zu erwerben und in öffentlicher Versteigerung weiterzuverkaufen. Jedes verkaufte Grundstück mußte innerhalb bestimmter Frist seinem Zweck nutzbar gemacht werden. Die Grundsteuer richtete sich zunächst nach dem Verkaufswert und konnte alle drei Jahre, dem steigenden Wert entsprechend, neu eingeschätzt werden. Auf diese Weise wurde von vornherein jede Bodenspekulation verhindert.

Die kahlen Berge Tsingtaus waren mit unendlicher Mühe, aber auch mit großem Erfolgs aufgeforstet worden, und jedes Jahr kamen Kommissionen aus China und Japan nach Tsingtau, um hier diese deutsche Arbeit an Ort und Stelle zu studieren. Was hier in den ersten Jahren an Arbeit, Mühe und Geld aufgewendet werden mußte, hat dann reiche Früchte getragen. Nicht nur in klingender Münze, denn in wenigen Jahren wurde die öde Umgebung Tsingtaus in ein Landschaftsbild verwandelt, an dem sich Auge und Herz erfreuen konnten.

Während sich vor der Besitzergreifung Tsingtaus unser Handel mit China auf die sogenannten internationalen Niederlassungen beschränken mußte, konnte er sich nun in dem deutschen Tsingtau frei entwickeln. Für den Schiffsverkehr war an der Innenbucht ein Kunsthafen erbaut worden, an dessen Molen die größten Ozeandampfer bequem anlegen konnten, um ihre Waren direkt in die Güterwagen der Schantungbahn zu verfrachten oder in die mächtigen Molenschuppen zu löschen. Alle großen Firmen und Hauptbanken des Ostens hatten in Tsingtau ihre Filialen. Auf dem Umschließungsdamm des Kunsthafens war eine Werft errichtet worden, die nicht nur alle Bedürfnisse des Kreuzergeschwaders befriedigen konnte, sondern auch als selbständiges Erwerbsinstitut arbeitete. Der Werft war ein großes Schwimmdock angeschlossen.

Eisenbahn und Bergwerke waren einer deutschen Aktiengesellschaft übertragen worden. Die von Deutschland erbaute Schantungbahn vermittelte den Verkehr mit dem Hinterland. Sie verband Tsingtau mit der etwa 400 km westlich gelegenen chinesischen Provinzhauptstadt Tsinanfu und hatte hier Anschluß an das ganze chinesische Eisenbahnnetz und damit auch an die Sibirische Bahn. In 12 bis 14 Tagen konnte man von Berlin nach Tsingtau fahren. Die Bergwerke von Fangtse und Hungschan lieferten die nötige Kohle für Eisenbahn, Schiffahrt und Industrie, für den Hausbrand und für den Export. Der letzte Plan der Bergbaugesellschaft, der Abbau der mächtigen, hochwertigen Eisenerzlager sowie die Errichtung eines Hochofenbetriebes mit Eisen - und Stahlwerk, kam durch den Ausbruch des Krieges nicht mehr zur Ausführung.

Einen sprunghaften Fortschritt in der Entwicklung Tsingtaus brachte die chinesische Revolution im Jahre 1911. Reiche Kaufleute, hohe Würdenträger und Beamte, feinsinnige Gelehrte suchten in der deutschen Kolonie Schutz und ließen sich hier dauernd nieder. Ganz abgesehen von dem neuen Aufschwung, den Handel und Bautätigkeit durch diesen großen Zuzug erfuhren, war es für uns von bleibendem Wert, daß all diese hochangesehenen Männer nach ihren eigenen Äußerungen erst durch ihren längeren Aufenthalt im Schutzgebiet den wahren Wert Tsingtaus für China kennen und schätzen lernten.

Neben der erfolgreichen Entwicklung des Handels und Verkehrs war auch die Aufgabe, Tsingtau zu einem Kulturmittelpunkt auszugestalten, in glücklicher Weise gelöst worden. Auch in dieser Hinsicht waren die Verhältnisse hier wesentlich andere als als in den übrigen Kolonien. In Tsingtau stand man einem alten Kulturvolk gegenüber, und es galt hier mit Takt und Verständnis eine Brücke zu schlagen zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens. Die vortrefflichen Schulen und Krankenhäuser Tsingtaus haben viel dazu beigetragen, den Ruf deutscher Tüchtigkeit im fernen Osten zu verbreiten. Das Schulwesen wurde gekrönt durch die im Jahre 1909 von der deutschen und chinesischen Regierung gemeinsam gegründete "Deutschchinesische Hochschule in Tsingtau", die neben einer fünfklassigen Unterstufe vier Fakultäten umfaßte. Der Andrang aus allen Provinzen und aus den besten Familien Chinas war bald so groß, daß die Hochschule trotz fortgesetzter Erweiterungen immer nur eine Auswahl der sich meldenden Studierenden aufnehmen konnte.

Das Jahr 1914 sollte wieder ein Rekordjahr für die Entwicklung des Schutzgebiets werden. Die Stadt Tsingtau zählte jetzt 2000 Europäer und 60 000 Chinesen. Die chinesische Bevölkerung in dem kleinen Landgebiet war auf 160 000 Köpfe gestiegen. Sie hatte sehr bald den Vorteil deutscher Ordnung und Sicherheit schätzen gelernt und lebte glücklich und zufrieden. Die Bautätigkeit in Tsingtau war außerordentlich rege. Die anfänglichen Lücken zwischen den einzelnen Stadtvierteln waren längst geschlossen. Soweit Straßen überhaupt angelegt waren, war kaum noch ein Grundstück zu erhalten. Die großen Firmen und Banken erbauten sich in der Geschäftsgegend des Hafens neue stattliche Geschäftshäuser. Die drei Molen des Hafens konnten den Schiffsverkehr kaum noch bewältigen. Der Bau einer vierten Mole war begonnen. Der Gesamtwert des Handels war schon 1913 auf 200 Mill. Goldmark gestiegen. So schien das Schutzgebiet alle auf seine Entwicklung gesetzten Hoffnungen in weitgehenstem Maße erfüllen zu wollen, als der Weltkrieg ausbrach und auch diese blühende Kolonie nach hartnäckigen Widerstand verloren ging.

Nach dem Friedensdiktat von Versailles hatte Deutschland auf alle durch den Kiautschouvertrag von China erworbenen Rechte zugunsten Japans zu verzichten. China protestierte gegen diese Schantung Paragraphen und hat den Vertrag von Versailles nicht unterschrieben. Auf der Konferenz von Washington im Januar 1922 mußte sich dann Japan dazu bequemen, mit China einen "Vertrag über Schantung" abzuschließen, der das 6. Kapitel der Washingtoner Konferenzakte bildet. Nach diesem Vertrag ist das ganze frühere deutsche Schutzgebiet wieder an China zurückgefallen, einschließlich alles früheren deutschen Staatseigentums. Nach der ganzen Entwicklung, die die Verhältnisse in China in den letzten Jahren genommen haben, kann eine Rückgewinnung des Pachtgebietes für uns nicht mehr in Frage kommen. Aber umsonst ist unsere Kulturarbeit im fernen Osten deshalb nicht gewesen. Alles, was in Tsingtau in der kurzen Zeit erreicht wurde, ist ein flammender Protest gegen die Lüge von der Unwürdigkeit und Unfähigkeit Deutschlands zum Kolonisieren, jenem heuchlerischen Vorwand, unter dem uns unsere Kolonien geraubt wurden. Weiter aber ist es durch die Entwicklung Tsingtaus weiten Kreisen Chinas zum greifbaren Bewußtsein gekommen, was Deutschland auf allen Gebieten zu leisten imstande ist. Was China dort an Handel und Schiffahrt, an Städte -, Straßen - und Hafenbau, an Forstwirtschaft, an Schulen und ärztlicher Tätigkeit gesehen hat, das genießt auch heute noch die größte Achtung und Anerkennung. Und wenn erst in China nach dem dort leider immer noch tobenden Bürgerkrieg wieder Ruhe, Frieden und Ordnung eingekehrt sein werden, wird man sicherlich gern das Volk zur Mitarbeit heranziehen, dessen Leistungen man nicht nur anerkannt hat, sondern von dem man auch den Beweis gesehen hat, daß es mit vollem Verständnis für chinesische Eigenart mit ihm zusammen zu arbeiten versteht.

Quelle: Deutschland in den Kolonien, Otto Stollberg & Co.,

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