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Das Mecklenburghaus

 

Nach einem Vortrag von Marinestabsarzt Dr. Mac Lean, Tsingtau

Nach den Erfahrungen der Holländer und der Engländer gehört es zu den Erfordernissen einer modernen Kolonie, daß die Pioniere der Kultur nach Möglichkeit an Ort und Stelle ihre Erholung von den Unbilden des Klimas finden können. In dieser Erkenntnis beantragte schon kurze Zeit nach der Besitzergreifung Tsingtaus der damalige Garnisonsarzt, Marine-Oberstabsarzt Lerche, die Anlage eines Genesungsheimes im Lauschan, jenem Felsengebirge, das sich mit grotesken Formen im Osten und Nordosten von Tsingtau erhebt. Man prüfte eine ganze Anzahl Plätze auf ihre Boden-, Wasser-, Wind - und Wetterverhältnisse und entschied sich nach vier Jahren für den sogenannten Tempelpaß, von den Chinesen Deng-lin-tai genannt.

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Der Paß bildet eine Wasserscheide von der nach Norden und nach Süden je ein Bach entspringt. In kühnen Windungen steigt der Weg hinauf. Auf der Höhe schließen hohe Bergketten nach Osten und Westen den Blick. Nach Norden sieht man in einen tiefen Kessel mit einem Tempel, der sich unter grünen Bäumen versteckt, und darüber hinaus nach dem Paß, über den die Grenze des Schutzgebietes läuft. Nach Süden zu schweift der Blick über das Prinzental, den Kaiserstuhl und die Prinz-Heinrich-Berge, die Iltisberge und die Bucht von Tsingtau bis zu den Zacken des Perlgebirges. Selbst die im Hafen liegenden Schiffe kann man mit bloßem Auge erkennen.

Die Bucht von Tsingtau
Karte von der Kiautschou Bucht

 

So schön der Platz liegt, so groß waren die beim Bau zu überwindenden Schwierigkeiten. Die Beschaffung und Beförderung der Materialien, die Bauleitung auf der unwirtlichen Höhe während des Winters 1903/04, da Arbeiten mit dem durchweg ungeschulten Personal erforderten eine ungewöhnliche Menge von Geschick, Energie und Anspruchslosigkeit vom Bauleiter, dem Regierungsbaumeister Pohl. Infolge der großen Schwierigkeiten konnte der Bau erst im September 1904 eingeweiht werden. Er erhielt zu Ehren des Herzogs Johann-Albrecht, dem eifrigen Förderer aller kolonialen Angelegenheiten, den Namen Mecklenburghaus. Die Kosten beliefen sich auf M. 170 000. M. 150 000 hatte die Wohlfahrtslotterie beigesteuert und 20 000 M. waren aus den Mitteln des Wohlfahrtskomitees für Ostasien überwiesen worden, das sich zur Zeit der Chinawirren gebildet hatte.

Das eigentliche Genesungsheim besteht aus drei massiven, in behauenem Granit aufgeführten Häusern, die etwa 100 m von einander entfernt auf einem künstlich hergestellten Plateau liegen. Das größte, zweistöckige ist das Wirtschaftsgebäude. Es enthält unten den Speisesaal, ein Lese - und Damenzimmer, im Hintergebäude die vorläufigen Räume für zwölf Rekonvaleszenten und die Küche. Im oberen Stockwerk liegen vier Gastzimmer und die Wohnung des Verwalters. Das mittlere Gebäude ist das sogenannte Familienhaus mit vier großen luftigen Zimmern und eine Veranda. Dahinter erhebt sich das Dienerhaus und der Wasserturm. Am weitesten östlich liegt das Passantenhaus mit fünf Zimmern für je ein Gast. Der Wasserturm wird aus einem 80 m tiefer gelegenen Schleusentunnel gespeist. Das Wasser wird durch eine Sandschicht filtriert, wird dann in den Turm gepumpt und verteilt sich von da durch Röhren in den einzelnen Häusern.

Etwa 40 m unterhalb dieser Bauten liegen die Oekonomiegebäude: Wohnräume für Kulis, Werkstätten für Tischler, Ställe für zwölf Pferde, Schweine und Geflügel, Holz-und Kohlenschuppen und dergleichen mehr. Das frühere Baubureau ist als Polizeistation eingerichtet. Einige Beete sollen bereits in diesem Jahre einen Teil des Gemüsebedarfs decken. Weitere Gartenanlagen sind erst im Entstehen begriffen.

Das Mecklenburghaus soll kein Krankenhaus*) sein, sondern ein Erholungsort für Genesende und für solche, die ihrer Erkrankung vorbeugen wollen. Demgemäß zerfällt der Betrieb in die Versorgung der Rekonvaleszenten und der übrigen Gäste des Hauses. Die Rekonvaleszenten gehören fast ausschließlich der Marine an. Sie werden sowohl aus dem Gouvernementslazarett wie von S.M. Schiffen hinaufgesandt, um die Nachwehen einer Krankheit rascher und vollständiger zu überwinden. Die Verpflegung erfolgt nach den Sätzen des Marinelazaretts Yokohama zu M. 2,50 täglich, wobei Getränke eingeschlossen sind. Die erzielten Erfolge befriedigten bisher in jeder Hinsicht.

Der Besuch von Gästen ist sehr rege. Bei einem Aufenthalt von weniger als 3 Tagen gelten sie als Passanten, sonst als Pensionäre. Um Familien den Aufenthalt zu erleichtern, treten für sie noch besondere Ermäßigung ein. Das Leben unter den Gästen hat einen ausgesprochenen familiären Charakter, der hoffentlich noch recht lange erhalten bleibt.

Die Verkehrsverhältnisse haben sich seit der Eröffnung schon bedeutend gebessert. Die Strecke von Tsingtau bis auf die Passhöhe beträgt 33 1/2 km und zu Pferd oder Wagen bequem in 4 1/2 Stunden zurücklegen. Fußgänger brauchen zum Berg 6-7, Radfahrer etwa 3 1/2 Stunden. Die Tsingtauer Fuhrwerksbesitzer verlangen für die Fahrt M 12., ein Omnibusplatz kostet M.7.

Entsprechend den besseren Verkehrsbedingungen hat sich auch die Beschaffung der Verpflegungsbedürfnisse wesentlich vereinfacht. Eine Schlächterei und eine Bäckerei einzurichten, wie anfangs geplant war, lohnt noch nicht. Jedes Stück Fleisch, jedes Brot, ja sogar die meisten Gemüse und Früchte werden aus Tsingtau oder aus dem etwas näheren Litsun geholt; auch Fische kommen von dort. Jede Besorgung erfordert einen Marsch von 6-12 Stunden. Dadurch werden an die Umsicht des Verwalters und der Schwester nicht geringe Anforderungen gestellt.

Das Klima des Genesungsheimes ist günstig. Die höchste Wärme betrug bisher 33 Grad C., die größte Kälte  -15 Grad C. Wegen seiner freien Lage weht auf dem Pass auch bei der größten Hitze eine erfrischende Brise. Die besten Besuchszeiten sind April. Mai und September bis November, aber auch in den ungünstigen Monaten hat der Besuch nicht ganz aufgehört. Schon jetzt reicht der Platz nicht aus, und die Anlage sollvergrößert werden, sobald Mittel zur Verfügung stehen. Zunächst ist in Aussicht genommen, ein besonderes Soldatenhaus und ein Schwimmbad zu bauen, sodann sollen die Wege erweitert und verbessert und der Garten vergrößert werden.

Jedenfalls hilft das Mecklenburghaus schon jetzt einem dringenden Bedürfnis der Kolonie ab und es ist zu hoffen, daß noch viele Erholungsbedürftige neu gekräftigt von den Höhen des Lauschan zu ihrer Tätigkeit zurückkehren.

*) In Tsingtau befinden sich drei Europäerkrankenhäuser: das im großen Stile angelegte Gouvernementslazarett und je ein protestantisches und ein katholisches Missionskrankenhaus. Auch für kranke Chinesen ist ausgiebig gesorgt.

Quelle: "Die Flotte" 9. Jahrgang. Nr. 1 Januar 1906, by rado, Copyright by Jadu 2000

 

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