zurück

In Schanghai, dem "Paris des Ostens".

Von Felix Baumann

Das "Paris des Ostens"!

Wie wenig entsprach dieses schmeichelhafte Epitheton dem ersten Eindruck, als ich an einem regnerischen Januarvormittag in Schanghai landete. Unaufhörlich rieselte es von dem bleigrauen chinesischen Himmel herab, so daß die Straßen einen wahren Morast bildeten. Ich hatte mir einen anderen Begriff von der internationalen Handelsmetropole des Reiches der Mitte gemacht. Aber der Schein trügt. Erlebte ich doch eine ähnliche Enttäuschung bei meiner ersten Landung in den Vereinigten Staaten. Auch an jenem Dezemberabend bot Neuorleans, die "Crescent City" am Vater der Ströme, einen so trostlosen Anblick dar, daß ich am liebsten gleich nach Europa zurückgekehrt wäre; am nächsten Morgen lag die alte Kreolenstadt im schönsten Sonnenschein da, alles atmete Luft und Leben, und bald war mir der kosmopolitische Ort zu einer zweiten Heimat geworden.

In Schanghai war es gerade umgekehrt. Der Regen hielt wochenlang an, Frau Sonne schien einen unbegrenzten Urlaub angetreten zu haben. Diese trübe Wetterstimmung, das sogenannte "Schanghaiwetter", verfehlt auch ihre Stimmung auf die menschlichen Gemüter nicht und hat ihr bereits die Bezeichnung "Selbstmordwetter" eingetragen. Tatsächlich traten auch damals kurz nacheinander drei Europäer freiwillig die Reise ins Jenseits an. Böse Zungen behaupteten allerdings, ein anderes Naß, der Alkohol, habe die Drei zur Pistole greifen lassen.

Sei dem, wie es will, der erste Eindruck von Schanghai an einem regnerischen Wintertage ist traurig. Darüber können auch die prächtigen Bauten am "Bund" nicht hinwegtäuschen. Das monotone Patsch Patsch des dahintrabende Rickschakulis harmoniert wunderbar mit dem ewigen Tropfenfall, noch besser die Schmutzspritzer der vorbeilaufenden flotten Pferdegespanne.

Im fernen Osten ist natürlich alles anders als bei uns. Schlagen unsere Uhren Mitternacht, so weisen die Zeiger in Schanghai auf 4 Uhr nachmittags. Europäische Theater, Konzertsäle, Wiener Cafés usw. gibt es im "Paris des Ostens" nicht. Ab und zu eine Amateurvorstellung oder ein Amateurkonzert lokaler Kräfte, hin und wieder ein reisender Zirkus oder eine englische wandernde Operettentruppe, in großen Abständen sogar eine europäische Künstlergröße, sonst chinesisches Theater, Skating Ring oder — Kinematograph. Letzterer ist auch in Ostasien zu einer ständigen Einrichtung geworden und erfreut sich allseitiger Beliebtheit.

Während der letzten Jahre haben sich übrigens mehrere chinesische Theater im europäischen Stil in Schanghai aufgetan, und das "Sinwutai", das sich an der chinesischen Uferstraße zwischen der umwallten Chinesenstadt und dem Huangpu hinzieht, bedeutet sogar einen Bruch mit der chinesischen Theatertradition. Im Parkett Klappsitze, und hinter dem Parkett Tische und Stühle, wie z.B. in den europäischen Variététheatern. Aber auch in diesem Theater kommt doch der chinesischeuropäische Gegensatz zum Durchbruch. Während bei uns das Parkett der teuerste oder teurere Platz ist, zahlt man im Shanghaier chinesischen Bund Theater für einen Parkettsitz das geringste Eintrittsgeld. Der Hintergrund dagegen — die Tische mit den Stühlen — hat die Bezeichnung "Mandarinenhalle" erhalten und bildet den teuersten Platz. Hier geben sich die vornehmen Chinesen und ihre Freunde gern ein Rendezvous. Sogar ein Platz auf dem "Olymp", in der sogenannten "Trampelloge", oder wie der Amerikaner sagt: "peanut-box", kostet mehr als ein Parkettsitz.

Außer dem "Sinwutai" gibt es heute in Schanghai noch zwei andere moderne chinesische Theater: das "Sinchushang" in der französischen Niederlassung, und das "Wenmingtawutai" in der Hakow Road. Beide sind jedoch minderwertige Kunsttempel.

Doch zurück zu Schanghai selbst. Erst nach und nach geht einem ein Licht über den Begriff "Paris des Ostens" auf. Äußerlich kann es wohl kaum mit dem Seinebabel konkurrieren, aber innerlich. Die Bauten am Bund, wie überhaupt in der Fremdenkonzession, machen, wie schon erwähnt, einen ganz imposanten Eindruck, aber das Straßenleben entbehrt gänzlich des Pariser Anstriches. Immer und immer wieder kommt das rein spezifisch Chinesische zum Durchbruch, besonders der unverwüstliche und mit dem Schmutzmonopol behaftete Kuli in allen Schattierungen. Die französische Niederlassung selbst kommt gar nicht in Betracht. Während die Franzosen in ihren eigenen Kolonien geradezu phänomenale öffentliche Gebäude errichtet haben, begnügen sie sich in den Niederlassungen außerhalb des eigentlichen französischen Bereiches mit Bauten primitivster Art.

Der Begriff "Paris des Ostens" kann also nur in den inneren sozialen Verhältnissen Schanghais seine Erklärung finden. Und tatsächlich, das interne Leben der Stadt strömt jenes "Ich weiß nicht was" aus, das eben wegen seiner Eigenart der Pikanterie nicht entbehrt. Die gesellschaftliche Devise lautet: You dine me and I dine you! (Du bewirtest mich und ich bewirte dich!). Mit anderen Worten, in Schanghai ist eine ununterbrochene Kette gegenseitiger Einladungen an der Tagesordnung. Tiffins, Diners und Klubleben, das ist Schanghai. Die europäische Damenwelt sucht sich im Luxus zu überbieten. Warum auch nicht? Die Häuslichkeit macht der Europäerin in Schanghai weiter keine Sorgen, denn sie hat die billigen chinesischen Hilfskräfte zur Hand. John Chinaman ist das beste Mädchen für alles. Er kann alles und er tut alles. Was würde Schanghai und der ganze ferne Osten ohne "Boys" sein? Nicht zu vergessen die Amal, das chinesische Kindermädchen. Der chinesische "Boy" hat die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen, aber er ist zuverlässig, erprobt ehrlich und sauber. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

Bilder
Bilder

 

Ehe ich nun auf eine Schilderung Schanghais im allgemeinen eingehe, möchte ich zuerst dem dortigen Deutschtum einige Worte widmen.

Wenn man sich Schanghai von der Wasserseite nähert, so fallen gleich zwei stattliche Bauten in die Augen: das deutsche Generalkonsulat und das Konkordiaklubgebäude. Ich muß dem deutschen Konsulatsgebäude in Schanghai das Kompliment machen, daß es das imposanteste aller unserer Amtsbauten dieser Art im Auslande ist, die mir zu Gesicht gekommen sind. Vor allen Dingen bildet es ein eigenes Heim. Und der Konkordiaklub? Ich war am Tage der Einweihung zugegen, und ich kann nur sagen, daß es im ganzen fernen Osten das Gebäude ist, und sein 48 Meter hoher, kupfergedeckter, schlanker Turm wie ein Wahrzeichen des stark erblühten Handels in Ostasien zum Himmel ragt. Wenn an festlichen Tagen die schwarzweißrote Flagge stolz auf dem Turme weht, dann bildet sie ein weithin sichtbares Zeichen des Deutschtums am Huangpu. Der Turm, die breiten Giebel und die hohen, pfannengedeckten Dächer, sowie die großen Terrassen erinnern an die alten Zunft- und Gildehäuser, wie sie in den Städten aller deutschen Gaue zu finden sind, oder auch an die turmgeschmückten stolzen Kaufhäuser und Tuchhallen altflandrischer Orte.

Ein anderes Wahrzeichen des Deutschtums in Schanghai ist der Turm der deutschen Kirche, die sich in der Nähe des Konsulates befindet. Erwähne ich noch die deutsche Schule, sowie die deutschchinesische Medizinschule und den "Ostasiatischen Lloyd", in dessen Redaktion die des Deutschen unkundigen chinesischen Setzer die Milch meiner frommen deutschen Denkungsart oft in gärend chinesisches Drachengift zu verwandeln verstanden, so habe ich den Beweis geliefert, daß das Deutschtum in Schanghai auf einem festen schwarzweißroten Bollwerk steht und sich den anderen dort ansässigen fremden Nationen ebenbürtig zur Seite stellen kann.

Das Deutschtum ist auch in dem internationalen Freiwilligenkorps, das bereits seit dem Jahre 1880 in Schanghai besteht, stark vertreten. Die deutsche Kompagnie war früher mit dem preußischen Waffenrock sowie Helm und Stiefeln ausgerüstet. Heute trägt sie Litewka und auf den Achselklappen den Namenszug des Prinzen Heinrich von Preußen. Eine Auszeichnung, die der Kompagnie zuteil wurde, als der Prinz sie im Jahre 1898 besichtigte und ihr das Recht verlieh, seinen Namenszug zu tragen.

Seit einigen Jahren gibt es in Schanghai auch eine chinesische Freiwilligentruppe. Niemals werde ich den ersten Ausmarsch der "Chinese Volunteers" vergessen. Ich saß in mein Hotelzimmer und zählte mit meinem "Boy" Wäsche aus. Der "Boy" schien nur halb bei der Sache zu sein und trug eine auffallende Nervosität zur Schau. Ich wollte ihn gerade nach der Ursache seines sonderbaren Benehmens fragen, als gedämpfte Musikklänge von der Straße nach meinem im fünften Stock belegenen Hotel Sanktum heraufklangen, und mein bezopfter Jüngling mit dem Jubelruf "The Chinese Volunteers" zur Tür hinauseilte. Jetzt wußte ich Bescheid. Es war der Tag des ersten der neugegründeten Freiwilligentruppe: ein Ereignis für ganz Chinatown. Auch ich eilte nach der Nanking Road. Wohin das Auge blickte, überall Chinesen. In den Türen, in den Fenstern, auf dem Balkon und auf den Dächern. Jeder wollte die frischgebackenen freiwilligen Krieger sehen, die in — chinesischem Schritt und Tritt vorbeimarschierten. Doch nun ein Gang durch Shanghai.

Die Stadt zerfällt in zwei Teile, in die internationale Niederlassung und in die eigentliche chinesische Stadt, die sogenannte "walled city", die von der ersteren streng getrennt ist. Hier europäische Kultur, dort, hinter den alten grauen Mauern, Urchina, wie es leibt und lebt. Hier moderne und breite Straßen, beim Eintritt durch das Sing Poh Mun (Neues Nordtor) undefinierbare Gerüche, höchstens einen Meter breite Straßen, ein unentwirrbarer Wirrwarr von engen Gassen und schmalsten Seitenwegen, und nichts als Chinesen, so dicht wie Mückenschwärme. Wer zum ersten Male die alte Chinesenstadt, noch dazu allein, besucht, wird sich eines leichten Gefühls der Unsicherheit nicht erwehren können. Sind die Gassen doch so eng, daß die Sonne kaum hineindringen kann, und ein in seiner Sänfte passierenden Mandarin einen nötigt, sich platt an die Wand zu drücken. Auch kann man sich gar zu leicht in diesem chinesischen Labyrinth verlaufen.

Aber hochinteressant ist es doch in dem ummauerten dunklen Winkel Schanghais. Kann man doch den Chinesen hier ganz Zuhause beobachten. Wie er mit den geschickten und flinken Fingern das Elfenbein, den Bambus und den herrlichen Nephrit verarbeitet, nur mit den primitivsten Instrumenten. Und wie billig kann man die schönsten Sachen und Sächelchen erstehen! Besonders bei den Trödlern, die oft sehr wertvolle alte Stücke unter ihrem kunstvollen Gerümpel haben.

Ein prächtiges altes Schwert fesselt meine Aufmerksamkeit. John Chinaman merkt es und bietet es mir an. "My no savee!" ( Verstehe nicht!) wehre ich in Pidginenglisch ab. Da fängt John Chinaman auch Pidginenglisch an zu radebrechen, hält fünf Finger hoch und erklärt: "Five Dollars!" Ich: "My no wanchee!" ( Kann ich nicht brauchen). John: "What fashion no can?" (Warum nicht?). Ich: "Too muchee dear!" (Zu teuer). John: "Four Dollars!" Ich :"Too muchee dear." John: "Three Dollars!" Ich: "Too muchee dear." John schaut mich beleidigt an, legt das Schwert fort und sagt: "No likee" (Mag nicht?). Ich gehe weiter. John kommt nach und sagt: "How muchee?". Jetzt ich: "No likee". John: "Two Dollars!" Ich: "My no wanchee." John: "One Dollar!" Ich lache, John lacht, nimmt den Dollar und gibt mir das Schwert, das unter europäischen Kunsthändlern wenigstens dreißig Dollars wert ist. Aber John verdient doch noch daran, denn hinter die grauen alten Mauern der Chinesenstadt findet so manches Stück seinen Weg, das nicht immer eine einwandfreie Geschichte hat.

Durch ein nervenzerrütendes Chaos von Armut und Reichtum, Krankheit und Gesundheit, Hühnern, räudigen Hunden, singenden Vögeln, Sänften, Rikschas und nackten Kindern verfolge ich meinen Weg nach dem kuriosen Woo Sing Ding, dem inmitten eines giftiggrün schimmernden Teiches sich erhebenden "Teehaus zum Weidenmuster", das das einzige chinesische Teehaus im ganzen fernen Osten sein soll, in dem zum Tee Zucker verabreicht wird. Die Brücke, die zu dem Uralten verwitterten Teehause führt, macht einen — betrunkenen Eindruck, denn sie läuft im Zickzack. Der chinesische Aberglaube hat ihr diese widersinnige Richtung gegeben, weil die Chinesen glauben, daß die Teufel keine krummen Wege gehen können. Aus diesem Grunde ist der Stockchinese auch ein erklärter Feind der Eisenbahnen, denn die Schienen führen immer — geradeaus.

In dem alten Teehaus herrscht ein reger Verkehr. Nach chinesischer Sitte bringt der Chinese seinen Vogelkäfig mit ins Teehaus und erfreut sich bei einem Schälchen an dem Gesang seines Vögelchens. Kuriose Menschen die Chinesen, ihre Hunde und Katzen lassen sie verhungern, ihre Vögel werden vergöttert.

Um den alten Teich herum liegen noch andere Teehäuser. Wir lassen sie jedoch links liegen und begeben uns über den Vogelmarkt nach dem "Stadttempel", in dem der Stadtgott residiert. Der Tempel, der angeblich aus dem 15. Jahrhundert stammt, besteht aus mehreren Tempeln, deren jeder seine besondere Bestimmung und Bedeutung hat. So gibt es einen Schlangengotttempel, einen Tempel der drei Kaiser, einen Kriegsgotttempel und den Tempel des Konfuzius.

Sehenswert sind noch die beiden Gärten und der Richtplatz auf dem heute noch die Exekutionen öffentlich vollzogen werden. Während meines Aufenthaltes in Shanghai hatte ich öfters Gelegenheit, öffentlich ausgestellte chinesische Verbrecher zu sehen. Sie trugen entweder das Halsbrett, den "Kang", oder steckten in einem der berüchtigten Käfige, die nur den Kopf frei lassen.

Ich erinnere mich eines besonderen Falles. Ein junger Schneidergeselle hatten sich, um zu Gelde zu kommen, für ein Mädchen ausgegeben und sollte einem reichen Chinesen angetraut werden. Während des Hochzeitmahles wurde der Betrug durch Verrat jedoch entdeckt und die "Braut" verhaftet. Strafe: 200 Stockschläge und öffentliche Ausstellung im Halskäfig. Als ich den armen Kerl in dieser Verfassung sah, trug er noch die "Hochzeitsgewänder", war noch geschminkt und aus seinen Zügen konnte man noch die Qualen der erlittenen Stockschläge lesen.

Einen Besuch der alten Chinesenstadt beschließt man gewöhnlich mit einem Spaziergang auf der mauer, der "walled city". Man stößt hier auf mehrere Tempel, in einem haust der sogenannte "Küchengott", der die Sünden aller kennt und alljährlich zum Himmel fliegt, um dort Rapport abzustatten.

Eng verbunden mit der alten Chinesenstadt ist der Vorort Nantav, der als der "chinesische Bund" bezeichnet wird. Hier befinden sich die Innungshäuser der Holzhändler aus Hangtschau in der Provinz Tschekiang und anderer kommerzieller Vereinigungen, darunter das architektonisch bemerkenswerte Haus der Kantoneser sowie die katholische Kirche des heiligen Franziskus Xaver.

Wir begeben uns nun wieder in die Fremdenniederlassung. Auch im "Settlement" überwiegt eigentlich das Chinesische, denn außer den in europäischen Diensten stehenden Chinesen wohnt hier auch eine große Zahl selbständiger Chinesen. Viele reiche Chinesen und offizielle Beamte ziehen es sogar vor, in der Niederlassung zu leben. Besonders in der Nanking Road und ihren Seitenstraßen reiht sich ein chinesischer Laden an den andern, und die berühmte Fouchow Road, die Claude Farrère in seinem Buche "Opium" das chinesische Herz von Schanghai nennt, ist urchinesisch.

In der Fouchow Road liegen die chinesischen Singhallen, Theater, verschwiegenen Opiumhöhlen, Spielsäle, Restaurants usw., die Schanghai nicht zum wenigstens das Epitheton "Paris des Ostens" verholfen haben. Wenn abends die Lichter aufflammen, dann beginnt es sich in der Fouchow Road zu regen. Auf der Straße ein ununterbrochenes Hin- und Hergewoge, durch das die Rickschakulis sich nur mit Mühe einen Weg bahnen können. Aus den festlich illuminierten Häusern ertönt Musik und Gesang: Schanghai bei Nacht! —

Was mir in Schanghai aufgefallen ist, das waren die vielen Denkmäler. Von dem Iltisdenkmal hat ein jeder gehört. Ein sechs Meter hoher zersplitterter Mast, von Lorbeerkranz, Flagge und Segeltuch umbauscht, ragt von einem granitenen Sockel auf. Die Flagge zeigt das eiserne Kreuz, die Flaggenbänder zieren die Inschriften "Die Deutschen Chinas" und "Die Kaiserliche Marine". Der Sockel ist auf allen Seiten mit Gedenktafeln geschmückt . Vorn befindet sich ein Reliefbild des "Iltis", unter vollen Segeln angebracht; hinten lautet die Inschrift: "Zur Erinnerung an den Heldentod der Besatzung S.M. Kanonenboot Iltis, gescheitert im Taifun an der Küste von Schantung am 23.Juli 1896." Die Tafeln rechts und links des am 21. November 1897 vom Prinzen Heinrich enthüllten Denkmals tragen die Namen der ertrunkenen Offiziere und Mannschaften. Das Denkmal erhebt sich am Bund neben dem Stadtpark, in dem schon so oft das Lied gespielt wurde: "Dir will ich treu ergeben sein, der Flagge schwarzweißrot." In der deutschen Kirche erinnert eine Gedenktafel an die gefallenen im Boxerkriege. Eine über zwei Meter hohe kupferne Tafel, deren oberer Teil in ausgezeichneter Allegorisierung das friedliche, jedoch jederzeit kriegsbereite Deutsche Reich in Gestalt eines Ritters mit Schwert und Schild dargestellt, der mit hochgezogenem Visier gespannt in die Ferne schaut. Der untere Teil der Tafel zeigt den Reichsadler mit weit ausgebreiteten Flügeln, in den Fängen ein Spruchband mit der Jahreszahl 1905. Der von einem Spitzbogen umrahmte mittlere Teil enthält die Inschrift: "Dem Andenken der in den Unruhen des Jahres 1900 gefallenen Angehörigen des Heeres und der Marine, die Deutschen Schanghais."

Die Engländer haben im Garten des britischen Generalkonsulats ein Steinkreuz zu ehren der Gefährten Sir Henry Parks, William Normon und Robert Burn Anderson errichtet, die von den Chinesen verräterisch gefangen gesetzt wurden und im Gefängnis unter Martern gestorben sind. Drei Denkmäler, die Gedenktafeln auf dem englischen Militärfriedhof an der Mauer der Chinesenstadt, sowie das aus Bronze auf steinernem Sockel hergestellte Standbild des Admirals Protets vor dem Rathaus in der französischen Niederlassung, und der Gedenkstein für Gordons "Ever Victorious Army" im Stadtpark erinnern an die Zeit der schweren Kämpfe, die die ganze Kinderzeit der Fremdenniederlassungen Schanghais ausfüllen, die Kämpfe mit den Taipings. Das Margarymonument im Stadtpark, auf flachen Stufen und abgestumpften Sockel, ehrt das Gedächtnis des englischen Konsularbeamten Augustus Raymond Margary, der auf der wegen ihrer räuberischen Überfälle berüchtigten Straße, die von Bhamo in Birma nach Tangyuch in Yünnan führt, ermordet wurde. Sein Tod hatte wichtige diplomatische Verhandlungen zur Folge, auf die hin China einen hohen Beamten mit einem Entschuldigungsschreiben nach London schickte und versprach, sich in London durch eine eigene Gesandtschaft vertreten zu lassen. So ist Margaryns Tod der Anlaß geworden, daß China sein Gesandtschaftswesen ausbaute.

Auch dem chinesischen Bismarck, dem Großsekretär Lihungtschang, ist an der Sikawei Rad ein Standbild errichtet worden. Es ist das einzige Denkmal eines Chinesen innerhalb des Weichbildes von Schanghai.

Die Russen haben einen Denkstein auf den Kirchhof an der Bubbling Well Road zu Ehren der in Schanghai verstorbenen russischen Soldaten und Matrosen aus dem russischjapanischen Kriege errichtet. Weisen schon die Denkmäler auf die Internationalität Schanghais hin, so findet diese eine andere Bestätigung in dem Bestehen des gemischten Gerichtshofes, dem die chinesischen Schuldner gern aus dem Wege gehen. Der internationale Gerichtshof, der nach dem Muster der ägyptischen gemischten Gerichtshöfe gebildet wurde, tritt in Aktion, wenn ein beklagter durch keinen Konsul vertreten ist. Alle anderen Fälle, in denen Kläger und Beklagter Ausländer sind, kommen vor dem Gericht zur Verhandlung, dessen Nationalität der Beklagte ist. Richter des gemischten ist ein Chinese und Beisitzer ein Beamter einer fremden Macht. —

Hat man Schanghai und seine Eigenarten genügend kennen gelernt, eine Sampanfahrt vom Bund unternommen und sich an dem echt chinesischen Leben und Treiben auf dem Hongkowmarkt — die städtische Markthalle — ergötzt, so will man auch die Umgegend des "Paris des Ostens" kennen lernen. Hier sind es besonders die Jesuitenmission Siccawei und die alte Loongwhapagode mit dem benachbartem Tempel, die Interesse erregen. Leider ist der Zugang zu der siebenstöckigen Pagode wegen ihrer Baufälligkeit mit Brettern vernagelt.

Viele behaupten, Schanghai habe seine chinesische Eigenart zum Teil eingebüßt und biete nur noch einen schwachen Abglanz chinesischen Lebens. Der Augenschein belehrt eines besseren, denn auf Schritt und Tritt offenbart sich in der Metropole am Huangpu noch China selbst. Hier der einräderige Personenkarren, dort die Rikscha, auf den Kanälen die furiosen Sampans, in den Straßen die singenden Lastkulis und der bessere Chinese mit Kind und Kegel, zerlumpte Bettler und Aussätzige, chinesische Kramladen mit allen möglichen Ingredienzen, typische chinesische Hochzeits- und Begräbniszüge und Festtage echt chinesischer Art, kurz und gut: unverfälschtes chinesisches Leben und Treiben.

Quelle: Das große Weltpanorama, Verrlag W. Spemann, 1915, von rado jadu 2001.

Bildershow aus Shanghai

Shanghai - A Historical Mirror of China