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Yau
Aus dem Leben eines jungen Chinesen

Von Walter Christiani

Eines Tages trat ein Eilbote bei Yau ein und brachte ihm Nachricht von seiner Familie aus dem kleinen Dorf hinter dem Lauschan. Er solle schleunigst heimkommen, den der alte Großvater läge im Sterben, und es wäre nötig, daß er ihn noch einmal sähe oder doch wenigstens bei seiner Beerdigung zugegen sei. Deshalb machte sich Yau, nachdem er seinen Herrn den Fall vorgetragen hatte auf den Weg. Auf dem Umwege über Kiautschou und Tsingtau, weil er diese Strecke kannte, marschierte er fast ohne zu ruhen, aber als er in der Hütte seiner Eltern eintrat, da war sein Großvater gerade gestorben. Man hatte dem Sterbenden, dem brauche entsprechend, noch im letzten Augenblick die Kleider sowie Hut und Stiefel angezogen, und bei seinem Verscheiden hatte die ganze Familie ein lautes Wehgeschrei angestimmt. Nun war es die Pflicht von Yaus Vater, dafür zu sorgen, daß die Seele gut ins Jenseits gelange. Nachdem er im Tempel den Dorfgott benachrichtigt hatte, holte er den Sarg herbei, der dem Verstorbenen schon vor langer zeit von seinen Kindern als Beweis ihrer innigen Liebe geschenkt war.

Dann wurden dem Toten gebackene Kuchen für die Höllenhunde in den Sarg gelegt und einige Käsch für den Höllenpförtner, damit der Ankömmling eines freundlichen Empfanges sicher wäre. Die Familienmitglieder legten die weißen Trauergewänder an, und es wurde für das Begräbnis ein Glückstag bestimmt sowie ein glücklicher Platz auf dem eigenen Besitze ausgesucht. Dort wurde unter lautem Wehklagen der Trauernden der Sarg auf den Erdboden gestellt und darüber der runde Grabhügel, der nach oben spitz zulief, aufgehäuft. Yau blieb einige Tage bei seinen Eltern und erzählte ihnen von seinen Erlebnissen in den letzten Monaten. Sein Vater nickte befriedigt, als er erwähnte, daß sein Herr ihm im Sommer das Leben gerettet hätte, als er im Kiau-ho beinahe ertrunken wäre. Und als Yau ihm weiter erzählte, daß er sich schon eine Menge Dollar gespart hätte, da nickte er noch befriedigter und sagte ihm, er solle nur bald wieder nach Kaumi zurückgehen.

Yau war schon ein wenig Geschäftsmann geworden und hatte den größten Teil seiner Ersparnisse bei seinem Freunde, dem Kaufmann Kuang-Hsiang, angelegt, als er auf dem Wege nach der Heimat Tsingtau passierte. Aber auch seinem Vater hatte er einige Dollar mitgebracht, was diesem nicht unlieb war, zumal das Geld ihm eine willkommene Beihilfe war für die Kosten, die ihm jetzt beim Tode des alten Großvaters entstanden. Yau erzählte mit Stolz seinen Eltern, daß er nicht nur den größeren Teil des Lohnes, welchen er von seinem Herrn erhielt, gespart, sondern das er sich auch noch nebenbei viel verdient hätte, denn von den Kaufleuten und Händlern erhielt er bei allen Einkäufen seines Herrn eine Extravergütung. So hatte er bei Kuang.Ksiang schon eine für seine Verhältnisse beträchtliche Summe anlegen können und hoffte, daß sein Kapital dort schnell wachsen würde.

Als Yau den Rückweg nach Kaumi antrat, beschloß er, ohne Tsingtau zu berühren, den direkten Weg zu marschieren, für welchen er sich die Richtung ungefähr eingeprägt hatte. Um schneller vorwärtszukommen, hatte er sich einen schlechten Anzug angezogen und seinen Zopf wie ein Kuli kranzförmig um den Kopf gelegt. Seine gute Kleidung, auf die er sonst so stolz war, trug er zu einem Päckchen gerollt in der Hand, und das Geld, welches er übrigbehalten, hatte er in diesem Päckchen sorgsam versteckt. Schnellfüßig eilte er, fast ohne zu ruhen, vorwärts, und schon am Nachmittage des zweiten Tages sah er von einer Höhe herab in der Ferne die Stadt Kaumi liegen. Jedoch in der Hoffnung, schon am Abend in seinem Quartier im Garten des Konfuziustempels von dem anstrengenden Marsche auszuruhen zu können, sah er sich furchtbar getäuscht. Denn als er das nächste Dorf passieren wollte, liefen die Bewohner schreiend zusammen und zwangen ihn stehenzubleiben. Als er erstaunt und erschrocken nach ihrem Begehr fragte, da erhob sich erneut ein wildes Geschrei, und er erfuhr, daß man ihn für einen schweren Verbrecher hielte, der mit zwei anderen zusammen im Dorfe und in der Umgegend freche Räubereien ausgeführt hätte Die Zwei anderen hätte man schon gefaßt, und nun würde auch er seiner verdienten Strafe nicht entgehen.

Voller Entrüstung erklärte Yau, daß ein Irrtum vorläge, daß er aus seinem Heimatdorfe jenseits des Lauschan käme und nach Kaumi wollte und daß er noch nie in diesem Dorfe gewesen wäre. Aber niemand glaubte ihm, und mit Schlägen und Stößen wurde er ins Gefängnis geschleppt, wo er von den dort bereits befindlichen zwei Räubern, wüst aussehenden Gesellen, mit höhnischem Lachen empfangen wurde. Seine erneuten Beteuerungen, daß er vollständig unschuldig sei, waren erfolglos, zumal die beiden Verbrecher grinsend bestätigten, das Yau ihr Genosse bei den Einbrüchen gewesen wäre, und als man seinem Päckchen die schönen Kleider und das darin versteckte Geld und dann auch noch in seinem ärmlichen Anzuge eine Menge Käsch vorfand, da hielt man ihn für einwandfrei überführt und beachtete seine Reden nicht weiter.

So blieb Yau die Nacht über in der schmutzigen Zelle und hatte Zeit, über sein Mißgeschick nachzudenken. Er wußte, daß alle Räuber mit dem Tode bestraft wurden, und er hatte auch früher einmal eine Hinrichtung mitangesehen, ihm war also bekannt, wie er sich bei solcher Gelegenheit zu verhalten hatte. Damals war der Verurteilte mit einem Gleichmut auf die Richtstätte gegangen, als wenn ihn die Sache gar nichts anginge. Er war dann auf freiem Platze, den viele Neugierige umstanden, ohne weiters hingekniet und hatte den Kopf in waagerechter Richtung nach vorn gestreckt, um den Scharfrichter die Arbeit bequem zu machen. Letzterer war dann mit dem langen Richtschwert neben ihn herangetreten und hatte mit einem Streiche den Kopf abgeschlagen. Das war alles sehr schnell und ohne Aufregung vor sich gegangen. Und ebenso, dachte Yau, würde es ihm morgen auch ergehen, denn er wußte, daß mit Räubern kurzer Prozeß gemacht wurde.

Yau fürchtete sich nicht vor dem Tode, aber daß er auf diese Weise, ohne etwas verschuldet zu haben, sein junges Leben beschließen sollte, das paßte ihm gar nicht. Da wäre es ihm schon lieber gewesen, wenn er damals im Kiau-ho ertrunken wäre. Das Köpfen war sowieso schon eine unangenehme Sache, denn dadurch wurde der Körper in zwei Stücke geteilt, und wenn mal später seine Seele wieder in den Körper zurückkehren wollte, dann würde sie nicht wissen, was sie mit dem verstümmelten Körper anfangen sollte. Deshalb kam Yau zu der Überzeugung, daß es vielleicht besser wäre, der Hinrichtung aus dem Wege zu gehen und sich lieber selbst umzubringen. Wenn er zum Beispiel seine Kleider in Streifen riß und zu einer Schnur drehte, dann konnte er sich wunderschön daran aufhängen, und der Körper blieb dabei unversehrt. Yau beschloß, sich diesen Fall noch bis morgen zu überlegen, und wenn dann für ihn gar keine Aussicht bestände, wieder freizukommen, seinen Entschluß ohne Zögern auszuführen.

Während Yaus Abwesenheit von Kaumi waren dort bei dem Mandarin häufig Anzeigen eingegangen, daß dort in seinem Kreise Räuber ihr Unwesen trieben. Eines Tages kam wieder die Meldung, daß in einem benachbarten Dorfe Einbrüche erfolgt wären, daß man aber diesmal zwei der Verbrecher gefaßt hätte, um deren strenge Bestrafung man bäte. Der Mandarin machte sich sofort am nächsten Morgen in seiner Sänfte, begleitet von mehreren Dienern und berittenen Polizisten, auf den Weg nach diesem Dorfe, um die Räuber ihrer verdienten Strafe zuzuführen. Einige von den Deutschen, darunter auch der Ingenieur, denen der Mandarin von dem von dem Ereignis Kenntnis gegeben hatten, ritten bald darauf hinterher. Als sie an ihrem Ziele ankamen, erhielt der Mandarin von dem Taotei des Dorfes den Bericht, daß am Abend vorher noch ein dritter Räuber gefangen worden sei und daß er um baldige Aburteilung der Verbrecher bäte. Auf Befehl des Mandarins wurden die Missetäter sofort herbeigeholt. Mit gleichgültig frechen Gesichtern kamen die beiden zuerstgefangenen Räuber heran, hinter ihnen, bleich und mit gesenktem Blick, folgte der dritte. Vollerstaunen erkannte der Ingenieur in diesem seinen Boy, und erschrocken rief er ihn bei seinem Namen. Da hob Yau den Blick und stieß ein Freudenschrei aus, dann warf er sich vor seinem Herrn nieder, und mit überstürzenden Worten erzählte er, wie es ihm ergangen. Nun klärte sich schnell alles auf, und Yau konnte froh und glücklich mit seinem Herrn nach Kaumi zurückkehren. Zwei Tage darauf wurden die beiden Räuber geköpft, aber Yau ging diesmal nicht hin, um sich das Schauspiel anzusehen, und es überlief ihn ein kalter Schauder, wenn er daran dachte, daß er selbst beinahe dasselbe Schicksal gehabt hätte.

Der Aufenthalt Yaus in Kaumi näherte sich seinem Ende, da sein Herr die ihm übertragenen Arbeiten erledigt hatte und nach Tsingtau zurückkehren wollte. Das war auch Yau ganz angenehm, denn es fing an, kalt zu werden, und wenn es sich auch in dem Garten des Konfuziustempels ganz behaglich lebte, so war doch für den Winter die Unterkunft nur mangelhaft.

In Tsingtau, wo nun für Yau wieder ruhige Tage ohne Aufregung folgten, lebte er sich mit der Zeit immer mehr ein. Er sah, wie allmählich die Stadt sich entwickelte, wie schöne, breite Straßen entstanden, an deren Seiten prächtige Häuser gebaut wurden, und überall bemerkte er regen Handelsbetrieb. Bei seinem Freunde Kuang-Hsiang hatte er schon viel gelernt, und die Ersparnisse, welche er bei ihm angelegt hatte, waren beträchtlich angewachsen. Kuang-Hsiang hatte ihn gefragt, ob er nicht bei ihm bleiben und in seinem Geschäft mitarbeiten wollte, denn er sah, daß Yau geschickt und zum Kaufmann wohl veranlagt war. Aber Yau sagte, daß er den Dienst bei dem Ingenieur nicht verlassen wollte, da er sich dort wohl fühle und der Deutsche ihm zweimal das Leben gerettet habe.

Aber als er ein Jahr bei seinem Herrn gewesen war, eröffnete ihm dieser, daß er nach Deutschland zurückkehren müßte, und als der Ingenieur in dem neuen Hafen, der schon fast fertig war, den großen Dampfer bestieg, da wurde es Yau bei der Trennung von seinem Herrn fast wehmütig ums Herz. Lange noch stand er auf der Landungsbrücke und winkte mit einem bunten Tuche nach dem Dampfer hinüber, und dann ging er auf den kleinen Höhenrücken, vom dem aus er nach der anderen Seite über das Meer sehen konnte, und blickte dem Dampfer, welcher inzwischen nach dieser Seite Herumgefahren war, so lange nach, bis am Horizont nur noch eine ganz schwache Rauchvolke zu sehen war.

Dann holte er aus der bisherigen Wohnung seine Sachen, ging zum Kaufmann Kuang-Hsiang und sagte ihm, daß er nun bei ihm bleiben und in sein Geschäft wollte.

Quelle: Jambo, Monatsschrift füe Schule und Elternhaus, 1934, von rado jadu 2000

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