
Kiautschau - Kiautschou
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Als sich Li-Hung-Tschang im Jahre 1896, angetan mit der höchsten chinesischen Auszeichnung, der gelben Jacke, und in Begleitung des chinesischen Zolldirektors Detring, eines geborenen Deutschen, nach Europa begab, knüpften sich an seinen Besuch recht viele, wie schon erwähnt wurde, aber stark enttäuschte Hoffnungen. Auf dieser Reise, die ihn durch Rußland, Deutschland, Österreich, Frankreich und England führte, wurden ihm die mannigfachsten Ehrungen zuteil, allein Kaiser Wilhelm II. ließ ihn keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß er seinen Versprechungen keinen Glauben schenke. Wie sehr sich das Oberhaupt des Deutschen Reiches darin recht hatte, konnte die Folgezeit überraschend schnell beweisen. Von den vielen Bestellungen auf Schiffe, Kanonen, Eisenbahnen und Maschinen aller Art wurde der deutschen Industrie nur ein recht spärliches Maß zuteil, und doch ließ der Aufschwung, den der europäische Handel mit China nach dem Frieden von Schimonoseki wieder genommen hatte, klar erkennen, daß die Ausfuhr nach dem Reiche der Mitte mit seinen Millionen von Einwohnern noch ungeahnte Bedeutung gewinnen könne. Zudem hatte Deutschland das Bedürfnis, seiner alljährlich wachsenden Industrie neue Absatzquellen zu erschließen, und es hatte daher, da die Gründung von Kolonien in der Art der in Afrika vorhandenen nicht in Frage kommen konnte, ein wohlberechtigtes Interesse daran, sich einen ähnlichen Stützpunkt zu suchen, wie ihn andere abendländische Staaten, vor allem England, an der chinesischen Küste bereits gesucht und auch gefunden hatten. Das Deutsche Reich besaß zwei kleine von China erworbene Gebiete: die Niederlassung in Tientsin am Peiho und in Hankou am Yangtsekiang. Allein diese eigneten sich nicht für die Gründung eines Seehafens, der zwar nicht dem Umfange nach, aber doch in seiner Bedeutung für den deutschen Handel das werden sollte, was Hongkong für Englands wirtschaftliche und militärische Interesse in Ostasien im Laufe eines halben Jahrhunderts geworden ist. Deutschland brauchte einen Platz "an der Sonne", der die bereits vorhandene "Interessensphären" anderer Nationen nicht bedrohte und eine neue, bisher von Verkehre noch wenig berührte Zone für diesen eröffnete. Vor allem mußte dieser Platz jederzeit von der See unmittelbar für die größten Schiffe zugänglich sein und ein Hinterland besitzen, das durch Wasserstraßen oder Eisenbahnen ohne große Schwierigkeiten zu erreichen und dabei womöglich nicht nur kaufkräftig zur Aufnahme der deutschen Einfuhr, sondern auch im Besitz von Erzeugnissen für die Ausfuhr war. Das Klima durfte nicht unerträglich sein. Es handelte sich also um die Gründung eines unter deutscher Oberhoheit stehenden Freihafen, in dem auch die Lebensbedingungen für geborene Deutsche gegeben waren. Bei den großen materiellen Vorteilen, die die Chinesen aus der Erschließung des Landes an Plätzen wie Hongkong, Schanghai, Tientsin ect. gewonnen haben, wo der Zwischenhandel, also die Verteilung der eingeführten und die Ansammlung der auszuführenden Güter, zum größten Teil in den Händen chinesischer Kaufleute liegt und diesen große Reichtümer gebracht hat, durfte man erwarten, daß die chinesische Regierung sich den Wünschen Deutschlands zur Überlassung eines geeigneten Platzes zur Anlegung eines Freihafens nicht abgeneigt zeigen würde, zumal Rußland neuerdings wieder Zugeständnisse in der Mandschurei, Frankreich im Süden Chinas, am Westfluß, und selbst England, das sich um die Unterstützung Chinas Japan gegenüber keinen Dank verdient hatte, solche im Yangtse-Gebiet erlangte. Die gepflogenen Unterhandlungen zogen sich aber in die Länge und drohten fruchtlos im Sande zu verlaufen, als ein höchst trauriger Vorfall, die Ermordung zweier deutscher Missionare in der Provinz Schantung, für das deutsche Reich die Veranlassung zu energischen Schritten wurde. Wie früher ausführlich geschildert wurde, fielen die Missionare Nies und Henle chinesischem Christenhasse zum Opfer, und Kaiser Wilhelm II. forderte nicht allein sofortige und strenge Bestrafung der des Meuchelmordes Schuldigen, sondern ergriff mit starker Hand die Gelegenheit zur Beschleunigung der schwebenden Verhandlungen und beseitigte gleichzeitig durch persönliche Verständigung mit dem Kaiser von Rußland die von letzterem Lande gemachten Schwierigkeiten. Die unter dem Kommando des Admirals von Dieterichs, der im August 1902 nach langer verdienstvoller Tätigkeit in den Ruhestand trat, stehende Kreuzerdivision erhielt den Befehl, die Bucht von Kiautschou als Bürgschaft für die Erfüllung der deutschen Forderungen zu besetzen. Schon am 14. November 1897 erfolgte die Besitzergreifung durch S.M.S. "Kaiser", "Prinzeß Wilhelm" und "Cormoran". Das etwa 700 Mann zählende Landungskorps fand bei Besetzung der Munitionshäuser und Lager Tsingtaus keinen Widerstand, da der chinesische General Tschang vollständig überrascht war und nach einigem Besinnen einwilligte, sich mit seiner fast dreimal so starken Truppe sich auf 15 Kilometer von Tsingtau zurückzuziehen. Die Besatzung war ohne Blutvergießen erfolgt, und die Sühneforderungen der deutschen Regierung regelten sich in Peking rasch. Der wichtigste Punkt darin war die Abschließung eines Pachtvertrages, der im Eingang etwa folgenden Wortlaut besitzt: "Die kaiserl. chinesische Regierung, um den berechtigten Wunsch der deutschen Regierung zu erfüllen, ebenso wie andere Mächte in den ostasiatischen Gewässern einen Punkt zu besitzen, wo deutsche Schiffe ausgebessert und ausgerüstet, die Materialien und Vorräte dafür niedergelegt, sowie sonstige zugehörige Einrichtungen getroffen können, überläßt der deutschen Regierung pachtweise vorläufig auf 99 Jahre das auf beiden Seiten des Eingangs der Bai von Kiautschou in Süd-Schantung gelegene, weiter unten näher bestimmte Gebiet dergestalt, daß es der deutschen Regierung frei steht, innerhalb dieses Gebietes alle nötigen Baulichkeiten und Anlagen zu errichten und die zu deren Schutze erforderlichen Maßnahmen zu treffen." Nachdem das Gebiet genau festgesetzt ist, wird hinzugefügt: "Außerdem verpflichtet sich die chinesische Regierung in einer Zone von 50 Kilometern im Umkreise rings um die Bucht keine Maßnahmen oder Anordnungen ohne Zustimmung der deutschen Regierung zu treffen und insbesondere einer etwa notwendig werdenden Regulierung der Wasserläufe keine Hindernisse entgegenzusetzen." Die Tatsache der Besitzergreifung wurde der chinesischen Bevölkerung durch die nachstehende abgebildete Proklamation mitgeteilt, die im Deutschen folgendermaßen lautet: "Am 14. November 1897 machte Seine Exzellenz der Chef des Kreuzergeschwaders in einer Proklamation bekannt, daß er die Kiautschoubucht in den von ihm damals angegebenen Grenzen besetzt habe, um Bürgschaft zu haben für die Erfüllung der Sühneforderungen, welche wegen der Ermordung deutscher Missionare in Schantung an die chinesische Regierung gestellt werden mußten. In der Proklamation wurde erklärt, daß die deutschen Behörden die friedlichen Bürger in ihrem Handel und Wandel schützen und Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten, aber Übeltäter strenge und nach den geltenden chinesischen Gesetzen bestrafen würden. Sollten Ruchlose etwas gegen die anwesenden Deutschen unternehmen, so verfallen sie den strengen deutschen Kriegsgesetzen. Nunmehr haben Ihre Majestäten der Deutsche Kaiser und der Kaiser von China einen freundschaftlichen Vertrag geschlossen, wonach China an Deutschland einen Teil des früher besetzten Gebietes verpachtet. Unsere in Tsimo und Kiautschou stationierten Truppen werden deshalb innerhalb des an uns verpachteten Gebietes, dessen Grenzen später genau bestimmt werden müssen, zurückgezogen werden. Ich ermahne alle Bewohner dieses Gebietes, Ruhe und Ordnung zu halten und sich meinen Anordnungen nicht zu widersetzen. Jede Widersetzlichkeit wird nach dem Gesetz streng bestraft werden." China übertrug also an Deutschland das Hoheitsrecht über das Pachtgebiet an Deutschland, und außerdem gestattete die chinesische den Bau einer Eisenbahn nach den nord- und westwärts gelegenen Kohlenfeldern bis zum Anschluß an das große projektierte Eisenbahnnetz (Peking-Hankou). Die Ausbeutung der Kohlenfelder von Weihsien, Poschan und Itschoufu sollte deutschen Unternehmern gestattet sein und der zu bildenden Eisenbahngesellschaft sollten mindestens ebenso günstige Bedingungen gewährt werden, wie irgend eine andere europäisch-chinesische Eisenbahngesellschaft in China erhalten hat. Die Grenzen dieses etwa 60 000 bis 80 000 Einwohner zählenden Pachtgebietes umfassen zunächst die ganze Bucht von Kiautschou mit den Inseln und außerdem an den Seiten noch soviel Land, wie es aus militärischen Rücksichten deutscherseits für nötig erachtet wurde. Das Pachtgebiet gehörte zu der Provinz Schantung. Diese zwischen dem 34. und 38. Grad nördlicher Breite gelegene Provinz umfaßt etwa 150 000 qkm, wovon mehr als die Hälfte bergig ist und halbinselartig vor dem eigentlichen großen asiatischen Festland liegt, mit diesen durch eine weite Ebene verbunden, die durch zahlreiche, von Gebirgen Mittelasiens herabfallende Flüsse angeschwemmt ist. Unter letzteren ist der Hoangho, der gelbe Fluß, weitaus der bedeutendste, der seit den ältesten Zeiten die Richtung seines Laufes stets wechselt, zeitweise ganz nach Norden ging und selbst den Peiho aufnahm, dann wieder nach Osten und Südosten durchbrach, bald dieses, bald jenes Flußbett wählend. Bei seinen Überschwemmungen lagerte er fruchtbaren Schlamm ab, auf den der "Iltis" an der südöstlichen Spitze der Halbinsel auf ein Riff geworfen wurde, wobei 71 brave deutsche Seeleute mit dreimaligen Hurra auf den Kaiser den Heldentod starben. Es waren die ersten Opfer, welche die Erwerbung Kiautschou forderte. Im Osten der Bucht erheben sich die 1000 m hohen Granitfelsen des Lantschan-Gebirges, im Süden wird sie von einer schmalen Landzunge mit etwa 200 m hohen Bergen umschlossen, nach Norden und Westen ragen aus der Ebene nur einzelne Bergkegel empor. Die verwitterten Gneis- und Granitfelsen haben im Laufe der Zeit Unmassen von Sand geliefert, und ausgedehnte Wattflächen erstrecken sich namentlich von Nord und West in die Bucht, während sich am östlichen Ufer noch große Wassertiefe finden. Hier war deshalb der Platz für den zu schaffenden Hafen, der jedoch gegen die im Winter aus Nordwest kommenden Stürme durch kräftige Dämme geschützt werden mußte. Das Klima entspricht etwa dem Nord-Italiens, ist aber im Winter bei großer Trockenheit etwas kälter und im Sommer noch wärmer und regenreicher. Schnee und Nebel sind selten, die Bucht bedeckt sich auf den Wattflächen wohl mit Eis, friert aber niemals ganz zu. Da die Watten nur wenig Schlick enthalten, vielmehr fast ganz aus Sand bestehen, so sind Fieber nicht zu fürchten. Fälle von Ruhr und Typhus sind auf mangelhafte Beschaffenheit des Trinkwassers zurückzuführen, das aus ganz flachen Brunnen gewonnen und bei der chinesischen Unsauberkeit sehr bald verschmutzt wird. Süd- und Ostseite der Bucht sind gebirgig und daher schwach bevölkert, Nord- und Westseite dagegen voll von Dörfern und bis auf die kleinste Fläche als Acker ausgenutzt und sorgfältig bebaut. Zwei Plätze sind besonders von Bedeutung, Tsingtau, an dem Eingang zur Bucht im Südosten gelegen, erst noch neuerdings von den Chinesen mit fünf bis sechs Lagern umgeben, die von mehreren Tausend Soldaten unter einem General besetzt waren, da China sich plötzlich entschlossen hatte, den Fremden zuvorzukommen und in der Bucht von Kiautschou einen Kriegshafen selbst anzulegen. Der zweite Platz ist die im Nordwesten gelegene alte Stadt Kiautschou mit etwa 70 000 Einwohnern. Durch die immer zunehmenden Sandablagerungen des Kiau-Flusses ist sie allmählich aus einer Hafenstadt eine Landstadt geworden und hat an Bedeutung verloren. Doch ist sie der größte Platz der Umgegend, und ihre hohen, mit Zinnen gekrönten Mauern geben ihr noch heute ein stattliches Aussehen. Kiautschou ist also das Einfallstor für ein ungemein reiches Hinterland. Die Provinz Schantung zählt zu den von der Natur am reichsten gesegneten Teilen des großen chinesischen Reiches. Sie ist etwa zwei Drittel so groß wie Deutschland, der Boden durchweg fruchtbar und unter Kultur. Dreimal im Jahre wird geerntet, und es wachsen fast alle europäischen Früchte, an der Küste auch europäische Obstsorten, wie Äpfel, Birnen, Kirschen usw. Seit einigen Jahren hat man in der Nähe von Tschifu Weinberge angelegt und zu besonderer Freude die Erfahrung gemacht, daß die Stöcke reichlich Trauben tragen. Bisher sind sowohl österreichische wie kalifornische Reben gepflanzt; möglicherweise macht man später auch mit anderen noch Versuche. Gegenwärtig werden große Kellereianlagen vorbereitet, in welchen der Wein, der aus den dort gezogenen Trauben gekeltert werden soll, gelagert werden kann. Es handelt sich dabei um ein rein chinesisches Unternehmen, an dessen Spitze ein Österreicher steht. Das Kapital stammt meistens aus Singapor. Bedauerlicherweise haben die Chinesen den größten Teil der Berge abgeholzt; trotz dieser Verwüstung fehlt es indessen in Schantung nicht an Holz. Walnußbäume sind in großer Anzahl vorhanden und werden, wenn einst eine geregelte Wirtschaft eingeführt ist, reiche Erträge liefern können. Im allgemeinen sind die Chinesen der Provinz Schantung ordentlich, ehrliche Leute und erweisen sich anstellig, so daß auch in dieser Hinsicht die Verhältnisse günstiger liegen als in anderen übervölkerten Teilen des Landes. Die Bedeutung Kiautschous für den Handel ist, wie M. von Brandt betont, stets auch von den Chinesen erkannt worden; sie ist nicht unwesentlich durch die Herstellung oder richtiger die Vollendung des großen Kaiserkanals im 13. und 14. Jahrhundert unter den mongolischen Herrschern und der Ming-Dynastie wie ebenfalls durch die Eröffnung Tschifus für den fremden Verkehr 1860 geschädigt worden. Trotzdem bietet Kiautschou auch heute noch wegen seiner ganz geschützten Reede so bedeutende Vorteile über das bei schlechtem Wetter und namentlich während des Winters beinahe unbenutzbare Tschifu und das durch die Barre vor dem Peiho und die immer ungünstiger werdenden Wasserverhältnisse im Flusse selbst stark beeinträchtigte Tientsin, daß es nur verhältnismäßig geringer Kosten bedürfen wird, um es zum Hauptstapelplatz des Handels mit dem größten Teile Schangtungs, Kiangfus, Anhuis und Honans zu machen. Der erste größere, im Innern Schantungs gelegene Handelsplatz, Weihsien, der den Mittelpunkt des Seidenhandels der Provinz bildet und in dessen unmittelbarer Nähe sich abbaufähige und -werte Kohlengruben befinden, ist nur 100 Kilometer von Kiautschou entfernt, und dem Bau einer Bahn nach dort, die sofort mit der von der chinesischen Regierung eingeführten Normalspurweite in Angriff genommen wurde, standen keinerlei erhebliche Terrainschwierigkeiten im Wege. Wohin die Bahn von dort zu führen sein dürfte, wird von weiteren eingehenden Terrainstudien, namentlich auch von der Möglichkeit einer Überbrückung des Gelben Flusses (Hoangho) anhängen, jedenfalls aber wird von vornherein eine weitere Fortsetzung der Bahn entweder nach dem Yangtse oder zur Verbindung mit der Luhan-Linie (von Lukauchiao nach Hankou) ins Auge zu fassen sein. Vielleicht dürfte sich auch empfehlen, einen früheren chinesischen Plan wieder aufzunehmen: die Vertiefung des auf den Flüssen Kiao und Lai bereits bestehenden Wasserweges zwischen der Süd- und Nordküste der Halbinsel Schantung und die Nutzbarmachung desselben für größere einheimische Fahrzeuge. Die zu diesem Zwecke unternommenen Arbeiten wurden nach dem Tode des Kaisers Kanghi gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder eingestellt. Über den Umfang des Verkehrs, der sich in Kiautschou entwickeln kann, bereits jetzt ein maßgebendes Urteil zu fällen, ist unmöglich. In Tschifu, das viel weniger günstiger als Kiautschou gelegen ist und dessen Inlandverkehr durch die es umgebenden Bergen sehr erschwert wird, während mehrere tiefe Bodensenkungen denselben von Kiautschou aus erleichtern, betrug 1896 der Wert der eingeführten resp. reimportierten fremden Waren ca. 33 Millionen Mark und der der Einfuhr und Wiederausfuhr chinesischer ca. 11 Millionen Mark und der der Ausfuhr chinesischer Waren ca. 22 Millionen, d.h. zusammen ca. 66 Millionen Mark. Da es sich bei diesen Zahlen nur um den durch das fremde Seezollamt gegangenen Verkehr handelt, d.h. um Waren, die auf Schiffen fremder Bauart ein- oder ausgeführt wurden, so wird man nicht sehr fehl greifen, wenn man den Wert des Gesamtverkehrs auf ca. 80 Millionen Mark annimmt. Besonders wichtig aber ist das Hinterland wegen seines Reichtums an Kohle, wovon sich mehr oder minder starke Lager in allen Teilen der Provinz Schantung finden. Wegen der Bedeutung von ausländischen Kohlenstationen für unsere stetig wachsende Marine ist ein Hinweis hierauf von besonderem Interesse. Das hier gewonnene Heizmaterial ist bester englischer Kohle so ziemlich gleichwertig, und wie man es in den Kreisen unserer Marine beurteilt, geht am besten daraus hervor, daß seitdem die in Ostasien stationierten Schiffe soweit tunlich nur Schantung-Kohle brennen. Prinz Heinrich von Preußen hat der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß in absehbarer Zeit diese Kohle sowohl für die deutsche Kriegs- wie Handelsmarine die in den ostasiatischen Gewässern aus Europa importierte Kohle verdrängen würde. Überhaupt beurteilte Prinz Heinrich die Zukunft Kiautschous sehr günstig; er war vor allem auch hocherfreut darüber, daß sich in Deutschland für diese neueste deutsche Erwerbung ein so lebhaftes Interesse bemerkbar machte. Prinz Heinrich von Preußen hatte sehr rasch Gelegenheit erhalten, sich an Ort und Stelle das Material zu derartigen Urteile zu sammeln. Denn während in Deutschland das energische und erfolgreiche Vorgehen der deutschen Regierung allgemeine und fast ungeteilte Billigung fand, erhob sich bald in der Presse Englands, Japans, Rußlands und Frankreichs lebhafter Widerspruch, da man befürchtete, Deutschland strebe in Ostasien auch nach größerem Landerwerbe. Daß das Reich aber ernsthaft gewillt sei, Kiautschou als Stützpunkt zu behaupten, darüber ließ Kaiser Wilhelm keinen Zweifel offen. Er entsandte eine zweite Kreuzerdivision unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich von Preußen nach Ostasien. In der Abschiedsrede auf dem Schlosse zu Kiel am 15. Dezember 1897 sprach der Kaiser, an die Zeit der "Hansa" erinnernd, aus, daß das neuerstandene Deutsche Reich die Pflicht habe, der unter staunenswerter Entwicklung des Handels neu erblühten deutschen Hansa seinen Schutz zu gewähren, daß aber Reichsgewalt und Seegewalt nicht ohne einander bestehen können. Es war dem Prinzen Heinrich damals nicht beschieden, sich mit gepanzerter Faust Lorbeeren zu holen, aber es war ihm vergönnt, an der Gründung der jungen Kolonie begeisterten Anteil zu nehmen. Am 16. Dezember 1897 lichtete das Geschwader, daß aus dem Panzerkreuzer 1. Klasse "Deutschland", dem Kreuzer 2. Klasse "Kaiserin Augusta" und dem Kreuzer 3. Klasse "Gefion" bestand, die Anker und wurde noch vom Kaiser Wilhelm auf der Ausreise eine Strecke Wegs begleitet. Um den Verlauf der Prinzenreise gleich hier vorwegzunehmen, sei erwähnt, daß Prinz Heinrich nach glücklicher Fahrt über England durch die Straße von Gibraltar, das Mittelländische Meer, den Suezkanal, das Rote Meer, die Straße von Bab el Mandeb, den Indischen Ozean und die chinesische See in Hongkong eintraf, wo er als Enkel der Königin Viktoria auf das Begeistertste empfangen wurde. Nach einem Besuche von Schanghai, wobei der Prinz sich persönlich von den Fortschritten überzeugen konnte, die ein aus 2500 Mann bestehende chinesisches Elitekorps in den letzten Jahren unter der Leitung deutscher Instrukteure gemacht hatte, folgte auch ein Besuch des Kaisers in Peking. Es hatte Mühe gekostet, das hierauf bezügliche Zeremoniell zu allseitiger Zufriedenheit zu regeln, denn am chinesischen Kaiserhofe betrachtet man alle Fürsten der Erde als Vasallen des "Sohn des Himmels" und erwartete auch entsprechende Ehrenerweisungen. Aber Kaiser Kwangsü erklärte sich schließlich bereit, den preußischen Prinzen als den Angehörigen eines im Range völlig gleichstehenden Herrscherhauses zu betrachten. Am 15. Mai fand der denkwürdige Besuch des Bruders Kaiser Wilhelms bei dem Herrscher Chinas und der Kaiserin-Witwe Thuhsi in der prächtigen Sommerresidenz Wanschuschan, drei Wegstunden nordwestlich von Peking, statt. Der Prinz überreichte dem Kaiser Kwangsü prächtige Vasen aus der königlich preußischen Porzellan-Manufaktur im Auftrage des deutschen Kaisers als Geschenk. Kwangsü gab wiederholt seiner Freude über den Besuch des Prinzen Ausdruck und machte nach kurzer Frist in dem als Absteigequartier des hohen Gastes hergerichteten Pavillon seinen Gegenbesuch. Bei dieser Gelegenheit fand zwischen dem damals noch nicht unter Vormundschaft gestellten reformfreundlichen chinesischen Herrscher und dem Hohenzollern ein vertrautes Gespräch statt, dem nur der Gesandtschafts-Dolmetscher beiwohnte. Bei der Verabschiedung des Sprossen der Mandschu-Dynastie präsentierten die vor dem Pavillon in Parade aufgestellten deutschen Marineinfanteristen das Gewehr, während der Tambour einen Wirbel schlug, die erste Ehrenbezeugung, die deutsche, überhaupt abendländische Soldaten dem Herrscher des Reiches der Mitte erwiesen. Nach einem Besuche der Umgegend, besonders der Gräber der Ming-Dynastie, verließ Prinz Heinrich nach dem üblichen Ordensaustausche Peking am 25. Mai und begab sich über Taku nach dem von den Russen besetzten Port Arthur auf der Halbinsel Liautong. Einem kurzen Besuch des in englischem Besitze befindlichen Hafens Weihaiwei folgte ein längerer Aufenthalt in Kiautschou, mit dem ein größerer Ausflug in das Hinterland verbunden war. Das Weihnachtsfest 1898, zu welcher Zeit schon höchst bedrohliche Wolken am politischen Horizonte aufgestiegen waren, konnte der Prinz mit seiner Gemahlin, die ihm nach Hongkong entgegengeeilt war, verleben, und im Sommer 1899 besuchte er, nachdem die Prinzessin Heinrich bereits am 22. April die Heimreise angetreten hatte, den Yangtsekiang bis nach Hankou hinauf, wobei er mit dem Generalgouverneur der Kiangfun-Provinzen, Tschantschitung, eine bedeutsame Unterredung hatte. Mit der Heimreise wurde ein Besuch von Japan und des siamesischen Hofes in Bangkok verbunden, und am 13. Februar 1900 traf Prinz Heinrich wieder in Berlin ein. Er konnte seinem Kaiserlichen Bruder nur Günstiges über die Entwicklung des neuen deutschen Gebietes berichten. Denn das deutsche Militär hatte fleißig gearbeitet, um sich den Aufenthalt im fernen Ostasien wenigstens einigermaßen nach dem Muster der deutschen Heimat zu gestalten. Moderne Kasernen und Exerzierplätze, so erzählte ein Offizier, der die erste Zeit der Ansiedlung mit durchmachte, wie sie der Soldat daheim gewohnt ist, fanden wir dort draußen nicht vor, sondern ein verlassenes Chinesenlager aus schmutzigen Lehmhütten mit Strohdächern diente uns zu vorläufiger Unterkunft. Nun galt es, unser Quartier in kürzester Frist in möglichst wohnlichen Zustand zu versetzen. Bald hatte jeder seinen bestimmten Platz; die Tischler arbeiteten an Türen und Fensterrahmen und ersetzten das mangelnde Fensterglas durch Papier; Mauerer besserten die Häuser aus und setzten Öfen, deren Funktion bis dahin alte Petroleumbehälter versehen hatten; andere wieder beaufsichtigten die chinesischen Arbeiterkolonnen, die den Schmutz aus dem Lager zu schaffen hatten. Ferner wurden Keller gebaut, um unsere Vorräte an Proviant und Bier während der warmen Jahreszeit unterbringen zu können. Aber nicht auf das Lager allein beschränkte sich unsere Tätigkeit, auch nach der Grenze und dem Innern des Landes zu mußte dem Chinesen gezeigt werden, daß er einer anderen Landesoberhoheit zu gehorchen habe. Die Einwohnerzahl, die Namen der Dörfer, die Wege, den Bestand an Eseln und Rindvieh war festzustellen, Croquis des deutschen Gebiets mußten angefertigt werden. Zunächst sah das Militär freilich lustig genug aus. Das Ergebnis dieser harten Arbeit war aber ein glänzendes. Die Kasernen, die ganzen Militärlager sind heute Muster von Sauberkeit; ganz Tsingtau ist gesäubert, die Straßen sind beleuchtet - ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis; die Häuser sind mit Nummern versehen, an den Straßenecken sieht man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz, Paroleplatz ect. die Wege sind ausgebessert, zwischen dem Yamen und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrscht Telefonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau erhebt, befindet sich bereits eine Signalstation, in den Straßen sieht man zwischen dem hellblauen Chinesengedränge schon Polizisten, überall herrscht Ordnung, und die Grundlage ist nunmehr gelegt für eine gesicherte Weiterentwicklung der deutschen Besitzung in Ostasien. Da das neue Deutsch-China Reichskolonie ist, wir aber außer der Marine und der Marineinfanterie kein Reichsmilitär besitzen, bot die Schaffung der für nötig befundenen Artillerie besondere Schwierigkeiten. Diese überwand man dadurch, daß man Feldartilleristen der Armee zur Marine versetzte und diese zusammen mit Marineartilleristen für die Bildung der Batterien heranzog. Für diese Leute mußte nun eine Uniform geschaffen werden. Der Not gehorchend, hat man einen Ausweg gewählt, der allerdings als recht ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Während der Oberkörper auch der Feldartilleristen in die weite Blouse des Matrosenanzuges gesteckt worden war, trugen alle, einschließlich der Mannschaften der Marineartillerie, die Beinkleider und Schaftstiefel unserer berittenen Truppen. Auch den Offizieren fehlte es anfangs entschieden an einer geeigneten Kopfbedeckung. Eine einheitliche Uniformierung für das deutsche Detachement ließ aber natürlich nicht lange auf sich warten, und bald war drüben in Ostasien allen deutschen Exerzierplätzen zum Trotze die militärische Ausbildung und der Dienst im flottesten Gange. Die Besatzung von Kiautschou besteht vorwiegend aus dem 3. Seebataillon und einem Matrosen-Artilleriedetachements. Ersteres zählt zur Zeit 18 Offiziere, 112 Unteroffiziere und 1004 Gemeine, letzteres 4 Offiziere, 30 Deck- und Unteroffiziere und 205 Gemeine. An sonstigem militärischen Personal sind zu nennen: Marinefeldartillerie mit 110 Köpfen, Chinesen-Kompagnie mit 141 Köpfen, Personal der Matrosendivision und der Werftdivision mit 62 Köpfen, Sanitätspersonal mit 40 Köpfen usw. Auch ein Reiterdetachement ist in der Bildung begriffen. Die Gesamtstärke der Besatzung beläuft sich auf 43 Offiziere und Ärzte, 214 Deck- und Unteroffiziere, 1326 Gemeine. Die Ergänzung erfolgt aus den Stammkompagnien, welche in einer Stärke von 755 Köpfen in der Heimat stationiert sind und soll möglichst durch Freiwillige bewirkt werden. Sämtliche für Kiautschou bestimmten Leute müssen für den Tropendienst tauglich befunden sein. Das Kommando dauert in der Regel nicht unter 2 Jahre. In jedem Jahr soll tunlichst die Hälfte der gesamten Besatzung abgelöst werden. Die Mannschaften verbringen von der gesetzlichen dreijährigen Dienstzeit die ersten 7 oder 8 Monate in der Heimat bei den Stammkompagnien und auf der Ausreise, 24 Monate bei der Besatzung in Kiautschou und etwa 2 Monate auf der Rückreise. Die Stäbe und das Gros der Besatzung liegen in Tsingtau in zwei im April 1901 bezogenen Kompagnie-Kasernen am Iltisberge, ferner in den alten chinesischen Lagern und in den neben denselben errichteten Baracken. Kleinere Detachements befinden sich in der Stadt Kiautschou, in Schatzykou und Tsangkou, die Chinesen-Kompagnie in Litsun. Tsingtau liegt auf der kleinen Halbinsel, die sich von Nordost nach Südwesten in die Kiautschou-Bucht hineinzieht und dieselbe in die Vorderbucht und die eigentliche Bucht teilt. Nördlich von Tsingtau, durch einen Höhenzug davon abgegrenzt, ist der Platz für die Chinesenstadt, und dort in der eigentlichen Bucht, wo hart am Gestade die kleinen Inseln Horsehoe Shoal und Horseshoe Island eben aus dem Wasser emporragen, wurde ein Wellenbrecher zum Schutze gegen den winterlichen Nord-Ost-Monsun errichtet und der Hafen angelegt. Es dürfte an der ganzen chinesischen Küste keine geeignete Stätte für einen Hafen geben. Man braucht deshalb ja nun nicht gleich daran zu denken, daß Tsingtau bald sogar solche mächtigen Handelsplätze wie Schanghai und Hongkong überflügeln wird, aber wenn wir einmal lediglich die natürliche Beschaffenheit der Hafenplätze als solche ins Auge fassen, so kommen sie dem deutschen Hafen jedenfalls nicht gleich. Die Einfahrt in denselben ist ganz unabhängig von Ebbe und Flut, leicht und ungefährlich und kann zu jeder Stunde bei Nacht und bei Tage geschehen, zumal wenn erst noch die erforderlichen Leuchtfeuer errichtet worden sind. Die Wassertiefe ist eine derartige, daß die größten Fahrzeuge der Welt an dem zu errichtenden Bollwerk selbst anlegen können. Dazu gibt es auch noch höchst geeignete Plätze zur Anlage von Trockendocks, Reparaturwerkstätten u. dgl. Die ganze Bucht ist ringsum von Bergen eingeschlossen und daher sehr geschützt und ganz und gar frei von den an der chinesischen Küste zuweilen arg wütenden Taifun-Winden. Wegen dieser günstigen Lage wurde Tsingtau, das bei der deutschen Besitzergreifung nur ein kleines unbedeutendes Fischerdörfchen war, an Stelle des größeren und bedeutenderen Kiautschou zum Sitze der Regierung ausersehen. Gegenwärtig ist freilich Tsingtau trotz aller Anstrengungen und großer Bauten immer noch ein merkwürdiger Ort, in dem das männliche Element der Bevölkerung vorwiegt. Das regierte Element bilden hier die Chinesen. Als die rotbärtigen Teufel mit ihren blinkenden Waffen landeten, gab es in Tsingtau nur einige hundert Einwohner, heute sind ihrer ebenso viele tausend, und die Einwohnerzahl mag sich während des Winters verzehnfacht haben. Ein Winter hatte genügt, um dieser armen elenden Bevölkerung verhältnismäßigen Wohlstand zu geben, und so viel Geld wie jetzt haben sie in ihren Leben gar nicht gesehen. Früher erhielten sie 30-40 Käsch, das heißt 6-8 Pfennige am Tage, heute 130 Käsch, also das Vierfache! Es hat sich in der ganzen Gegend herumgesprochen, daß die Deutschen nicht stehlen und bedrücken, wie es die chinesischen Soldaten getan haben, sondern daß sie alles bar bezahlen. Arbeit gibt es in Hülle und Fülle, täglich kommen Dschunken mit Waren, täglich lange Züge von Schubkarren. Diese letzteren sind die Equipagen, Lastwagen, Karren - das einzige Beförderungsmittel der ganzen Provinz. Für diesen Zuzug müssen Quartiere gebaut werden, überall entstehen neue Häuser, überall wird gemauert, gezimmert, gehämmert. Die Umgebung von Tsingtau ist weitaus nicht so reizlos, wie sie vielfach geschildert wird. Zwischen den einzelnen Küstendörfern ist jedes irgendwie verwendbare Land sorgfältig von den fleißigen Chinesen geackert und bebaut worden, rings um die Dörfer und in diesen selbst erheben sich zahlreiche Obstbäume; über den kegelartigen Erdhügeln der Toten stehen Föhren und Pinien, und der Baumwuchs würde noch stattlicher sein, wenn es den Bewohnern nicht vollständig an Brennmaterial fehlen würde. Die Chinesen lieben die Natur, sie umgeben ihre Heimstätten und die Heimstätten ihrer Toten mit Baum- und Blütenschmuck, aber der Selbsterhaltungstrieb ist stärker. Um die Bäume zu schützen, brennen sie trockene Gräser, die sie mit den Wurzeln ausreißen, sie fällen nicht die Föhren, sondern schneiden die grünen Nadelzweige ab, und jeder abgestorbene Baum wird durch die Pflanzung eines neuen ersetzt. Auch an landschaftlichen Schönheiten ist das deutsche Gebiet reich; auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen kleine und große Inseln; die letzteren, mit Dörfern und Tempeln bedeckt, sind gut bebaut, vor allem Potato-Island und die Tschiposaninsel, welche jüngst nach den deutschen Schiffen Cormoran und Kaiser benannt worden sind. Etwa in der Mitte des Gebietes erhebt sich der mächtige schwarze Woschau, mit seinen östlichen malerischen Ausläufer, dem bewaldeten Prinz-Heinrich-Berg. Die Grenze gegen das chinesische Gebiet aber bildet der lange scharfgezackte Gebirgszug, das Laoschau. .Die Stadt Kiautschou, die jetzt mit Tsingtau durch eine Eisenbahn verbunden ist, wird von den Chinesen, obwohl sie nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein stattlicher, mir hohen Ringmauern umgebender Marktflecken ist, doch noch als ein bedeutender Ort betrachtet. Es hat auch von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Der eine der beiden Gouverneure, die der neuen deutschen KolonieGestalt und Form gaben, hat die aufreibende Arbeit in der ungewohnten Fremde mit seinem Leben bezahlen müssen, Kapitän zur See Jäschke starb in Tsingtau am 27. Januar 1901; er war am 10 Oktober 1898 zum Gouverneur ernannt worden. Der "Reichsanzeiger" widmete ihm einen Nachruf, in dem es heißt, daß er "ausgestattet mit hervorragenden Geistesgaben, von dem ersten Tage der Übernahme an mit seltener Energie in unermüdlicher Tätigkeit seines Amtes gewaltet und die Entwicklung des Schutzgebietes unter den schwierigsten Verhältnissen mit großer Umsicht und eben solchem Erfolge geleitet und gefördert habe. Sein Tod bedeute für das Schutzgebiet einen großen Verlust". Zu seinem Nachfolger wurde durch kaiserliche Kabinettsordre von 20. Februar 1901 Kapitän zur See Truppel ernannt. Die ostasiatischen Wirren sind natürlich auch auf die Entwicklung des Kiautschou-Gebietes nicht ohne Einfluß geblieben, doch betont eine Denkschrift, die am 16. Januar 1901 dem deutschen Reichstage zuging und über die Zeit vom Oktober 1899 bis 1900 berichtet, daß die Ruhe im Schutzgebiet selbst niemals gestört worden ist, wohl aber im Hinterlande, in der Provinz Schantung. Eine zeitlang drohte infolge der politischen Lage ein vollständiger Stillstand in der Entwicklung der Kolonie. Die Verwaltung hielt es daher für ihre Pflicht, mit allen Kräften und allen verfügbaren Mitteln an den im Gange befindlichen großen technischen und wirtschaftlichen Unternehmungen weiter zu arbeiten. Daß dies Bestreben gelang, zeigt die Aufzählung der Arbeiten. Keinen Tag hat der Hafenbau geruht, und mächtig fortgeschritten sind im Berichtsjahre die Steindämme, die einen umfangreichen, zur Aufnahme der größten Schiffe geeigneten Ankerplatze umschließen; der Straßen- und Hochbau in der Stadt Tsingtau und ihrer Umgebung sind ununterbrochen gefördert worden; die für den Gesundheitszustand der Kolonie wichtigste Anlage, die zentrale Wasserleitung, ist ihrer Vollendung nahe gebracht; die Aufforstung der Berge um die Stadt ist planmäßig fortgesetzt; der Anschluß Tsingtaus an das unterseeische Kabelnetz ist ausgeführt worden. Neben diesen und zahlreichen anderen technischen Arbeiten sind aber auch die Kulturaufgaben im engeren Sinne nicht aus dem Auge verloren worden. Die Justiz hat den stark sich steigenden Anforderungen, welche in jedem Jahre mehr an sie herantreten, sich völlig gewachsen gezeigt; die deutsche Schule hat einen weiteren Ausbau erfahren; ein Amtsblatt, welches alle wichtigen Verordnungen und Bekanntmachungen in deutscher und chinesischer Sprache veröffentlicht und damit einen weiteren Schritt zur Annäherung der chinesischen Bevölkerung an die deutsche Verwaltung unternimmt, wurde begründet; selbst für wissenschaftliche Bestrebungen in der Kolonie ist dieses letzte Jahr trotz seiner Unruhe nicht ungenutzt gelassen worden. Nach alledem, so schließt der Bericht, darf wohl gesagt werden, daß auch das Jahr der Wirren für die Entwicklung der Kolonie kein verlorenes, daß dieselbe vielmehr wichtige und fruchtbare Fortschritte aufweisen kann. Zum nicht geringen Teile ist dies auf die verständnisvolle Mitwirkung eines Teiles der deutschen Privatunternehmungen, vor allem der Eisenbahn, zurückzuführen. So sind alle Vorbedingungen da, die aus Kiautschou in absehbarer Zeit eine blühende deutsche Kolonie machen können. Sache der dort sich ansiedelnden Pioniere wie der vom Reich eingesetzten Beamten aber wird es sein, nichts zu verabsäumen, was ihre Entwicklung fördern kann. Ein Beispiel können sie sich an den rastlosen Schaffen der Russen nehmen, die in dem nördlich gelegenen Port Arthur mit Aufbietung aller Kräfte an der Arbeit sind, sich einen festen Stützpunkt zu schaffen. Quelle: China Land und Leute, Illustrierte Geschichte des Reiches der Mitte, Dr. Emil Wilhelmy, Verlag Herlet, 1905 von rado by jadu 2002. |
