
Der Taiping - Aufstand
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Seit dem Jahre 1850 herrschte in China eine furchtbare Anarchie. Die unter dem Namen der Taipings bekannten Aufständischen verheerten mit Feuer und Schwert den Süden des Reiches, während der Norden von den sogenannten Schankung - Rebellen heimgesucht wurde, die den Thron der Mandschu selbst bedrohten. Solange die Rebellen die Handelsinteressen der Engländer nicht beeinträchtigten, ließ man sie gewähren und betrachtete deren Kämpfe gegen die Kaiserlichen als eine Diversion zu Gunsten der Europäer. Die allgemeine Ansicht, daß die Taipings Christen seien, verschaffte ihnen außerdem in England viele Sympathien; allein seitdem sie ihren Eroberungszug nach den Küsten ausdehnten, änderte sich diese Ansicht sehr. Einmal sah man, daß das sogenannte Christentum der Taipings bei näherer Betrachtung seinen Nimbus verlor und mit dem wirklichen Christentum fast nichts gemein hatte; sodann aber stürzten auch alle jene sanguinischen Hoffnungen zusammen, welche die Handelswelt an die Fortschritte der Rebellen knüpfte. Man glaubte, ihr eifriges Bestreben sei, den Fremden das Land zu öffnen und dadurch Handel und Wandel auf großartige Weise zur Entwicklung zu bringen, aber beides bewährte sich in keiner Weise. Sie haben die den Yangtsekiang hinauffahrenden Europäer feindlich behandelt, und der Verkehr wurde durch sie gelähmt. Verheerung, Mord und Brand kennzeichneten ihre Schritte, und das von ihnen eroberte Land verwandelte sich in eine Wüste. Überall, wo sie sich zeigten, stockte der Verkehr. Sie waren ein zerstörendes Element, das alles Bestehende niederriß, aber nichts neues an seine Stelle setzte. Die Rückwirkung ihres Verfahrens auf den europäischen Handel machte sich daher sofort fühlbar, als sich die Rebellen der Küste näherten. Das sorgsam kultivierte China bot unter der Herrschaft der Mandschu den Fremden noch immer eine bessere Garantie für die Zukunft ihres Handels als das verwüstete China unter der Botmäßigkeit des Taipingkönigs. Da diese Rücksichten aber allein die Handlungsweise der Alliierten bestimmten, erlebte man schon im August 1860 das sonderbare Schauspiel, daß dieselben Mächte, welche mit dem Kaiser Krieg führten, seine Feinde mit Kugel und Schwert zurücktrieben, als diese die kaiserliche Stadt Shanghai angriffen.
Den ersten Anstoß zu der ganzen Bewegung gab die Abgeschlossenheit des Kaisers, der überhaupt persönlich gar nicht eingreifen konnte und den lügenhaften Berichten der Mandarinen wohl oder übel Glauben schenken mußte. Dazu wurden durch die energischen Maßnahmen der Engländer die Piraten von Meere in das Innere des Landes getrieben. Sie verstärkten die dortigen Räuberbanden, und gegen diese wiederum erhob sich das bewaffnete Volk, welches auch vielfach gegen die gelderpressenden Mandarinen vorging. So wurden 1845 in Ningpo von anerkannt ruhigen Bürgern Mandarinen und ihre Truppen getötet. Ganz Landschaften verweigerten die Steuerzahlung. In Canton wurde das Haus des tatarischen Generals von Volke zerstört und nur durch Nachgiebigkeit ein allgemeiner Aufstand verhütet. Die Regierung war nirgends in der Lage, energisch vorgehen zu können, sondern mußte häufig durch Bestechungen und Versprechungen weiteren schlimmen Folgen vorbeugen. Die Warnungen einzelner Beamten, den Volke keine Waffen zu liefern, wurden in Peking überhört und immer weitere Volksmassen, besonders in Canton, gegen die Fremden bewaffnet und aufgehetzt, während jede organisierte Führung fehlte. So wuchs in den Provinzen Kwangtung und Kwangsi ein Zustand völliger Anarchie heran. Vor allem wurde aber die revolutionäre Gesinnung im reiche der Mitte durch die bereits mehrfach erwähnte Vorliebe der Chinesen für geheime Gesellschaften genährt. Als nun Kaiser Tau-kwang am 28. Februar 1850 starb, folgte ihm der junge und den Verhältnissen durchaus nicht gewachsene Hian-fung, dem alsbald in Gestalt eines einfachen Gelehrten, der sogar durch das Staatsexamen gefallen war, ein gefährlicher Feind erstand. Dieser Mann war der schon erwähnte Hung-siu-tschuen oder wie er sich später nannte, Taipingwang, der König des Friedens. Hung-siu-tschuen wurde in einem kleinen Dorfe des Distrikts Hwahien in der Provinz Kwangtung in Jahre 1813 geboren. Sein Vater war ein unbemittelter Landmann, machte es aber möglich, den Sohn bis zu seinem fünfzehnten Jahre bei einem verdorbenen Literaten, wie sie zu Tausenden in den chinesischen Dörfern als Schulmeister fungieren, zum Unterricht zu schicken. Hier lernte er zwar nicht viel, jedoch wurde sein Geist angeregt. Bei den höheren Staatsprüfungen, denen er sich in Canton unterwarf, fiel er durch, und hierüber verzweifelt verfiel er in eine schwere Nervenkrankheit und hatte im vierzigtägigen Fieber allerlei Visionen, welche teils an confucianische und teils an christliche Erinnerungen anknüpften. Er glaubte sich berufen, als Verkünder des wahren persönlichen Gottes, welchen die früheste chinesische Zeit vor Confuzius kannte, zu wirken. Ohne selbstsüchtiges Streben predigte er gegen den Götzendienst und sammelte zahlreiche Gläubige um sich. Ein chinesischer Christ im Dienste der Londoner Bibelgesellschaft, Liang-Afah mit Namen, gab ihm mehrere Traktate und einige Auszüge aus der Bibel. Noch zwar verstand er die Schriften und neuen Ideen, welche sie enthielten, nicht; er legte sie fort, und zehn Jahre lang ruhten sie auf dem Bücherbord des philosophischen Schulmeisters; aber dann wurden sie die Grundlage einer neuen Lehre, die den ältesten Staat der Erde in seinen Grundfesten erschüttern sollte. Siu-tschuen lehrte nach seiner Rückkunft in Canton in seiner Schule ruhig weiter und benutzte die ihm bleibende Freizeit, um sich in das philosophische System zu vertiefen, dessen Studium ihn so sehr anzog. Nach drei Jahren verfiel er in eine schwere Krankheit, während der er tagelang im Delirium lag und Visionen hatte, in welche sich wahrscheinlich Erinnerungen aus den religiösen Traktaten und der Bibel verflochten. Er sah sich in den Himmel erhoben, sah dort den Beherrscher der Geister in der Gestalt eines alten Mannes und dessen älteren Sohn, der ihn als seinen jüngeren Bruder anredete und ihm ein Schwert zur Vertilgung der Dämonen gab, die die Erde beflecken. Siu-tschuen genas nach langen Leiden, aber sein Nervensystem blieb erregt. Er hielt die Visionen für Wahrheiten, und der Philosoph wurde zum religiösen Schwärmer. Zunächst beschränkte er sich darauf, gegen den verhaßten Götzendienst zu predigen; als er aber Tausende von Anhängern zählte, fühlte er sich stark genug, um tätig dagegen einzuschreiten, und ein berühmtes und gefürchtetes Götzenbild fiel zunächst seiner Wut zum Opfer; darauf reifte in ihm der Plan, China von den Tataren zu befreien. Unterstützt von seinem ersten Jünger gründete er sie Gemeinde der "Gottesverehrer", mit deren Unterstützung er offen das Banner der Revolution entfaltete. Die wenigen Truppen, die sich ihm entgegenstellen konnten, wurden sofort zerstreut, und bereits zu Beginn des Jahres 1851 hatten die Insurgenten den ganzen Süden der Provinz Kwangsi in ihrem Besitze. Siu-tschuen sah sich an der Spitze eines täglich wachsenden und siegreichen Heeres; seine beständigen Erfolge bestärkten ihn in dem Wahne, ein Auserwählter Gottes zu sein, und wenn auf der einen Seite sein militärisches Talent sich immer mehr entfaltete und seine praktischen Anordnungen einen sehr scharfen Verstand verrieten, verlockte ihn andererseits sein Ehrgeiz, sich mit äußerlichem Glanze zu umgeben, der mit den bisher von ihm verkündeten Lehren nicht übereinstimmte und seine weltlichen Gelüste verriet. Er umgab sich mit einem fürstlichen Hofstaate, und die aszetische Strenge seiner Lebensweise machte liberalen Anschauungen Platz. Die Disziplin durfte jedoch nicht darunter leiden; sie wurde mit rigoröser Strenge aufrecht erhalten, jedes Vergehen gegen sie mit dem Tode bestraft, und diese Disziplin war das Geheimnis von den Erfolgen Siu-tschuens. Wenn es zum Kampfe ging, führten die Offiziere ihre Truppen nicht, sondern folgten ihnen, um jeden niederzuhauen, der entweder feig zurückwich oder auf das gegebene Signal nicht den Feind angriff. Ebenso stand Todesstrafe auf Entfernung vom Hauptkörper der Armee und auf Plünderung der friedlichen Bewohner der Distrikte, durch welche man zog. Die dem Handel auf den Kanälen und Flüssen auferlegten Kontributionen sowie die Wegnahme der öffentlichen Getreidespeicher und Leihhäuser versorgte die Rebellen reichlich mir Nahrung und Kleidung, und Siu-tschuen konnte daher um so eher seinem ausgesprochenen Grundsatze treu bleiben, nur die Tataren zu bekriegen. Um jedoch eine so strenge Disziplin unter solchen Fanatikern zu bewahren, war es nicht nur notwendig, beständig ein gezücktes Schwert über dem Haupte des einzelnen, sondern auch ihn in den Fesseln des Glaubens zu halten. Siu-Tschuen, der sich jetzt Tienteh oder "himmlische Tugend" nannte, glaubte dies dadurch zu erreichen, daß er sich als eine göttliche Person und seine Befehle als die Gebote Gottes hinstellte, mit dem er in beständiger Verbindung zu sein und dessen Willen er durch seinen Mund zu verkünden vorgab. Was Siu-tschuen in frommem Wahne geglaubt, verkündete Tienteh als ein Gebot der Notwendigkeit, und diese Doktrin war jetzt für ihn eine unerläßliche Bedingung des Erfolges. Von Zeit zu Zeit tat er deshalb in Proklamationen die göttlichen Befehle kund und lenkte auf diese Weise mit verhältnismäßiger Leichtigkeit die fanatischen, unwissenden Massen seiner Anhänger. Beständig blieb das Waffenglück seinen Fahnen treu, und er proklamierte sich im Jahre 1852 als König und Gründer einer neuen Dynastie, die er Taiping, großen Frieden, nannte. Mit großer Genauigkeit wurde die Etikette des neuen Hofes bestimmt, Titel, Rang, Anreden wurden mit echt asiatischer Überschwenglichkeit geschaffen, und als göttliche Offenbarungen verkündet. Sie gaben Zeugnis davon, daß Tai-ping-wang den religiösen Schwärmer beiseite gelegt und weltliche Eitelkeit den Einzug in sein Herz gestattet hatte, eine Wandlung, die ihm vielleicht weniger in den Augen seiner Landsleute schadete, aber der von ihm verfochtenen Sache in den Augen der Europäer Eintrag getan hat. Schließlich wurde noch ein neuer Kalender herausgeben, die an der Seite geschlitzte tatarische Tunika mit der altchinesischen, vorn offenen vertauscht und als Zeichen des abgeworfenen fremden Jochs der Zopf abgeschnitten. Bald bemächtigte er sich des Yangtsekiang, womit ihm der Weg nach Nanking offen stand; die Stadt Wutschang wurde am 12. Januar 1853 im Sturme genommen und für ihren Widerstand furchtbar bestraft; fast die ganze Bevölkerung wurde erbarmungslos niedergemacht, und am 8. März standen die Taiping vor Nanking, das nach kurzem Widerstande fiel, wobei Tausende von um Pardon flehenden Tatarensoldaten über die Klinge springen mußten. In Nanking schuf er sich nun, da es ihm nicht an der Zeit schien, Peking anzugreifen, sein theokratisches Königreich. Dessen leitende Grundsätze waren die folgenden: Es gibt nur Einen Gott, und Tai-ping-wang ist der jüngere Bruder Jesu. Der Götzendienst ist verboten. Jesus wird als ältester Sohn Gottes verehrt, aber steht im Range unter Gott, da nach chinesischen Begriffen eine Gleichstellung des Sohnes mit dem Vater unmöglich ist. Das christliche Dogma von der Erbsünde liegt auch der Taipinglehre zu Grunde. Diese hat ebenso Himmel und Hölle. Wer in der Schlacht fällt, kommt direkt in den Himmel, wer feige flieht oder den Befehlen seiner Oberen nicht gehorcht, wird zu den ewigen Qualen der Hölle verdammt. Jesus als Heiland wurde öfter in den Taipingschriften erwähnt, jedoch ohne alles Verständnis der christlichen Heilslehre. Außer Tai-ping-wang und seinen fünf Unterkönigen gab es keine Propheten und Priester, und ebenso wenig existierte eine vom Staate getrennte Kirche. Die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gottesverehrer geschah durch die Taufe; sonst gab es kein Sakrament. Die Zehn Gebote mußte jeder lernen, und ihre Auslegung war ungemein streng. Auf Opiumrauchen stand Todesstrafe; Spiel, Tabak und Wein waren streng verboten. Auszüge aus der Bibel, hauptsächlich aber der fünf Bücher Moses, nach denen auch die ganze Regierung gemodelt war, kursierten unter dem Volke. Der Sonnabend war wie bei den Juden der Sabbat. Die Gemeinden versammelten sich zum Singen, Beten und Opfern, und die Vorgesetzten predigten. So saß nun der Rebellenkaiser ein jahrzehntelang in Nanking, sammelte Schätze an, aus deren gemeinsamen Kasse seine Anhänger ernährt wurden und ließ sich, schließlich völlig verrückt geworden, göttliche Ehren erweisen. Die kaiserlichen Generale wagten keinen Angriff, sondern hielten sich abwartend in der Provinz auf. Viele Flüchtlinge hatten sich in Shanghai versammelt, und in der Befürchtung der Eroberung dieses Platzes ging man die Engländer um Hilfe an, welche erklärten, volle Neutralität zu beobachten. Im April 1853 hatte Sir George Bonham in Nanking eine Unterredung mit den Taipingführern. Hier zeigte sich bereits der volle Größenwahn der Rebellen, indem sie die Engländer nicht als gleichberechtigt anerkennen wollten, wie sie es selbst der Kaiser im letzten Friedenstraktat getan hatte. Diese Besuche sowie spätere von Franzosen und Amerikanern blieben bedeutungslos. Die später zu schildernden Kämpfe zwischen den Engländern und Franzosen einerseits und den Chinesen anderseits während der Jahre 1854 bis 1860 gab den Taupings für lange Zeit eine Ruhe, die nicht zu ihrem Vorteile war, denn sie erschlafften in der Untätigkeit, und die alten kampferprobten Krieger starben war. 1859 vereinigten sich die kaiserlichen Heere, um die Rebellen in Nanking durch Aushungern zur Übergabe zu zwingen, aber die Rebellen rafften ihre gesamten Kräfte zusammen, ein starkes Entsatzheer kam zu Hilfe, und am 3. Mai 1860 wurden die Belagerer vollkommen zerstreut und ihrer Vorräte erbeutet. Jetzt gingen die Taipings angriffsweise vor, schlugen die Tatarengenerale wiederholt, eroberten die reiche Stadt Sutschou und weitere Plätze des Seidendistriktes und bedrohten sogar Shanghai. Da entschlossen sich die verbündeten Franzosen und Engländer, diesen wichtigen Handelsplatz zu schützen, und als die Taipings im August anrückten, wurden sie zurückgeschlagen. 1861 begannen sie von neuem vorzudringen. Wiederholt wurden die Tataren geschlagen und die Provinzen Tschekiang und Kiangfu mit Ausnahme der Umgebung von Shanghai erobert. Am 9. Dezember wurden im Sturme Ningpo und dann Hangschou genommen. England hatte bisher strikte Neutralität gegenüber den kämpfenden Parteien bewahrt. In der Befürchtung, daß die Handelsinteressen leiden könnten, wurden Verhandlungen in Nanking geführt. Das ergebnislose Resultat hatte aber zur Folge, daß die Taipings nunmehr wiederum gegen Shanghai vorrückten. Dort hatte sich unter der Leitung des Amerikaners Ward auf Kosten chinesischer Kaufleute ein Freikorps gebildet. welches jetzt den Stamm zu einer staatlichen Fremdenlegion unter Leitung englischer Offiziere bildete. Die Mannschaften bestanden vielfach aus früheren europäischen Seeleuten und Soldaten und nur teilweise aus Chinesen. Die Ausrüstung geschah durchweg mit guten europäischen Waffen. Dem Freikorps mußte in echt asiatischer Kriegsführung jede eingenommene Stadt zur Plünderung überlassen werden. Am 9. Dezember 1861 stürmten die Taipings Ningpo, und merkwürdig genug zeigten sie dabei das Bestreben, es mit den Fremden nicht zu verderben. So heißt es in einer Memorandum des damaligen Sekretärs Parker: "Die Ningpo-Rebellen haben aufs deutlichste ihren Wunsch an den Tag gelegt, mit den Ausländern in friedlichen Beziehungen zu bleiben. Außerhalb des Südtores, das den Stützpunkt des Angriffs bildete, steht das Etablissements der Barmherzigkeitsschwestern, das durch seine Besetzung eine ausgezeichnete Deckung für ein Angriffskorps gebildet haben würde, da die oberen Fenster desselben die Stadtwälle beherrschen. Dennoch aber, obwohl sie mitunter innerhalb der Gehöfte sich vorschlichen, als sie den Sturm auf das Tor vorbereiteten, überschritt keiner auch nur für einen Augenblick die Schwelle der Baulichkeiten. Ein anderes großes Etablissement der Römisch-Katholischen war eines der ersten Gebäude, an dem sie vorüber mußten, als sie aufgeregt und siegesfroh in die Stadt einstürmten, aber sie machten nur einen kurzen Halt, um ein Häufchen Fremder, die unter der Chorhalle standen, zu bewillkommnen und ihre Leute zu ermahnen, niemand ein Leids zuzufügen. Katholiken und Protestanten wurden von ihnen in gleicher Weise begrüßt, als einer und derselben Religion und Brüderschaft wie sie selbst angehörend. Das Haus des vornehmsten Chinesen in Ningpo, einer in Shanghai wegen seines Reichtums und wegen der Regierung gewährten Unterstützung wohlbekannten Persönlichkeit, blieb unberührt, einzig aus dem Grunde, weil sich dort ein Franzose eingemietet hatte, der die Wohnungen für den Augenblick als die seinigen in Anspruch nahm." Am 10. Mai 1862 wurde Ningpo durch 80 kaiserliche Dschunken, mit Kanonen unterstützt von europäischen Kriegsschiffen, beschossen und dann im Sturm den Taipings wieder abgenommen. Immer wieder gingen sie aber vor, und das Kriegsglück schwankte. Auf beiden Seiten wurde mit größter Grausamkeit der Krieg geführt, und gefangene Rebellen wurden wiederholt truppweise vor die Mündungen der Kanonen gebunden und unter Leitung der englischen Offiziere zerschossen. Eine entscheidende Wendung bekam erst der Krieg, als der englische Major Gordon am 25. März 1863 den Oberbefehl über die Fremdenlegion übernahm. Gordon begann die Truppen einheitlich mit Flinten zu bewaffnen, zu drillen und für regelmäßige Besoldung zu sorgen. Auch eine Artillerie mit 50 Kanonen wurde von ihm einexerziert und eine Rudergaleerenflotte auf dem Yangtse mit englischen Kanonen armiert.
Als allmählich die Taipings in langsamen Märschen enger auf Shanghai eindrangen, erklärte Admiral Hope in einer am 21. Februar 1862 an die Admiralität gerichteten Depesche, daß die den Handel und der Zufuhr der Provisionen schädigende Nähe der Taipings mit der französischen und englischen Besatzung der Stadt schuldigen Achtung nicht länger vereinbar sei, und rüstete eine Expedition aus, indem er zu den Ward disziplinierten Chinesen eine Truppe englischer Matrosen stoßen stieß sowie ein französisches Korps unter dem Kommando des Admirals Protet. Es franko-chinesisches Korps wurde im April durch Lebreton organisiert. Die in dem Dorfe Kao-kiau stationierten Taipings wurden ausgetrieben und große Vorräte von Korn, die man dort fand, den Flammen überliefert. Am 1. März 1862 fiel nach längeren Widerstande der Taipings vor der europäischen Artillerie das Dorf Hsiau-tang, wo die Kaiserlichen ein entsetzliches Blutbad unter den Einwohnern angerichtet haben sollen. Straßen und Häuser boten einen greulichen Anblick dar, indem an manchen Plätzen die Leichen in Haufen aufgeschichtet lagen, und die Ebene jenseits des Dorfes war mir Körpern derjenigen bestreut, die im Kampfe niedergeschossen worden waren. Während Gordon 6000 Mann befehligte, hatte Li-Hung-Tschang, der hier zum ersten Male in einer wichtigen Stellung auftaucht, angeblich 70 000 Mann zusammen gebracht, und es wurde nun Sutschou, das Venedig Chinas belagert. Zunächst ohne Erfolg, obwohl Gordon selbst, den Kommandostab in der Hand und ohne Waffen, den vergeblich mehrere Male Stürmenden voranging. Da brach in den Reihen der Belagerten der Verrat aus, der Oberbefehlshaber der Taipings wurde ermordet, und die Besatzung ergab sich am 6. Dezember 1860 gegen die ihnen von Gordon zugestandene Sicherheit des Lebens und der Freiheit. Allein der chinesische General Tsching ließ trotz dieses Versprechens die gefangenen Rebellen, etwa 3000 an der Zahl, niedermachen; alle Vorräte wurden zerstört und verschleppt, und sogar die Maulbeerbäume wurden umgehauen, um die Seidenraupenzucht auf lange Jahre hinaus unschädlich zu machen. Bei der Plünderung der Häuser fand man große Mengen wertvoller Juwelen, Gold, Silber, Taler und kostbare Kleidungsstücke, eine herrliche Beute für Offiziere und Gemeine. Eine Blaujacke fand 1600 Taler und von einigen Soldaten jeder mehr als 500, während manche goldene Spangen, Ohrringe und andere Zieraten und Perlen mit kostbaren Steinen besetzt fanden. Gordon legte sofort in heller Empörung über die chinesische Treulosigkeit und die Mißachtung des von ihm gegebenen Wortes das Kommando nieder und lehnte auch ein ihm von der kaiserlichen Regierung dargebotenes Geschenk (70 000 Mark und eine goldene Medaille) ab, da wer von einer Regierung nichts annehmen wollte, die ihr Wort gebrochen habe. Erst im Frühjahr 1864, als Li-Hung-Tschang auf Veranlassung seiner Regierung eine Gordon rechtfertigende Proklamation erlassen und die Regierung selbst versprochen hatte, daß in Zukunft seinen Anordnungen nicht mehr zuwider gehandelt werden solle, nahm er die Führung des chinesischen Heeres wieder an. Den neuen Feldzug begann er mit der Eroberung der Stadt Yihsing am Ta-hu-See und dann des nahe gelegenen Liyang. Den Schlüssel zur Straße nach Nanking bildeten jetzt die Städte Kintang und Tschang-chow-fuh, und um sie entbrannte fortan der heißeste Kampf, da ihrem Falle der der Hauptstadt nachfolgen mußte. Die beiden Generäle, denen die Besatzung anvertraut war, hatten ihre besten Truppen bei Tschang-chow-fuh konzentriert, sodaß sie kaum Zeit hatten, eine Verstärkung nach Kintang zu werfen, als sie von dem plötzlichen Angriff Gordons auf die letzte Stadt (20. März) Nachricht erhielten. Die Taipings schlugen sich mit großem Heldenmut und leisteten die mannhafteste Gegenwehr. Gordon wurde durch eine Kugel verwundet, und Major Brown, mußte den Rückzug nach Liyang antreten. Der Verlust des Heeres soll ein volles Siebentel der Mannschaft betragen haben, und außerdem war der Tod von 14 europäischen Offizieren zu beklagen. Der Ausfall der Besatzung von Tschangtschou drohte die Verbindung mit Shanghai zu unterbrechen, sodaß Gordon alle in Liyang disponiblen Truppen (27. März) zusammenraffte und auf Tschangtschou marchierte, ohne indes dem ungestümen Andrange der Taipings Halt gebieten zu können. Die Verlustlisten waren auch hier bedeutend und schlossen 7 europäische Offiziere ein. Die Hankou, die Hauptstadt Tschekiangs, belagernden Kaiserlichen hatten gleichfalls Niederlagen erlitten (Ende Februar), und einen neuen Sieg erfochten die Taipings bei Foyang. Auch d'Aiguebelle, der Befehlshaber der franko-chinesischen Legion, mußte am 2. März vor Hangchow zurückweichen, und keinen besseren Erfolg hatte der am 29. März unternommene Angriff. Erst nach der feindlichen Besetzung Karfingfuhs fiel das dadurch isolierte und preisgegebene Hankou. Die Besatzung marschierte nach Tschangtschou, wo sich auch die Reste der übrigen Garnisonen konzentrierten. Durch eine kaiserliche Armee in seinem Hauptquartier zu Kuinsan verstärkt, erschien jetzt Gordon nach der Eroberung von Hwa-fuh gleichfalls vor Tschangtschou, wo der letzte Entscheidungskampf gefochten werden mußte. Die von den Kaiserlichen zusammengezogenen Truppen wurden auf 100 000 Mann geschätzt. Nachdem die Taipings von ihren Außenwerken vertrieben waren, wurde am 24. April der erste Sturm unternommen, den die Besatzung zurückschlug. Das am nächsten Morgen vom neuen frisch beginnende Bombardement hatte bis Mittag eine neue Bresche gebrochen, und ein zweiter Sturmangriff wurde befohlen, der aber gleichfalls erfolglos blieb, und auch als am Nachmittag die europäischen Regimenter von ihren Offizieren mit großer Kühnheit gegen die Wälle geführt wurden, war es unmöglich, innerhalb derselben festen Fuß zu gewinnen. Der Verlust belief sich unter den Europäern auf 27 Offiziere und 400 Gemeine, unter den Kaiserlichen auf 1500 Mann. Erst nach einem ununterbrochen fortgesetzten Bombardement gelang es am 11. Mai durch zwei breite Breschen in die Stadt einzudringen, wo sich die Taipings in dem Palast des Fuwang zusammendrängten und dort bis auf den letzten Mann Widerstand leisteten. Damit war die Herrschaft der Taipings auf Nanking und Hutschou beschränkt, und Gordon betrachtete seine Mission für erledigt, besonders da den englischen Offizieren der weitere Dienst in China verboten wurde. Er lehnte auch jetzt wieder das ihm von der chinesischen Regierung angebotene große Geldgeschenk ab und verließ das Reich der Mitte arm, wie er gekommen war. Nur die gelbe Reitjacke mit der Pfauenfeder nahm er mit sich nach England zurück, die höchste Auszeichnung, welche der Kaiser von China verleihen konnte. Die Tataren wandten sich nun gegen Nanking, das regelrecht belagert und am 15. Juli 1864 beschossen wurde. Als der Taipingkaiser Tienwang keinen Ausweg sah, ließ er seine Frauen erdrosseln und gab sich selbst den Tod, wie es heißt, durch Verschlucken von Schaumgold, eine bei reichen Chinesen beliebte Art freiwilligen Todes. Am 19. Juli folgte der Sturm auf die Stadt, diese selbst wurde genommen, wobei der berühmte Porzellanturm in Trümmer ging, und unter den Überlebenden wütete erbarmungslos das Schwert. Als auch Hutschou, der einzige befestigte Platz, der noch in dem Händen der Taiping geblieben war, fiel, hatte die gewaltige Revolution ein Ende. Wie Mohammed, vor der spätern Feindseligkeit der Koreischiten, in seiner Verknüpfung mit dieser einflußreichen Familie seine erste Stütze fand, so wurde es dem Gründer des Taipingismus durch das Ansehen seines Stammes möglich, das anfangs nur religiöse Sektentum auf das politische Feld hinüberzuspielen, zumal in Verbindung mit den Geheimorden, die gerade in den Bergen seiner Heimat das Andenken an die dorthin geflüchteten Reste der Ming bewahrten. Aber das Übermaß des Glückes, die leicht errungenen Siege und die bald einreißende Verweichlichung und Selbstüberhebung waren Schuld daran, daß der rasch aufgeblüten Herrschaft des einfachen Schulmeistersohnes keine Dauer beschieden war. Zum Schlusse der Betrachtung des Taiping-Aufstandes möge noch ein kleines Stimmungsbild Platz finden, das aus den Berichten katholischer Missionare geschöpft ist und von der unmenschlichen Grausamkeit Zeugnis ablegt, mit der die überwundenen Rebellen und ihre Angehörigen von den Soldaten des Kaisers von China behandelt wurden. Vor kurzem, so berichtet damals ein katholischer Missionar, haben die Kaiserlichen eine von den Anhängern des Taipingherrschers besetzte Stadt eingenommen und alles totgeschlagen bis auf 400 Knaben, welche dem Befehlshaber der Truppen vorgeführt wurden. Dieser wendete sich an einen prächtigen Jungen und sprach: Kleiner Schuft, wer ist dein Vater? - Er ist ein Kujin (d.h. ein Doktor zweiten Grades). - Zu wem betest du? - Wir wurden gelehrt Schangti (die Bezeichnung für Gott bei den evangelischen Christen und den Anhängern des jüngern Bruders Christi) anzubeten. - Ich will dich Teufelskind lehren Schangti anzubeten; du bist des Todes! Da stürzte der Knabe mit vielen anderen dem Mandarin zu Füßen und flehte um Gnade. Vergebens. Die Kinder, so befahl der Unmensch, sollen lebendig begraben werden. Zu dem Ende wurden sie unter die zwei Divisionskommandeure verteilt. Jeder erhielt 200. Einer hat den Befehl buchstäblich ausgeführt. Die Knaben wurden, mit den Händen über den Rücken zusammengebunden, in eine tiefe Grube geschleudert, wo manche im Sturz Arme und Beine und den Hals brachen, und die Grube dann schnell mit Erde vollgefüllt. Unter schallendem Gelächter und Geschrei stampften die Kaiserlichen auf diesem lebendigen Grabe die Erde zusammen, und spotteten des Schangti, welcher seine Verehrer so wenig zu schützen vermöge. Die 200 Knaben der zweiten Abteilung sind mit dem Schreck davongekommen. Man hat sie gegen hohes Lösegeld ihren Verwandten ausgeliefert. Quelle: China Land und Leute, Illustrierte Geschichte des Reiches der Mitte, Dr. Emil Wilhelmy, Verlag Herlet, 1905 von rado by jadu 2002. |
