
China und die Weltmächte bis zum japanischen Kriege.
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Während die Franzosen und Engländer sich mit den Chinesen die Köpfe blutig stießen, hatten die Russen, getreu ihrer vorsichtigen und tastenden, bisher aber noch immer erfolggekönten Politik, in alle Stille ein mächtiges Stück des Reiches der Mitte an sich gerissen und trafen alle Anstalten, um sich an der chinesischen Beute den Löwenteil zu sichern. Der politische Einfluß Rußlands in China schreibt sich schon aus dem 17. Jahrhundert her; den Anlaß dazu gaben die Grenzverhältnisse zwischen Sibirien und China. Seitdem Peter der Große aus Rußland einen Staat, aus seinen Bewohnern ein Volk machte und dem ersteren in dem berühmten Testamente die künftige Gestaltung vorzeichnete, ist es das Bestreben der russischen Regierung gewesen, die Grenzen des Landes nach allen Richtungen hin auszudehnen, vor allem aber Länder an der Seeküste zu gewinnen. Da die europäischen Verhältnisse diesem Streben mehr oder minder Schwierigkeiten entgegensetzten, wandten die Zaren ihre Blicke nach Asien. Herren des ganzen nördlichen Teils von diesem Kontinent, den Iwan der Große vor 300 Jahren eroberte, suchten die immer weiter nach Süden vorzudringen, und der Amurfluß war es hauptsächlich, nach dessen Besitz sie trachteten. Sie schoben ihre Militärkolonien immer näher an die Ufer dieses Stromes, und in der Mitte des 17. Jahrhunderts untersuchte ein Gouverneur dieser Kolonien, mit Namen Pojakow, zuerst den Lauf desselben. Er schiffte sich auf dem Zeja, einem der Nebenflüsse des Amur, ein, erreichte den letztern und verfolgte ihn bis zu seiner Mündung. Die verschiedenen Völkerschaften, welche die Ufer bewohnten, waren so friedlicher Natur und zeigten sich gleich so willig, den Russen tributpflichtig zu werden, daß Pokakow bei seiner Rückkunft erklärte, er wolle mit 300 Mann das ganze Amurgebiet mit Leichtigkeit erobern. Infolge seiner Berichte erhielt er nach einigen Jahren Erlaubnis, eine zweite Expedition dorthin zu veranstalten. Dieselbe war in jeder Beziehung erfolgreich, obgleich Pojakows ganze Macht nur aus einigen hundert Mann bestand. Sie erweckte jedoch die Aufmerksamkeit der Mandschutataren, die den kühnen Abenteuern mit 2000 Mann entgegen zogen und die kleine Stadt, wo diese sich festgesetzt hatten, angriffen. Zwar wurden sie zurückgeschlagen, allein die Russen sahen, daß sie es mit kriegerischeren Nationen als bisher zu tun hatten, und zogen sich aus dem chinesischen Territorium zurück. Die begeisterten Schilderungen, welche sie von dem schönen Amurgebiete nach ihrer Rückkehr entwarfen, und die große Wichtigkeit eines Besitztums an diesem Punkte der Küste des Stillen Ozeans bestimmten die russische Regierung, bald größere Anstrengungen zu seiner Erwerbung zu machen. Leise, leise schon die russische Regierung ihre Militärkolonien vor, dies ganz wundervolle Mittel, das sie in der Hand hat, nicht oder nur halb unter Kultur stehende Länder zu unterjochen, und ließ sich in diesem ernsten Bestreben auch nicht durch vereinzelte Mißerfolge und Niederlagen beirren. Als nach dem Opiumkriege die Grenzen der Mongolei und Tatarei von chinesischen Truppen entblößt waren, als vollends der westmächtliche Krieg von 1857-58 die Kräfte des Reiches der Mitte nach weiter geschwächt hatte, benutzte Rußland den günstigen Moment, wo die Verlegenheit des chinesischen Hofes aufs höchste gestiegen war, um sich das ganze Armutsgebiet abtreten und außerdem noch andere wichtige Zugeständnisse machen zu lassen. Im Vertrage von Aigun wurde am 28. Mai 1858 durch General Murawjew die neue Grenze bestimmt, und am 13. Juni desselben Jahres schloß Admiral Putjatin in Tientsin einen zweiten Vertrag, welcher die künftigen kommerziellen und politischen Verkehrsverhältnisse zwischen beiden Reichen festsetzte. Das Anerbieten eines Hilfsheeres gegen die Rebellen einerseits und eine Kriegsdrohung anderseits waren die gewichtigen Argumente, welche von den Russen vorgebracht wurden und ihnen auf friedlichem Wege mehr Vorteile sicherten, als die Westmächte durch ihre Waffen erzwangen. Der Amur wurde jetzt als Grenze festgestellt; oberhalb des Nebenflusses Ussuri gehörte ihnen das linke, unterhalb beide Ufer. Als im zweiten Feldzuge 1860 China völlig ratlos war und die Verbündeten vor Peking erschienen, spielte der russische Gesandte, General Ignatiew, geschickt den Vermittler und wußte die chinesische Regierung von der Wichtigkeit seiner bei dem Friedensschlusse geleisteten Dienste so zu überzeugen, daß er selbst sofort einen neuen Vertrag abschließen konnte, der Rußland auf Kosten Chinas nicht nur abermals mit einem Ländergebiete von der Größe Frankreichs bereicherte, sondern ihm auch eine Küstenstrecke von 160 Meilen Länge gab. Es wurden zwei Grenzlinien, eine östliche und eine westliche, festgestellt. Die östliche bilden die Flüsse Ussiri, Nebenfluß des Amur, und der Sungatsch; von diesem letzteren Flusse läuft die Grenze südlich durch den Tschinkasee bis zum Belenscheflusse. Hier folgt sie den Gebirgszügen bis zum Schunschunflusse und endigt an der Mündung des Tumen in den Stillen Ozean. Alle Länder östlich von dieser Linie gehören Rußland, alle westlich gelegenen China. Die westliche Grenze beginnt bei der nach dem Vertrage von Kiachta (1728) aufgestellten Säule des Chabinapasses, etwa 20 Meilen westlich vom Jenisei, läuft bis zum See Sassan und über die Berge von Tengertschan, Kirgiseinattau und Tonschan, welche den Ischikulsee durchschneiden, bis nach Khokand. Durch diese Gebietserweiterung ist Rußland Herr des ganzen nördlichen Asiens geworden. Die Seeküste, welche es in den europäischen Gewässern nur in sehr beschränktem Maße zu gewinnen vermochte, hatte es am Stillen Weltmeere in einer Ausdehnung errungen, die ihm, wenigstens vereinzelten Gegnern gegenüber, die Herrschaft über die chinesischen und japanischen Gewässer sichert. Im Jahre trat auch Deutschland auf den Plan, denn in diesem Jahre ging Graf Eulenburg als Gesandter Preußens nach Peking, um für den deutschen Zollverein einen Handelsvertrag abzuschließen. In seiner Begleitung befand sich der rühmlichst bekannte Geograph Freiherr v. Richthofen, der die diplomatische Entsendung dazu benutzte, China nach bestem Können zu erforschen und zu bereisen und der später seine Erfahrungen in einem bedeutenden und grundlegenden Werke über das Reich der Mitte zusammenfaßte. Nach der Überwindung von mancherlei Widerständen, die ihm sowohl von England wie von Frankreich in den Weg gelegt wurden, begann Graf Eulenburg im Mai mit den chinesischen Kommissaren in Tientsin die Verhandlungen, nachdem deren Vollmachten als genügend befunden worden waren. Die Kommissare erklärten sich bereit, einen Handelsvertrag abzuschließen, lehnten aber einen politischen Vertrag ab. An Stelle eines Gesandten in Peking sollten ein Generalkonsul in Schanghai und Konsuln in anderen Häfen ernennt werden; diese sollten Beamte und nicht Kaufleute sein, insofern andere Funktionen als rein kaufmännische zur Ausführung gelangen; auch sollte der chinesische und nicht der deutsche Text als maßgebend gelten. Diesen Forderungen gegenüber bestand Graf Eulenburg energisch auf Errichtung einer Gesandtschaft. Als die Verhandlungen nicht vorwärts kamen, entschloß er sich, auf eigene Faust, ohne Erlaubnis der Behörden, nach Peking zu reisen. Der Attaché v. Brand - der spätere erfolgreiche deutsche Gesandte in Peking - reiste voraus, um eine würdige Unterkunft des Gesandten zu sichern. Der kaiserliche Hof war empört über dieses Vorgehen, und Prinz Kung sandte am 23. Juni eine Note nach Tientsin, in welcher jede weitere Verhandlung abgelehnt und die Entfernung der in Peking eingedrungenen Beamten verlangt wurde. Um keine ernsten Konflikte herbeizuführen, wurde dem Wunsche stattgegeben, und Graf Eulenburg nahm die Verhandlungen in Tientsin wieder auf. Schließlich wurde auf der Grundlage des englischen Vertrages ein Einvernehmen erreicht, nur gestand Preußen zu,von dem Recht der Errichtung einer Gesandtschaft erst in fünf Jahren Gebrauch zu machen. Ein französischer Text sollte bei Differenzen maßgebend sein. Beinahe wäre der Vertrag noch in letzter Stunde in Frage gestellt worden, denn am 12. August ging er von Peking nach Tientsin ab, und bereits am 21. August starb der Kaiser Tienfun. Allein er hatte zwei Tage vorher den preußischen Vertrag urkundlich genehmigt, und am 2. September 1861 wurden die Urkunden in feierlicher Versammlung ausgetauscht. Dieser Vertrag ging später auf den "Norddeutschen Bund" und dann auf das Deutsche Reich über, welches am 31. März 1880 eine Zusatz-Konvention in Peking vereinbarte. In den folgenden Jahren wurden ähnliche Verträge zuerst mit Spanien, Portugal, Belgien und dann mit Dänemark, Holland, Italien und Österreich abgeschlossen, und es war nunmehr ein regelmäßiger handelspolitischer und diplomatischer Verkehr mit fast allen Seemächten angebahnt, ein Erfolg, dessen Kosten England und Frankreich allein getragen hatten. Freilich kann sich eine europäische Machtsphäre nur so weit erstrecken, als die Kanonen der Kriegsschiffe reichen, das heißt auf die Küstenplätze, welche den Küstenhandel zwischen den Eingangshäfen der natürlichen Verkehrsadern, der schiffbaren Flüsse, vermitteln. Diese Plätze sind leicht zu verteidigen, und die Ernährung der Einwohner kann vom Hinterlande unabhängig geordnet werden. Deshalb war es das bisherige Bestreben der seefahrenden Mächte, Handelsstationen an der Küste anzulegen und aus dem Tausch der Waren Gewinn zu ziehen. Die Verbindung war zunächst ein rein kommerzielle. Erst als bei der Ausführung des Handels vielfache Differenzen entstanden, wurde eine politische Ordnung der Angelegenheiten notwendig. Auf den Kaiser Tienfun, mit dem Preußen die grundlegenden Verträge abschloß, folgte dessen erst sechsjähriger Sohn Tungschin, für den die noch heute regierende Kaiserin-Witwe Thuhsi als Mitregentin neben der Witwe des Kaisers eingesetzt war. Ihr zur Seite stand ein Regentschaftsrat, der aus reaktionären Mandarinen bestand, so daß Prinz Kung, durchdrungen von der Notwendigkeit der Einhaltung der Verträge und der Einführung einzelner Neuerungen, sich mit den Kaiserinnen verband, die Regentschaft stürzte und eine ihm ergebene Regierung einsetzte. Am 12. Januar 1875 starb Kaiser Tungschin, angeblich an den Blattern - wenn man den damals allgemein verbreiteten Gerüchten Glauben schenken darf, an den Folgen des Trunks, für den er häufig außerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes Gelegenheit gesucht und gefunden haben soll. Er starb, ohne Leibeserben zu hinterlassen oder einen Nachfolger adoptiert zu haben. Nach den bestehenden Vorschriften hätte sein Nachfolger aus der nächsten Generation gewählt werden müssen, um seinen Vorfahren die nach chinesischen Begriffen für das Wohl der Familie, hier der Dynastie, unerläßlichen Totenopfer bringen zu können; ein solcher war aber nur in der Familie von Tun vorhanden, der aber als nicht mehr zur direkten Deszendenz von Taokwang gehörig angesehen werden konnte. Wollte man auf dieselbe Generation wie Tungschin zurückgreifen, so lag die Wahl nur zwischen dem einzigen Sohne des Prinzen von Kung - die andern demselben geborenen Söhne waren in andere Familien adoptiert worden - und einem Sohne des Prinzen von Tschun. Der Sohn des Prinzen von Kung, der Beileh (Prinz) Tsai-Cheng, war als ein sittenloser Mensch bekannt, der später mit dem chinesischen Strafrecht in nahe Berührung kam; es lag also, abgesehen von einem vielleicht nicht unnatürlichen Wunsche der Kaiserin-Mutter, die Regentschaft noch weiter zu führen und die Krone ihrer Familie zu erhalten (ihre Schwester war die Gemahlin des Prinzen von Tschun), ein tatsächlicher Grund vor, der die Wahl eines Sohnes des Prinzen von Tschun als im Interesse des Reiches liegend erscheinen ließ. Mit der ihr eigenen Energie ging die Kaiserin-Mutter in den Palast ihres Schwagers und holte aus ihm das Kind, das mit der Regierungsbezeichnung Kwangsü als Kaiser anerkannt wurde. Während Kwangsüs Minderjährigkeit blieb sie alleinige Regentin und verstand es, das Verhältnis zu ihrem Mündel zu einem sehr intimen zu gestalten, so daß Kaiser Kwangsü seiner Tante die zärtlichste Liebe entgegenbrachte. Persönlich mußte Kwangsü schon als Kind die Regierung repräsentieren und nahm beispielsweise die Beglaubigungsschreiben der europäischen Gesandten auch in der Zeit entgegen, als er noch unter Vormundschaft stand. Der Verkehr mit dem Abendlande wurde durch das früher geschilderte Tsungli Yamen vermittelt, das seit dem 19. Januar 1861 bestand. Von der Gründung dieses auswärtigen Amtes bis zum Jahre 1884 war Prinz Kung der verantwortliche Leiter. Im Jahre 1884 wurde er dieses Vorsitzes sowie seiner sämtlichen anderen Ämter enthoben und zwar wegen "Faulheit und Unfähigkeit", wie es in dem betreffenden kaiserlichen Edikte hieß. Im März 1889 übernahm Kaiser Kwangsü die Regierung, nachdem die Kaiserin-Regentin ihn dazu bereits im Jahre 1887 aufgefordert, aber auf seinen Wunsch fortgefahren hatte, ihm ihren Rat zuteil werden lassen. Dieser Übernahme der Regierung durch den jungen Kaiser gingen Versuche von Seiten verschiedener Beamten voraus, die Kaiserin-Regentin zu bewegen, gewisse Regierungsfunktionen auch weiter auszuüben. So stellte ein Zensor, Tu-Yeu-San, den Antrag, daß die Kaiserin-Regentin nach wie vor die Berichte aus den Provinzen und die versiegelten (geheimen) Denkschriften der hauptstädtischen Beamten vorgelegt werden sollten. In einem Edikt wies die Kaiserin-Regentin dies Ansinnen auf das Entschiedenste zurück, indem sie ausführte, daß die weibliche Regentschaft überhaupt nur als ein Notbehelf eingeführt sei und in dem Augenblick aufhören müsse, in dem die Zeit dafür gekommen sei. Nach der Übernahme der Regierung durch den Kaiser werde seinem Vater, dem Prinzen von Tschun, allein das Recht zustehen, Eingaben in seinem eigenen Namen an sie zu richten. Die von dem Zensor erwähnten geheimen Schriftstücke, die der Kaiserin durch den Prinzen von Tschun vorgelegt worden seien, hätten sich auf wichtige Angelegenheiten bezogen, von denen man der Ansicht gewesen sei, daß der Kaiser während der ersten Zeit seiner Regierung gut tun würde, sie der Kaiserin gegenüber bei seinen Besuchen zu erwähnen; es habe sich dabei nur um eine vorübergehende Maßregel gehandelt, und es sei der Kaiserin nie eingefallen, daraus eine dauernde machen zu wollen. Der Zensor wurde dann auf Veranlassung der Kaiserin seines Amtes enthoben. Tatsächlich zog sich nun Tsuhsi von den Regierungsgeschäften zurück und schien ihre ausschließliche Beschäftigung in der Vergrößerung und Verschönerung der ihr vom Kaiser überwiesene Winterresidenz im westlichen Park und Sommerresidenz in Wan-Shau-Shan zu finden, wie sie denn überhaupt den Luxus liebte und trotz des finanziellen Ruins des Staates und vielfacher Warnungsschriften von patriotischen Beamten fortgesetzt große Summen für den Bau ihrer Paläste vergeudete und bei ihren Feiern große Pracht entfaltete. Es wurden aber sofort in Beamtenkreisen vielfach Klagen darüber laut, daß diese gänzliche Enthaltung von Staatsgeschäften seitens der Kaiserin dem Gange der Regierung nicht vorteilhaft sei. Als Gründe für diese Auffassung wurde die gänzliche Unbekanntheit des Kaisers mit den Regierungsgeschäften und seine schwächliche Gesundheit zugeschrieben, von häufigen Zornanfällen unterbrochene Gleichgültigkeit angeführt; der persönliche Eindruck, den der Kaiser auf diejenigen Fremden machte, die ihn bei Audienzen zu Gesicht bekamen, war der eines kränklichen und melancholischen Knaben. Unter der Regierung der Kaiserin-Witwe war entschieden so manches geleistet worden. Man hatte große Summen auf die Bildung einer Kriegsflotte nach europäischen Muster verwendet und besaß schon 1877 12 Schlachtschiffe und 38 Kanonenboote, etwa 50 000 auserlesene Kerntruppen standen unter dem Oberbefehl Li-Hung-Tschangs in Tschili, von deutschen Offizieren und Unteroffizieren wohl ausgebildet und mit europäischen Waffen und Munition versehen. Die wesentlichste, vielleicht einzige wirkliche Reform war die Seezollverwaltung, die 1860 begründet wurde und seit 1863 unter der umsichtigen Leitung des Generalinspektors Sir Robert Hart steht. Damit war eine sichere Staatseinnahme geschaffen, die verpfändungs- und beleihungsfähig wurde. Europäer aller Nationalitäten wurden angestellt und gut bezahlt, so daß - im Gegensatz zu der Mandarinenwirtschaft - Veruntreuungen ausgeschlossen waren. Als die Seezölle zur Deckung der Anleihen nicht mehr ausreichten, wurden auch einzelne Innenzölle der europäischen Verwaltung unterstellt, ohne daß den Mandarinen für den Ausfall die versprochene Entschädigung gewährt wurde. Dieser pekuniäre Verlust mag sicher den Haß gegen die Fremdenverwaltung bei den Mandarinen geschürt haben. Um den Vorrang im diplomatischen Einfluß stritten sich Tschangtschutung und Li-Hung-Tschang, die sich gegenseitig auf das Bitterste befehdeten. Tschang war ein hervorragender Literat und wildester Fremdenhasser; er erkannte aber die Erfolge europäischer Technik insofern an, daß er China mit den Waffen moderner Zivilisation ausgerüstet sehen wollte, um die europäische Zivilisation zu bekämpfen. Mit dem Aufwande bedeutender Mittel erbaute er, wie bereits früher erwähnt wurde, ausgedehnte Fabriken zur Herstellung von Stahlschienen und Eisenbahnmaterial, um eine Eisenbahn zwischen Peking und Hankou ohne fremde Hilfe selbst fertigzustellen. Das Riesenunternehmen schlug fehl, und alles Geld, sogar das eigene Vermögen des Vizekönigs wurde verloren. Er war ein unpraktischer Fanatiker, aber sein persönlicher Charakter ist niemals angezweifelt worden. Dagegen hatte sein Gegner Li-Hung-Tschang einige oberflächliche Kenntnisse der abendländischen Denkweise erlangt, ohne doch in die westliche Kultur tiefer eingedrungen zu sein. Mit berechnetem Verstande und großer Schlauheit begabt, scheute er vor keinem Mittel zurück und wußte seine eigenen Vorteil stets zu wahren. Er war einer der reichsten Leute Chinas und soll bei seinem Tode an 2 Milliarden Mark hinterlassen haben, aber ihm wird zugleich nachgesagt, daß Bestechungen in seiner Umgebung durchaus üblich waren. Er ist der Erbauer der ersten und lange Zeit einzigen Eisenbahn in China, von Tientsin nach Schanhaikwan und bis vor die Tore von Peking. Er kaufte Schiffe und europäische Kanonen, baute Befestigungen und armierte dieselben; er steckte Chinesen in bunte Uniformen und glaubte, dadurch den Europäern gegenüber gerüstet zu sein. Es fehlte seinem Heere aber jede Disziplin und vor allem jede Leitung. In dieser Zeit wurde die chinesische Regierung immer mehr zu diplomatischen Zugeständnissen, die sie den europäischen Mächten zu machen hatte, gedrängt. Vor allem gaben die Äußerungen des Fremdenhasses gegen die im Lande wirksamen Missionen wiederholten Anlaß zu Zerwürfnissen, und da leider die Westmächte nicht sofort energisch einschritten, kamen die Belästigungen, denen die Missionare ausgesetzt waren, immer wieder vor. Stets versprach die chinesische Regierung eingehende Untersuchung, und nach Monaten oder selbst Jahren wurden auch meist einige Kulis oder Unterbeamten bestraft, aber die wirklich Verantwortlichen wurden niemals zur Rechenschaft gezogen. Als am 29. Juni 1870 Priester und Nonnen von der französischen Mission in Tientsin niedergemetzelt waren, wurde deine entsprechende Sühne nur dadurch verhindert, daß die Nachricht erst am 17. Juli in Paris eintraf, kurz nachdem die Kriegserklärung gegen Preußen erfolgt war. Differenzen mit Japan, die wegen der Beraubung von japanischen Händlern auf Formosa entstanden waren, konnten nur mit Mühe und dank der Intervention des englischen Gesandten in Peking im November 1874 beigelegt werden. Aber auch mit England selbst erfolgte ein Zusammenstoß, nachdem der Ingenieur Margary, der an einer Handelsexpedition teilnahm, in Yünnan ermordet worden war. Auch hier mußte die chinesische Regierung den Rückzug antreten, ihr Bedauern über den Mord aussprechen und ein Dekret veröffentlichen, das die Bezeichnung "Barbar" für die Angehörigen fremder Nationen verbot. Als chinesische Seeräuber den deutschen Schoner "Anna" aufgriffen, sah sich auch die deutsche Reichsregierung zu energischen Schritten veranlaßt. Ihre Forderungen wurden durch England, Rußland und Nordamerika unterstützt, und eine aus 36 Kriegsschiffen unterstützte Flottendemonstration bewirkte, daß China eine neue Strandordnung erließ, die bis auf den heutigen Tag nicht ohne wohltätige Folgen geblieben ist. Die Chinesen im Auslande Die Kulifrage wiederum, die bereits ausführlich besprochen wurde, gab Veranlassung zu Differenzen mit Amerika. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sah man die starke Einwanderung chinesischer Arbeiter mit großem Mißvergnügen. Diese drückten, herbeigelockt durch die günstige Arbeitsgelegenheit bei dem Bau der verschiedenen transkontinentalen Eisenbahnlinien die Preise und machten den an andere Lebensbedingungen gewöhnten amerikanischen Arbeitern eine höchst fühlbare und unbequeme Konkurrenz. Die chinesischen Arbeiter in Nordamerika entpuppten sich aber als starre Egoisten. Sie hatten nicht den geringsten Sinn für die Hebung des Gemeinwesens, die allen Bürgern der Vereinigten Staaten ans Herz gewachsen ist, und kamen nur in das Land, um es auszubeuten und es an dem Tage zu verlassen, an dem ihren Ansprüchen Genüge getan war. Bei ihrem großen Fleiße und ihrer außerordentlichen Genügsamkeit konnten sie in den meisten Fällen ihr einfaches Programm durchführen: möglichst viel einzunehmen und fast gar nichts ausgeben. So waren sie keine Einwanderer, wie sie sich die Nordamerikaner wünschten: rüstige Leute, die sich eine neue Heimat gründen und an deren Wohlfahrt eifrig mitarbeiten. Die Chinesen waren vielmehr lästige Eindringlinge, die nach einem möglichst kurzen und möglichst ergiebigen Raubzuge mit der gewonnenen Beute wieder heimkehrten. Sie erregten also den lebhaften Unwillen der Amerikaner dadurch, daß sie ihnen die Arbeit wegnahmen und entwerteten, und erbitterten sie noch mehr durch ihre Eigenschaften: durch die Sauberkeit und Pünktlichkeit ihrer Handleistungen, durch die freundliche Ruhe ihres tadellosen Benehmens. Die Chinesen nehmen in der Fremde nicht die Sitten der Fremden an, sondern bewahren ihre heimatlichen Gewohnheiten und Bräuche in völliger Unversehrtheit. Sie verkehren nur mit ihresgleichen, nähren sich von der Kost ihres Landes, suchen nur die Vergnügungen auf, die sie aus der Heimat über den Ozean mit herübergenommen haben, und lassen sogar, wenn sie der Tod auf fremden Boden ereilt, ihre Leiche nach der Erde, die sie geboren, zurückbringen. Deswegen konnten sie es auch nicht sehr bitter empfinden, daß sich die Amerikaner ihrerseits gegen jede Vermischung ebenfalls sträubten. Trotz alledem war besonders in San Francisko ein Klein-China entstanden, das ein getreues Abbild einer Stadt des himmlischen Reiches im Kleinen gab. Weitere Informationen bei Paul Lindau (ausführliches Zitat). Die Chinesen mußten es in Amerika bitter büßen, daß sie so gar keine Gelegenheit suchten, sich mit den Herren des Landes und Bodens zu assimilieren, daß sie vielmehr, wie Paul Lindau ergötzlich schildert, ganz die alte Heimat nach der neuen Welt verpflanzten. Der Kongreß der Vereinigten Staaten sah sich, als immer neue Arbeitermassen aus den Reich der Mitte anrückten, und zwar meist auf Grund von Kontrakten, durch welche die Arbeiter zu Sklaven gestempelt wurden, genötigt, zum Schutze der weißen Rasse die Einwanderung von Chinesen zu verbieten. Als freilich China mit Gegenmaßregeln und mit der Ausweisung aller amerikanischer Bürger aus dem Reich der Mitte drohte, lenkte zwar die Regierung der Vereinigten Staaten einstweilen ein, es kam aber in den Städten, die besonders der chinesischen Einwanderung ausgesetzt waren, zu den rohesten Chinesenhetzen, der so mancher Zopfträger höchst ungerechter Weise zum Opfer fiel, und schließlich setzten die Vereinigten Staaten doch ihren Willen durch. Quelle: China Land und Leute, Illustrierte Geschichte des Reiches der Mitte, Dr. Emil Wilhelmy, Verlag Herlet, 1905 von rado by jadu 2002. |
