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Feste im alten Samoa

Von Else Deeken

Ja, die alten Samoaner konnten Feste feiern, und um einen Grund zum Feiern waren sie nie verlegen. Auch heute noch werden sie bei ihrem fröhlichen, heiteren Charakter die Freude an Tanz und Spiel nicht verloren haben. Aber die Gelegenheit zu großen Festen, an denen viele Dorfschaften teilnehmen, wird ihnen in den Drangsalen, die ihnen die neuen Herren bereiten, selten gegeben werden. Wer die frohen, liebenswürdigen Menschen kennt, die wie Kinder in den Tag hineinleben, dem krampft sich das Herz zusammen bei den knappen Nachrichten, die ab und zu aus Samoa kommen. Will man sich näher über die Verhältnisse dortzulande unterrichten, so lese man, was der vor vier Jahren verunglückte Forscher Kurt Faber in seinem schönen Buch "tausendundein Abenteuer" aus unserer ehemaligen Kolonie, "der Perle der Südsee", zu erzählen weiß.
Ich aber berichte aus alten, schönen Tagen.

Anlaß zu einem Feste boten hoher Besuch, Hochzeiten oder Geburten in Häuptlingsfamilien, die Aufnahme erwachsener Knaben in den Kreis der Jungmänner, die Errichtung eines neuen Hauses oder der Bau eines großen Bootes, das immer der ganzen Dorfschaft gehörte, und vieles andere.
Die Hauptsache bei solchen Festen war das große "Talolo", eine gewaltige Anhäufung von Essen, die "Kava", das Nationalgetränk, und der "Siva", der Tanz.

War ein Fest beschlossen, so sandte der Häuptling eine Abordnung in die Dorfschaften, die eingeladen werden sollten; denn auch diese mußten ihre Vorbereitungen treffen, über die Gastgeschenke beraten und den Siva neu einstudieren. Jede Gemeinde wollte die Gastgeber, aber auch die andern Gäste an Reichtum und Geschicklichkeit übertreffen.

Inzwischen herrschte im Dorfe emsige Tätigkeit. Ein Teil der Männer wurde auf die Schweine- und Taubenjagd geschickt, andere fuhren zum Fischfang hinaus oder lauerten abends bei Fackelschein auf den umbrandeten Riffen mit Fischsperren auf Beute. Die Frauen und Kinder, zu deren täglichen Obliegenheiten das Sammeln der kleinen Meerestiere, wie Krabben, Muscheln, Schnecken und kleine Tintenfische, am Strande und auf den Riffen gehörte, waren unermüdlich im Herbeischleppen dieser Leckerbissen.

Aus den Planzungen wurden Bananen, Taros, Jams, Brotfrüchte, Kokosnüsse, Ananas und andere Gewächse in unheimlichen Mengen geholt, und dann konnte das Kochen beginnen. Da es auf Samoa weder Ton noch Lehm gibt, so hatten die Samoaner keine Töpfe. Alles mußte zwischen heißen Steinen gar gemacht werden. Für große Mengen Essen und für ganze Schweine jeder Größe bauten sie einen "umu" (Ofen) in die Erde. Ein großes, tiefes Loch wurde ausgehoben, dessen Boden hoch mit Lavasteinen bedeckt wurde. Darin wurde ein großes Feuer gemacht, bis die Steine glühend waren, und dazwischen kamen die in Bananenblätter gewickelten Speisen. Schweine bekamen noch eine Füllung von glühenden Steinen, und dann wurde alles dicht mit Bananenblättern abgedeckt, die Erde wieder aufgefüllt und festgestampft. So dämpften Fisch und Fleisch in eigenen Saft, auch die auf diese Weise gebackenen Früchte waren außerordentlich wohlschmeckend.

Auch die Taupou und ihre Gespielinnen hatten ihre Pflichten. -- Jedes Dorf, das etwas auf sein Ansehen hielt, hatte ein Taupou oder Dorfjungfrau. Sie war immer aus vornehmen Geschlecht und wurde schon in frühester Jugend zu ihrer bevorzugten Stelle gewählt. Im Hause des Dorfhäuptlings erhielt sie eine sehr sorgfältige Erziehung, denn mannigfach waren ihre Pflichten. In allen Künsten, z.B. dem Flechten der feinen Matten und Fächer, dem Singen alter Lieder, die die Geschichte der Dorfschaft enthielten, den alten Tänzen, wurde sie wohl unterrichtet. So war sie die Hüterin der alten Sitten und Überlieferungen; sie empfing den hohen Gast, für dessen Wohlbehagen sie Sorge tragen mußte; sie führte im Tanz die jungen Mädchen und Männer an; sie bereitete die Kava bei feierlichen Gelegenheiten; ja, sie begleitete sogar die Krieger in den Kampf und spornte sie zu tapferen Taten an. Schließlich war ihre Heirat, mit der sie allerdings die Stelle der Taupou aufgab, meist eine politische Angelegenheit.

Mit Singen und Lachen zogen die jungen Mädchen aus, Blumen und Blätter, Gras und Palmenzweige zum Schmuck für die Tänzer und Tänzerinnen und für die Häuser zu holen. Mit geschickten Fingern flochten sie kunstvolle Halsketten aus Blüten und Pandasnusfrüchten, wanden duftende Kränze für das lockige Haar und knüpften aus den roten Blättern des TI-Strauches, aus Bast und wohlriechendem Gras die kleidsamen Titi, Tanzröckchen.

Unter so mannigfaltigen Vorbereitungen nahte endlich der Festtag. Noch vor der stärksten Hitze trafen die Gäste in großen Zügen ein und verteilten sich zum Ausruhen in die verschiedenen Häuser. Die lange Festtafel auf dem großen freien Platz vor dem Fale tele (Großhaus --Gemeindehaus, das dem Dorfhäuptling oft als Wohnhaus diente) prangte im Schmucke der vielen appetitlich hergerichteten Speisen. Da lagen auf einer Unterlage von Bananenblättern gleichmäßig verteilt etwa zwanzig braun und knusperig gebratene ganze Schweine, Blumenbüchel in Ohren und Schnauze. Zu kleinen Pyramiden aufgetürmt wechselten zerteilte Spanferkel, halbe Täubchen und Hühner mit Bratfischen, Langusten und anderen Meertieren ab. Zierlich angeordnet lockten die vielen samoanischen Leckerbissen, aus Kokosnuß und anderen Früchten hergestellt, zum Schmause.

Diese ganze Herrlichkeit beschattete ein schnell hergerichtetes Dach aus Palmblättern. Dort, wo hohe Häuptlinge ihren Platz hatten, lagen saubere Eßmatten, für die andern waren frischgeschnittene Bananenblätter das Tischtuch. Der weiche, mit Matten bedeckte Rasen bot allen Platz.

Und nun klatschte der Festordner in die Hände, und alle kamen, auf das beste geschmückt und schön geordnet, aus dem Fale tele und ließen sich nach Rang und Würden nieder, denn nirgendwo hielt man mehr auf Brauch als im alten Samoa. Hinter jedem Festteilnehmer nahmen eine Frau oder ein junger Bursche oder ein paar Kinder Platz, die gierig nach den Abfällen langten. Der Gastgeber aber und der Festordner gingen von einem zum andern, nötigten zum Essen, befahlen den jungen Burschen, Trinknüsse (ganz junge, unreife Kokosnüsse) aufzuschlagen und den Essenden anzubieten und riefen das eine oder andere junge Mädchen heran, älteren Herren beim Zerlegen der Speisen behilflich zu sein, denn unter den Frauen hatten nur die Topos das Vorrecht, mit den Männern zu speisen.

Als dann durch behagliches Aufstoßen die Tafelnden ihre Sättigung und Zufriedenheit bezeugt hatten und der Festordner zum Aufbruch in die Hände klatschte, waren im Augenblick die noch reichlichen Überreste in den Körben der hinter den Gästen Sitzenden verschwunden, so daß nur die gebratenen Schweine noch in langer Reihe dalagen. Die Gäste hatten sich wieder nach Rang und Würden in den Schatten des Fale tele zurückgezogen, und nun verteilte der Festordner mit lauter stimme und in zierlichen, schmeichelnden und oft launigen Redewendungen die Schweine als Gastgeschenke an die einzelnen hohen Häuptlinge und Dorfschaften, was natürlich Gegengeschenke einbrachte, die nach der Art der Feste verschieden waren und vielfach in seinen Matten und andern Gebrauchsgegenständen bestanden.

Zur Erfrischung war schon am Morgen den ankommenden Gästen eine Kava angeboten worden. Nun aber war die Stunde des feierlichen Rundtrunks gekommen. Die Taupou nahm den Kavaplatz im Fale tele, die Häuptlingen die nach ihrem Rang bestimmten Sitze an den Hauspfosten im Halbkreis ein. Eine frische Kavawurzel (piper methysticum) wurde herumgereicht, dann den jungen Burschen zugeworfen, die sie zwischen Steinen oder auf einer reibe zerkleinerten. Früher wurde die Kava immer gekaut und diskret aus der Mundhöhle in die Kavaschale gelegt, einer großen, flachen Schüssel aus hartem Holz mit 4 bis 16 etwa 15 cm hohen Füßen, glatt und sauber aus einem Stück geschnitzt. Dann riefen die Taupou: "Gebt mir Wasser!" und ihre Helferinnen gossen die nötige Menge aus den als Flaschen dienenden Kokosnußschalen auf die Kava. Danach ließ sich die Taupou zur Reinigung Wasser über die Hände gießen, nahm den Seiher, ein auf einen Strick gereibtes Büschel Bast, und verarbeitete die Kava und seihte sie damit durch. Mit Händeklatschen und dem Ruf: "Der Kavatrunk ist fertig!" beendete sie die Gespräche der Häuptlingen. Der Festordner rief mit lauter Stimme Namen und Titel der Gäste nach der Rangordnung auf, in der die Trinkschale mit dem begehrten Trunk nacheinander gereicht wurde.

Nun erschien auch die erste Tanzgruppe, Jungmänner einer befreundeten Dorfschaften, gesalbt und blumengeschmückt, und setzte sich im andern Rundteil des Hauses den Gästen gegenüber hin. Von draußen drängte das Volk heran zum Zuschauen. Einer stimme den mehrstimmigen Gesang an, in den alle einfielen, und da nahte auch schon die zu ihnen gehörende Taupou, die Tuiga (Tuiga = hoher Kopfputz) auf dem Haupte, die Glieder mit starkduftenden ölen glänzend eingerieben und im Schmucke des Titi und schöner Halsketten. Sie ließ sich inmitten der Tänzer nieder. Zu den endlosen, wechselweise gesungenen Tanzliedern, angespornt durch das rhythmische Trommeln auf aufgerollten Matten, begann der Sitztanz, schöne, wunderbar wirkende Bewegungen der Hände und Arme, unterstützt durch das Wiegen des ganzen Oberkörpers. Immer feuriger und schneller wurde der Takt, bis zum Schluß die ganze Gesellschaft aufsprang und stehend, hüpfend und springend weitertanzte.

Eine Gruppe Tänzer und Tänzerinnen löste die andere ab, lauten Jubel und Anerkennung bei den Zuschauern erntend. Bei diesen offiziellen Sivas tanzten Mädchen und Männer getrennt, nur die Taupou führte beide Gruppen an. Auch Einzeltänze besonders guter Tänzer und Tänzerinnen wurden mit Begeisterung aufgenommen. Es war oft das reine Wettanzen, und der beste Tänzer und die beste Tänzerin wurden besonders geschmückt.

Wenn dann die Nacht hereinbrach, so setzte man den Siva auf dem fast taghellen großen Dorfplatz im leuchtenden Vollmondschein fort, denn die Feste wurden fast immer in diese Zeit gelegt. Je weiter die Nacht vorrückte, desto ausgelassener wurden die Tänze, bis schließlich Jünglinge und Mädchen durcheinander tanzten. Man könnte diese Tänze wohl mit Pantomimen vergleichen, denn alle möglichen Geschehnisse des Lebens wurden schauspielerisch dargestellt, z.B. das Fischspeeren, der Taubenfang, der Kriegstanz, oder die Darbietungen ahmten Tieren, Lahmen und Hinkenden nach.

Erst mit der Erschöpfung aller erlosch die Luft. Man zog sich in die Häuser zurück, und wenn der Mond hinter den Baumkronen verschwunden war, lag tiefe Stille über dem Dorf.

Quelle: Else Deeken,  Jambo,  Monatsschrift für Schule und Elternhaus, 1934 von rado jadu 2000

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