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Talofa

Sawaii oder Savaii

Nach einem Südseeparadies

Der Sturm, der uns schon von Auckland aus ein treuer, wenn auch wenig willkommener Gefährte gewesen war, hatte sich gelegt. Noch hob und senkte sich das Meer in gewaltiger Dünung, aber die Wogen hatten sich geglättet. Nur hie und da hingen vereinzelte Wetterwolken am Himmel, doch die Sonne herrschte. Es war, als wolle auch das Wetter, je näher wir Samoa, unserm Ziele, kamen, sich den Herrlichkeiten, die unserer warteten, anpassen. Unsere "Kauai" , ein alter umgebauter Kohlendampfer, der nur die Stelle eines Passagierdampfers einnahm, machte, für seine Verhältnisse, gute Fahrt, und als wir eines Morgens an Deck kamen, da hob sich fern am Horizont ein lichtgraues, noch im Morgendunst fast verschwimmendes Etwas ab. Aufmerksam schauten wir hinüber: war das schon die erste der Samoa Inseln oder doch nur eine Luftspiegelung?

Auf dem Vorderdeck wurde es lebhaft, dort lagen, in Matten gewickelt, die Samoaner, die in Suva (einer Fiji Insel) an Bord gekommen waren, teilweise noch im Schlaf. Ein Frühaufsteher hatte den Landstreifen in der Ferne erblickt, ein Ruf, und zur Seite flogen die Decken, die prächtigen, bronzefarbenen Gestalten sprangen auf, im Augenblick waren sie ganz wach. Wie strahlten ihre Gesichter, wie lebhaft plapperten die Mäulchen der jungen Mädchen, und da erscholl es fröhlich aus frischer Kehle: "Manuja, Samoa!"

Ja, "Manuja, Samoa!" rief voller Glückseligkeit ein neben uns stehender alter Pflanzer, der während der ganzen Fahrt sich meist abseits von den Reisegefährten gehalten hatte, "ich grüße dich, du schönes Land, du meine Heimat, die mir das gab, was mir das Mutterland, die ganze übrige Welt, die ich durchwandert, versagt hatten." Und nun wurde er mit einemmal gesprächig. "Ja, meine Herren", wandte er sich an uns, "Sie ahnen ja nicht, was das für ein Land ist, und was für ein Volk dort lebt. Zur Sorglosigkeit auf einem Eden geboren, körperlich und geistig mit Schönheit, Frohsinn, Gesangesgabe und - einem guten Herzen ausgestattet, könnten diese Samoaner wahrhaftig das Paradies auf Erden haben, wenn - nicht die Weißen gekommen wären, um ihnen aufzuzwingen, was dem Naturvolk nicht nützt, sondern es nur zugrunderichtet: Europäische, oder was noch schlimmer ist, amerikanische Ansichten, Kleiderzwang, Alkohol und Krankheiten. Ein Glück ist es nur, daß unsere deutsche Regierung dem Volk nach Möglichkeit seine alten Sitten und Gebräuche zu erhalten sucht und anderseits sich redlich bemüht, alle die Schädlichkeiten, die eingeschleppt sind, wieder zu vertreiben. Das verstehen und achten diese "Wilden" auch, und deshalb lieben sie Deutschland, trotz der blutigen Kämpfe, die vor Jahren zwischen ihnen und uns stattgefunden haben." Wir mochten wohl etwas zweifelnde Gesichter gemacht haben, denn erfügte hinzu: "Sie können es mir glauben, werden es ja bald mit eigenen Augen sehen."

Höher war die Sonne gestiegen, glatt, kaum atmend lag das Meer. In hellen Scharen jagten fliegende Fische darüber hin, wie im Morgenstrahl der Sonne glitzernde Libellen. Fernab tauchte ein flacher, dunkler Rücken aus dem Meer, ein silberner Dunstreif sprühte aus dem Vorderteil: ein Wal zog friedlich seine Bahn, hier drohte ihm keine Gefahr, denn die Walfänger suchen südlichere Gewässer auf. Jetzt hob sich auch dort im Osten, wohin unser Bug zeigte, der grauschwarze Streifen deutlich ab, nahm Gestalt an. Unverkennbar, das war eine Insel. "Sawaii", erklärte der Pflanzer; hoch ragte ein Berg, der Toiawea, empor, jener ständig drohender Vulkan, dem nicht zu trauen ist. Nie ruht er. Grollen im Innern der Erde verrät sein Arbeiten, dort werden die unterirdischen Feuer geschürt, um die Erdrinde zu sprengen, glühende Lava und feuriges Gestein emporzuschleudern, in wenigen Sekunden zu vernichten, was Menschenhand in jahrelanger Arbeit dem steinigen Lavaboden abgerungen hat, um Menschen samt ihren Wohnungen vom Erdboden spurlos zu tilgen. Und dann legt der Riese sich wieder zur Ruhe, atmet schwer, und auf seinem schwarzen Leib wuchern und grünen von neuem Bäume und Sträucher, gespeist von dem Tropenregen, gelockt durch die Sonne, gekühlt vom milden Seewind, schießt all die üppige Vegetation empor, verdeckt gnädig dieser smaragdgrüne Blättermantel das Grauen des Todes, der Vernichtung. - Hin und wieder schwimmt ein Bimsteinstück vorüber, als letztes Zeichen der unlängst ins Meer ergossenen Lavastromes.

Wieder hat die "Kauai" ein paar Meilen zurückgelegt; deutlich erkennen wir, daß dort vor uns nicht nur eine Insel aus dem Meer aufgetaucht ist, nein, es sind mehrere, eine ganze Gruppe, und auf die sich zwischen ihnen öffnende nördliche Durchfahrt halten wir zu. An den schroff aufragenden Küsten bricht sich das Meer, hochauf spritzt der schäumende Gischt, vor der einen kleinen Insel zur Rechten steht eine gewaltige Brandung. "Apolima", erklärt uns der samoanische Pflanzer, "eine Vulkaninsel, oder besser: ein einziger Vulkan, der sich aus dem Meere erhebt, kreisförmig ist sein Gebäude, die eine Seite von der Brandung des rastlosen Meere zernagt, im Innern des Kraters befindet sich, fast ein Binnensee, der Hafen. Einige hundert Eingeborene bewohnen diese bisher von nur wenigen Europäern besuchte Insel, die einst in der Geschichte Samoas eine große Rolle als uneinnehmbare Festung gespielt hat, den nur durch die Brandung kann man zu ihr gelangen, und dieses Wagnis können nur die besten Seeleute unternehmen. Gar mancher Vorwitzige hat das Unterfangen schon mit dem Leben bezahlt."
Das lockte; sollte uns das Glück hold sein, würde sich vielleicht eine Bootsmannschaft finden, die uns nach dieser verwunschenen Insel brächte? Vielleicht!

Wie huschende Funken spielte im Strahl der Mittagssonne das Licht auf den sich im leichten Seewind neigenden Kokospalmen, die den Strand säumten. Hier und da wurde eine Eingeborenenhütte sichtbar, braune Menschen kamen an den Strand, winkten herüber, und draußen, weit auf der See glitt ein Auslegerboot dahin, Eingeborene, die auf Fischfang waren.

Wir näherten uns einer neuen Insel, Sawaii trat zurück, Apolima und Manona waren passiert, zur Rechten dehnte sich das von Bergen überragte Upolu, nicht die größte, aber politisch wichtigste Insel der Samoagruppe. Hier und da schimmerte es weiß aus dem üppigen Grün der Pflanzungen, des Urwaldes. In den langen Reihen stehenden Bäume erkannte auch der Neuling die Pflanzung, und nun folgten einander, den ganzen weißen Strand säumend, die Häuser der Europäer, überschattet von Palmen und Mangobäumen.

Brandend schäumt das Meer über die vorgelagerten Riffe, die ständig wachsen, aufgebaut von rastlosen Korallen. Eine größere Anzahl Schiffsmasten ragt empor, da leuchtet es auch schlank und weiß, ein deutsches Kriegsschiff, der alte "Kormoran"", das allen Südseereisenden wohlbekannte kleine Kanonenboot. Drüben winkt die schwarz-weiß-rote Fahne von machen Mast, ein Willkommensgruß für unseren Dampfer.

Nun biegen wir auf das Land zu, gleiten zwischen den schon vor Anker liegenden Schiffen hin, blicken nach der herrlichen Küste hinüber,Doch das Auge bleibt auf einem braunrostigen Schiffsrumpf haften, der hoch oben, fast auf dem Trockenen, auf einer Korallenbank liegt, nicht weit von ihm ragt noch ein weitere Rest eines Schiffes aus dem Wasser: das ist alles, was von zwei stattlichen deutschen Kriegsschiffen übrig blieb, der gebostene Leib des "Adler" und ein Stück vom Bug des "Eber", die beide in dem furchtbaren Sturm am 15. und 16. März 1889 auf den Korallenbänken zerschellten. Ein ständiges Memento mori für alle, die in der Glückseligkeit des Tropenparadieses den im Verborgenen lauernden Tod vergessen wollen.

Munteres Treiben jauchzt auf, als unser Schiff vor Anker geht. Von prächtigen braunen, herkulischen Gestalten gerudert, schießen Boote heran, gesteuert von Weißen, den Vertretern großer Pflanzungen, Beamten oder Kaufleuten, die möglichst schnell die ankommende Post in Empfang nehmen, Neuigkeiten aus der weiten Welt erhalten wollen, denn nur alle paar Wochen kommt einmal ein Dampfer, und drahtlose Telegraphie, die heute den entlegensten Winkel der Welt mit der Heimat verbindet, gab es damals noch nicht. "Talofa, Talofa," schallt es herüber und hinüber, mit Nasenreiben begrüßen die ankommenden Samoaner ihre Freunde, das ist ein Lachen, Fragen und Reden, Bewundern der mitgebrachten Papageien, der Körbe voll Taro, Yam und Süßkartoffeln. Überall zufriedene, freundliche Gesichter, als sei alles zu einem großen Feste hier zusammengeströmt, ganz anders als in so vielen anderen Tropenkolonien, die wir sonst besucht haben.

Mit unserm Pflanzer fuhren wir an Land, rechts und links hatte er immerzu Händedrücke auszutauschen, begrüßt von Weißen und Braunen in gleicher herzlicher Weise. Auch uns Fremdlinge traf manch freundlicher Gruß, neugierig beäugten uns die weißen Ansiedler von Apia; waren wir Reisende, oder kamen wir mit der Absicht, uns hier niederzulassen - das gab einen neuen Gesprächsstoff für das kleine Hauptstädtchen! Freudetrunken wanderte unser Auge hin und her, - wie war das hier schön! Bald war unser Gepäck untergebracht. Das Zimmer im International-Hotel war ganz leidlich, lag mit einer weiten Veranda nach dem Meere hinaus, so daß wir ständig die kühle Brise hatten. Da plätscherten ein paar braune Kinder im Wasser, schossen mit kleinen Fischpfeilen nach Fischen, andere saßen geduldig auf Korallenklötzen und schauten auf ihre ins Wasser hängende Angelschnur. Draußen schrien ein paar Seeschwalben, suchten sich die eben erhaschte Beute abzujagen, und über den weißen Strand, über den die kleinen Wellen hüpften, neigten schlanke Kokospalmen ihr früchteschweres Haupt.

Nicht lange duldete es uns im Haus. Uns trieb es hinaus zu sehen, zu verlockend war alles, was hier um uns lag. Eben wollten wir das Hotel verlassen, da stellte sich uns ein Samoaner vor, der Waschmann. Er sprach recht gut deutsch, kannte auch Berlin, denn vor Jahren war er mit einer Karawane dort gewesen. Diesem braunen Landsmann vertrauten wir unsere Wäsche an, aber - oh, Hausfrau, verhülle dein Antlitz -, was er nach ein paar Tagen wiederbrachte, war furchtbar. Er hatte auf seine Art gewaschen: Die weiße Wäsche auf Steinen gerieben und mit diesen gehörig geklopft, na, und da ein Samoaner meist recht stark ist, so war das der Wäsche nicht gerade gut bekommen: die Flecken waren zwar weg, aber meist auch das Leinen, an dem sie gehaftet hatten. Ganz besonders schlecht war diese Art der Behandlung aber den Strümpfen bekommen; zu deren Reinigung hatte er eine ganz besondere Methode. Er füllte sie mit Sand, machte sie naß und bearbeitete sie nun unter möglichster Anwendung von Gewalt mit Steinen oder anderen harten Gegenständen. Seine Ansicht war: ist der Sand heraus, so sind die Strümpfe auch sauber. Da nun die letzteren die Klügeren waren und bei einer solchen Behandlung nachgaben, d.h. bald ein großes Loch bekamen, so ging das "Waschen" meist sehr schnell. Als ich die Trümmer meiner Habe in der Hand hielt, da wurde mir erst klar, wie recht jener erfahrene Reisende gehabt hatte, der mir riet, auf die Weltreise einige Hundert Paar sogenannter Wegwerfsocken mitzunehmen - das Paar kostete 12 Pf.! - Das sei billiger, als wenn man waschen lasse, man trage sie ein bis zwei Tage, dann beglücke man irgendeinen Eingeborenen damit, schaffe sich eine Freund und erspare sich auf diese Weise obendrein viel Ärger, - man lernt eben nie aus.

Eine Dame, der ich mein leid klagte, beruhigte mich: "Da haben Sie noch Glück gehabt, daß sie nicht eine hießige Wäscherin genommen haben. Die waschen im Fluß, d.h. sie halten sich, meist mehrere zusammen, zum Zwecke dieser löblichen Beschäftigung am Ufer auf, legen den ganzen Stapel Wäsche auf die Steine und beginnen nun mit dem Schlagholz darauf einzuhauen. Dabei wird geschwätzt und geschwätzt, ununterbrochen geht das Rederad, aber die Hände feiern währenddessen. Schnell fließt der Fluß vorüber, und dabei erwischt er ab und zu ein Wäschestück. Das stört nicht weiter; weg ist weg, denkt die Wäscherin, und schimpft der Europäer, so ergießt sich über ihn ein solcher Strom der Entschuldigung - denn reden können unsere braunen Landsleute fabelhaft - , daß er froh ist, die Frau los zu sein, und den Wäscherverlust verschmerzt. Eines rate ich Ihnen aber, nie lassen Sie Ihrem Wäscher Ihrer Habe länger als zwei Tage, sonst trägt er sie erst einmal "schmutzig", ehe er sie wäscht, und da die Eingeborenen vielfach an allerhand nicht gerade appetitlichen Krankheiten leiden, so ist das immerhin hier noch unangenehmer, als wenn es in der Heimat geschieht, wo es ja auch vorkommen soll, das ein Mädchen die Strümpfe der Hausfrau aufträgt und diese sich dann wundert, wieso die Strümpfe mit so vielen Löchern aus der Wäsche kommen."

Das Straßenleben in Apia machte ein sehr netten Eindruck, fabelhaftes Leben herrschte auf der Straße, - doch das war gewissermaßen eine Täuschung, denn nicht immer pflegte es so zu sein, nur alle vier Wochen, wenn der Postdampfer kam. Die Pflanzer finden sich dann von nah und fern ein, um ihre Post abzuholen, denn sie wird, da sie eben nur alle Monate einmal kommt, nicht ausgetragen, der Postbote würde sonst in der übrigen Zeit ein gar zu bequemes Leben führen. - Deshalb drängt es sich auch an der Post, harrt geduldig vor dem geschlossenen Postschalter - auch etwas Seltenes, denn bei uns daheim schimpft man doch, wenn man mehr als fünf Minuten vor der herabgelassenen Glasscheibe im Postamt warten muß. Meist wird die Geduld belohnt; mit Packen Briefen und Zeitungen, unterwegs schon den Inhalt schnell überfliegend, verlassen die Nachrichtenhungrigen das Amt. Aber nicht nur Europäern warten hier, auch Samoaner sind vorgefahren, mit dem Rad oder kleinem gefälligen Buggy. Eigentümlich berührt es, die braunen Herrschaften oft nur mit dem Hüftschurz höchstens noch mit einer Trikotunterjacke dazu, bekleidet, im Wagen durch die Straßen der Hauptstadt kutschieren zu sehen. Ganz besonders beliebt ist übrigens das Fahrrad und neben ihm noch die - Nähmaschine, die fehlt in keinem samoanischen Haus, und fleißig hört man allenthalben das Rädchen schnurren.

Apia, die Hauptstadt, zieht sich am Strande entlang. Zu sehen gibt es im Europäerteil natürlich nichts Besonderes, nur wenn man nach Westen wandert, kommt man in das echt samoanische Dorf Mulinuu, wo auch Mataafa, der Beherrscher des Landes, wohnte. Selbstverständlich war unser erster Weg hierher, so schnell wie möglich wollten wir einen Einblick tun in das Leben dieses sagenumwobenes Volkes.

Wir hatten Glück mit unserer Ankunft, denn wie wir erfuhren, fand am nächsten Tag ein großes Fest zur Feier der Wiederkehr der deutschen Flaggenhissung statt. Da wir als "distingierte Reisende" natürlich auch eine Einladung hierzu erhielten, so mußten wir anstandshalber gleich noch bei Mataafa, dem Oberhäuptling, Besuch machen. Er, der Held so vieler Kämpfe, der Mann aus einem der ältesten Geschlechter Samoas, machte einen absolut intelligenten Eindruck. Mit durchaus würdigen Manieren begrüßte er uns, lud uns in sein schönes großes Haus ein. In langer Rede ließ er uns durch seinen Taipule, den Sprecher, begrüßen und sprach seine Freunde aus, wieder einmal deutsche Reisende auf Upolu zu haben. Voller Anerkennung äußerte er sich über den Gouverneur und die deutsche Herrschaft, die nun endlich, nach so vielen Jahren des Kampfes, Frieden und Ruhe in das Land gebracht hätten, so daß die Inseln aufblühten, die Eingeborenen von den Weißen lernten, was ihnen nützlich sei, und sich vor allem zufrieden fühlten. Auch von Politik wurde gesprochen, nur ein kleiner historischer Fehler lief ihm unter: er fragte, ob den der Krieg mit Frankreich - er meinte 1870-71 - noch nicht zu Ende sei. Doch darüber darf man nicht lächeln, denn Hand aufs Herz, verehrter Leser, was hast du bisher von samoanischer Geschichte gewußt? Und du hast doch eine ganz andere Schule durchgemacht als dieser eingeborene Fürst.

Sein Haus war wie alle Eingeborenenhäuser gebaut, nur war das Material ein besseres, die Beschnürung der Balken eine außerordentliche kunstvolle. Der Samoaner pflegt die Balken beim Hausbau nicht durch Nägel oder Bolzen zu verbinden, sondern durch sein geflochtene, oft bunt gefärbte Kokosstricke. Es geschieht dies nach uraltem Brauch, wahrscheinlich um das Haus, der vielen Erdbeben wegen, elastischer zu erhalten und so einem Einsturz möglichst vorzubeugen. Den steinbelegten Fußboden bedeckten feingeflochtene Matten und eine Art Teppiche, die Wand schmückte ein Bild des deutschen Kaisers. Auf einem kleinen Altar stand ein Madonnabild und ein silbernes Kruzifix - Mataafa war eifriger Katholik -, und daß der alte Fürst sich auch mit Lektüre beschäftige, bewies ein Berg Bücher und Zeitschriften.

Nachdem der übliche Kavatrunk gereicht, eine Zigarette geraucht war, empfahlen wir uns. Dabei möchte ich erwähnen, daß wir uns vor dem Besuch genau nach dem Zeremoniell erkundigt hatten, denn die Samoaner, auch die einfachsten Leute haben ganz bestimmte Anstandsregeln, die auf keinen Fall übertreten werden dürfen. So ist es streng verpönt, beim Sitzen die Füße auszustrecken, vielmehr hock man sich hin, dabei muß man streng darauf achten, daß die Fußsohlen nicht dem Gastgeber zugekehrt sind. Zwar fällt es im Anfang schwer, längere Zeit mit untergeschlagenen Beinen zu hocken, aber es hilft nun einmal nichts, da muß man sich schon der Landessitte fügen, will man nicht als schlecht erzogen angesehen werden. Läßt der Eingeborene auch nie im Fall der Übertretung solcher Gebräuche sich etwas anmerken, so spricht sich das doch in kürzester Zeit herum, und man wird nicht so angesehen, wie es dem Weißen zukommt.

Als wir am Abend beim Gouverneur zu Gaste waren, hörten wir eine recht fesselnde Geschichte, die zeigt, wie man Eingeborene durch geschickte Diplomatie gefügig machen kann. Die Samoaner sind wie gesagt ein Volk, das außerordentlich viel auf äußere Form gibt, das eine Etikette hat, die oft weit über das hinaus geht, was wir bei europäischen Fürstenhöfen gewöhnt sind. So darf ein Niedriggeborener einem Häuptling nur kriechend nahen, ganz genau sind die Rang - und Standesunterschiede in der Anrede festgelegt, und wehe dem, der dagegen verstößt. Da ist es denn nicht verwunderlich, daß ein Oberhäuptling die ihm zustehende Anrede nur für sich allein in Anspruch nimmt, und, wenn ein europäischer Gouverneur ihm ins Land gesetzt wird - mag er auch noch so gut mit ihm stehen -, es doch versucht, ihm mit einem niedrigeren Titel anzureden. Aber ebenso notwendig ist es, daß der Vertreter der fremden Macht sich das nicht gefallen läßt, sonst ist es um sein Ansehen geschehen. Nun ist es oft recht schwer, hierbei den richtigen Weg einzuschlagen, denn jede Mißstimmung soll doch vermieden werden, namentlich wenn es sich um ein so stolzes, selbstbewußtes Volk, wie die Samoaner, handelt. Und doch hat Dr.: Solf diese Kunststück fertig gebracht.

Als Mataafa bei einer Besprechung den Vertreter des Deutschen Reiches nicht mit dem obersten Titel "Lona Afioga", sondern mit dem nächsthohen anredete, tat Dr. Solf so, als höre er es gar nicht, sondern redete Mataafa mit dem gleichen an. Der Häuptling schaute erstaunt auf und fragte: Warum nennst du mich plötzlich nicht mehr "Lona Afioga"? - "Ja," war die Antwort, "da du mich nicht so anredest, der ich doch hier als Stellvertreter des Deutschen Kaisers, also in gleichem Range wie du stehe, so glaubte ich mich in der Anrede vergriffen zu haben. Du weißt, ich beherrsche Eure schöne Sprache noch nicht so genau, deshalb brauchte ich für dich dieselbe Anrede, die du für mich nahmst; habe ich mich geirrt?" Mochte nun Mataafa die diplomatische Gewandtheit durchschauen oder nicht, jedenfalls war der Erfolg der gewünschte, denn nie mehr enthielt Mataafa ihm den zustehenden Titel vor und sie beide wurden beste Freunde.

Als wir spät am Abend aus dem hochgelegenen Gouvernementspalast heimwärts wanderten, genossen wir so recht den Zauber einer Tropennacht. Auf den glänzenden Blättern der Palmen spielte das Mondlicht, fliegend Hunde schaukelten vorüber, im Gebüsch sangen Zikaden, fern brandete leise das Meer, und vom Strand her erklangen die wundervollen samoanischen Gesänge. Da saß oder tanzte die Jugend die halbe Nacht durch, denn es war Vollmond, da mußte gefeiert werden.

Bei Tage glüht die Sonne herab, und bringt auch der gegen 10 Uhr auffrischende Seewind Kühlung, so erwacht doch die Natur erst, wenn die Sonne tief steht oder gesunken ist. Dann springen die Lebensgeister auf, nicht nur bei den an das Klima nicht gewöhnten Europäern, sondern auch bei den Eingeborenen. Lange noch saß ich auf der Veranda, blickte hinaus auf das im Mondlicht milchig-weiß erscheinende Meer, lauschte den fernen sängen, die jetzt von einem Boot, das langsam der Küste zuglitt, herüberklangen, malte mir aus, wie sich jetzt dort im Schatten der Palmen die Jugend um die Feuer ergößte, wie viel glücklicher doch diese Eingeborenen lebten, als wir Kulturmenschen in unseren Häusermeeren. Und meine Gedanken glitten rückwärts, hin zu den Zeiten, als die ersten Schiffe der Weißen zu diesen glücklichen Gestaden gekommen waren, wie dann manche Schiffskapitäne, namentlich die Franzosen, in der barbarischen Weise gegen diese harmlosen Insulaner vorgegangen waren, wie später kein Schiff mehr wagte, diese Inseln zu besuchen, weil die eingeborenen, aufgebracht über all die Verbrechen, die an ihnen begangen worden waren, niemand mehr an Land ließen, jahrzehntelang, bis es endlich einem deutschen Handelshause vorbehalten blieb, diese Südseeparadies zu erschließen. Der Hamburger Großkaufmann Godeffroy schickte Gelehrte und Kaufleute hinaus, um hier zu sammeln, zu forschen, gründete Faktoreien und legte den Grundstein zu dem hohen Ansehen, das die Deutschen bald hier draußen erringen sollten. In meiner Erinnerung lebten die blutigen Kämpfe auf, in denen die Samoaner sich selbst zerfleischt hatten, dann die wütenden Schlachten gegen die Weißen mit allen ihren Grausamkeiten, und weiter trat vor mein Auge das entsetzliche Schiffsunglück 1889, dem außer den deutschen auch englische und amerikanische Schiffe, so viele frische blaue Jungen zum Opfer fielen. All das kam mir in Erinnerung, reihte sich aneinander bis hin zu der glücklichen, friedlichen Zeit, in der die Eingeborenen nun lebten. Wie wohlig mild war die Luft, am liebsten hätte ich im Halbschlaf hier die ganze Nacht verbracht.

Der junge Tag fand Apia verändert, allenthalben reges Leben. Schon früh am Morgen sah man Züge von Eingeborenen, immer die Dorfgemeinden vereint, nach Mulinuu wandern, wo sich alle Staatsaktionen und so auch das heutige Fest abzuspielen pflegten. Voran ging meist, einen Fliegenwedel, das Zeichen der Würde in der Hand, gemessenen Schrittes der Häuptling, neben ihm die Taupu, die Dorfjungfrau mit schön geflochtenem Fächer. In großen Körben oder an Stangen schleppten Männer und Frauen allerhand Leckerbissen, Yamknollen, Brotfrüchte, zusammengebundene Fische, Hühner, fette Schweine, Kokosnüsse und Bananen. Alle Festteilnehmer waren sauber gekleidet, Blumengirlanden schlangen sich um die Brust, bunte Lawalawa, teils aus blauem Baumwollstoff - blau war damals in Samoa Modefarbe - oder buntbemaltem Tapastoff, auch hin und wiederwunderbar fein geflochtene Matten schlossen sich um die Hüften. Rote Hibiskusblüten oder stark duftende Tuberosen leuchteten aus dem schwarzen Kraushaar. So folgten die Vertreter einer Dorfschaft der anderen. Schier unendlich schien die Zahl. Aber sie kamen auch von weit her. Nicht nur die Gemeinden von Upolu, sondern auch die Hauptinsel Sawaii, das kleine Manono, ja selbst das meerumbrandete Apolima hatten ihre Vertreter gesandt, um heute am Tage der Flaggenhissung dem Vertreter des Deutschen Kaisers zu huldigen, zu zeigen, wie zufrieden alle Häuptlinge und ihre Gefolgschaft waren.

Auch auf der See herrschte reges Leben. Von einer großen Zahl kräftiger Arme getrieben, kamen die Kanus herangeschossen, muntere Gesänge hallten über das sonnenbestrahlte Meer. Und da gab es ein Begrüßen, Nasenreiben und munteres Geplauder. Ein Lachen und sich betrachten, bis sich die Züge ordneten und alles würdig und schweigend dem Festplatz zuwanderte.

Die Häuser von Mulinuu waren sämtlich mit Blumen und farbigen Früchten geschmückt, Kokoswedel schlangen sich um die Pfosten der Gebäude oder waren zu Triumphbogen zusammengebunden. Auf dem weiten, sauber gehaltenen Platz vor der Faletele ( dem Versammlungshaus )wehte stolz eine mächtige schwarzweißrote Fahne. Etwas abseits davon war eine mit Palm- und Bananenblättern gedeckte Halle errichtet, in der Später das Festmahl stattfinden sollte. Im weiten Umkreis unter dem Schatten der Bäume lagerten sich die einzelnen Dorfgemeinden, nach Inseln geordnet. Schnell vergingen die Stunden bei den ewig wechselnden Bildern. Jetzt nahte mit klingendem Spiel die Fita-Fita, die weißgekleidete Polizeitruppe, und bald erschien auch der Gouverneur mit seinem Stabe, begleitet von Mataafa, der sich ihm, dem samoanischen Brauch gemäß, schon außerhalb des Festplatzes angeschlossen hatte. Er trug, im Gegensatz zu all den anderen Häuptlingen, nicht das weiße Gewand, sondern eine bis zu den Füßen reichende Bekleidung aus dunkelblauer Seide, die mit breiten Goldstreifen verziert war. In der Hand schwang er langsam das Zeichen der würde, einen mächtigen weißen Roßschweif am goldverzierten Ebenholzstab, ein Geschenk des Deutschen Kaisers. Mit lauten Zuruf wurden die Ankömmlinge begrüßt. Die Menge hatte sich hierzu erhoben und lagerte sich dann im weitem Halbkreis um das Faletel, vor dem Mataafa und wir Weißen Aufstellung genommen hatten. Als Einleitung folgte ein Vorbeipassieren sämtlicher Dorfabgesandten und ein nicht endenwollendes Händeschütteln; große Ansprachen, Parade, Hochrufe schlossen sich an, genau wie daheim. Dann kam der für uns interessantere Teil des Festes, das Mahl. Nun wurde uns erst klar, zu welchem Zwecke alle die zum Fest eintreffenden Abordnungen der verschiedenen Dörfer so großen Mengen von Leckerbissen aller Art mit sich geschleppt hatten. Für die Ehrengäste waren sie auf sauberen Bananenblättern unter der Halle ausgebreitet. Aber auch das Gouvernement hatte gezeigt, daß es gastfrei sein kann: so wurden 50 Kisten mit Lachskonserven, 30 Kisten Zwieback, 5 Fässer geräuchertes Fleisch und anderes mehr herbeigeschleppt und von einem Ausrufer angepriesen, der, nach samoanischem Brauch, um den Geber zu ehren, in übertreibender Weise verkündete: "hier schenkt der große Kaiser uns 5000 Kisten Lachs, 3000 Fässer Fleisch, 6000 Kisten Zwieback." Durch Zuruf und Händeklatschen spendete das "Volk" Beifall.

Dann ging es zur Tafel. In bunter Reihe ordneten die Teilnehmer, d.h. die Weißen und von samoanischer Seite die Häuptlinge und Taupus, unter dem Blätterbach.

Da gab es gebratene Schweine, Hühner, geröstete Haifische, Polypenarme, gebratene Brotkuchenscheiben, knusperig geröstete Bananen, Palusami, in Bananenblättern gekocht (schmeckt etwa wie Spinat), gedämpfte Yamknollen, als Ersatz für Kartoffeln und vieles andere mehr. Alles griff mit den Händen zu, und wollte man einen Gast ehren, so warf man ihm irgendeinen Leckerbissen zu. So flog mir, von Mataafas sicherer Hand geschleudert, plötzlich ein halbes Huhn beinahe in den Schoß; ich revanchierte mich mit einer Schweinekeule. Eine junge Samoanerin beglückte mich mit einem mächtigem Stück Haifisch - davor hatte ich im Stillen schon eine Gewisse Angst gehabt -, aber sie hielt ihre Gabe offenbar für etwas sehr Gutes, denn sie nickte mir bei dem Wurf sehr freundlich zu, - wofür sie von mir einen schönen braungebratenen Hahn erhielt. So ging das muntere Spiel fort. Es schmeckte alles ausgezeichnet, zumal, wenn man, wie wir, vorsichtig gewesen war und etwas Salz mitgebracht hatte, denn die Samoaner benutzen meist zu Bereiten ihrer Speisen kein Salz, höchstens Meerwasser. Wenn nur nicht die Fliegen gewesen wären, die bösen Fliegen! Man macht sich keinen Begriff, welche Menge dieser kleinen Scheusäler sich hier, angelockt durch die duftenden Speisen, versammelt hatten, geradezu schwarz waren die ausliegenden Leckerbissen, und griff man nach einem Stück, so erhoben sich ganze Wolken. Die Samoaner störte das nicht weiter, daran waren sie ja von Kindesbeinen an gewöhnt, aber mir wäre das Mahl ohne diese Mitesser lieber gewesen.

Ein Europäer kann sich gar keine Vorstellung davon machen, welche Unmengen so ein Eingeborener seinem Magen einverleiben kann; ab und zu beweist ein wohliges Aufstoßen, wie gut es ihm schmeckt, dann futterte er weiter, unentwegt.

Zwischendurch wurde Kokosmilch zu Erfrischung herumgereicht. Auffallend war die Hast, mit der gegessen wurde, wie in Europa an einer fürstlichen Tafel. Kaum eine halbe Stunde dauerte das umfangreiche Mahl, aber trotz der aufgetragenen gewaltigen Speisemengen war doch ein riesiges Loch in den Vorrat gegessen. Was noch übrig geblieben war, reichten die Teilnehmer den hinter ihnen sitzenden Dorfangehörigen, und bald füllten sich ihre weitbauchigen Kokosblattkörbe. Nach Tisch wurden große Becken mit Wasser für die Hände herumgereicht, was sehr angenehm war; so konnte man sie wenigstens etwas säubern, und das war nötig, denn wir hatten natürlich gleichfalls ohne Gabel gegessen. Leider reichte das Taschentuch an Stelle der Serviette nicht aus. Auch unseren weißen Anzügen sah man an, daß wir ein samoanisches Festmahl hinter uns hatten, denn gar manche von freundlicher Hand geworfene Liebesgabe hatte ich nicht rechtzeitig auffangen können, ehe sie mir in den Schoß flog - mein tüchtiger Wäscher wollte ja auch leben.

So war es Nachmittag geworden. Während wir uns in den Schatten des Faletele zurückzogen, schmückten sich Mädchen und Jünglinge mit Blumen zum Tanz, und bald zogen die Scharen zu den berühmten "Siwa" auf, geführt von den mit der Tuiga - einem mächtigen Kopfputz - ausgestatteten Häuptlingssöhnen und Dorfjungfrauen.

Es war ein prächtiger Anblick, alle diese wundervoll gewachsenen, kraftstrotzenden Gestalten, deren Körper, mit Kokosöl gesalbt, im Sonnenstrahl wie polierte Bronze glänzten, aufmarschieren zu sehen. Bald ließ sich der größere Teil im Halbkreis auf untergeschlagenen Beinen nieder, während die Jünglinge und Taupus ihrerseits den eigentlichen Tanz aufführten, zu dem die übrigen sangen, indem sie ihn durch gleichmäßige Bewegungen des Oberkörpers und den Arme begleiteten. Lange, in ständig wechselnden Bildern führten die Vortänzer ihren Reigen auf, sprangen, drehten, beugten sich oder schnellten mit wildem Aufschrei in die Luft, bis sie erschöpft niedersanken. Ein fesselndes Bild, wenngleich wir Europäer erst lernen müßten, die Schönheiten solcher Tänze zu verstehen, und ich glaube, die Eingeborenen würden unseren Tänze ebenso wenig Verständnis abgewinnen, wenn sie einmal einen unserer Tanzsäle betreten würden. Bis zur einbrechenden Dunkelheit dauerte das Fest, dann verlief sich die Menge. Die von weither Gekommenen bestiegen ihre Boote, und lange noch hörten wir draußen auf dem Meere ihre schönen Gesänge, bis sie allmählich in der Ferne erstarben.

Quelle: Sturm - und Sonnentage auf Samoa, Dr. Arthur Berger , 1923 Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Jadu 2000

Auf Manono und Apolima
Quer durch Upolu

Samoa in englisch
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A Gazetteer of Samoa Karte und standorte.

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